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Die Grenzen des (Post-)Wachstums – ein Reisebericht aus Can Decreix

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Auf der Suche nach einer Zukunft jenseits des Wachstums haben wir, zwei Studierende aus Berlin, uns auf Reisen gemacht. Wir werden Orte besuchen, die bereits heute weit weg von Berlin und Brüssel gesellschaftliche Alternativen leben. Zuletzt berichteten wir über die Sozialistische Selbsthilfe Mülheim in Köln. In diesem Beitrag teilen wir unsere Eindrücke aus unserer Zeit in dem Postwachstumsdorf Can Decreix.

Wir sitzen im Hotel-Café „La Dorade“. Auf dem Tisch leere Kaffeetassen, eine Flasche regionaler „Alter Cola“, ein Haufen Zettel, ein iPad. Auf der Tageszeitung prangt eine Überschrift, die ein Katastrophenszenario zeichnet: „Et si la croissance ne repartait jamais…“ („Und wenn das Wachstum nie wiederkehrt…“). Im Hintergrund läuft leise Klaviermusik von Chopin. Der Blick auf die beschauliche Bucht von Cerbère wird durch die parkenden Autos versperrt. Dahinter liegt der kleine Kieselstrand, im glasklaren Wasser wippen Motorboote und kleine Segelyachten.

Die Autos erreichen diesen kleinen Ort am Fuße der Pyrenäen über eine kurvige Landstraße. Viele fahren an den Cafés und dem Souvenir-Laden vorbei in Richtung Spanien. Cerbère ist eine Grenzstadt. Die Bucht auf der anderen Seite des trockenen Passes, Portbou, gehört bereits zu Spanien – besser gesagt: zu Katalonien. Das ist den Menschen wichtig. Sie überkleben das „F“ auf ihren Nummernschildern mit „CAT“ für Cataluña, die rotgelben Streifen der katalonischen Fahne sind überall zu sehen, auf den Straßenschildern in Portbou und auf dem Markt dominiert die regionale Sprache Katalan.

Einen Häuserblock von Cerbères Bucht entfernt verlaufen die Bahngleise, auf denen reger Personen- und Güterverkehr herrscht. Sie teilen den Ort in zwei Bereiche: Der Blick auf das Mittelmeer bleibt den Häusern unterhalb des Bahnhofs vorbehalten. Die Häuser oberhalb der Gleise blicken auf ein Meer aus Schienen, auf denen Tag und Nacht die schrill ächzenden Güterzüge rangieren. Gelegentlich wird das Quietschen durch die Rufe der Gleisarbeiter_innen oder die Melodie der Ansagen auf dem Bahnhof ergänzt.

La Casa del Decreixement

Hier, oberhalb des Schienenmeers, liegt Can Decreix. Der Name ist katalanisch und eine Kurzform des Ausdrucks „Casa del Decreixement“ – Haus des De-Wachstums. Der Begriff Decreixement entspricht dem, was im Englischen mit „degrowth“ und im Deutschen mit „Postwachstum“ oder Wachstumsrücknahme übersetzt wird. Er zielt auf „eine Verringerung von Produktion und Konsum in den frühindustrialisierten Staaten, die menschliches Wohlergehen, die ökologischen Bedingungen und die Gleichheit auf diesem Planeten fördert. Ziel ist eine Gesellschaft, in der Menschen mit Rücksicht auf ökologische Grenzen in offenen, vernetzten und regional verankerten Ökonomien leben“, heißt es im Programmheft der internationalen Degrowth-Konferenz, die vor kurzem in Leipzig stattfand.

Can Decreix möchte dieses Ziel bereits heute umsetzen. „Degrowth is really about trying to combine living, the practice, the research“, meint Gründer und Bewohner François Schneider. „Can Decreix is a hub which makes the link between people who work on degrowth, a place where they can get training, where they can think, practice and disseminate ideas.“ François ist Teil der „akademischen Vereinigung“ Research & Degrowth und war Initiator der ersten Degrowth-Konferenz 2008 in Paris. Vor gut zwei Jahren hat er das 3000 m2 große Grundstück in Cerbère zusammen mit seinem Bruder gekauft, um einen Ort für degrowth-Praxis und -Theorie zu gründen. Mit seinen Locken, dem kleinen Zopf und seiner nachdenklichen Art wirkt er wesentlich jünger als seine 47 Jahre.

