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Die „Theorie“ geplanter Obsoleszenz als Sackgasse?

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„Fast jeder hat es schon einmal erlebt: Kurz nach Ablauf der Garantie eines Produktes geht es kaputt…“. So oder ähnlich beginnt (gefühlt) nahezu jeder Beitrag zur „geplanten Obsoleszenz“. Die Frage, um die es in diesen Beiträgen geht, ist meist dieselbe: Bauen Hersteller tatsächlich Schwachstellen in ihre Produkte ein, um den Absatz anzukurbeln? Handelt es sich dabei um einen Mythos oder doch um die Wahrheit? Die „Theorie“ der geplanten Obsoleszenz gehört schon lange zum Standardrepertoire der Wachstums- und Kapitalismuskritik. In diesem Beitrag möchte ich jedoch aufzeigen, warum diese „Theorie“ der Postwachstumsdebatte möglicherweise mehr schadet als nützt.

Eine Verschwörungstheorie?

Tatsächlich ähnelt die Geschichte von der geplanten Obsoleszenz in vielerlei Hinsicht einer Verschwörungstheorie. Angesichts der dürftigen Beweislage berufen sich ihre Anhänger/innen unermüdlich auf die wenigen, altbekannten Beispiele[1]: der Chip im Drucker, das Plastikzahnrad im Stabmixer, der nicht austauschbare Akku in elektrischen Zahnbürsten oder der fast 100 Jahre alte Fall des Glühbirnenkartells. In der Überzeugung, dass es sich dabei um ein allgegenwärtiges Phänomen handelt, werden die Erfahrungen mit diesen Geräten auf die gesamte Wirtschaft übertragen. Für Serge Latouche, einen bekannten Kritiker des kapitalistischen Wirtschaftssystems, ist die geplante Obsoleszenz nichts weniger als einer der drei Hauptantriebsfaktoren des Wirtschaftswachstums (neben der Werbung und dem Kreditwesen).[2] In einer Studie im Auftrag der Grünen wurde sogar behauptet, die geplante Obsoleszenz würde den deutschen Konsument/innen jedes Jahr rund 100 Milliarden Euro kosten.[3] Eine schöne Zahl, die von den Medien gerne aufgenommen wird und den Eindruck eines messbaren Phänomens vermittelt, aber auf vollkommen aus der Luft gegriffenen und unbegründeten Annahmen beruht.

Verschwörungstheorien zeichnen sich auch dadurch aus, dass sie widersprechende Belege als Teil der Verschwörung interpretieren. Als Forscher vom Freiburger Ökoinstitut und der Universität Bonn im vergangenen Jahr in einer ausgiebigen Untersuchung[4] keine Fälle von geplanter Obsoleszenz in Druckern und anderen Geräten nachweisen konnten, wurde schlicht ihre Unabhängigkeit von der Industrie in Frage gestellt. Auf der Homepage von „Murks? Nein Danke!“, dem Portal zur geplanten Obsoleszenz mit der größten Reichweite, heißt es weiter zur soeben genannten Studie: „Mit rhetorischen Tricks, eigenwilligen Reduzierungen und geneigten Interpretationen versucht man die klare Sicht der Öffentlichkeit zu vernebeln“ – Eine Aussage, die nicht nur von der teils unsachlichen und überhitzten Debatte zeugt, sondern durchaus auch auf eigene Arbeiten zutrifft. So wurde beispielsweise schon trotz mangelnder empirischer Evidenz einfach eine Normalverteilung in der Produktbindung unter Konsument/innen angenommen, damit die „Wegwerfer/innen“ unter den Konsument/innen möglichst klein aussehen und die Aufmerksamkeit auf die „Wegwerfindustrie“ gelenkt werden kann.[5]

Abwägungen im Produktdesign

Dass die vom Umweltbundesamt beauftragte Studie die geplante Obsoleszenz weder bestätigen, noch widerlegen konnte, überrascht nicht. Denn solch ein Vorwurf an große Teile der Industrie lässt sich selbst mit den aufwändigsten Mitteln nicht widerlegen. Beim Design eines Produktes sind Entscheidungen hinsichtlich seiner voraussichtlichen Lebensdauer unvermeidbar, unabhängig davon, ob die Entscheidung bewusst oder unbewusst erfolgt. Dass die Produktlebensdauer für gewöhnlich sehr kurz ausfällt, liegt nicht an einer böswilligen Manipulation der Produkteigenschaften, sondern schlicht daran, dass andere Qualitäten höher gewichtet werden, allen voran der Preis, aber auch Qualitäten wie Ästhetik und Komfort.

