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Cerbère wächst wieder!

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Auf der Suche nach einer Zukunft jenseits des Wachstums haben wir, zwei Studierende aus Berlin, uns auf Reisen gemacht. Wir werden Orte besuchen, die bereits heute weit weg von Berlin und Brüssel gesellschaftliche Alternativen leben. Zuletzt berichteten wir aus dem Postwachstumsdorf Can Decreix.

Nach eineinhalb Wochen ruhigen Aufenthalts in Can Decreix füllt sich das kleine Grenzdorf Cerbère plötzlich. Zwei bis dreihundert militantes und Wissenschaftler_innen versammeln sich, um eines zu teilen: Das Ziel der Décroissance.

Ausgerechnet in dem abgelegenen Dorf zwischen Pyrenäen und Mittelmeer, zwischen Katalonien und Frankreich, wo bien „biäng“ ausgesprochen wird und morgen „demäng“ heißt, kommt die französische Décroissance-Szene für ein Wochenende des Austauschs, der Diskussion und der Theoriearbeit zusammen.

Trocken Brot für die Décroissance

Für uns beginnen diese „(F)estives 2014“ praxisorientiert in der Küche: Mit veganen Semmelknödeln. Ganz im Geist der Wachstumskritik bereiten wir einen Berg trockenes Brot als Abendessen für die Organisator_innen des Treffens zu. Während wir darauf warten, dass die Knödel sich an das Rezept halten und zur Wasseroberfläche aufsteigen, unterhält der belgische Musiklehrer Bernard Le Gros die französischen Köpfe des MOC mit für uns unverständlichen (Post-)Wachstumswitzen.

Das Mouvement des Objecteurs de Croissance (Bewegung der Gegner_innen des Wachstums) ist eine 2007 in Frankreich gegründete Vereinigung radikaler Wachstumsgegner_innen. Seit 2009 arbeiten sie mit der Parti Pour La Décroissance (PPLD) zusammen, die auch in der Organisation des Treffens vertreten ist: Annie Vital stellt sich uns mit der strengen und lebhaften Gestik einer erfahrenen Lehrerin als Kandidatin vor. Neben ihr und Bernard Le Gros wartet noch Michel Lepesant auf unsere Semmelknödel. Zusammen mit Annie Vital hat er die Lokalwährung La Mesure in einer Gemeinde in der Nähe von Lyon gegründet. Auch er ist Lehrer, für Philosophie. Auf der Terrasse von Can Decreix wirkt es teilweise wie ein fröhliches Treffen alternder Akademiker_innen. Im Laufe des Wochenendes lassen es die wachtumskritischen Lehrer_innen jedoch nicht an radikaler Rethorik, langjährigem politischen Aktivismus und einem Bewusstsein für die Geschichte linker Bewegungen fehlen.

So hat Michel Lepesant zusammen mit MOC-Mitstreiter Christian Sunt das manifeste antiproductiviste verfasst, das als einzige Referenz das Kommunistische Manifest von Marx und Engels zitiert. Zur Abrundung unserer Semmelknödel fischen sie Käse, Wein und frisches Brot aus einer Tasche. Alles lokal und bio selbstverständlich.

Jenseits des Kühlschranks

Am nächsten Tag schleppen wir Weintrauben, Eintopf und Brot über die Grenze in das katalanische Portbou. Dort organisieren François und Sylvain mit anderen ein Vernetzungstreffen zwischen katalanischen/spanischen und französischen Wachstumskritiker_innen. Leider hat der Rest des Organisationsteams abgesagt. Und so sind die Katalanen kaum besser vertreten als die Deutschen, also wir beide.

Das „iberisch-hexagonale“ Treffen ist ein Chaos. Zwar ist eines der Hauptthemen die Cooperativa Integral, was uns große Lust auf unser nächstes Ziel bei Barcelona macht. Als jedoch ein Teilnehmer seinen Redebeitrag groß mit den Worten einleitet, dass er weder Kühlschrank noch Auto besitze, verlassen wir die Runde und ziehen an den Strand, bevor er alle anderen nach ihrem persönlichen Beitrag fragen kann. Dort werfen sich bereits die MOC-Leute vom Vorabend in die schmächtigen Wellen des Mittelmeers.

