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Vollgeld – ein Beitrag zu mehr Nachhaltigkeit

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Umweltengagierte, die weniger Wachstum wollen, treffen sich mit Geldsystemkritikern, die in der kapitalistischen Zinswirtschaft einen Wachstumszwang am Werk sehen. Von daher wurde die Frage aufgeworfen, ob eine Geldreform, namentlich ein Übergang von Giralgeld zu Vollgeld, den Wachstumszwang aufheben würde, zumindest mit abnehmenden Wachstumsraten verträglich wäre.

Die Frage lässt sich in mehrfacher Hinsicht bejahen. Erstens wäre die umlaufende Geldmenge zinsfrei. Denn Vollgeld – kurz für ‚vollwertiges gesetzliches Zahlungsmittel‘ – würde ausschließlich von der Zentralbank als einer unabhängigen staatlichen Monetative geschöpft. Sie würde die Mittel als originäre Seigniorage dem Staatshaushalt zur Erstverwendung überlassen. Zwar kann auch in einem Vollgeldsystem neues Geld per verzinslichem Zentralbankkredit an Banken herausgegeben werden, oder per verzinslichem Investitionskredit an öffentliche Körperschaften im Rahmen der gesetzlichen Schuldengrenzen. Dies sollte jedoch nur in geringem Umfang der Fall sein, sodass man sagen kann: eine Vollgeldbasis ist im wesentlichen zinsfrei.

Zweitens wird mit einem Übergang zu Vollgeld die Giralgeldschöpfung der Banken beendet und somit auch die willkürlich überschießenden Kreditvolumina in Konjunktur- und Haussephasen. Die vorherrschende Banking-Doktrin behauptet, Bankengeldschöpfung sei nicht-inflationär, dagegen staatliches Geld, selbst wenn es von einer unabhängigen Zentralbank kommt, immer inflationär. In Wahrheit ist die Giralgeldschöpfung der Banken schon immer überaus inflationär gewesen – sei es verbraucherpreisinflationär, wie besonders in den 1960-70er Jahren, sei es assetinflationär wie seither, wo die Kredit- und Investmentbanken Mengenblasen von Finanzaktiva erzeugt haben (vor allem Staatsanleihen ‚ohne Grenzen‘, aber auch Firmenanleihen, Aktien, Derivate, Immobilienanlagen). Damit geht in vielen Fällen zugleich eine Asset Price Inflation einher, also Kurs- bzw Preisblasen. Jedenfalls, indem die prozyklisch überschießende Giralgeldschöpfung unterbunden wird, würde dadurch wachstumsforcierenden Überinvestitionen in Phasen der Hochkonjunktur ebenso vorgebeugt wie der (bis Kriseneinbruch exzessiv gewesenen) assetinflationären Kreditaufhebelung von bloßen Geldanlagen. Von daher wären durch Vollgeld Wachstumszwang und Wachstumsdrang eingedämmt.

Die Zentralbank als unabhängige Monetative soll neues Geld potenzialorientiert schöpfen, also eher restriktiv nach Maßgabe des sich real abzeichnenden Wachstums, nicht nach dem, was die Regierung oder die Banken, Investoren und institutionellen Anleger sich wünschen. Wenn es weniger Wachstum gibt, wird auch entsprechend weniger Geld geschöpft. Wenn es überhaupt kein Wachstum mehr gibt, kommt auch kein neues Geld mehr in Umlauf.

Allerdings sollte man folgendes nicht verkennen. Über die Geldschöpfung und die Erstverwendung des Geldes hinaus, würde die Allokation von Geld auch in einer Vollgeldordnung durch Darlehen (Fremdkapital) und Kapitalbildung (Eigenkapital) erfolgen, verzinslich über Geld- und Kapitalmärkte wie bisher. Insoweit wäre der unterstellte Wachstumszwang nicht beendet, nur eben eingedämmt.

Das gilt übrigens auch für ein Full Reserve System (100%-Ansätze). Vollgeld und Full Reserve (100%-Geld) unterscheiden sich in ihrer Geldkritik und der Zielsetzung der Geldmengenkontrolle kaum. Jedoch stellt 100%-Geld weiterhin ein kompliziertes Reservesystem dar, mit einem Interbankenkreislauf mit Reserven und einem davon getrennten Publikumskreislauf mit Giralgeld. Vollgeld dagegen hebt diese Spaltung auf zugunsten einer einheitlichen und einfach zu handhabenden Geldmenge.

Nun fragt sich, wie weit die These des zinsbedingten Wachstumszwangs wirklich zutrifft. Geldmengenausweitung alleine erzwingt noch kein Wachstum, ermöglicht es aber. Soweit Wachstum ausbleibt, folgt Inflation. Umgekehrt induziert Wachstum eine Geldmengenausweitung. Zwar lässt sich hypothetisch auch ein Wachstum bei konstanter Geldmenge denken, nämlich durch steigende Produktivität und geringere Preise und/oder gesteigerte Zirkulation V des vorhandenen Geldes. Zutreffend daran ist ein Stück weit der Aspekt gesteigerter Produktivität. Wie weit jedoch V (die Umschlagshäufigkeit des Geldes) eine Rolle spielt, ist unklar. V ist eine bloße Rechenresultante (BIP/M1). Was sie konkret bedeutet, vermeinen allenfalls die Auguren zu wissen. Jedenfalls folgt aus einer wachsenden Geldmenge noch kein Wachstumszwang; eher schon folgt aus einer schrumpfenden Geldmenge eine deflationäre Wirtschaftsschrumpfung – oder die Erfindung von Geldsurrogaten durch die Wirtschaftsakteure.

