Rezensionen

Transformationsdesign. Wege in eine zukunftsfähige Moderne

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Harald Welzer und Bernd Sommer haben das Buch „Transformationsdesign. Wege in eine zukunftsfähige Moderne“ als den Auftakt einer Serie aus dem Norbert Elias Center (NEC) der Europa Universität Flensburg zum Thema Transformationen verfasst. Es positioniert sich in der Forschung zu sozialökologischen Transformationsprozessen mit einer explizit sozial- und kulturwissenschaftlichen Perspektive. Erst diese lässt es zu, so die Autoren, Gesellschaften nicht als generell gegebene Phänomene zu beschreiben, sondern als das Ergebnis von spezifischen gesellschaftlichen Entwicklungen und ihren jeweils impliziten Stoffwechseln mit der Natur. Aus diesem Verständnis heraus könnten dann auch die jeweiligen Gestaltungsmöglichkeiten für strategische Transformationsprozesse besser identifiziert und konzipiert werden.

Nach dieser Einleitung werden zwei weitere zentrale Konzepte eingeführt: als Antwort auf die nicht nachhaltigen Expansionsdynamiken des kapitalistischen Entwicklungsmodelles wird die „reduktive Moderne“ vorgestellt, deren Gestaltungsaufgabe in der Erhaltung der „erreichten zivilisatorischen Errungenschaften (…) unter den Bedingungen eines drastisch reduzierten Material- und Energieverbrauchs“ (S. 13) liegt. Dafür geeignetes „Transformationsdesign“ sei dann zunächst die Anwendung von „moralischer Fantasie und moralischer Intelligenz“ (S. 112) mit einem Fokus auf das Weglassen, das innovative Nutzen von bereits Bestehendem und die Überwindung der kulturellen Steigerungslogik.

Damit stellt sich das Buch dem Ziel einer nachhaltigen Entwicklung: heutige Bedürfnisse befriedigen, ohne die Grundlagen für zukünftige Bedürfnisbefriedigung zu zerstören. Analog der De-Growth, Postwachstums- oder Suffizienz-Ansätze grenzt es sich von der Idee der Entkopplung von Wachstum und Naturverbrauch ab.

In ihrer Kritik vorherrschender Transformationsvisionen wie grünes Wachstum, Techno-Fixe oder Inwertsetzung der Natur benennen Welzer und Sommer in bekannter Eloquenz die blinden Flecken, identifizieren paradoxe Entwicklungen (z. B., dass Sharing Economy und Open Source boomen, während viele öffentliche Räume und Güter privatisiert werden) und erfolglose Praktiken (z. B. das „Mitnehmen“ der Bürger/innen in Entscheidungen wie die Umgestaltung öffentlicher Räume, die ohne ihre vorherige Konsultation bereits getroffen wurden).

Ähnlich wie in der Arbeit von FuturZwei werden auch individuelle Beispiele geschildert, in denen Menschen reduktiv und reflexiv Transformationsdesign betreiben und z. B. den materiellen Ursprung von Produkten ausdrücken, anstatt ihn zu verstecken oder die sozial-kulturellen Funktionen und Routinen anerkennen und in die Umnutzung oder Umgestaltung von Dingen oder Orten einbeziehen. Immer wieder finden sich kurze Exkurse zu ausgewählten Begrifflichkeiten und Konzepten sozial- und kulturwissenschaftlicher Denker/innen und in Interviews zu ihrem Verständnis von Transformationsdesign kommen Praktiker/innen wie Expert/innen zu Wort.

So ist das Buch unterhaltsame populärwissenschaftliche Kost und es werden auch nachhaltigkeitsbeschlagenen Leser/innen immer wieder neue Blickwinkel eröffnet. Besonders der Appell, vor der Lösungssuche immer wieder die Frage zu stellen, worum es eigentlich geht, erscheint so banal wie häufig vergessen. Und doch stellt sich auch nach der Lektüre des Buchs genau diese Frage.

Denn es werden die Erkenntnisse aus großen sozialwissenschaftlichen Fragestellungen als lückenfüllend angepriesen (Was sind Triebkräfte gesellschaftlicher Entwicklung? Welche Rolle spielen einzelne Akteure in gesellschaftlichem Wandel? etc. S. 95) – aber dann nicht wirklich angewandt. Das Buch bleibt eine kursorische und anekdotische Aneinanderreihung von Ideen und Ansätzen, ohne dass ausgewählte Theorien differenziert, geschweige denn kritisch diskutiert eingeführt würden (10 Seiten für die großen Fragen). Kausalitätsannahmen bzw. Strategien für die „tief greifende Transformation der materiellen, institutionellen und mentalen Infrastrukturen“ (S. 170) werden nicht abgeleitet.