Insbesondere bei schnellen Innovationszyklen wie in der Modeindustrie oder bei Smartphones bleibt gar keine Zeit für ausgiebige Tests der Produkteigenschaften, wodurch die Produktlebensdauer vollständig in den Hintergrund gedrängt wird. Von geplanter Obsoleszenz könnte man nur sprechen, wenn die Lebensdauer oder Reparierbarkeit ohne jeglichen ersichtlichen Vorteil verringert wird. Ein wichtiger Bestandteil der „Theorie“ ist es daher sämtliche Innovationen, die auf Kosten der Lebensdauer gehen, als „Schwachsinn“ oder „Spielerei“ abzutun. Klar ist aber, dass eine solche Einschätzung auf rein subjektiven Kriterien beruht. Für Hersteller bereitet es daher keine großen Probleme, Kompromisse auf Kosten der Produktlebensdauer mit Vorteilen bezüglich anderer Qualitäten zu rechtfertigen.

Die negativen Auswirkungen der Kritik geplanter Obsoleszenz

Verbote geplanter Obsoleszenz, wie vor Kurzem in Frankreich eingeführt, können daher nur äußerst schwer umgesetzt werden. Tatsächlich kommt die Kriminalisierung der geplanten Obsoleszenz den Gegner/innen einer sozial-ökologischen Wirtschaftspolitik („Suffizienzpolitik“) sogar entgegen. So unterscheidet der Europäische Wirtschafts- und Sozialausschuss (EWSA) in einer Stellungnahme klar zwischen „der bewusst einkalkulierten Fehlerhaftigkeit einerseits und der Beschleunigung unserer Verbrauchsmuster andererseits.“ Der EWSA tritt für ein Totalverbot geplanter Obsoleszenz ein, damit diese „seltenen, aber eklatanten Fälle“ unter Kontrolle gebracht werden können. Gegen die viel grundlegendere „Beschleunigung unserer Verbrauchsmuster“, wie es der EWSA nennt, werden hingegen keine verbindlichen Maßnahmen vorgeschlagen. Auch als vor wenigen Wochen im österreichischen Umweltausschuss über Maßnahmen für langlebigere Produkte diskutiert wurde, vertagte man die Initiative unter anderem mit der Begründung, eine geplante Obsoleszenz sei nicht nachgewiesen. Wie diese Beispiele zeigen, lenkt die Diskussion um die Existenz von Praktiken geplanter Obsoleszenz von grundlegenderen Problemen unseres Wirtschaftssystems ab und bremst die Umsetzung ambitionierterer Maßnahmen.

Außerdem wirkt sich die „Theorie“ geplanter Obsoleszenz negativ auf das Konsumverhalten aus. Seit dem von den Grünen beauftragten Bericht zur geplanten Obsoleszenz im Jahr 2013 sind bereits vier populärwissenschaftliche Bücher zu diesem Thema erschienen und Aktivisten wie Stefan Schridde in Deutschland und Sepp Eisenriegler in Österreich genießen eine beachtliche mediale Aufmerksamkeit [6]. Die Kampagnenarbeit scheint durchaus wirksam zu sein. Glaubt man einer Umfrage des österreichischen Konsumentenschutzvereins, halten bereits die Mehrheit der Konsument/innen die geplante Obsoleszenz für ein weitverbreitetes Phänomen. Die Konsequenz dieser Überzeugung ist, wie eine Studie der Wiener Arbeiterkammer feststellte, dass Konsument/innen aus mangelndem Vertrauen in die Langlebigkeit von Qualitätsprodukten bewusst zu günstigeren Alternativen greifen [7]. Indem die Geschichte von der geplanten Obsoleszenz das Vertrauen in Hersteller untergräbt, trägt sie somit indirekt zur fallenden Nutzungsdauer von Produkten bei.

Innovation und Obsoleszenz als kulturelle Phänomene

Kritiker/innen der geplanten Obsoleszenz haben wiederholt hervorgehoben, dass es ihnen um mehr als bloß eingebauten Schwachstellen und Fehlkonstruktionen geht. Die geplante Obsoleszenz ist für sie die Geschichte einer Industrie, die mit allen Mitteln – seien es Sollbruchstellen oder andere Strategien wie Werbung und „Scheininnovationen“ – Gewinne in gesättigten Märkten erzielen will und damit die Lebensdauer von Produkten reduziert. Wer sich die angeführten Listen von angeblichen Fällen geplanter Obsoleszenz ansieht [8], kommt jedoch zum Schluss, dass es sich letztendlich doch immer nur um eingebaute Schwachstellen dreht.

