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Bernard Charbonneau: Die Große Wandlung

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Werdegang

Charbonneau wurde 1910 in Bordeaux geboren. Als junger Mensch floh er aus der ihn einengenden Stadt, er machte große Wanderungen, schwamm und angelte gern. Aus Disziplinlosigkeit fiel er mehrmals durchs Abitur, studierte dann aber sehr rasch in Bordeaux Geschichte und Erdkunde. Noch auf dem Gymnasium lernte er Jacques Ellul kennen, mit dem er schon in den 1930er Jahren versuchte, eine politische Bewegung mit dem Ziel zu gründen, den wissenschaftlich-technologischen Fortschritt zu zügeln. Die Bestrebungen blieben erfolglos. Der nächste Anlauf nach Ende des nunmehr Zweiten Weltkriegs fand ebenfalls kaum Unterstützung und öffentliches Echo. Alle politischen Lager waren sich einig, dass nun die Zeit für den Wiederaufbau nach altem, verbessertem Muster gekommen sei. Staat und Gesellschaft sollten modernisiert, rationalisiert, effizienter gestaltet werden, da fand die Kritik an der Ausweitung der Industrie und Verwaltung auf alle Lebensbereiche kein Gehör und kaum Mitstreiter/innen. Also schrieb er. Zwischen 1940 und 1947 entwickelte er den Kern seiner Gedanken und fasste ihn in einem umfangreichen Buch (Par la force des choses, auf Deutsch etwa „Sachzwänge“) zusammen.

Charbonneau legte keinen Wert auf akademische Würden und wurde nie Teil der französischen Clique von Stardenker/innen; die meiste Zeit seines Berufslebens war er einfacher Lehrer an einer Schule in der Nähe von Pau in Südfrankreich. Er genoss die ländliche Umgebung, litt aber unter der intellektuellen Isolation. „Ohne meine Familie“, schrieb er – 1938 hatte er Henriette Daudin geheiratet, die ihm vier Kinder gebar und nach seinem Tod im Jahr 1996 die Publikation seiner noch unveröffentlichten Werke besorgte –, „wäre ich verrückt geworden.“ Denn während Ellul bald immerhin in den USA einige Bekanntheit erlangte, musste Charbonneau bis in die umweltbewegten Sechziger und Siebziger Jahre warten, bis der Zeitgeist ihn einholte und seine Bücher verlegt wurden. Als die Umweltbewegung abebbte, gerieten seine Werke wieder in Vergessenheit.

Ein existenzialistischer Zugang

Philosophische Systeme bedeuteten ihm nichts, weil ihre Begriffe nicht erfahrbar sind und die von ihnen unterstellten Entwicklungen und Zusammenhänge in seinen Augen am Kern der Sache vorbeigingen. Wie vor ihm z. B. auch Kierkegaard, Bergson und Husserl gründet er seine Überlegungen auf die erfahrbare Wirklichkeit. Die immer seltener und kostbarer werdende Erfahrung von Freiheit und Natur, das alltägliche Erlebnis von Unfreiheit, Entfremdung, Verschandelung lebenswerter Umwelt ist ihm das, was den Menschen berührt, was ihn mehr als alles andere zum Denken und zum Widerstand bewegen kann. Er hat erlebt, wie der Großteil seiner Zeitgenoss/innen sich Entwicklungen fügten oder für sie begeisterten, die ihre Freiheit und ihr Leben einschränkten oder beendeten. Wie konnte es sein, dass sein Bruder und mit ihm Millionen andere junge Franzosen frag- und klaglos in die Schlachthäuser des Weltkriegs marschierten? Wie konnten seine Landsleute nach der Befreiung einen Weltkrieg später die systematische Zerstörung ihrer Heimat hinnehmen bzw. überwiegend sogar begrüßen? Neben einer zum Totalitären neigenden Entwicklung des Staates und der Industrie auf der Seite des Umfelds oder der „Zweiten Natur“ des Menschen (s. u.) macht er auf der Seite des Individuums den menschlichen Hang zum Konformismus verantwortlich. Charbonneau beschreibt in unzähligen großen wie kleinen Alltagsbeispielen, wie der Fortschritt unseren Alltag verdirbt, wie auch nichts mehr von Dauer ist: Wir verbringen unsere Zeit auf einer ewigen Baustelle, im stetigen Wandel, aber leben kann man nur in einem Haus, d.h. in der Kontinuität. Wer immer die Augen öffne, so seine Überzeugung, könne nicht mehr an die Mythen glauben, die dieses kollektive falsche Handeln überhaupt ermöglichen. Es bleibt die Frage: Warum öffnen sie sie nicht? Warum machen denk- und empfindungsfähige Menschen total(itär)e Fremdbestimmung mit