Den Vorwurf vorwegnehmend, dass nur einzelne nette Beispiele noch keine Systeme verändern, wird darauf verwiesen, dass „Gesellschaftsdesign“ ja ganz andere Dimensionen als Transformationsdesign umfasse (S. 175). Dafür gäbe es eben keine Masterpläne, sondern es bräuchte neben Argumenten und Protesten vor allem eine Heterotopie an abweichenden und Autonomie steigernden Produktions- und Reproduktionsprozessen. Davon werden dann einige kurz beschrieben, wie z. B. Transition Towns, Gemeinwohlökonomie oder Commons. Eine Übereinstimmung ihrer jeweiligen moralischen Fantasie mit der einer reduktiven Moderne wird aber  nicht nachgezeichnet. Auch wird nicht angedeutet, wo nun das Transformationsdesign von Praktiken endet und größeres Gesellschaftsdesign beginnt.

Dieses wären aber wichtige analytische Schärfungen gewesen und ein Beitrag zu den wissenschaftlich durchaus differenziert geführten Diskursen um Bedingungen und Formen des „Scalings“ von Nischen-Lösungen. Auch existieren in der sozialwissenschaftlichen Transformationsforschung durchaus Heuristiken und dynamische Modelle, die komplexe und damit nicht-lineare Systemveränderungen zwar nicht prognostizieren, aber in ihrer Musterhaftigkeit beschreiben. Die Bewegung und Forschung um Social Labs z. B. nutzt sie für das Experimentieren mit dem Design von transformativen Prozessen und Innovationssystemen. Denn selbst wenn neue Pfade „nicht theoretisch oder abstrakt, sondern nur praktisch erschlossen werden“ (S. 174), so werden strategische Kausalitätsüberlegungen spätestens bei der „Politisierungsgymnastik, die einen besser werden lässt im Abweichen“ (ibid.) unausweichlich.

Dieser wird in dem Buch eher durch Polemisierung zugearbeitet, denn immer wieder werden Unzulänglichkeiten der „nicht-reflexiven Moderne“ genüsslich vorgeführt, gelegentlich auch durch eine verkürzte Darstellung. Umgekehrt sind die Ausführungen der Autoren aber auch nicht immer widerspruchsfrei. So wird z. B. mangelnde Genealogie kritisiert und selbst kein Wort darauf verwendet, wie und wo die Expansionskultur ihren Ursprung fand und unter welchen Bedingungen. Oder Bildung für nachhaltige Entwicklung wird als Schaffung unproduktiver „Reflexionsarenen“ diskreditiert ohne zu erläutern, wie denn die reflexiven Transformationsdesigner zu ihrem Wissen gelangt sind.

Im Ergebnis ist das Buch ein toller Fundus an kritisch beleuchteten Ideen und macht Spaß zu lesen. Aber es wirkt wie nicht entschieden zwischen Konzeptentwicklung aus sozialwissenschaftlicher Theorie (Transformationsdesign), Synthese der kritischen sozial-ökologischen Transformationsforschung (reduktive Moderne), und Allgemeinbildung mit süffisanter Provokationsrhetorik. Mit dem Anspruch der Reduktion ist es also instinktsicher: weniger und dafür vertiefend wäre meines Erachtens auch hier mehr gewesen; die Frage nach dem Ziel vorausgestellt. Mein Wunsch für die nächsten Bücher ist die Vertiefung von Transformationsdesign.

 

Sommer, Bernd / Welzer, Harald. 2016. Transformationsdesign. Wege in eine zukunftsfähige Moderne. München: oekom Verlag.

 

Diese Rezension wurde in der Print-Ausgabe der Ökologisches Wirtschaften 4/2017 veröffentlicht.

Als Generalsekretärin des Wissenschaftlichen Beirats der Bundesregierung Global Umweltveränderungen (WBGU) arbeitet Maja Göpel an der Schnittstelle zwischen Wissenschaft und Politik zum Thema Nachhaltigkeitstransformationen. Neben Vernetzungsarbeit, Vorträgen und Managementaufgaben kann sie hier ihre Arbeit zu Gesellschaftstransformationen, Zukunftsgerechtigkeit und neuen Wirtschaftsmodellen fortsetzen, die sie als Leiterin des Berliner Büros des Wuppertal Instituts entwickelt und in dem Buch The Great Mindshift (Springer 2016) zusammengefasst hat. Maja Göpel ist eine umsetzungsinteressierte Wissenschaftlerin, die während Medien-Diplom und Doktorarbeit in Politischer Ökonomie für diverse NGOs zu Welthandel, Klimawandel und Nachhaltiger Entwicklung gearbeitet und dann 6 Jahre federführend am Aufbau des World Future Council in Hamburg und Brüssel mitgewirkt hat. Sie ist Hochschuldozentin und Mitglied des Club of Rome, der Balaton Group und des Deutschen Sustainable Development Solutions Network sowie im Beirat der Generationenstiftung, der Stiftung Entwicklung und Frieden und diversen Forschungsprojekten. Ihre Töchter sind 6 und 3.

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