Der unterstellte Wachstumszwang kommt durch den Zins ins Spiel. Die Grundüberlegung ist seit jeher folgender Art: Wenn die Wirtschaft 100 Einheiten Kredit aufnimmt, auf 5 Jahre gegen 6 Prozent Zins, so müssen 100 plus 5 mal 6%, also 130 Einheiten zurückbezahlt werden. Woher nimmt die Wirtschaft die zusätzlichen 30 Einheiten, wenn sie nur 100 bekommen hat? Es gibt darauf vier Antworten:

1.  laufend noch mehr Kredit aufnehmen

2.  die Preise erhöhen (Inflation)

3.  produktives Wachstum (mehr Realeinkommen) erarbeiten

4.  laufende Arbeitseinkommen und vorhandene Vermögen umverteilen von den Schuldnern zu den Gläubigern.

Immer mehr Kredit aufnehmen war die Antwort im A+B Theorem von Douglas, dem angelsächsischen Pendant zu Gesell. Für sich alleine ist immer mehr Kredit letztlich aber keine Antwort. Denn ohne die Potenziale von Inflation, Wachstum oder Umverteilung bliebe Kreditausweitung ein bloßer Kettenbrief. Die Inflation als die älteste, quantitätstheoretische Betrachtung hat man erst wieder im Monetarismus nach Friedman in den Vordergrund gestellt. Im Unterschied dazu hat Binswanger auf das Wachstum, als Wachstumszwang und Wachstumsdrang, abgestellt. In den Zinstheorien von Marx und Proudhon wurde die Umverteilung (Aneignung) von Arbeitseinkommen zugunsten der Kapitaleinkünfte in den Mittelpunkt gestellt. Hier erscheint Zinsnehmen als soziale Ausbeutung. Das ist zumindest differenzierungsbedürftig.

Finanzdienstleistungen sind in einer modernen Wirtschaft legitim und unentbehrlich. Ohne Finanzierung läuft nichts. Der Zins ist dabei ein marktlicher Allokationsmechanismus. Die Alternative dazu besteht in einer wie auch immer gearteten Zuteilungsbürokratie. In der Zusammensetzung des Zinses lassen sich entsprechend legitime und notwendige Komponenten benennen: eine Risikokomponente wegen des Kreditausfallrisikos, eine Inflationsausgleichskomponente, nicht zuletzt die Entgeltkomponente für die Dienstleistung. Darüber hinaus kann der Zins auch eine Extraprofitkomponente enthalten. Das ist vor allem insoweit zu unterstellen, wie Finanzdienstleister gegenüber dem Publikum im Vorteil sind.

Wie aber kann man legitimen Unternehmenserlös von einem illegitimen Ausbeutungsgewinn unterscheiden? Man kann es so gut wie nie. Deshalb haben viele Ökonomen das Thema für irrelevant erklärt, zum Beispiel Hayek. Wieder andere, zum Beispiel W. Engels, haben argumentiert, wenn der Marktwettbewerb funktioniere, tendiere die Extraprofitkomponente des Zinses gegen null. Nun mag es Wettbewerb zwischen Banken zwar geben. Aber zwischen den Finanzinstituten und dem Publikum herrscht wahrlich keine symmetrische Beziehung.

In einer traditionalen, im wesentlichen stationären Wirtschaft war der Zins verboten oder geächtet oder gedeckelt. Der Grund dafür war die soziale Sprengkraft der Umverteilung durch Zins. In der modernen Wirtschaft wird die Umverteilung teils durch reales Wirtschaftswachstum (=Einkommenswachstum), teils durch Inflation kompensiert – nicht unbedingt ausgeglichen, aber doch abgemildert. Wachstum steigert Umweltprobleme, wirkt aber sozialer Ungleichheit entgegen. Stagnation bringt keine zusätzlichen Umweltbelastungen, verschärft aber soziale Ungleichheit. Der sozio-ökonomische und der ökologische Aspekt sind hier nicht reibungslos auf einen Nenner zu bringen. Und auch hier zeigt sich: ein Mechanismus, der unausweichlich mehr Wachstum erzwingt, in einem starken Sinn des Wortes, ist so nicht vorhanden, aber durchaus ein gewisser politisch-ökonomischer Druck, die Wachstumsoption zu realisieren, sofern man die Alternativen der Inflation und der Umverteilung vermeiden möchte.

Die Zinseszinsfunktion ändert die Sachlage strukturell nicht, verstärkt sie jedoch. À propos. Die exponentielle Zinseszinsfunktion ist fraglos richtig. Aber sie ist ein mathematisches Modell. Wie weit es in der wirklichen Welt zutrifft, ist eine andere Frage. Sonst hätte ja auch die neoklassische Ökonomik mit ihrem Modellplatonismus immer recht. Dabei liegt sie fast immer schief. Heute, nach 60 Jahren selten unterbrochener Akkumulation von Geldvermögen und Schulden (überwiegend Staatsschulden), wird man den Zinseszinseffekt nicht von der Hand weisen. Die wieder größer gewordene Ungleichheit der Einkommen und Vermögen ist zum Teil auf das schiere Mengenwachstum der Finanzaktiva, und zum Teil auf den daran geknüpften Zins- und Zinseszinseffekt zurückzuführen. Andererseits zeigt gerade die heutige Finanzkrise, wie die Akkumulation von Geldvermögen und Zinseinkünften in der wirklichen Welt immer wieder gebrochen und zurückgesetzt wird. Solche Krisen sind ein ungewollter, wildwüchsiger und insoweit auch unzivilisierter Bereinigungsmechanismus. Er setzt Vermögen bzw Schulden herab und bringt damit zum Ausdruck, dass die betreffenden Lasten auf Dauer nicht tragbar sind.