Staat und Freiheit

Für Charbonneau wie für seinen lebenslangen Freund Jacques Ellul war die wissenschaftlich-techn(olog)ische Entwicklung, le système technicien (so der Titel eines der wichtigsten Bücher von Ellul) die entscheidende Triebfeder der Entwicklung. Nach 1918 und dringlicher noch nach 1945 fragten sich die Intellektuellen: „Wie konnte es so weit kommen?“ Charbonneau verstand die Weltkriege und die auf sie folgenden politischen Totalitarismen als Ausdruck einer Entwicklung und fragte: „Was zeigt das und was verheißt es für die Zukunft?“.

Der einzelne Mensch lebt in einer gesellschaftlichen „zweiten Natur“, die seiner ersten in vielen Punkten zuwiderläuft. Charbonneau zeigt detailliert die Verselbständigung der Institutionen, und zwar als rationale und vorhersehbare Entwicklung des Liberalismus, der so in sein Gegenteil von immer weitergehender Lenkung und Kontrolle umschlägt. So ist der Mensch nicht bloß in einer Kultur von sublimiertem Triebverzicht, Ausbeutung und Fremdherrschaft gefangen. Er wohnt einer Entwicklung bei, die von niemandem gesteuert und von niemandem gehindert, aber nach außen hin von jedermann akzeptiert oder gar befürwortet wird. Er sieht die Ursache für den jeglichen Veränderungsgedanken erdrückenden Konformismus in der alltäglichen Erfahrung des Widerspruchs von Ideal (Gerechtigkeit, Wahrheit, Schönheit) und Wirklichkeit. Der Große Wandel (la grande mue) bedeutet, dass der Staat als Walter von Sachzwängen und/oder erklärter Glücksbringer den/die Einzelne/n immer mehr seiner/ihrer Autonomie beraubt. Gleichzeitig erzeugt die allgemeine Erklärung der Welt – Propaganda, Weltanschauung, Fortschrittsreligion, wie immer man sie nennen mag – eine unerträgliche kognitive Dissonanz: Es fühlt sich so falsch an, aber es heißt, es ist richtig und unvermeidlich.

Der Konformismus kommt aus der erlernten Hilflosigkeit (wie die Psychologen sagen) gegenüber der uns als vernünftig und ausweglos verkauften Entwicklung, aus der Trägheit und Faulheit, für die Freiheit zu kämpfen (die eben kein Recht, sondern immer neu zu erringen ist), und aus der Erfahrung, dass die anderen es genauso machen.  Früher gab der Mythos, dann die Religion den Rahmen vor. Heute ist es der Sachzwang, d. h. am Ende die Rationalität. Das Problem ist: Die Wissenschaft und der in ihr kristallisierte Verstand erfasst nicht den Menschen und seine Bedürfnisse. Selbst die Soziologie ist für Charbonneau allenfalls ein Beschreibungsmodell.

Die Land(wirt)schaft

Charbonneau war gegen Naturschutzgebiete. Wenn man kleine Teile der Landschaft, des Lebensraums, der Umwelt der Menschen zu geschützten Arealen erklärt, bedeutet das zwangsläufig, dass der „Rest“, also alle bereits städtischen oder durch Bergbau, Forst- und Landwirtschaft belegten Flächen, weiterhin ungehindert bewirtschaftet und um die letzten ungeschützten Brachen ausgedehnt werden kann. Das eigentlich selbstverständliche Erlebnis nicht „unberührter“, aber in menschlichem Maße gestalteter und bewirtschafteter Natur ist dem Menschen so nicht mehr möglich. Auch hier war Charbonneau hellsichtig. Man macht sich bis heute nicht klar, dass die „Flurbereinigung“, also die in der Nachkriegszeit vorangetriebene Verwandlung jenes bunten, über Jahrtausende gewachsenen Teppichs von Dörfern, Bächen, Wäldchen und in Dreifelderwirtschaft betriebenen Ackerflächen in monotone Anbauareale die Landschaft Frankreichs (wie auch Deutschlands) mehr verändert hat als die sogenannte landwirtschaftliche Revolution zu Beginn der Jungsteinzeit. Die Wahrnehmung dieser Zerstörungen einerseits, die der wohltuenden Wirkung intakter „menschlicher“ Landschaft andererseits könne aber, glaubte Charbonneau, die Menschen zum Umdenken bringen. Dabei war er kein Verfechter der Rückkehr zur Natur und war auch anders als viele seiner späten Leser/innen nicht der Ansicht, der Mensch könne die Natur wirklich „vernichten“. Egal, wie weit der Mensch sie auch zurückdrängte, sie würde immer siegen – allerdings erst nach dem selbstverschuldeten Verschwinden des Menschen. Auch ein „Zurück in die Steinzeit“ war nicht sein Anliegen. Wie den meisten namhaften Technikkritiker/innen nach ihm ging es ihm um die Rückgewinnung der Herrschaft über den Fortschritt.

