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Haben kann man nicht nur Dinge

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Sharing Economy und Customer Experience aus Philosophischer Sicht

 

„Überhaupt besteht das Reichsein mehr im Gebrauchen als im Besitzen“. Was wie ein Werbeslogan von Car2Go oder Airbnb klingt, ist tatsächlich eine Aussage, die Aristoteles vor mehr als 2000 Jahren im antiken Griechenland niederschrieb. Schon damals wussten die Menschen: Wenn wir die Anhäufung von Eigentum zum Selbstzweck erheben, werden wir langfristig nicht glücklich. Dieser Gedanke ist auch in anderen philosophischen Theorien und in den meisten Weltreligionen fest verankert. Trotzdem verwechseln wir das Streben nach Glück immer noch zu oft mit dem Streben nach Besitz. Nach über 2000 Jahren könnte sich das nun ändern.

Sharing Economy, das Teilen von Gütern, ist seit einigen Jahren in aller Munde. Geliehen statt gekauft werden – vorwiegend auf Online-Plattformen – Autos, Wohnungen, Bohrmaschinen, Speicherplatz und vieles mehr. Nutzen statt Besitzen lautet das Leitbild. Eine breite Realisierung steht indessen noch aus. Bisher verzichtet nur eine Minderheit auf eine Neuanschaffung von Dingen, um stattdessen auf Sharing zurückzugreifen. So geben beispielsweise nur 17 Prozent der im Rahmen des Forschungsprojekts PeerSharing befragten Drivy-Nutzer/innen an, aufgrund des CarSharing-Angebots auf einen eigenen PKW zu verzichten. Im Regelfall werden zusätzlich zum eigenen, insgesamt wachsenden Besitz noch geteilte Güter genutzt. Das klingt zunächst ernüchternd, könnte aber ein Übergangsphänomen eines erst beginnenden kulturellen Wandels vom Besitzen zum Nutzen sein. Solch ein kultureller Wandel könnte auch durch die vielen offensichtlichen Vorteile von Sharing vorangetrieben werden. Das Leihen von Gütern ist oftmals nicht nur billiger, sondern auch bequemer und entlastet von Aufgaben rund um Instandhaltung, Lagerung oder Versicherung. Man muss ein Auto nicht mehr besitzen, um es nutzen zu können – was nützt der Besitz dann noch?

Haben und Sein

Die erstarkende Sharing Economy ist unter anderem mit der Hoffnung verbunden, dass besitzorientierte Leitbilder einer Besinnung auf das wirklich Wertvolle und Wichtige im Leben weichen. Möglicherweise verschieben sich dadurch Identitäten wie auch Anerkennungsverhältnisse und definieren sich Menschen weniger über ihr Eigentum als in den vorangehenden Jahrzehnten. Möglicherweise wird das Streben nach Glück zunehmend weniger mit dem Streben nach Besitz verwechselt. Und möglicherweise wird damit der Weg geebnet für eine tatsächlich glücklichere Gesellschaft.

Diese Hoffnungen auf ein besseres Leben werden jedoch häufig enttäuscht. In vielen Fällen ändert sich der Gegenstand des Strebens nach Besitz, nicht jedoch die zugrundeliegende Haltung. Immer weniger richten wir unser Besitzstreben auf Gegenstände, sondern auf Erfahrungen, die wir aneignen, anhäufen und maximieren wollen. Auch wenn wir dabei keinem Materialismus im engeren Sinne folgen, bleiben wir der Haltung des Habens verhaftet. Denn haben kann man nicht nur Gegenstände. Besonders eindrücklich hat dies Erich Fromm herausgestellt: Die Haltung des Habens ist eine Existenzweise, in der es „keine lebendige Beziehung zwischen mir [gibt] und dem, was ich habe. Es und ich sind Dinge geworden, und ich habe es … Aber es besteht auch die umgekehrte Beziehung: Es hat mich, da mein Identitätsgefühl davon abhängt es zu haben“. Demgegenüber ist das Sein eine Existenzweise, „in der man nichts hat und nichts zu haben begehrt, sondern voller Freude ist, seine Fähigkeiten produktiv nutzt und eins mit der Welt ist.“

An zahlreichen Beispielen versucht Fromm den Unterschied dieser beiden Haltungen deutlich zu machen. Im Modus des Seins etwa liest man ein Buch langsam und lässt sich berühren, in der Existenzweise des Habens hingegen liest man das Buch schnell und versucht sich die wesentlichen Aussagen anzueignen. Anschließend „hat“ man neues Wissen, ist aber persönlich nicht an der Erfahrung gewachsen. Das Ziel des habenden Menschen, so Erich Fromm, ist insofern mehr Wissen, das Ziel des seienden Menschen tieferes Wissen. Diese Unterscheidung zwischen der Haltung des Habens und der Haltung des Seins kann auch auf das Verhältnis zum eigenen Körper, zu den persönlichen Fähigkeiten, Freundschaften und so weiter angewandt werden. Und auch auf Erfahrungen können wir uns auf sehr unterschiedliche Weise beziehen: Wollen wir Erfahrungen haben, dann geht es uns weniger darum, uns selbst zu erfahren und zu entfalten, sondern vielmehr darum, diese situativ zu konsumieren. Im Gegensatz dazu versuchen wir im Modus des Seins, oder mit Hartmut Rosa gesprochen: im Modus der Weltanverwandlung, uns selbst in eine Situation einzubringen. Wir öffnen uns gegenüber der Welt, arbeiten an uns, um die Welt auf uns wirken zu lassen, ihr nachzuspüren und die kleinen Details zu entdecken und wertzuschätzen. Solche Arten von Erfahrungen sind nur möglich, wenn wir unser Lebenstempo nicht zu stark beschleunigen. Denn nimmt die äußere Reizintensität zu sehr zu, beginnt sich die Zeit zu verdichten, wir können uns den einzelnen Eindrücken nicht mehr hingeben und sie tiefergehend auf uns wirken lassen.

