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Wie wollen wir leben? Die größte Herausforderung auf dem Postwachstumsweg!

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Es ist erstaunlich, wie das ,W‘-Wort immer noch als die Lösung aller Probleme betrachtet wird. Aus der europäischen Krise führt uns anscheinend nur noch mehr Wachstum.

Gegen den Wachstumsoptimismus sprechen nicht so sehr absolute ökologische Grenzen. Nicht, dass es sie nicht gebe! Aber sie sind offensichtlich noch ausdehnbar genug, um an einen mittelfristigen Machbarkeitspfad durch ein bisschen mehr Effizienz zu glauben. Der Kern des Problems ist heute nicht per se, ob wir überhaupt noch wachsen KÖNNEN, d.h. ob der eingeschlagene Wachstumspfad der Industrieländer nach wie vor aufrecht erhalten werden kann, sondern vielmehr, um welchen Preis und auf wessen Kosten.

Es geht um viel: neben der wesentlichen Frage unseres Natur-Gesellschaft-Verhältnisses geht es um die Gerechtigkeit gegenüber künftigen Generationen bzw. unter den heute lebenden auf dem Planeten.

Dabei geht es nicht bloß um die Sicherstellung wesentlicher Bedingungen menschlichen Überlebens, sondern auch und vor allem um die Grundlagen für die Verwirklichung eines GUTEN Lebens.

Fragen des GUTEN LEBENS werden insbesondere hier bei uns als Lebensstilfragen behandelt: jedeR Einzelne kann sich für einen nachhaltigen Lebensstil entscheiden und somit seine/ihre Freiheit walten lassen. Suffizienz als eine der Leitlinien einer nachhaltigen Entwicklung wird somit auf die private Entscheidung einzelner Individuen zurückgeführt, die ihrer KonsumentInnenmacht gebrauchen. Vor der Gefahr einer gesellschaftlichen Debatte über Modelle eines guten Lebens für alle wird zu Recht gewarnt, wenn plötzlich individuelle Lebensführung (z.B. sexuelle Orientierung) als politisch gesteuert wird.

Fragen des guten Lebens lassen sich aber nicht pauschal auf Lebensstilfragen reduzieren! Gerade die südeuropäische degrowth-Bewegung stellt Forderungen nach einem anderen Pfad zur Verwirklichung eines guten Lebens, der systemische Veränderungen notwendig macht und die Frage aufwirft, in welcher Gesellschaft wir zusammen leben wollen. Solidarische Einkaufsgruppen, Gerechtigkeitsbilanzen für Familien, Kommunen und Regionen, Relokalisierung von Produktionskreisläufen, gesellschaftliche Kontrolle über Technologien, sowie über den Zugang zu wesentlichen Lebensgrundlagen wie Wasser, stellen Forderungen für ein neues gesellschaftliches Leitbild.

Postwachstum ist weder ein Weg zum Verzicht und Askese noch eine bloße Frage der individuellen Entrümpelung oder der voluntary simplicity, wie manche fast heldenhafte amerikanische Ausstiegswege in die Wildnis manchmal verkörpern. Es geht vielmehr um andere Gesellschaftsstrukturen, die gleichermaßen kultureller wie auch institutioneller Transformationen bedürfen.

Diese ist übrigens auch keine Frage von subjektivem Glück: Glücksindikatoren statt BIP sind irreführend: subjektives Glück ist manipulierbar und von vielen Faktoren abhängig, die wenig mit Gerechtigkeit zu tun haben. So können Umfragen über individuell wahrgenommene Zufriedenheit niemals als demokratische Prozesse und Diskurse über das gute Leben gelten, wie manche zu glauben scheinen!

Die Auseinandersetzung mit der Frage ,wie wollen wir leben‘ ist die größte Herausforderung, die uns bevor steht jenseits der Rhetorik von Rio+20: Wie können wir diese Frage so angehen, dass alle Stimmen wirklich Gehör finden (globaler Norden und globaler Süden; alle gesellschaftliche Schichten, inklusive derer, die noch nicht in die Zwickmühlen der Konsumgesellschaft gekommen sind oder derer, die unfreiwillig aufgrund von Arbeitslosigkeit oder Armut daraus geschleudert wurden; jung und alt)? Wie können wir einen gemeinsamen Weg finden, ohne dass kirchenturmpolitische Lokalismen, rassistische Varianten des Bioregionalismus oder aber die unreflektierte Idealisierung von traditionellen Gemeinschaften, in denen z.B. Geschlechterverhältnisse unterdrückend sind, die Oberhand gewinnen? Mit anderen Worten, wie können wir uns auf dem Weg hin zu einer demokratischen Postwachstumsgesellschaft machen?