Doch auch eine breitere, auf alle Industriepraktiken bezogene Definition geplanter Obsoleszenz, wie von Stefan Schridde in vorangehenden Blog-Beiträgen vorgeschlagen, käme zu kurz. So kann beispielsweise bei Autos und Handys vielmehr ein auf und ab als eine stetige Verkürzung der Nutzungsdauer beobachtet werden. Eine solche Entwicklung kann nicht mit einer einseitigen Bestimmung der Nutzungsdauer durch Hersteller erklärt werden. Wie lange Konsumgüter genutzt werden, wie oft neue Produkte auf den Markt kommen und wie langlebig sie sein sollen, muss unter den unterschiedlichen Marktakteur/innen ausgehandelt werden. Die Nutzungs- und Lebensdauer von Produkten ist daher ein historisch spezifisches, kulturelles Phänomen. Dabei ist es wichtig hervorzuheben, dass eine solche Perspektive auf die kulturellen Bedeutungen von Innovationen und Obsoleszenz weder eine Entlastung der Industrie, noch eine Missachtung der bestehenden Machtverhältnisse bedeuten muss.

Für die Postwachstumsdebatte ergeben sich aus einer solchen Perspektive viele interessante Fragestellungen hinsichtlich der Geschwindigkeit von Produktion und Konsum, beispielsweise wie ein anderes Verständnis von Innovation und Obsoleszenz zu einer Politik der Suffizienz beitragen kann. Die teils unsachliche Diskussion über scheinbare Betrugsfälle in Form von geplanter Obsoleszenz kann dazu hingegen wenig beitragen.

 

Mehr dazu siehe:

Tröger, N., Wieser, H., Hübner, R. (2017). Smartphones werden häufiger ersetzt als T-Shirts. Die Nutzungsmuster und Ersatzgründe von KonsumentInnen bei Konsumgütern. In: C. Bala, W. Schuldzinski (Hrsg). „Beiträge zur Verbraucherforschung Band 6: Pack ein, schmeiß‘ weg?“, Verbraucherzentrale NRW, Düsseldorf, S. 79-102.

Wieser, H. (2016). Beyond Planned Obsolescence: Product Lifespans and the Challenges to a Circular Economy. GAIA, 25/3, S. 156-160.

 

[1] Vgl. hierzu bspw. Kreiß (2014). Geplanter Verschleiß. oder Schridde (2014). Murks? Nein Danke!

[2] Latouche (2015). Es reicht! Abrechnung mit dem Wachstumswahn. München, oekom.

[3] Schridde/Kreiß/Winzer (2013). Geplante Obsoleszenz.

[4] Prakash u.a. (2016). Einfluss der Nutzungsdauer von Produkten auf ihre Umweltwirkung: Schaffung einer Informationsgrundlage und Entwicklung von Strategien gegen ‚Obsoleszenz‘.

[5] Schridde (2014). Murks? Nein Danke! München, oekom.

[6] Schridde (2014). Murks? Nein Danke! München, oekom; Eisenriegler (2016). Konsumtrottel. Wien, edition a; Kreiß (2014). Geplanter Verschleiß. Zürich, Europa-Verlag; Reuß/Dannoritzer (2013). Kaufen für die Müllhalde. Berlin, Orange Press.

[7] Wieser/Tröger (2015). Die Nutzungsdauer und Obsoleszenz von Produkten im Zeitalter der Beschleunigung.

[8] Bspw. auf: Murks! Nein Danke? oder in: Schridde/Kreiß/Winzer (2013). Geplante Obsoleszenz.

von

Harald Wieser ist seit 2015 als Doktorand am Sustainable Consumption Institute und am Manchester Institute of Innovation Research der University of Manchester tätig. Anhand einer Fallstudie des britischen Marktes für Mobiltelefone untersucht er zurzeit die historische Entwicklung ihrer Nutzungsdauer, mit besonderem Fokus auf das Zusammenspiel unterschiedlicher Akteur/innen. Zuvor arbeitete er an der Arbeiterkammer Wien an einer Studie zur Nutzungsdauer und Obsoleszenz von Konsumgütern. Harald Wieser studierte sozial-ökologische Ökonomie und Politik in Wien und Maastricht.

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