Was die Perspektive einer Postwachstumsgesellschaft angeht, so sind langfristig abnehmende Wachstumsraten in weiter fortgeschrittenen Ländern längst eine Tatsache. Mit zeitlicher Verzögerung wird dies dann auch für die Emerging Economies von heute zutreffen. Betrachtet man das langfristige Gesamtwachstum des Weltsystems, wie es mit dem Übergang aus traditionalen in moderne Gesellschaften verbunden ist, anhand von Sozialindikatoren wie Bevölkerung, Energieintensität, Ressourcenintensität, Einkommensniveau, lässt sich ein langfristiger Übergang zu verringerter Wachstumsdynamik ebenfalls annehmen, bei gleichwohl weitergehender Entwicklung des gesamten Weltsystems. Pfadverläufe der Sozialevolution kann man nicht einfach an- oder ausknipsen. Selbst bei künftig auch global nachlassenden Wachstumsraten ist aufgrund historisch-empirischen Curve-Fittings ein verbleibendes Gesamtwachstum für noch weitere Generationen zu erwarten. Ob das einmal in einen stationären Erhaltungszustand mündet, oder in einen weiteren transsäkularen Wachstumszyklus übergeht, das kann man hier und heute nicht wissen.

Ökologische Modernisierung kann helfen, die weitere Entwicklung umweltverträglicher zu gestalten. Ökologische Modernisierung ist kein Allheilmittel, aber doch ein wesentlicher Beitrag zur Entschärfung der Wachstumsproblematik unter Umweltaspekten. Zugleich wird bei nachlassenden Gesamtwachstumsraten die soziale Sprengkraft der hergebrachten Zinswirtschaft wieder stärker hervortreten. Es bedarf von daher also auch einer weitergehenden Modernisierung des Geld- und Finanzsystems. Die ‚Märkte‘ werden weder ein Gleichgewicht noch Grenzen finden, solange unbeschränkte Giralgeldschöpfung der Banken und auch der Zentralbanken stattfindet. Die Geldmengen müssen unter Kontrolle gebracht werden. Im Rahmen des bestehenden Giralgeldregimes (dem fraktionalen Reservebanking) ist das ausgeschlossen. Aber eine Vollgeldreform würde genau das leisten. Auch wenn es nicht gleich alle Fragen beantwortet, ein Beitrag zu mehr sozialer, ökonomischer und ökologischer Nachhaltigkeit ist Vollgeld allemal.

Joseph Huber ist emeritierter Professor für Wirtschafts- und Umweltsoziologie an der Martin-Luther-Universität Halle und Mitgründer der monetative.de. Von ihm sind umfangreiche Publikationen insbesondere zur Umweltsozialwissenschaft und dem Konzept der Ökologischen Modernisierung sowie zum Geldsystem und Vollgeld erschienen.

15 Kommentare

  1. Sehr geehrter Herr Professor Huber,

    mir ist nicht ganz klar geworden, ob Sie die These ablehnen oder doch befürworten, dass der Mehrwert, der durch den Zins entsteht, durch die Realwirtschaft erarbeitet werden muss. In den Ausführungen zum Vollgeld auf der zugehörigen Website und auch in diesem Artikel scheint mir, dass Sie zwar eine wachstumstreibende Kraft im Zins erkennen, die theoretische Grundlage wird mir allerdings nicht ganz klar, zumal Sie diese Kraft aus meiner Sicht etwas verharmlosen.

    Meiner Ansicht nach sind hierzu die Ausführungen von Dieter Suhr (http://userpage.fu-berlin.de/~roehrigw/suhr/geld_ohne_mehrwert/) sehr erhellend. Wenn aber der Zins das reale Wachstum vor sich hertreibt, wird auch eine Zentralbank als Monetative hieran nicht allzu viel ändern können, und insbesondere auch nicht an der aus meiner Sicht gravierendsten Auswirkung, des Zunehmens der Schere zwischen Arm und Reich.

    Selbst wenn in einem Vollgeldsystem die Liquiditätsprämie des Zinses in irgendeiner Weise abgebremst oder abgeschöpft würde, müsste nicht die Risikoprämie derart steigen, dass z.B. Immobilienkredite für mittlere Einkommen junger Familien unerschwinglich würden?

    Was sagen Sie zu Ansätzen wie dem von Prof. Hörmann, „Informationsgeld“ einzuführen? http://www.informationsgeld.info/ Dieses Konzept ist sicherlich weniger schnell und weniger einfach umzusetzen als Ihr Konzept des Vollgeldes. Anstatt das Geld allerdings noch wertvoller zu machen als es jetzt schon ist und es zu verstaatlichen ist hier allerdings die Grundidee, Vermögenszuwächse, die durch den unverdienten Mehrwert des Geldes entstehen, vollständig abzuschaffen und die Geldpolitik zu indvidualisieren.

    Davon unabhängig, stellt sich mir zum Vollgeld die technische Frage, wie es juristisch ermöglicht werden soll, dass Kontoguthaben den Kontoinhabern zustehen sollen „wie Münzgeld im Portemonnaie“. Eigentum (das Recht an einer Sache) und Besitz (die tatsächliche Sachherrschaft über eine Sache) können nach unserem Zivilrecht nur an körperlichen Gegenständen bestehen. Bei Aktien ist die Verwahrung durch die Bank möglich, weil sie in einem Dokument – und sei es nur eine Globalurkunde – verkörperlicht sind und der Bankkunde (Bruchteils-) Eigentümer an der Aktienurkunde wird. Müsste das gesamte zivilrechtliche Grundkonzept geändert werden oder würden Kontoguthaben dann auch in irgendeiner Weise verbrieft?

    Mit freundlichen Grüßen

  2. […] Wachstumszwänge entstehen. Als alternative Finanzordnung wird unter anderem 100%-Geld oder Vollgeld diskutiert. Am 5. Oktober organisiert die Arbeitsgruppe den Workshop „ Einhundert Prozent […]

  3. Claude-Alain Perrochet sagt am 15. Juli 2012

    @ Andreas Siemoneit

    Die Notenbank kann und soll nur den Tiefstpunkt der Zinskala im Minusbereich bestimmen. Natürlich werden und sollen sich dann in der Privatwirtschaft die Zinssätze frei bilden zwischen Angebot und Nachfrage. Und natürlich wird es Risikoprämien geben, welche die ZInssätze im Einzelnen nach oben drücken werden. Das ist auch gut so. Konsumkredite werden weiterhin teuer sein im Verhältnis zur konjunkturellen Situation.