Was lässt sich kaufen?

Das Nutzen statt Besitzen von Gütern ist daher kein Garant für eine Weltanverwandlung und ein besseres Leben. Wir laufen sogar Gefahr, unser Leben durch den einfacheren Zugang zur Nutzung von Gütern noch weiter zu beschleunigen und noch mehr aus all den funkelnden Marktangeboten mitnehmen zu wollen. Diese Gefahr wird auch durch das Erstarken der Dienstleistungsökonomie und ausgefeilte Konsumerfahrungen befördert. Immer mehr Wert wird auf die Customer Experience gelegt. Ein angenehmes Shoppingerlebnis ist zwar für sich genommen nichts Schlechtes. Wenn aber Konsum zur Erfahrung und Erfahrung zum Konsumgut wird, sind wir versucht zu glauben, dass die Dinge, die man nicht kaufen kann, immer weniger werden.

Diese Logik folgt einem Wachstumsparadigma. Denn während sich Gegenstände in einer übersättigten Gesellschaft immer schwieriger verkaufen lassen, ist vor allem bei Dienstleistungen noch Luft nach oben. So könnten wir unser Glück zwar nicht mehr in der Anhäufung von Gegenständen, dafür aber in der Anhäufung von Erlebnissen suchen. Diese Suche würde jedoch scheitern. Nur wenn wir uns frei von Akkumulierungswünschen der Welt gegenüber öffnen, können wir Resonanzerfahrungen machen und uns in der Welt geborgen fühlen.

Weder möglichst viele Autos in der Garage, noch möglichst viel Wissen im Kopf oder Reiseerlebnisse im Gedächtnis machen also ein gutes Leben aus. Weder eine Abkehr vom Besitzstreben in der Sharing Economy noch gesteigerte Konsumerfahrungen bedeuten automatisch ein besseres Leben. Damit Erfahrungen uns bereichern, müssen wir vielmehr eine Haltung in uns fördern, die sich nicht kaufen lässt. Sie erfordert ein Sich-Einlassen auf die Welt und damit ein Verweilen im Moment. Denn wenn wir Dienstleistungen nutzen, um unser Leben zu beschleunigen und das Maximale aus einem Tag herauszuholen, können wir uns bei zu hoher Geschwindigkeit und Reizintensität nur noch oberflächlich auf die Welt einlassen. Wir erfahren unser Leben als flach und erleben immer weniger, obwohl wir von einem spektakulären Event zum nächsten jagen.

Eine solche empfundene Flachheit kann auch befördert werden, wenn wir Erlebnisse immer stärker deshalb machen wollen, um sie auf Social Media zu teilen. Wir machen Erlebnisse dann nicht mehr für uns persönlich, sondern um sie zur Schau zu stellen und, mit Pierre Bourdieu gesprochen, symbolisches Kapital zu generieren. Erfahrungen werden dann zu etwas, das wir vorweisen und auf unserer Habens-Seite verbuchen können. Dieser Gedanke mag zunächst überzogen klingen, doch tatsächlich lässt sich oft beobachten, dass Menschen im Urlaub beispielsweise einen Turm besteigen, um von oben Fotos zu schießen und nicht, um die Perspektive auf sich wirken zu lassen. Solche sozialen Praktiken entfernen uns von einer Anverwandlung, weil auch das Erleben von Momenten der Steigerungslogik des Habens verhaftet bleibt.

Aristoteles auf Sinnsuche

Natürlich kann es zu unserem Glück beitragen, wenn wir Geld ausgeben für gutes Essen, einen Kinobesuch oder die Fahrt auf einem Sharing-Elektroroller in der Abenddämmerung. Ein maximal hohes Maß an solchen Erlebnissen wird uns jedoch nicht glücklich machen. Ein Reichsein, welches mehr im Gebrauchen als im Besitzen besteht, macht allein noch kein gutes Leben aus. Hierfür müssen wir uns unter anderem Zeit nehmen, um in uns hineinzuhorchen und unserer Innenwelt wie auch den weniger spektakulär daherkommenden Seiten der Welt Aufmerksamkeit zu schenken. Das ist unbezahlbar.

 

Beitragsbild: „Car sharing“ von Duncan Robson auf flickr.com (https://www.flickr.com/photos/dunkr/9179949661/)

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2 Kommentare

  1. Daniel Constein sagt am 7. Dezember 2017

    Lieber Christian, vielen Dank für diesen unheimlich präzisen und flüssig lesbaren Artikel!

  2. Christian Uhle sagt am 14. Dezember 2017

    Hallo Daniel, danke! Habe deinen Kommentar erst gerade gelesen und es freut mich total, wenn du daraus etwas mitgenommen hast!! 🙂

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