There Is No Alternative

Das Hotel Belvédère ist eine seltsame Mischung aus rüdem Betonbau und einem auf Grund gelaufenen herrschaftlichen Schiff. In dem verlassenen Gebäude stellen sich der Ökonom Serge Latouche, der Historiker Christophe Bonneuil und unser Gastgeber François Schneider am Freitag Abend der entscheidenden Frage: Pourquoi décroître? – Warum de-wachsen?

„La décroissane est surtout un slogan provocateur“, beginnt Serge Latouche seine Antwort. Décroissance sei vor allem ein provokativer Slogan, um auf verschiedene Probleme zu reagieren. Die eingeladenen Wissenschaftler nennen derer viele, wie die ökologische Krise, die Dominanz einer überkomplexen Technik, die Überproduktion unnützer Güter, die Ungleichverteilung der Ressourcen und die Unterdrückung der Menschen als Lohnarbeitende und in die Frustration getriebene Konsument_innen.

Vor allem scheint die Décroissance aber eine Kritik an der linearen Konzeption der Moderne zu sein; eine Absage an die Idee des technischen Fortschritts, der erzwungenen Entwicklung in Richtung Kapitalismus und westliche Demokratie, und der Notwendigkeit des Wirtschaftswachstums.

Die vielfältigen Antworten auf die Frage des Abends fasst ein Zuhörer treffend zusammen, indem er ausgerechnet die Iron Lady des Neoliberalismus, Margaret Thatcher, zitiert: „There is no alternative“. Tatsächlich zeigt das folgende Gelächter die Einigkeit der Anwesenden in diesem Punkt: Die Décroissance kommt so oder so, entweder als Desaster, wie es die wirtschaftliche Krise in Europa aufzeigt, oder als gestaltete Revolution.

„Der Produktivismus produziert vor allem Zerstörung“

Während für François Schneider die Décroissance ein Nein darstellt, dessen positive Forderungen erst im Dialog bestimmt werden müssen, sind diese für die Akivist_innen von MOC bereits klar: Der „Produktivismus“ muss als Wurzel des Kapitalismus beseitigt werden.

Dafür müsse die produktive Arbeit massiv heruntergefahren und die soziale Nützlichkeit als Leitidee der Produktion durchgesetzt werden. So bleibt Vollbeschäftigung trotz der geforderten Reduktion des Konsums ein politisches Ziel. Zudem fordert die Bewegung mit dem Schneckenlogo die Relokalisierung der globalen Wirtschaftskreisläufe und die Begrenzung komplexer Technik. Auch öffentliche Güter und Dienstleistungen wie Wasser, Boden oder medizinische Versorgung sollen in die selbstverwaltete Hand lokaler Gemeinschafen übergehen. Um Selbstverwaltung zu ermöglichen und im Einklang mit den Ökosystemen zu leben, sei nicht nur eine individuelle Simplicité, die Vereinfachung des Lebensstils, sondern auch eine Vereinfachung der Gesellschaft notwendig.

„Der Produktivismus zeigt sich heute in der gelungensten Form des Kapitalismus. … Er reduziert die gesamte Bevölkerung der Welt auf die doppelte Beherrschung durch die Märkte, als Produzent_innen entfremdet durch den Arbeitsvertrag, als abhängige Konsument_innen in eine Situation der Frustration gesetzt.“ – Manifeste Antiproductiviste

Neue Ideen erwarten die MOCs weniger durch technischen und wissenschaftlichen Fortschritt, als durch das praktische Wissen der Menschen vor allem aus nicht kapitalisierten Kontexten. Zwar erscheint es sinnvoll, in Zeiten von Atom-GAUs und Klimaerwärmung die Dominanz westlicher Wissensarten zu hinterfragen. Zumindest im Falle einer Karikatur, die auf einem Info-Tisch der Veranstaltung zu sehen ist, schlägt es jedoch in eine problematische Idealisierung und Exotisierung von Lebensweisen in „Afrique“ um: Ein weißes Kind sitzt Fontänen heulend inmitten eines Haufens von neuwertigem Spielzeug, während ein schwarzes Kind in Unterhose mit einem selbst gebastelten Spielzeug lachend zwischen Lehmhütten und Bäumen umherrennt.