    Gerade bei schlechter Konjunktur und drohender Deflation profitiert die Geldhaltung von einer geringen Entwertung. Also gerade dann, wenn dies am unpassendsten ist. Zudem ist von einer Inflation nicht nur die Geldhaltung bedroht, sondern jeder Nominalbetrag. Es stimmt schon, dass eine Inflation einen Druck auf die Geldhaltung ausübt, der Geldentwertung auszuweichen. Aber dieser Druck ist kaum dosierbar und zeitlich steuerbar. Ganz im Gegensatz zu einer Abgabe auf Liquidität. Weil mit einer Liquiditätsabgabe die Notenbanken die Geldmenge viel knapper halten könnten, ohne eine Deflation zu riskieren, könnte auf eine inflationäre Geldmengenvermehrung verzichtet werden. D.h. mit einer Liquiditätsabgabe sollte und könnte eine wertstabile Währung erreicht werden.

    Statt einer Vermögensobergrenze würde ich eher für eine Erbobergrenze plädieren. Konkret sollte kein Mensch mehr erben können als 40 Jahresgehälter eines Spitzenbeamten. Damit wäre der sinnlosen Akkumulation in wenigen Händen die Spitze genommen.

  4. An Claude-Alain Perrochet:

    Ich glaube, dass ich jetzt verstehe, worauf Du hinauswillst (danke für die Links in Deinem Beitrag vom 14.06.). Allerdings hat nur die Zentralbank diese Möglichkeit, der Geldmarkt wird weiterhin nach dem Prinzip von Angebot und Nachfrage agieren. Eine generelle negative Zinsskala lässt sich somit nicht verordnen. Die aktuelle geldpolitische Situation ist aber auch hauptsächlich durch Absurdität und nackte Angst geprägt, insofern halte ich einen negativen Zins nicht für ein generell taugliches Mittel.

    Ich vermute, dass das Problem eigentlich woanders liegt. Die Logik der Zinseszinsspirale funktioniert ja seit sehr langer Zeit nur deshalb, weil die Wirtschaft grundsätzlich immer gewachsen ist und mit ihr die Geldmenge. Nur in einem wachsenden System können dauerhaft Zinsen erzielt werden, die über dem reinen Verlustrisiko liegen. In einem System, welches nicht wächst, wird sich der Zins m. E. im Mittel immer so einstellen, dass er tatsächlich ein Risikoentgelt ist, mehr nicht. Ebenso werden die Anreize für Unternehmen, Kredit aufzunehmen, deutlich reduziert. Dieses Ende des Wachstums wird sich früher oder später aufgrund der Ressourcenknappheit automatisch (und schmerzhaft) einstellen, wenn die Politik dem Wachstum nicht vorher durch politische Ressourcenverwaltung ein Ende setzt.

    Dein Argument des garantierten Mindestpreises Null für Geldhaltung finde ich nicht ganz stichhaltig. Nominell stimmt das, aber Geldhaltung ist immer von Inflation bedroht, es gibt keinen wirklich garantierten realen Kapitalerhalt.

    Insofern würde ich nun sagen: Negative Zinsskala und Vermögensobergrenze widersprechen sich nicht. Das eine ist ein legitimes Steuerungselement der Zentralbanken, das andere ein Element für Umverteilung und generelle Mäßigung (Dämpfung) der überschäumenden wirtschaftlichen Energie. Übrigens überwacht das Finanzamt mit Hilfe der Geldanlageinstitute auch heute schon die diversen Anlagen von Privatpersonen bezüglich ihrer Erträge. Darin sehe ich kein prinzipielles Hindernis. Natürlich ist es aufwendig, aber das ist jedes Steuersystem, welches Steuerhinterziehung bekämpfen will.

    Herzlicher Gruß
    Andreas Siemoneit

  5. Claude-Alain Perrochet sagt am 17. Juni 2012

    @ Andreas Siemoneit

    P.S.: Kurz formuliert: Mit einem garantierten Mindestpreis von null für Ersparnisse kann der Zins als Gleichgewichtspreis zwischen Ersparnisbildung und Kreditnachfrage seine Funktion immer schlechter erfüllen, sobald sich dieser Gleichgewichtspreis null nähert (Liquiditätsfalle). Diese Blockade der Selbstregulation beim wichtigsten Preis einer Volkswirtschaft ist die Ursache für die wichtigsten Fehlentwicklungen in unserem Wirtschaftssystem.
    Mit einer Zinsskala, welche bei z.B. -6% beginnt, wird dieses Problem und alle logisch zwingend daraus ableitbaren Fehlentwicklungen beseitigt.

  6. Claude-Alain Perrochet sagt am 14. Juni 2012

    @ Andreas Siemoneit

    Der Beginn der Zinsskala soll nicht wie heute ungeachtet der Konjunktur bei null liegen, sondern die Zentralbank setzt den Preis der Liquiditätshaltung in einem negativen Bereich von etwa -12 bis -4% fest. Dies als zusätzliches geldpolitisches Instrument nebst der Geldmengensteuerung. Im Gegensatz zu heute kann sich damit die Zentralbank streng an die Einhaltung der Preisstabilität orientieren, weil sie damit Deflationsgefahren wirksam vorbeugen kann, ohne die Geldmenge erhöhen zu müssen.