Seit über zehn Jahren beschäftigt er sich mit degrowth, bereits bei seiner Promotion Mitte der neunziger Jahre schrieb er über Recycling und Stoffkreisläufe. Auch Filka Sekulova und Sylvain Fischer, deren Namen auf dem Briefkasten von Can Decreix stehen, sind promoviert. Filka hat einen Schwerpunkt in ökologischer Ökonomie und arbeitet an der Autonomen Universität Barcelona. Wir lernen sie nicht kennen, da sie als Teil des Teams die Konferenz in Leipzig organisiert. Sylvain hat nach seiner Promotion in Informatik und Telekommunikation eine Ausbildung gemacht und arbeitet seither als selbstständiger Maurer.

Um die Jahrtausendwende lebte er über ein Jahr in Afrika. Das einfache Leben dort habe ihm gezeigt, dass wir viele Dinge unserer Industriegesellschaft nicht brauchen. Wo in Afrika er war, erwähnt er dabei nicht. Er hat kein Handy mehr, will ohne Elektrizität leben. Auch die Plastikschläuche, mit denen die Abwässer in Can Decreix zu den Pflanzen geleitet werden, sind ihm ein Dorn im Auge. „Degrowth […] leads us to reduce and redefine our comsumption, to adopt a simpler and happier way of life“ schreibt er in einem Text für die Konferenz in Leipzig, in dem er dafür wirbt, sich wieder mehr der Agrikultur und dem Handwerk zuzuwenden:

„[M]anual labour is undervalued and considered out of date. Nevertheless rediscovering it allows us to reconnect with our bodies and our emotions, with the materials we transform, and with an estethic aspect that dramatically disappears in industrial production“.

Crossing borders

Sie haben diesen Ort, diese Gegend sehr bewusst gewählt. „We are close to a train station, here it is possible to live without cars“, erzählt uns François.“We are close to the sea, to the mountains and at the same time we are close to the industry. The proximity of the border is perfect for the open localism aspect.“

Open Localism ist seine Vorstellung des Ziels der Degrowth-Bewegung, in „offenen, vernetzten und regional verankerten Ökonomien zu leben“. Das Lokale und die Beziehungen zu anderen Menschen müssten die Basis für Identität und Vergemeinschaftung werden, allerdings ohne damit neue Grenzen zu ziehen.

Die Nähe zur Landesgrenze mache Can Decreix zu einem geeigneten Ort, um über die Rolle von Ab- und Ausgrenzung in unserer Gesellschaft nachzudenken. „Borders are places of transformation. Crossing a border is what we have to do. What we have to do for degrowth is a real transformation, a metamorphosis, where we are ready to challenge what satisfies us.“

Rosmarin statt Minze

Wie wird diese „Metamorphose“ in Can Decreix gelebt? Was bedeutet es, die eigenen Gewohnheiten bewusst in Frage zu stellen und das, was uns zufrieden macht? Und wird es dem Anspruch gerecht, zu einer Relokalisierung der Wirtschaft und des Lebens beizutragen?

Wer Can Decreix besuchen will, sollte Zeit mitbringen und sich darauf einstellen, Treppen zu steigen. Kantige, lehmfarbene Steine sind zu Trockenmauern und Treppen gestapelt, die Häuser sind weiß verputzt, Kakteen, Rebstöcke, Feigen- und Olivenbäume sind auf den Hängen und Terrassen verteilt. Rosmarinsträucher, wilder Kohl und Spinat ragen aus der trockenen Erde hervor. Die vielen Wildkräuter werden für den Salat am Mittag gepflückt, sie wachsen hier viel besser als der gepflanzte Kohl, die Zucchini oder die Minze. Die Menschen hier lernen, sich an die Umstände anzupassen.