Barbara Muraca promovierte in praktischer Philosophie zum Thema Nachhaltigkeitstheorie. Von 2008 bis 2011 war sie wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Universität Greifswald und von 2012 bis 2014 wissenschaftliche Mitarbeiterin (Post-Doc) am DFG-Kolleg 'Postwachstumsgesellschaften' der Friedrich-Schiller-Universität Jena. Seit Januar 2015 ist sie Assistant Professor of Philosophy an der Oregon State University. Ihre Forschungsschwerpunkte umfassen Umwelt- und Nachhaltigkeitsphilosophie, feministische Philosophie, Prozessphilosophie und Postwachstumsforschung.

3 Kommentare

  1. […] Ein dritter kritisch zu betrachtender Aspekt bezieht sich auf den Vorschlag eines neuen Indikators, an dem sich die Politik ausrichten soll: dem Bruttosozialglück. Auch wenn es neben subjektiven auch objektive Glücksfaktoren gibt, ändert dies nichts an der Tatsache, dass die eigentliche Wahrnehmung von Glücksempfindungen per se subjektiv ist. So beeinflusst beispielsweise eine nicht intakte Umwelt die Lebensqualität eines Umweltaktivisten weitaus mehr als die eines Stubenhockers. Zudem kann sich eine solche individuelle Wahrnehmung im Laufe des Lebens ändern. Aus diesen Gründen ist es zweifelhaft, ob eine solch subjektive Momentaufnahme als Maßstab für unser politisches System genu…. […]

  2. „Weder der Liberalismus noch der Sozialismus vermag in seiner historischen Form (Anmerkung: darüber sind wir bis heute nicht hinaus!) die soziale Frage zu lösen. Die echte Lösung in Form der Natürlichen Wirtschaftsordnung vereinigt die berechtigten Anliegen dieser beiden Bestrebungen, nämlich die soziale Gerechtigkeit mit einem Höchstmaß an persönlicher Freiheit, schließt aber ebenso den kapitalistischen Missbrauch der wirtschaftlichen Freiheit endgültig aus wie ihre Einengung durch staatlich-bürokratische Planwirtschaft. Erst sie begründet eine wahrhaft freie Wirtschaft ohne private Vorrechte und staatliche Bevormundung, eine monopolfreie und darum auch ausbeutungsfreie Vollbetriebswirtschaft, die jedem die gleiche Freiheit und die gleichen Vorbedingungen zur Entfaltung seiner Kräfte gewährleistet.
    …Die Natürliche Wirtschaftsordnung fördert das Wohl der Gesamtheit, indem sie dem Wohl aller einzelnen dient. Daher nimmt sie dem Gegensatz zwischen Gemeinnutz und Eigennutz jenen zuspitzenden und unversöhnlichen Charakter, der nur durch die kapitalistische Entartung der liberalistischen Wirtschaft entstand. Sie beseitigt alle Monopole, ohne an ihre Stelle staatliche zu setzen, indem sie lediglich die beiden entscheidenden Monopole, nämlich das Geld- und Bodenmonopol der Kontrolle der Allgemeinheit unterstellt. Der Arbeiter braucht in dieser Wirtschaftsordnung zur Wahrung seiner Rechte weder die Hilfe des Staates noch den Schutz gewerkschaftlicher Organisationen, weil er als gleichberechtigter Vertragspartner ebenso wie der Arbeitgeber seine Bedingungen und Forderungen stellen kann. Denn die … Situation, die im Kapitalismus zu einem erpressten Vertragsabschluss mit Ausbeutung des Arbeiters … führt, erfährt einen grundsätzlichen Wandel, weil die Arbeit … in einer monopolfreien Vollbetriebswirtschaft zur gesuchtesten und daher umworbensten Mangelware wird. Daher steigt ihr Preis bis zum überhaupt möglichen Höchstwert, nämlich bis zur Höhe des vollen Arbeitsertrages auf Kosten der Kapitalrente in allen ihren Formen wie Zins, Dividende und Spekulationsgewinn.“

    Dr. Ernst Winkler (Theorie der Natürlichen Wirtschaftsordnung, 1952)

    Wer „politisch“ denkt, hat mit dem Denken noch gar nicht angefangen. Die Makroökonomie ist die Basis allen menschlichen Zusammenlebens und nicht die „hohe Politik“. Politik ist nur der Versuch, etwas „regeln“ zu wollen, was nicht geregelt werden kann, solange es sich durch das vom Kapitalismus befreite Spiel der Marktkräfte nicht selbst regelt. Grundvoraussetzung des selbständigen Denkens, sofern es das menschliche Zusammenleben im weitesten Sinne betrifft, ist die „Auferstehung aus dem geistigen Tod der Religion“.

    Gute Reise: http://www.juengstes-gericht.net

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