    Gerade ein garantierter Mindestpreis von null für die Liquiditätshaltung verhindert beim wichtigsten Preis einer Marktwirtschaft die Selbstregulation. Marktpreise bedeuten, dass Fehlentscheidungen mit Verluste quittiert werden. Verluste sind nicht moralisch zu bewerten, sondern dienen als Information, dass eine Korrektur vorgenommen werden soll. Über den Preis als Information erfolgt letztlich die Allokation der Mittel. Wenn nun null Prozent der Mindestpreis ist für die Haltung von Liquidität, muss jeder Verzicht auf diese Sparform mit mehr belohnt werden. Damit wird das Fundament gelegt dafür, dass der Geldkreislauf, der Kreislauf der Geldflüsse zwischen Sparen, Investieren, Konsumieren und Spenden nur funktioniert, wenn sich die Ersparnisse nach dem Zinseszinsprinzip vermehren können. Spiegelbildlich müssen auch die Schulden entsprechend zunehmen bzw. in einem Vollgeldsystem die Geldmenge. Nur die Versorgung der Wirtschaft mit immer mehr neuem Geld ermöglicht eine Tilgung der Schulden samt Zins und Zinsezinsen. Dass sich Private und der Staat nicht ewig mehr verschulden können oder die Notenbank ewig einfach die Notenpresse laufen lassen kann, ist klar. Also müssen sich die Unternehmen immer mehr verschulden können in dem sie investieren. Dafür müssen sie aber immer mehr produzieren und verkaufen können.

    Bei einer Zinsskala welche z.B. bei -6% beginnt, werden Sparer das Geld den Unternehmen auch dann zur Verfügung stellen, wenn diese „nur“ den Kaufrkafterhalt der Ersparnisse garantieren. Wir weniger gespart, als Unternehmen investieren möchten, werden die Zinssätze über null ansteigen. Wird mehr gespart, als die Unternehmen an Krediten aufnehmen können, werden die Zinssätze für Kredite an Unternehmen ohne bedeutende Verzögerung bis auch unter null sinken. Da würde dann wohl weniger gespart und dafür mehr konsumiert oder gespendet werden. So kann sich zwischen Ersparnisbildung und Kreditnachfrage ohne Verzögerung und weiteren politischen Massnahmen ein Gleichgewichtszinssatz einstellen unabhängig davon, wo sich dieser auf der Zinsskala befindet. D.h. ohne „Störung“ durch eine willkürliche Untergrenze bei null. Das bedeutet aber auch, die Wirtschaft muss nicht wachsen, damit die Unternehmen genügend Zinsen zahlen können um die Sparer dazu zu bewegen, sich von ihrer Liquidität zu trennen.

    Die Einführung einer Vermögensobergrenze ist durchaus ein verteilungspolitisch sehr interessanter Ansatz. Aber damit kann wohl keine Deflation rasch und effizient verhindert werden. Wenn die Wirtschaft nicht genügend wächst, werden Unternehmen trotzdem nicht genügend Kredite aufnehmen können zu den von den Sparern verlangten Mindestzinsen. Gleichzeitig bleibt der Anreiz zum Sparen zu einem Zins von null bestehen, ungeachtet der Entwicklung des Ungleichgewichts zwischen Ersparnisbildung und Kreditnachfrage der Unternehmen. Zugegeben mit im Vergleich zu heute einer Obergrenze bei der Ersparnisbildung.

    Nun fragt sich, was letztendlich zu mehr Regulation und Eingriffe führen würde: eine Vermögensobergrenze oder die Einführung einer Liquiditätsabgabe. Ich erachte letztere als das Mittel, welches die Probleme, rein logisch abgeleitet, am saubersten und ursächlichsten zu lösen im Stande ist. Zudem würde es erlauben, auf vielen weiteren regulatorischen Eingriffen zu verzichten. Die Einführung einer Vermögensobergrenze würde bedingen, dass für jeden stets ein Vermögenssaldo erstellt wird, wobei die verschiedensten Beteiligungen und Anlagen -auch im Ausland – unter Beobachtung gestellt werden müssten.

  7. An Claude-Alain Perrochet:

    Was ich nicht verstehe: Wer steuert denn diese Zinsskala? Eine der wichtigsten Eigenschaften der Marktwirtschaft ist ihre Selbstregulierung, zumindest in den Bereichen, wo die Marktbedingungen erfüllt sind. Ich kann mir nicht vorstellen, dass diese Selbstregulierung zu negativen Zinsen führen kann. Das scheint mir doch sehr nach kleinteiliger Regulierung zu rufen.

    Meines Erachtens geht das auch einfacher: Zins (und Zinseszins) sind der Marktpreis für Kapital. Zum Problem wird das nur dann, wenn a) der Kapitalbedarf so dringend ist und b) Kapital unbegrenzt akkumuliert werden kann. Beides sind aber keine Naturgesetze.

    Ein hoher Kapitalbedarf ist das Kennzeichen der ungezügelten Wachstumsgesellschaft, wo andauernd neu (und groß) investiert werden muss, mit den bekannten Folgen des überbordenden Ressourcenverbrauchs. Wer den Ressourcenverbrauch bremst (deckelt), verringert den Kapitalbedarf (und bewirkt natürlich eine Schrumpfung der Wirtschaft, aber das ist m. E. ein wünschenswertes Ziel).

    Und wer eine Vermögensobergrenze einführt, der bekommt nicht nur den Zins in den Griff, sondern kann auch getrost auf die Erbschaftsteuer verzichten, da eine Vermögensobergrenze die Akkumulation viel direkter und wirksamer verhindert. Eine Vermögensobergrenze bewirkt leicht und elegant eine größere Verteilungsgerechtigkeit, ohne Gleichheit zu erzwingen. Sie führt zur wirtschaftlichen Mäßigung und zur „substantiellen Freiheit“ (Armatya Sen) und gibt somit auch den notwendigen Raum für kooperative und nicht gewinnorientierte Spielarten der Wirtschaft.

