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Vollgeld – ein Beitrag zu mehr Nachhaltigkeit

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Umweltengagierte, die weniger Wachstum wollen, treffen sich mit Geldsystemkritikern, die in der kapitalistischen Zinswirtschaft einen Wachstumszwang am Werk sehen. Von daher wurde die Frage aufgeworfen, ob eine Geldreform, namentlich ein Übergang von Giralgeld zu Vollgeld, den Wachstumszwang aufheben würde, zumindest mit abnehmenden Wachstumsraten verträglich wäre.

Die Frage lässt sich in mehrfacher Hinsicht bejahen. Erstens wäre die umlaufende Geldmenge zinsfrei. Denn Vollgeld – kurz für ‚vollwertiges gesetzliches Zahlungsmittel‘ – würde ausschließlich von der Zentralbank als einer unabhängigen staatlichen Monetative geschöpft. Sie würde die Mittel als originäre Seigniorage dem Staatshaushalt zur Erstverwendung überlassen. Zwar kann auch in einem Vollgeldsystem neues Geld per verzinslichem Zentralbankkredit an Banken herausgegeben werden, oder per verzinslichem Investitionskredit an öffentliche Körperschaften im Rahmen der gesetzlichen Schuldengrenzen. Dies sollte jedoch nur in geringem Umfang der Fall sein, sodass man sagen kann: eine Vollgeldbasis ist im wesentlichen zinsfrei.

Zweitens wird mit einem Übergang zu Vollgeld die Giralgeldschöpfung der Banken beendet und somit auch die willkürlich überschießenden Kreditvolumina in Konjunktur- und Haussephasen. Die vorherrschende Banking-Doktrin behauptet, Bankengeldschöpfung sei nicht-inflationär, dagegen staatliches Geld, selbst wenn es von einer unabhängigen Zentralbank kommt, immer inflationär. In Wahrheit ist die Giralgeldschöpfung der Banken schon immer überaus inflationär gewesen – sei es verbraucherpreisinflationär, wie besonders in den 1960-70er Jahren, sei es assetinflationär wie seither, wo die Kredit- und Investmentbanken Mengenblasen von Finanzaktiva erzeugt haben (vor allem Staatsanleihen ‚ohne Grenzen‘, aber auch Firmenanleihen, Aktien, Derivate, Immobilienanlagen). Damit geht in vielen Fällen zugleich eine Asset Price Inflation einher, also Kurs- bzw Preisblasen. Jedenfalls, indem die prozyklisch überschießende Giralgeldschöpfung unterbunden wird, würde dadurch wachstumsforcierenden Überinvestitionen in Phasen der Hochkonjunktur ebenso vorgebeugt wie der (bis Kriseneinbruch exzessiv gewesenen) assetinflationären Kreditaufhebelung von bloßen Geldanlagen. Von daher wären durch Vollgeld Wachstumszwang und Wachstumsdrang eingedämmt.

Die Zentralbank als unabhängige Monetative soll neues Geld potenzialorientiert schöpfen, also eher restriktiv nach Maßgabe des sich real abzeichnenden Wachstums, nicht nach dem, was die Regierung oder die Banken, Investoren und institutionellen Anleger sich wünschen. Wenn es weniger Wachstum gibt, wird auch entsprechend weniger Geld geschöpft. Wenn es überhaupt kein Wachstum mehr gibt, kommt auch kein neues Geld mehr in Umlauf.

Allerdings sollte man folgendes nicht verkennen. Über die Geldschöpfung und die Erstverwendung des Geldes hinaus, würde die Allokation von Geld auch in einer Vollgeldordnung durch Darlehen (Fremdkapital) und Kapitalbildung (Eigenkapital) erfolgen, verzinslich über Geld- und Kapitalmärkte wie bisher. Insoweit wäre der unterstellte Wachstumszwang nicht beendet, nur eben eingedämmt.

Das gilt übrigens auch für ein Full Reserve System (100%-Ansätze). Vollgeld und Full Reserve (100%-Geld) unterscheiden sich in ihrer Geldkritik und der Zielsetzung der Geldmengenkontrolle kaum. Jedoch stellt 100%-Geld weiterhin ein kompliziertes Reservesystem dar, mit einem Interbankenkreislauf mit Reserven und einem davon getrennten Publikumskreislauf mit Giralgeld. Vollgeld dagegen hebt diese Spaltung auf zugunsten einer einheitlichen und einfach zu handhabenden Geldmenge.