Grüne Politik

Der/m braven Grün-Wähler/in muss es als Widerspruch erscheinen, dass der so politische und ökologische Charbonneau sich nicht vor den Karren der politischen Ökologie hat spannen lassen. Er war durchaus Aktivist, hat mehrfach versucht, eine politische Bewegung zu begründen und war in den 70er Jahren an der Seite von Pierre Fournier sehr aktiv in der Anti-Atombewegung, aber er war ein Gegner der Institutionalisierung der Ökologie im bestehenden politischen System. Auch in seinen Büchern hat Charbonneau nicht die konkrete Handlung aus den Augen verloren. Jedes endet mit Überlegungen, wie dem Lauf der Dinge und den vermeintlichen Sachzwängen des industriellen Wahnsinns entgegenzuwirken wäre.

  1. Drosselung der wissenschaftlich-technologischen Entwicklung

Charbonneau trat für ein Moratorium ein. Er wollte nicht ein bisschen Ethikdiskussion und Folgenabschätzung, sondern die Rückgewinnung der Entscheidungsmacht über die Wissenschaft und ihre Anwendung. Kein Fortschritt um des Fortschritts Willen, der Mensch zuerst.

  1. Wirtschaftliches Gleichgewicht

Das bedeutet natürlich auch: Kein Wachstum um des Wachstums Willen. Es gehe nicht darum, ob wir die Wirtschaft bremsen müssen, sondern wann und wie. Am besten jetzt und mit kühlem Kopf. Bremsen müssen wir sowieso, und ein Bremsmanöver bei voller Fahrt ist weit gefährlicher als in vorkatastrophalen Zeiten. Wie andere vor und nach ihm war Charbonneau überzeugt, man könne der Ökonomisierung der Natur und der menschlichen Existenz (nur) entgegenwirken, indem man die Wirtschaft wieder auf den ihr gebührenden Platz zurückverweist. Seine Originalität lag z. B. in seiner Vorstellung von Besitz, den er „rehabilitiert“ sehen wollte: Nur wer seine Wohnstatt und seinen Wohnort als die seinen versteht, ist bereit, für ihren Erhalt zu kämpfen, und wenn jemand sich nicht um seinen Besitz kümmert, sollte er denen zufallen, die ihn bewohnen und bewirtschaften. Er schlug vor, die Werbung zurückzudrängen, keine Steuergelder für Tourismus-Infrastruktur auszugeben, die finanzielle Bewertung von kostenlosen, aber „unbezahlbaren“ Allgemeingütern wie sauberes Wasser, unverbaute Küsten etc. zu verbieten und vieles Überdenkenswerte mehr.

  1. Eine kritische Bewegung

Die Ziele Natur und Freiheit werden von zahlreichen Strömungen geteilt, die aber nicht zuletzt aufgrund mangelnder Reflexion und Diskussion nicht zueinander finden können. Dabei gibt es gemeinsame Nenner. Neben dem fernen Ziel einer gerechten, dauerhaft lebbaren Gesellschaft und den mittelfristig durchzusetzenden Veränderungen sollten sich die Strömungen eigentlich sofort auf einige Handlungsfelder einigen können. Zuerst einmal würde es um den Umgang mit den Medien gehen: Was ist geeignet, um einen wirklichen Bewusstseinswandel herbeizurufen? Dann stellt sich die Frage: Was wirkt vor Ort – Wie können Aktivist/innen den mannigfachen Aggressionen des Fortschritts entgegenwirken? Drittens gehört auch die Erringung der legislativen Macht auf die Agenda; Charbonneau war Kritiker der Staatlichkeit, aber kein Anarchist, er sagte, es sei unmöglich (und auch nicht wünschenswert), den Staat abzuschaffen. Im bestehenden System müsse die Macht von unten kommen, um die Macht von oben zu beschränken. Er hat auch schon 1980 die Gefahr der Vereinnahmung (récupération) der so heterogenen Umweltbewegung(en) durch die Mode, das technologische System, das Spektakel, durch die Politisierung und Entpolitisierung vorhergesehen.