  8. Claude-Alain Perrochet sagt am 5. Juni 2012

    Zu H. Richgter

    Im Gegensatz zu staatlichen Umverteilungsmassnahmen ermöglicht eine Zinsskala, welche im negativen Bereich beginnt, zu jeder Zeit ohne Verzögerung die Bildung eines Gleichgewichtes zwischen den wichtigsten Geldflüssen Sparen, Investieren, Konsum und Spenden. Dies beruhend auf individuelle Entscheide ohne weitere staatliche Eingriffe. Die Wirkung ist viel unmittelbarer als wenn der Staat Umverteilungsmassnahmen ergreifen muss. Mit der Gefahr, dass volkswirtschaftlich gesehen aus politischen Gründen falsch oder zu langsam entschieden wird. Staatliche Ausgaben sind naheliegend auch meist rascher entschieden als die entsprechenden Einnahmen.

    Ohne Umlaufsicherung liesse sich zweifelsohne schon heute vieles verbessern, z.B. ersetzen der Mehrwertsteuer u.a. im Rahmen einer Vollgeldreform – welche ich unbedingt befürworte!- sowie mit der Einführung einer Tobinsteuer, einer progressiven Erbschaftssteuer bis zu einem Satz von 100%, so, dass niemand mehr als 40 Jahreseinkommen von der Höhe des bestbezahlten Staatsangestellten erben können soll. Es liesse sich noch an manchen „Schrauben“ drehen um das System zu optimieren.

    Aber keine Massnahme kann letztlich wie eine Geldumlaufsicherung verhindern, dass Sparer prinzipiell stets ein exponentielles Vermögenswachstum fordern können als Anreiz dafür, dass sie das Geld Unternehmen zur Verfügung stellen. Damit beginnen jedoch Wachstums- und Verschuldungszwang sowie Inflationsdruck. Eine Zinsskala welche unter null beginnt ist eine logisch abzuleitende Anforderung an ein Geldsystem, welches vom Prinzip her wachstums- und verteilungsneutral sein soll. Das Geldsystem hat in einer modernen Gesellschaft solch eine zentrale Bedeutung, dass hier nur das Beste gut genug sein kann und sollte. Warum sich mit einem Geldsystem begnügen, welches schon rein logisch von seiner Anlage her gravierende Auswirkungen hat? Warum sich mit Symptombekämpfung zufrieden geben, wenn es anders geht? Symptombekämpfung ist dabei nicht abschätzig zu werten – eine gute Symptombekämpfung ist besser als viel Leiden zu tolerieren. Aber es ist fast immer ratsamer, sofern möglich, bei den Ursachen anzusetzen.

  9. H.Richter sagt am 2. Juni 2012

    Zu: Claude-Alain Perrochet

    Anstelle einer Umlaufsicherung lassen sich auch andere Lösungen finden. Im Kern geht es darum, die überhöhte Ersparnis zu reduzieren und die Nachfrage nach Gütern zu erhöhen, wenn der Zinsmechanismus nicht mehr greift. Der Zinssatz sollte in diesem Fall bei 0% liegen. Die überhöhte Ersparnis tritt vorrangig bei hohen Einkommensbeziehern auf.

    Es macht daher Sinn die hohen Einkommen stärker zu besteuern und die unteren Einkommen entsprechend zu entlasten. Den unteren Einkommensbeziehern steht mehr Geld zur Verfügung, welches in den Konsum fließen sollte.

    Der Staat könnte auch die höheren Einkommen höher besteuern und das Geld für öffentliche Güter ausgeben. Möglichkeiten hierfür gibt es genug, wie z.B. Ausbau der Kitaplätze oder kostenlosen öffentlichen Nahverkehr. In diesem Fall wird das Geld in jedem Fall ausgegeben.

    Der Staat kann auch die Steuermehreinnahme verwenden, um Transferzahlungen zu finanzieren, wie z.B. höhere Berücksichtigung von Kindererziehungszeiten in der gesetzlichen Rentenversicherung.

    Eine weitere Möglichkeit besteht darin, ein Anreiz zu schaffen, mehr Einkommen auszugeben. Der Staat könnte zu allen Ausgaben einen prozentualen Zuschuss gewähren. Die Steuermehreinnahmen gibt der Staat an diejenigen zurück, die konsumieren. Die Umweltprämie (umgangssprachlich auch Abwrackprämie) war ein solcher Anreiz in Form einer staatlichen Prämie in Höhe von 2.500 Euro. Diese Prämie hatte die Nachfrage nach Autos auch tatsächlich ansteigen lassen, jedoch um den Preis einer zusätzlichen Staatsverschuldung.

    Ergebniss: Der Staat muss sich nicht verschulden, um den Nachfragemangel auszugleichen, wie es Keynes Theorie empfiehlt. Eine Umlaufsicherung ist ebenfalls nicht notwendig.

  10. Claude-Alain Perrochet sagt am 28. Mai 2012

    Der sehr lesenswerte Beitrag stellt kurz sehr vieles klar bezüglich der Funktionsweise des heutigen Geldsystems und der Vorteile eines Vollgeldes. Ein Vollgeldsystem stellt bestimmt ein wesentlicher Fortschritt dar bezüglich Geldversorgung der Gesellschaft.
    Das heutige Geldsystem wirkt aber einen viel stärkeren Wachstumszwang aus, als aus dem Beitrag hervorgeht. „Nun fragt sich, wie weit die These des zinsbedingten Wachstumszwangs wirklich zutrifft. Geldmengenausweitung alleine erzwingt noch kein Wachstum, ermöglicht es aber. Soweit Wachstum ausbleibt, folgt Inflation.“ Der letzte Satz ist der springende Punkt. Wenn Wachstum ausbleibt, folgt eher nicht Inflation, sondern viel wahrscheinlicher eine Deflation. Wenn auf fehlendem Wachstum Inflation folgen würde, dann wäre tatsächlich der Geldsystem bedingte Wachstumszwang von mässiger Bedeutung. Wenn aber fehlendes Wachstum eine Deflation auslöst, hat dies schwerwiegende sozioökonomische Folgen. Dergestalt, dass dieser Zustand der Deflation gefürchtet und unbedingt gemieden wird. Dies bedeutet aber, dass an einem Wachstum zwanghaft festgehalten werden muss. Das Problem ist weniger die Inflation, sondern dass zwischen Wachstum und deflationärer Schrumpfung ein Mittelweg kaum möglich ist.