Nun fragt sich, wie weit die These des zinsbedingten Wachstumszwangs wirklich zutrifft. Geldmengenausweitung alleine erzwingt noch kein Wachstum, ermöglicht es aber. Soweit Wachstum ausbleibt, folgt Inflation. Umgekehrt induziert Wachstum eine Geldmengenausweitung. Zwar lässt sich hypothetisch auch ein Wachstum bei konstanter Geldmenge denken, nämlich durch steigende Produktivität und geringere Preise und/oder gesteigerte Zirkulation V des vorhandenen Geldes. Zutreffend daran ist ein Stück weit der Aspekt gesteigerter Produktivität. Wie weit jedoch V (die Umschlagshäufigkeit des Geldes) eine Rolle spielt, ist unklar. V ist eine bloße Rechenresultante (BIP/M1). Was sie konkret bedeutet, vermeinen allenfalls die Auguren zu wissen. Jedenfalls folgt aus einer wachsenden Geldmenge noch kein Wachstumszwang; eher schon folgt aus einer schrumpfenden Geldmenge eine deflationäre Wirtschaftsschrumpfung – oder die Erfindung von Geldsurrogaten durch die Wirtschaftsakteure.

Der unterstellte Wachstumszwang kommt durch den Zins ins Spiel. Die Grundüberlegung ist seit jeher folgender Art: Wenn die Wirtschaft 100 Einheiten Kredit aufnimmt, auf 5 Jahre gegen 6 Prozent Zins, so müssen 100 plus 5 mal 6%, also 130 Einheiten zurückbezahlt werden. Woher nimmt die Wirtschaft die zusätzlichen 30 Einheiten, wenn sie nur 100 bekommen hat? Es gibt darauf vier Antworten:

1.  laufend noch mehr Kredit aufnehmen

2.  die Preise erhöhen (Inflation)

3.  produktives Wachstum (mehr Realeinkommen) erarbeiten

4.  laufende Arbeitseinkommen und vorhandene Vermögen umverteilen von den Schuldnern zu den Gläubigern.

Immer mehr Kredit aufnehmen war die Antwort im A+B Theorem von Douglas, dem angelsächsischen Pendant zu Gesell. Für sich alleine ist immer mehr Kredit letztlich aber keine Antwort. Denn ohne die Potenziale von Inflation, Wachstum oder Umverteilung bliebe Kreditausweitung ein bloßer Kettenbrief. Die Inflation als die älteste, quantitätstheoretische Betrachtung hat man erst wieder im Monetarismus nach Friedman in den Vordergrund gestellt. Im Unterschied dazu hat Binswanger auf das Wachstum, als Wachstumszwang und Wachstumsdrang, abgestellt. In den Zinstheorien von Marx und Proudhon wurde die Umverteilung (Aneignung) von Arbeitseinkommen zugunsten der Kapitaleinkünfte in den Mittelpunkt gestellt. Hier erscheint Zinsnehmen als soziale Ausbeutung. Das ist zumindest differenzierungsbedürftig.

Finanzdienstleistungen sind in einer modernen Wirtschaft legitim und unentbehrlich. Ohne Finanzierung läuft nichts. Der Zins ist dabei ein marktlicher Allokationsmechanismus. Die Alternative dazu besteht in einer wie auch immer gearteten Zuteilungsbürokratie. In der Zusammensetzung des Zinses lassen sich entsprechend legitime und notwendige Komponenten benennen: eine Risikokomponente wegen des Kreditausfallrisikos, eine Inflationsausgleichskomponente, nicht zuletzt die Entgeltkomponente für die Dienstleistung. Darüber hinaus kann der Zins auch eine Extraprofitkomponente enthalten. Das ist vor allem insoweit zu unterstellen, wie Finanzdienstleister gegenüber dem Publikum im Vorteil sind.

Wie aber kann man legitimen Unternehmenserlös von einem illegitimen Ausbeutungsgewinn unterscheiden? Man kann es so gut wie nie. Deshalb haben viele Ökonomen das Thema für irrelevant erklärt, zum Beispiel Hayek. Wieder andere, zum Beispiel W. Engels, haben argumentiert, wenn der Marktwettbewerb funktioniere, tendiere die Extraprofitkomponente des Zinses gegen null. Nun mag es Wettbewerb zwischen Banken zwar geben. Aber zwischen den Finanzinstituten und dem Publikum herrscht wahrlich keine symmetrische Beziehung.

In einer traditionalen, im wesentlichen stationären Wirtschaft war der Zins verboten oder geächtet oder gedeckelt. Der Grund dafür war die soziale Sprengkraft der Umverteilung durch Zins. In der modernen Wirtschaft wird die Umverteilung teils durch reales Wirtschaftswachstum (=Einkommenswachstum), teils durch Inflation kompensiert – nicht unbedingt ausgeglichen, aber doch abgemildert. Wachstum steigert Umweltprobleme, wirkt aber sozialer Ungleichheit entgegen. Stagnation bringt keine zusätzlichen Umweltbelastungen, verschärft aber soziale Ungleichheit. Der sozio-ökonomische und der ökologische Aspekt sind hier nicht reibungslos auf einen Nenner zu bringen. Und auch hier zeigt sich: ein Mechanismus, der unausweichlich mehr Wachstum erzwingt, in einem starken Sinn des Wortes, ist so nicht vorhanden, aber durchaus ein gewisser politisch-ökonomischer Druck, die Wachstumsoption zu realisieren, sofern man die Alternativen der Inflation und der Umverteilung vermeiden möchte.

