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Ambivalenzen der „Systemrelevanz“

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Corona, prekäre Sorgearbeit und die Möglichkeit einer anderen Gesellschaft

Die Corona-Krise hat uns nicht nur vor Augen geführt, wie stark die körperliche und gesellschaftliche Reproduktion von Sorgeleistungen und Infrastruktursystemen abhängt, deren Erbringung bzw. Vorhandensein meist als selbstverständlich vorausgesetzt wird. Sie hat vor allem auch gezeigt, unter welch prekären Bedingungen die relevanten, weil lebenserhaltenden Systeme aufrechterhalten werden.

So sind eine niedrige Bezahlung und hohe Arbeitsintensität im Pflege- und Gesundheitsbereich an der Tagesordnung. Große Teile der landwirtschaftlichen Ernte werden von migrantischen Saisonarbeitskräften eingefahren. Und die Beschäftigten des öffentlichen Personentransports beklagen lange Arbeitszeiten bei schlechter Bezahlung.

Das System, so ließen sich diese Erfahrungen zusammenfassen, wertet eben jene Tätigkeiten ab, die erst die Voraussetzungen für sein Funktionieren schaffen; es straft diejenigen mit Geringschätzung und Unsichtbarkeit, die es tagtäglich am Laufen halten; und es tut das nicht trotz, sondern gerade wegen des Inhalts ihrer Arbeit, liegt dieser doch in der Reproduktion, die zwar ständig die Voraussetzungen für die „produktive“ Vermehrung kapitalistischen Reichtums schafft, ohne aber als Teil derselben zu gelten.

Es bedarf einer Krise wie der gegenwärtigen, um das Unsichtbare als „systemrelevant“ sichtbar zu machen: Plötzlich wird den Pflegekräften allabendlich aus Fenstern und von Balkons Applaus gespendet; und in der häuslichen Pflege offenbart sich die Abhängigkeit von migrantischen Care-Arbeiter*innen aus Osteuropa in dem Maße, wie diese in der Corona-Pandemie mit Einreisehindernissen konfrontiert werden. „Care-Arbeit gerät erst dann ins gesellschaftliche Bewusstsein, wenn sie nicht mehr selbstverständlich geleistet wird.“[1]

Allerdings ändert sich dadurch erst einmal nichts an dem grundlegenden Problem. Applaus übersetzt sich nicht notwendigerweise in eine breite gesellschaftliche und politische Unterstützung für höhere Löhne und bessere Arbeitsbedingungen. Die Verbesserungen, die ver.di in den Tarifkonflikten des öffentlichen Dienstes und des ÖPNV aushandelte, bedurften vielmehr zahlreicher Streiks.

Für osteuropäische Care-Arbeiter*innen gilt, dass sich die Arbeitsbedingungen sogar noch verschlechtert haben. Häufig, darauf weist Sarah Schilliger hin, müssen sie z.B. nun auch noch die unterstützenden Leistungen seitens der Familienmitglieder ersetzen, die ihre pflegebedürftigen Angehörigen wegen der Ansteckungsgefahr nicht mehr besuchen; und die Heimfahrt zur eigenen Familie fällt nicht selten den Corona-bedingten Reisebeschränkungen zum Opfer. So werden die Kosten der Krise „ins Private, d.h. auf die einzelnen Care-Arbeiterinnen übertragen, aber gleichzeitig auch transnational verschoben – in die Herkunftsländer im peripherisierten Osten.“[2]

Tatsächlich sind die Spielräume, um der relevanten Arbeit im Rahmen des existierenden Systems die ihr gebührende materielle und symbolische Anerkennung zukommen zu lassen, systematisch begrenzt. Es liegt geradezu im strukturellen Interesse des an der Verwertung des Werts orientierten kapitalistischen Systems, die Kosten für „reproduktive“ Tätigkeiten – und damit die von den Unternehmen des „produktiven“ Bereichs in Lohnform zu begleichenden Kosten für die Reproduktion der Arbeitskraft – zu drücken. Da aber die Rationalisierungspotenziale in der Pflege, bei Bildung und Erziehung oder im Gesundheitssystem begrenzt sind, geht das nur, indem die Löhne niedrig- und die Arbeitsbelastung hochgehalten werden.

Damit drängt sich unweigerlich die Überlegung auf, ob es nicht an der Zeit ist, die Relevanz „reproduktiver“ Arbeit in den Dienst eines anderen Systems zu stellen, und zwar eines solchen, von dem diese Arbeit deutlich mehr symbolische und materielle Anerkennung zu erwarten hätte als von dem vorherrschenden patriarchal-kapitalistischen und in dem sie zudem anders zwischen den Geschlechtern und zwischen Menschen unterschiedlicher Herkunft verteilt wäre. Was heute als „reproduktiv“ abgewertet und gleichzeitig umsonst oder zu niedrigen Kosten angeeignet wird, würde sichtbar und wertgeschätzt, weil es erst die Voraussetzungen eines guten Lebens für alle schafft. Die Ökonomie würde ausgehend von der Sorgearbeit und der Infrastrukturversorgung, das heißt von den individuellen und gesellschaftlichen Bedürfnissen her gedacht, die ihrerseits demokratisch und unter Berücksichtigung ökologischer Restriktionen auszuhandeln wären.

Diese Überlegung ist nicht grundsätzlich neu. Sie taucht in unterschiedlichen Formen immer dann auf, wenn das System durch Krisen und soziale Bewegungen herausgefordert wird – und wird ebenso regelmäßig enttäuscht. Vielleicht gilt das auch diesmal, vielleicht aber auch nicht. Auf jeden Fall deutet sich in der sichtbar gewordenen „Systemrelevanz“ der Sorge und Infrastrukturversorgung eine Herausforderung für eine feministische, internationalistische und sozial-ökologische Linke an. Deren ureigene Anliegen finden in den Alltagserfahrungen vieler Menschen, in Streiks und in Prozessen der Selbstorganisierung von unten nun plötzlich einen Resonanzraum. Dadurch werden die Verhältnisse nicht gleich zum Tanzen gebracht. Aber die Einsicht, dass eine bessere Gesellschaft möglich und nötig ist, lässt sich zumindest nicht mehr so ohne Weiteres von der Hand weisen.

 

Quellen:

Sarah Schilliger (2021): Verschärfte Normalität im Ausnahmezustand. Transnationale Care-Arbeit in Privathaushalten unter COVID-19, in: SozBlog. Blog der Deutschen Gesellschaft für Soziologie (DGS), http://blog.soziologie.de/2021/01/verschaerfte-normalitaet-im-ausnahmezustand-transnationale-care-arbeit-in-privathaushalten-unter-covid-19/

 

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Markus Wissen lehrt und forscht als Professor für Gesellschaftswissenschaften mit dem Schwerpunkt sozial-ökologische Transformationsprozesse an der Hochschule für Wirtschaft und Recht Berlin (HWR). Er ist Redakteur der PROKLA. Zeitschrift für kritische Sozialwissenschaft sowie Mitglied im Gesprächskreis Zukunft Auto, Umwelt, Mobilität und im wissenschaftlichen Beirat der Rosa-Luxemburg-Stiftung. Gemeinsam mit Ulrich Brand hat er 2017 das Buch Imperiale Lebensweise. Zur Ausbeutung von Mensch und Natur im globalen Kapitalismus im Oekom-Verlag, München, veröffentlicht. 2021 erschien die englische Übersetzung unter dem Titel Imperial Mode of Living. Everyday Life and the Ecological Crisis of Capitalism bei Verso, London.

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