Doch die meisten bleiben nur für wenige Wochen hier, so wie wir, so wie Loïc. Seit über zwei Jahren reist er durch die Welt, nachdem er mit 26 seinen rentablen Job als Verkäufer in einer Baustoff-Firma gekündigt hatte. Er hatte bis dahin alles erreicht, wovon er geträumt hatte. Doch ihm blieb neben der Arbeit keine Zeit mehr für andere Interessen, keine Zeit für sich selbst.

Den Kapitalismus hinter sich lassen

Nach dem radikalen Bruch mit seinem bisherigen Leben überquerte er auf einem Segelboot den Pazifik, wurde Vegetarier, las Bücher über politische Philosophie, über Anarchismus, Kommunismus, Liberalismus – auf der Suche nach Antworten auf die Frage, wie Gesellschaft anders gestaltet und der Kapitalismus überwunden werden kann. „Anarchismus ist die einzig wahre Demokratie“ sagt er nun und „ich glaube, dass eine Gesellschaft ohne Geld möglich ist. Das Geld ist ein Tauschmittel – wir brauchen aber eine Ökonomie des Teilens.“

Er träumt von einer Gesellschaft, die kein Privateigentum an Immobilien und Boden kennt, die einen kostenlosen Zugang zur Grundversorgung von Wasser, Elektrizität, Gesundheit und Nahrung gewährleistet. Can Decreix habe er über die Plattform wwoof.net (World Wide Opportunities on Organic Farming) gefunden, in den Ansätzen des degrowth finde er viele seiner politischen Ideale wieder, deshalb sei er hier. Er spricht schnell, seine Gesten strahlen ein großes Selbstbewusstsein aus. Welchen Eindruck er von Can Decreix habe? Er finde es spannend, lerne gerne all die Techniken nachhaltiger Ressourcennutzung, doch ihm fehle ein wenig der Genuss. Man könne sich auch gesund ernähren, ohne jeden Tag das Gleiche zu essen.

Von Zyklen und Zutaten

Wir können nachvollziehen, was Loïc meint. Das Brot aus dem Holzofen und die selbstgemachte Marmelade schmecken etwas angebrannt und in den Solarofen passt nur ein Topf, in dem das Getreide und Gemüse zusammen zubereitet wird. Das Salz im Essen gelangt über den Urin in die Erde und da es nicht viel regnet, wird hier meist sparsam damit umgegangen, um den Boden nicht zu schädigen. So gibt es in diesen Tagen wenig Abwechslung bei den Mahlzeiten, auch wenn das Gemüse und Getreide variiert.

Was vom Essen übrig bleibt, kommt auf den Kompost. Das verwendete Kaffeepulver und die Asche des Holzofens ersetzen das Spülmittel für den Abwasch. Natrium und Essig stehen in der Dusche für die Haare bereit, die kaliumhaltige „schwarze Seife“, die aus Oliven gewonnen wird, ist für den Rest des Körpers da. Das Regenwasser wird aufgefangen und von der Sonne erhitzt, die Komposttoiletten sind selbstgebaut. Hier wird tatsächlich das meiste weiterverwendet. Es ist in einen Kreislauf eingebunden.

Wir brauchen Zeit, um all die kleinen Dinge zu verstehen, die hier anders funktionieren, als wir es gewohnt sind. Es ist kompliziert, das Leben zu vereinfachen. Erst beim aktiven Versuch, sich weitgehend selbst zu versorgen, werden uns die Abhängigkeiten von globalisierten Marktstrukturen und Wertschöpfungsketten in ihrem Umfang bewusst. Vielleicht ist es das, was François mit „Training“ meint.

(K)ein Modell für die Zukunft?