Die Zinseszinsfunktion ändert die Sachlage strukturell nicht, verstärkt sie jedoch. À propos. Die exponentielle Zinseszinsfunktion ist fraglos richtig. Aber sie ist ein mathematisches Modell. Wie weit es in der wirklichen Welt zutrifft, ist eine andere Frage. Sonst hätte ja auch die neoklassische Ökonomik mit ihrem Modellplatonismus immer recht. Dabei liegt sie fast immer schief. Heute, nach 60 Jahren selten unterbrochener Akkumulation von Geldvermögen und Schulden (überwiegend Staatsschulden), wird man den Zinseszinseffekt nicht von der Hand weisen. Die wieder größer gewordene Ungleichheit der Einkommen und Vermögen ist zum Teil auf das schiere Mengenwachstum der Finanzaktiva, und zum Teil auf den daran geknüpften Zins- und Zinseszinseffekt zurückzuführen. Andererseits zeigt gerade die heutige Finanzkrise, wie die Akkumulation von Geldvermögen und Zinseinkünften in der wirklichen Welt immer wieder gebrochen und zurückgesetzt wird. Solche Krisen sind ein ungewollter, wildwüchsiger und insoweit auch unzivilisierter Bereinigungsmechanismus. Er setzt Vermögen bzw Schulden herab und bringt damit zum Ausdruck, dass die betreffenden Lasten auf Dauer nicht tragbar sind.

Was die Perspektive einer Postwachstumsgesellschaft angeht, so sind langfristig abnehmende Wachstumsraten in weiter fortgeschrittenen Ländern längst eine Tatsache. Mit zeitlicher Verzögerung wird dies dann auch für die Emerging Economies von heute zutreffen. Betrachtet man das langfristige Gesamtwachstum des Weltsystems, wie es mit dem Übergang aus traditionalen in moderne Gesellschaften verbunden ist, anhand von Sozialindikatoren wie Bevölkerung, Energieintensität, Ressourcenintensität, Einkommensniveau, lässt sich ein langfristiger Übergang zu verringerter Wachstumsdynamik ebenfalls annehmen, bei gleichwohl weitergehender Entwicklung des gesamten Weltsystems. Pfadverläufe der Sozialevolution kann man nicht einfach an- oder ausknipsen. Selbst bei künftig auch global nachlassenden Wachstumsraten ist aufgrund historisch-empirischen Curve-Fittings ein verbleibendes Gesamtwachstum für noch weitere Generationen zu erwarten. Ob das einmal in einen stationären Erhaltungszustand mündet, oder in einen weiteren transsäkularen Wachstumszyklus übergeht, das kann man hier und heute nicht wissen.

Ökologische Modernisierung kann helfen, die weitere Entwicklung umweltverträglicher zu gestalten. Ökologische Modernisierung ist kein Allheilmittel, aber doch ein wesentlicher Beitrag zur Entschärfung der Wachstumsproblematik unter Umweltaspekten. Zugleich wird bei nachlassenden Gesamtwachstumsraten die soziale Sprengkraft der hergebrachten Zinswirtschaft wieder stärker hervortreten. Es bedarf von daher also auch einer weitergehenden Modernisierung des Geld- und Finanzsystems. Die ‚Märkte‘ werden weder ein Gleichgewicht noch Grenzen finden, solange unbeschränkte Giralgeldschöpfung der Banken und auch der Zentralbanken stattfindet. Die Geldmengen müssen unter Kontrolle gebracht werden. Im Rahmen des bestehenden Giralgeldregimes (dem fraktionalen Reservebanking) ist das ausgeschlossen. Aber eine Vollgeldreform würde genau das leisten. Auch wenn es nicht gleich alle Fragen beantwortet, ein Beitrag zu mehr sozialer, ökonomischer und ökologischer Nachhaltigkeit ist Vollgeld allemal.

von

Joseph Huber ist emeritierter Professor für Wirtschafts- und Umweltsoziologie an der Martin-Luther-Universität Halle und Mitgründer der monetative.de. Von ihm sind umfangreiche Publikationen insbesondere zur Umweltsozialwissenschaft und dem Konzept der Ökologischen Modernisierung sowie zum Geldsystem und Vollgeld erschienen.

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