    Dieser fehlende Mittelweg hat seine Ursache im Zinssystem bzw. in einer Zinsskala, welche bei null beginnt. Bei ungenügendem Wachstum sinkt der Anreiz, Geld zu investieren und die Möglichkeiten von Unternehmen sinken, sich zu den geforderten Zinssätzen zu verschulden. Letztlich nimmt das Halten von Liquidität, das Geldhorten, an Attraktivität zu, was eine deflationäre Abwärtsspirale auszulösen vermag.

    Die Mittel, welche heute zur Verhinderung einer Deflation eingesetzt werden, führen allesamt zu schwerwiegenden Verwerfungen, wenn die Wirtschaft nicht genügend rasch anspringt. Sowohl Geldmengenausweitung als auch Staatausgaben auf Pump lassen sich nicht ohne schwere Folgen unbegrenzt weiterführen. Es muss auf möglichst baldiges Wachstum gehofft werden. Nur Wachstum vermag die Gesellschaft vor dieser misslichen Lage zu befreien.
    Zu erwähnen ist noch ein weiterer Aspekt der Zinsproblematik, welcher Punkt 4. im obigen Beitrag betrifft: „laufende Arbeitseinkommen und vorhandene Vermögen umverteilen von den Schuldnern zu den Gläubigern.“ Bei ungleicher Vermögensverteilung sammelt sich rasch immer mehr Kaufkraft bei den Vermögenden, während sie bei den Erwerbstätigen abnimmt. Die Erwerbstätigen müssen immer mehr Güter produzieren, welche sie mit ihrer Kaufkraft nicht kaufen können, da damit die Kapitalerträge finanziert werden müssen. Aber bei den Empfänger der Kapitalerträge nimmt das Anlagebedürfnis viel stärker zu als das Konsumbedürfnis. Wer Kauft nun aber die Güter, welche die Erwerbstätigen immer mehr produzieren müssen ohne sie kaufen zu können? Wenn der Markt nicht geräumt wird, folgt eine deflationäre Abwärtsspirale. Um dies zu verhindern bestehen drei Möglichkeiten: der private Konsum auf Pump, der Staat hilft auf Pump den Markt zu räumen oder die Unternehmen investieren immer mehr (= Punkt 1 im obigen Beitrag). Letzteres bedeutet, die Unternehmen geben in der Investitionsphase mehr aus, als sie einnehmen – um später mehr einzunehmen. Dafür müssen sich aber Unternehmen wieder mehr verschulden usw. Ein Kettenbriefsystem, wie im Beitrag erwähnt. Langfristig, ohne Staatsverschuldung und inflationäre Geldmengenausweitung, kann das heutige Geldsystem aber nur so funktionieren: in dem Unternehmen sich immer mehr verschulden und immer mehr produzieren um immer höhere Kapitalerträge abliefern zu können. Es ist an der Zeit, dass dieser Wahnsinn in aller Deutlichkeit erkannt wird. Punkt 2 bis 3 zur Finanzierung der Zinsen ermöglichen nur Zeit zu gewinnen. Nur Punkt 1 kann, gebe es keine Wachstumsgrenzen (!), wirklich langfristig funktionieren.

    Aus obigen Ausführungen geht hervor, dass die Zinsproblematik viel dramatischere Auswirkungen hat als im obigen Beitrag dargestellt, insbesondere da die Problematik der Deflation nicht in Betracht gezogen wird. Und hier sehe ich auch das grösste Defizit einer Vollgeldreform, dass sie kein optimales Instrument liefert, um eine Deflation zu verhindern oder zu bekämpfen. In idealer Weise liesse sich in einem Vollgeldsystem eine Umlaufsicherung einführen. Eine Umlaufsicherung ist das überzeugendste geldpolitische Mittel gegen eine Deflation.
    Die Einführung einer Umlaufsicherung muss allerdings nicht zu Beginn einer Vollgeldreform erfolgen. Zuerst können mit dem Vollgeld Erfahrungen gesammelt werden, kann sich das System „einspielen“. Es wird aber zwangsläufig der Punkt kommen, an dem die Monetative vor der Wahl gestellt sein wird, entweder die Geldmenge zu erhöhen – und zwar über dem Mass, welches das Wirtschaftswachstum erlauben würde – oder eine Deflation in Kauf zu nehmen. Die Monetative wird nicht umhin kommen, das Schneeballsystem mit immer mehr frischem Geld zu alimentieren, soll keine Deflation stattfinden.
    Es ist aber anzunehmen, dass eine Monetative dieses Dilemma viel früher erkennen wird und viel eher zur Erkenntnis gelangen wird, dass eine Geldumlaufsicherung ein notwendiges Instrument der Geldpolitik sein muss, um ein Geldsystem zu haben, welches ohne Wachstumszwang, ohne Inflationierung und ohne Deflation auskommt.
    Eine weitere Möglichkeit ist allerdings, dass die Monetative sich weigert, die Geldmenge übe die Wachstumsrate wachsen zu lassen und eine Deflation stattfinden lässt. Dies, als selbstbereinigenden Prozess. Nur müsste die Monetative dann konsequenter Weise die Geldmenge auch reduzieren, so wie die Wirtschaft schrumpft. Dies würde sie aber politisch nicht überleben. Sie wird deshalb von ihrem Ziel wegkommen, die Geldmenge stets im Verhältnis zur Wirtschaftsleistung gleich zu halten – sofern sie keine Umlaufsicherung einführt. Damit lässt sich die Geldmenge ohne Inflations- und Deflationsgefahr knapp halten und unnötige Krisen bzw. Korrekturen, weil Zinssystem bedingt, werden ausbleiben.
    Es würde hier zu weit führen darauf einzugehen, was eine Umlaufsicherung bedeutet. Nämlich, dass dadurch letztlich die Ersparnisbildung begrenzt wird wobei gilt (bei einem Nullwachstum): Höhe der Ersatzinvestition = Summe der möglichen verlustfreien Ersparnisse. Es wird also keine illusionäre Ersparnisbildung mehr möglich sein. Würde mehr gespart, als Unternehmen an Krediten aufnehmen können, würden auf Ersparnisse im Schnitt negative Kapitalerträge resultieren. Die Konsequenzen einer Umlaufsicherung und strikter Geldmengenkontrolle einmal durchzurechnen, ist ein spannendes Unterfangen und zeigt modellhaft eine Ökonomie, welche heute Selbstverständliches – dass z.B. sparen immer gut und grenzenlos möglich sei, auf den Kopf stellt. Es ist, wie wenn man in einem Schneeballsystem drinnen steckt und realisiert, dass die versprochenen Gewinne reine Fiktion sind und letztlich nur die eigene Arbeit wertschöpfend ist. Aber damit liesse sich für eine überwiegende Mehrheit, welche nichts als die negativen Folgen hat vom heutigen Geld- und Zinssystem, besser leben als heute.

