Standpunkte

Mit Divestment zu einer Postwachstumsgesellschaft?

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Wenn es falsch ist, das Klima zu zerstören, dann ist es falsch von dieser Zerstörung zu profitieren. An diesem Konzept setzt die Strategie Divestment (Desinvestition) an. Einfach gesagt ist Divestment das Gegenteil einer Investition. Es bedeutet, dass man sich von Aktien, Anleihen oder Investmentfonds trennt, die unökologisch oder unter ethischen Gesichtspunkten fragwürdig sind. Investitionen in fossile Brennstoffe stellen ein Risiko für den Planeten und unsere Gesellschaft dar – darum ruft Fossil Free sämtliche Institutionen dazu auf, ihr Vermögen aus diesen Unternehmen abzuziehen.

Unsere Ziele

Unser langfristiges Ziel ist es, dass mindestens 80% der bekannten Kohle-, Öl- und Gasreserven im Boden bleiben, da wir sonst auf einen unaufhaltbaren, katastrophalen Klimawandel über 2°C zusteuern würden. Es gibt viele Wege und taktische Mittel, um dieses Ziel zu erreichen. Eines davon ist Divestment. Obwohl es konkret auf finanzieller Ebene wirkt, liegt die Stärke der Kampagne auf der gesellschaftlichen Ebene. Die fossile Industrie wird mit jeder öffentlich hör- und sehbaren Divestment-Kampagne und mit jedem Divestment-Erfolg – und sei er noch so klein – stigmatisiert. So entziehen wir dieser klimaschädlichen Industrie ihre gesellschaftliche Akzeptanz. Der politische Einfluss der Industrie wird folglich geschwächt und damit der Weg für Klimaschutz geebnet, den die Industrie mit ihrer Macht seit Jahren so erfolgreich blockiert.

Wir haben klare Kampagnenziele, die uns dieser Vision näher bringen: Wir fordern, dass Entscheidungsträger/innen öffentlicher Institutionen mit sofortiger Wirkung sämtliche neue Investitionen in fossile Brennstoffe stoppen und sich darüber hinaus von ihren bestehenden Kapitalanlagen fossiler Brennstoffe sobald wie möglich, spätestens aber innerhalb der nächsten fünf Jahre trennen. Dazu gehören Aktien, Mischfonds, Anleihen, Beteiligungen und sonstiges Kapital über das die jeweilige Institution Verfügungsgewalt hat.

Das Fossil Free Netzwerk konzentriert sich bei seinen Forderungen auf 200 börsennotierte Unternehmen, die im Besitz des Großteils der verzeichneten Kohle-, Öl- und Gasreserven sind. Darüber hinaus plädieren wir für Divestment aus Atomkraft und anderen unethischen Industrien.

Wachstumszwang überwinden durch Divestment?

Ich muss ehrlich sagen: Diese Frage bringt meinen Kopf immer wieder zum Rauchen. Wenn Divestment zu einer post-fossilen Gesellschaft beiträgt, heißt es dann automatisch, dass diese Gesellschaft sich von den Wachstumszwängen befreien kann? Oder wird eine post-fossile Ökonomie nach genau denselben Maßstäben Wachstum und ungesteuertes Profitdenken funktionieren? Ich befürchte ja.

Grünes Wachstum wird von vielen der Mächtigen beschworen. Auch Bürger/innen aus jeder sozialen Schicht befürworten Grünes Wachstum. Dahinter steckt die Angst weniger zu bekommen, zu haben, sich zurück zu entwickeln, wenn Wachstum ausbleibt. Doch dieses sogenannte Grüne Wachstum wird dann weiterhin unsere Erde und ihre Kapazitäten überfordern, wird Menschen und Natur ausbeuten, wie das bisherige System.

Umso wichtiger ist es, Konzepte wie Divestment, soziale Gerechtigkeit und Postwachstum gemeinsam zu denken. Brücken zu bauen zwischen den verschiedenen Bewegungen, wie es zum Beispiel auch beim diesjährigen Klimacamp im Rheinland wieder geschehen wird. Dort trifft die Degrowth Summerschool mit der Klima- und auch Divestment-Bewegung zusammen – ein Austausch beginnt, eine Ausrichtung für gemeinsame Kampagnen wird möglich gemacht und ein Schritt hin zu einer wahrhaft gerechten und ressourcenschonenden Gesellschaft unternommen.

Wie kann mein eigenes Geld zu nachhaltigem Post-Wachstum beitragen?

Ganz einfach. Auch Dein und mein Geld „arbeiten“. Ständig. Bei der Deutschen Bank „arbeitet“ Dein Geld vielleicht für die Kohle- oder Waffenindustrie. Bei den bekannten ethisch-ökologischen Banken tut es das nicht. Bei diesen Banken spielen nicht nur ökologische, sondern auch soziale Kriterien eine Rolle; Wachstum und Rendite eine wesentlich geringere als bei den konventionellen Banken. Außerdem fördern diese Banken immer wieder Pilotprojekte, die uns zeigen, wie ein gerechteres und nachhaltigeres Wirtschaften aussehen kann. Diese Praxistests der gesellschaftlichen Transformation sind unerlässlich. Deswegen gilt, auch Dein Geld – und sei es noch so wenig –  hat die Macht, die Welt zu verändern.

Alternative Investitionen

Obwohl die Divestment-Bewegung keine speziellen Finanzprodukte empfiehlt – schließlich sind wir keine Investment-Manager- oder Finanzexpert/innen – haben wir eine Liste mit Investitionsprinzipien veröffentlicht, nach denen Institutionen ihr Geld anlegen sollten. Was nützt es dem Klima, wenn RWE, Total, BP und EXXON aus dem Portfolio rausfallen, dafür aber Gelder in die Rüstungs- und Atomindustrie gesteckt werden?

Divestment aus Fossilen? Reicht das?

Divestment aus Kohle, Öl und Gas wird nicht zwangsläufig zu einem Ende des Wachstumszwangs führen. Divestment ist lediglich eine Strategie von vielen, die wir nutzen müssen, um das Wirtschaftssystem nachhaltig umzugestalten. Dass unbegrenztes Wachstum etwas Gutes ist, gehört zu den größten Mythen unserer Zeit. Zunächst müssen wir anerkennen, dass wir auf einem endlichen Planeten leben, mit begrenzten Ressourcen. Dann können wir die notwendigen Schritte gehen, um uns von dem ungesunden Wachstumszwang zu lösen.

von

Tine Langkamp koordiniert seit zweieinhalb Jahren die Divestment-Kampagne in Deutschland. Zuvor war sie aktiv in verschiedenen Bereichen: Bildung, Flucht und Migration, Gentrifizierung, Anti-Atom-Bewegung. Sie ist überzeugte Atkivistin und glaubt, dass sozialer Wandel immer von Graswurzelbewegungen angeführt wird.

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