Charbonneau war wie Ellul ein radikaler Denker, d. h. er ging an die Wurzel der Entwicklungen. Auch wenn er die letzte, wieder mal von oben erfolgte technologische Revolution nicht mehr miterlebt hat, bleiben seine Werke daher unvermindert aktuell.

Illustration © Valérie Paquereau 2018

Bibliographie

Keines von Charbonneaus Werken ist auf Deutsch erschienen. Le feu vert ist für diesen Sommer unter dem Titel „The green light“ als wahrscheinlich erste Monographie auf Englisch angekündigt, Le jardin de Babylone ist auf Spanisch erschienen.

Frankophone Leser_innen beklagen zuweilen, seine (früheren) Bücher seien selbst für Muttersprachler_innen schwer zu lesen. Das liegt aber nach Ansicht des Charbonneau-Experten Daniel Cérézuelle keineswegs daran, dass er etwa bewusst kompliziert und fremdwortreich argumentiert habe, ganz im Gegenteil: Charbonneau war ein sehr präziser Denker und Autor, der auf vertrackte Modelle und Wortneuschöpfungen ebenso verzichtete wie auf die „Plastikwörter“ (Uwe Pörksen) des Fortschritts. Allerdings ist seine Sprache noch an der literarischen Kultur des 19. und frühen 20. Jahrhunderts geschult, als lange Sätze, feine Ironie und historische oder mythologische Anspielungen (Babylon, Prometheus etc.) noch gut verstanden wurden.

Die wichtigsten veröffentlichten Werke nach Themen:

Landwirtschaft: Tristes Campagnes. Paris: Denoël 1973.
Kultur: Le Paradoxe de la culture. Paris: Economica 1991 (1965).
Arbeit und Freizeit: Dimanche et lundi. Paris: Denoël 1966.
Geld: Il court il court le fric... Bordeaux: Opales 1996.
Ernährung: Notre table rase. Paris: Denoël 1974; Un festin pour Tantale. Paris: Sang de la Terre 1997.
Verkehr: L’Hommauto. Paris: Denoël 2003 (1967).
Stadt und Land: La Fin du paysage. Paris: Anthropos 1972; Sauver nos régions. Paris: Sang de la Terre 1991.
Umwelt: Le jardin de Babylone. Paris: Encyclopédie des nuisances 2002 (1969); Le feu vert. Lyon: Parangon/Vs. 2009 (1980).
Staat: L’État. Paris: Economica 1987 (1949); Le Système et le chaos. Paris: Economica 1987 (1973); Prométhée réenchainé. Paris: Table ronde 2001.
Freiheit: Je fus. Bordeaux: Opales 2000 (1980).

Zu und über Charbonneau:

Daniel Cérézuelle: Écologie et liberté. Bernard Charbonneau, précurseur de l’écologie politique. Lyon: Parangon/Vs 2006.

Prades, Jacques (Hg.): Bernard Charbonneau, une vie entière à dénoncer la grande imposture. Ramonville Saint Agne: Erès 1997.

lagrandemue.wordpress.com
https://www.jacques-ellul.org/compagnonnage/bernard-charbonneau

 

Eine längere Version dieses Artikels ist in Lichtwolf 61 (Frühjahr 2018) erschienen.

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von

Marc Hieronimus ist Historiker, Philosoph, Comicforscher und Dozent für Deutsch als Fremdsprache. Zu seinen Interessen und Forschungsgebieten gehören der Nationalsozialismus im Comic, die Wirkung visueller Medien, Gesellschafts- und Technologiekritik, Karikatur, die Magie in Mittelalter und Moderne, Tiefenpsychologie, "wilde" Lebensformen u.v.m. Seine Gedichte, Erzählungen und Essays sind in zahlreichen Anthologien und Zeitschriften erschienen, darunter der Lichtwolf. Nach einigen Jahren in Frankreich lebt er heute mit seiner Familie am Waldrand von Köln. Weitere Informationen unter www.marc-hieronimus.de.

1 Kommentare

  1. Simon CHARBONNEAU sagt am 16. Mai 2018

    Viele Danke für Ihre Analysis das Werke meines Vaters !
    Von meine Seite, habe ich auch kritische Bücher geschrieben über unsere „société technicienne“.
    Beispiel : „Le prix de la démesure“ Edition „Libre et Solidaire“ 2015.

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