Tanzend auf der Suche nach dem Gleichgewicht

Nach der Debatte, in der sich im Grunde alle einig sind, setzen die Freund_innen der Schnecke ihre theoretischen Überlegungen in die Praxis um. Im Hotel Belvédère betreiben sie mithilfe eines Akkordeons und französischer Folkmusik die Relokalisierung der Musik und des Tanzes.

Vor allem der Bourrée gefällt uns. Er ähnelt dem Versuch eines Haufen Betrunkener, mit möglichst kleinen Schritten möglichst schnell aneinander vorbei und umeinander herum zu fallen, ohne tatsächlich zu fallen. Die Beine scheinen dem kippenden Oberkörper ständig hinterher zu tänzeln; ein Zustand des permanenten Ungleichgewichts. Ein ungewöhnlicher Tanz für Menschen, die im Grunde eine Anpassung an das Gleichgewicht der Ökosysteme fordert. Oder ein geradezu außergewöhnlich passender Tanz, wie uns der Akkordeonist erklärt: Der Tanz sei eine permanente Anpassung der Tanzenden an das Gleichgewicht der Gruppe.

Das gute Gewissen

Am letzten Tag der (F)estives schälen sich die Konfliktlinien der Bewegung heraus. Inwiefern ist Technik und das Wissenschaftssystem Teil des Problems und inwiefern Teil der Lösung? „Die Technik ist keine Lösung für die Probleme der Technik“ ist ein Satz, dessen Interpretation fast zu persönlichen Anfeindungen führt.

Auch das „Tabu der Demografie“, womit eine angenommene Überbevölkerung thematisiert werden soll, führt zur Debatte. Leider bekommen wir nicht viel davon mit. Bei gekommener Gelegenheit pöbeln wir dennoch vorsichtshalber auf Zetteln gegen die Annahme einer Überbevölkerung und verweisen darauf, dass es wohl eher ein Problem der Verteilung von Ressourcen gäbe.

Die größte Diskussion löst jedoch einer der wenigen jungen Aktivisten aus. Als er von der Bedeutung des Verhaltens und Konsums jedes einzelnen für eine gesellschaftliche Transformation spricht, springt Annie Vital sichtlich erregt auf: Der Individualismus sei ein Projekt des Kapitalismus und jegliche substantielle  Veränderung müsse damit brechen. Eine andere Frau springt ihr zur Seite und verweist darauf, wie ökologische, faire und sogar wachstumskritische Konsumbedürfnisse durch Unternehmen bedient und genutzt würden. „Je ne suis pas dans la bonne conscience, je suis dans la lutte!“ (Ich habe kein gutes Gewissen, ich kämpfe!), verkündet sie unter Applaus. Was eine weitere Teilnehmerin nicht daran hindert, provokativ zu fragen, wer der Anwesenden denn noch Auto fahre oder ein Handy besitze.

Die (neuen?) Fronten: Umwelt, Identität und Konsum

Das Wiedererstarken der Wachstumskritik und deren Umsetzung in radikale politische Bewegungen erscheint uns eine Reaktion auf offen stehende Fragen zu sein, die weder die Institutionen der westlichen Demokratien und des Kapitalismus noch die traditionelle Linke ausreichend beantworten konnten: Wie kann die Zerstörung der Umwelt verhindert werden? Auf welchem Weg kann eine sinnvolle Identität abseits von Konsum und Karriere gestaltet werden? Und wie kann der Konsum als schwarzes Loch der Wirtschaft in eine kritische Gesellschaftsanalyse einbezogen werden?

Auch wenn der Eindruck verbleibt, einem rhetorisch glanzpolierten Aufstand der Alten und Lehrer_innen beizuwohnen, ist die Linie des MOC radikal. Sie gehen über die Forderungen der „wissenschaftlichen Linken“ hinaus, indem sie nicht nur eine Umverteilung der Ressourcen fordern. Mit der Wendung gegen den „Produktivismus“ wird auch das Aufbrechen der auf Konsum beruhenden Identitäten und somit der „künstlichen“ Bedürfnisse zum politischen Ziel.

Die Abschlussdebatte tönt noch in unseren Köpfen, als wir das Wochenende am Strand von Cerbère ausklingen lassen. Die lokale Bevölkerung hat mit einigen wenigen Tourist_innen wieder das Stadtbild übernommen: Nach der Abreise der Wachstumsgegner_innen ist Cerbère wieder zu der gewohnten Größe geschrumpft.

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