Mit all diesen Techniken und Materialien bleibt der ökologische Fußabdruck in Can Decreix tatsächlich gering. Doch uns bleiben Zweifel, welche dieser Aspekte Alltagsrealität in einer Postwachstumsgesellschaft werden müssen. Es bleibt das Gefühl, dass all diese Tätigkeiten nicht aus einer Notwendigkeit heraus getan werden, sondern von Neugier und einem Wunsch nach Kohärenz mit den eigenen Idealen beseelt sind. Das macht diesen Ort zu einer Art Open-Air-Labor für ein Leben jenseits einer Wachstumsökonomie – es bleibt aber schwer vorstellbar, dass wir hier die Zukunft unserer Gesellschaft vorfinden. Es bleibt ein Ort des Ausprobierens, ein Ort für die Umsetzung theoretischer Überlegungen im alltäglichen Leben.

François ist es wichtig, auf die räumliche Nähe zu den Bewohner_innen von Cerbère hinzuweisen. „Can Decreix is not like a refuge, a place where you would go to hide because the society is so hard. It is not a place to escape.“ Die Beziehungen zu anderen Menschen und gemeinsame Projekte sollen im Sinne des Open Localism Grundlage der eigenen Identität werden. Doch in den knapp drei Wochen unseres Aufenthalts ist wenig von einem Austausch mit den Nachbarn und den Menschen aus dem Dorf zu sehen. Die Menschen, die wir in Can Decreix treffen, kommen häufig aus Frankreich, doch auch aus Portugal, den Niederlanden, Italien oder wie wir aus Deutschland. Die meisten haben studiert und sind über die gedankliche Auseinandersetzung mit degrowth auf Can Decreix gestoßen.

Claude, die als freie Journalistin und Übersetzerin arbeitet, erzählt uns mit energischen Gesten, dass bis heute kein Treffen mit den Bewohner_innen von Cerbère stattgefunden hat, um ihnen die Idee von Can Decreix und die Vision und Notwendigkeit einer Postwachstumsgesellschaft nahe zu bringen. Claude ist promovierte Literaturwissenschaftlerin und hat lange an staatlichen Schulen als Lehrerin gearbeitet. Sie ist nach Cerbère gekommen, um das nationale Treffen des MOC (Mouvement des Objecteurs de Croissance – Bewegung der Gegner des Wachstums) zu organisieren. Sie möchte sich in Zukunft mehr in Can Decreix einbringen, doch es sei „kein Ort für Frauen, da es keine Privatsphäre gibt, kein Ort, an dem ich mich mal zurückziehen kann“.

Wir treffen sie im „La Dorade“, als wir den Text fertig stellen wollen. Auch wir sind hierher gekommen, um in Ruhe schreiben zu können. Hier gibt es zwar kein Internet, doch auch nach unserem Aufenthalt in Can Decreix fühlt es sich seltsam vertraut an, hier zu sitzen und Kaffee mit geschäumter Milch für drei Euro zu trinken.

„The very beginning“

Claude ist mit ihrem Auto von Perpignan, der nächsten größeren Stadt, gekommen. Sie zieht demnächst in eine kleine Wohnung in Cerbère, will von hier arbeiten, bevor sie in zwei Jahren in Rente geht. In Can Decreix will sie nicht leben, das sei nichts für sie. Das ist schade, denn dieser Ort kann ein wenig mehr Gemeinschaft gut gebrauchen. François und Sylvain ist das Leben in Gemeinschaft wichtig, wie sie immer wieder betonen, doch zurzeit sind sie die einzigen, die den Überblick über die Aufgaben in Can Decreix haben. Sie sind noch auf der Suche nach weiteren Menschen, die hier langfristig bleiben möchten.

Momentan fehlt jedoch ein gemeinsamer Rhythmus. Es herrscht ein reges Kommen und Gehen. Die Besprechung findet nebenbei am Essenstisch statt, einige sind dabei mit anderem beschäftigt. Das ist wohl einer Art Sommerloch geschuldet oder der stressigen Vorbereitung der Veranstaltungen in Cerbère und Leipzig. Vielleicht handelt es sich bei dem akademischen Publikum und den mangelnden Schnittstellen mit der Alltagsrealität des Industriedorfes aber auch um eine Grenze des Postwachstums. Vielleicht bestätigt sich hier der Vorwurf, Postwachstum sei elitär und auf dem sozialen Auge blind. Vielleicht, denn wie François sagt: „We are still at the very beginning“.

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