  11. Joseph Huber sagt am 27. Mai 2012

    Zu Daniel vom 9 Mai:
    Ihren Gedanken abgestufter Wachstumsparadigmen finde ich einleuchtend. Ich selbst stehe dabei mit meinem Namen für das Paradigma der Ökologischen Modernisierung, einschließlich, oder auch ergänzend, nationaler und, wo möglich, internationaler Regime des Ressourcenmanagements.

    Zu Andreas Siemoneit vom 14. Mai:
    Dass der Vollgeldansatz die Prinzipien von Wettbewerb (und Kooperation) sowie der lebenszyklischen Effizienzsteigerung in Frage stellt, sehe ich nicht. Meines Erachtens kann kein offenes, lebendiges System diese Prinzipien vermeiden ohne sich selbst zu schädigen.
    Dagegen freue ich mich, wie klar Sie erkennen, dass es sich bei Vollgeld und Monetative um eine Anwendung des freiheitlich-rechtsstaatlichen Prinzips der machtbegrenzenden Gewaltenteilung (Checks and Balances) auf das Wirtschaftssystem handelt. In der Tat könnte man sagen, es handle sich um einen ordoliberalen Ansatz.

  12. Den Vollgeld-Ansatz finde ich brillant, weil er die strukturellen Unstimmigkeiten des Geldsystems beseitigt. Er ist einfach und elegant, und schon allein das empfinde ich als starkes Indiz für seine Qualität. Allerdings bedeutet dieser Vorschlag eine Selbstbeschränkung des Systems und hat aus diesem Grund keine wirkliche Chance, solange die Paradigmen „Wettbewerb“ und „Effizienzsteigerung“ nicht in Frage gestellt werden. In diesen Paradigmen ist eine immer schärfere Ungleichverteilung gleichsam eingebaut, sie widersprechen jeder Form der Selbstbeschränkung. Ich glaube, Ihr Vorschlag mit dem Vollgeld ist viel systemkritischer, als Sie vielleicht selbst vermuten.
    Die Idee der Monetative ist die der Machtbegrenzung. Alle Gewaltenteilung versucht, Bock und Gärtner zu trennen, und es gibt keinen Grund, diese Prinzipien nicht auch im Wirtschaftsleben anzuwenden, denn Geld ist keine Privatsache. Im ureigentlichen Sinne liberale, marktwirtschaftliche Maßnahmen der Machtbegrenzung wären für mich zusätzlich zum Vollgeld:
    – Vermögensobergrenzen für Privatpersonen und Unternehmen
    – Rückbindung des Eigentums an das Leistungsprinzip (Bodenreform)
    – Produktverantwortung der Unternehmen (Lizenzen auf Rohstoffe, Rücknahmeverpflichtungen)
    Marktwirtschaft ist grundsätzlich eine sehr menschliche Form des wirtschaftlichen Austausches. Das Thema Machtbegrenzung ist aber essentiell für jede Form des sozialen Miteinander.

  13. Daniel sagt am 9. Mai 2012

    Sehr interessanter Beitrag, an dem ich besonders schätze, dass er das Geldthema nicht allein als ursächlich für die Wachstumsproblematik . Es fällt mir regelmäßig schwer, im Postwachstumsdiskurs mit Vollgeldbefürwortern zu diskutieren, die diese Problematik so sehr in den Vordergrund stellen, dass sämtliche anderen Wachstumsparadigmen in den Hintergrund rücken.

    Trotzdem und vielleicht auch nur, um mal den Finger in die Wunde zu legen: Lässt sich nicht vielleicht doch innerhalb der bisher diskutierten Wachstumszwänge und -treiber eine Abstufung vornehmen? Rein quantitativ ist das wohl nicht zu machen, aber vielleicht im Sinne von No-Regret-Pfaden?

    Sprich: Welche Wachstumsparadigmen sollten vor anderen angegangen werden, da a) ihre Lösung weniger Widerstand erwarten ließe und/oder b) ihre Lösung auch im Kontext anderer gesellschaftlicher Probleme sinnvoll wäre?

    Eine Antwort auf diese Frage würde insbesondere jenen gesellschaftlichen Akteuren helfen, denen die Wachstumsproblematik zwar offenbar ist, aber deren begrenzten (Zeit-)Ressourcen und ihre Wahrnehmung systemischer Zwänge sie bisher nicht Handeln lassen.

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