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Zwischen Überbewertung und Untergang

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Geht schon morgen die Welt unter oder haben wir noch genügend Zeit um in den nächsten Jahren die Weichen richtig zu stellen? Können wir eigentlich abschätzen, was auf uns zukommt, wenn wir den Klimaschutz nicht ernst nehmen und gibt es eigentlich eine prähistorische Analogie unserer aktuellen Lage? In seinem aktuellen Buch blickt der renommierte Paläoklimatologe Michael E. Mann weit zurück in die Vergangenheit. Ein Beispiel ist das sogenannte »Paläozän-Eozän-Wärmemaximum«, kurz PETM, das vor etwa 55 Millionen Jahren herrschte. Damals erwärmte sich der Planet, geologisch betrachtet, sehr schnell. Für unsere Maßstäbe sind die 170.000 bis 200.000 Jahre natürlich schon noch eine lange Zeit, gibt es unsere Art, den Homo Sapiens, ja gerade mal seit rund 300.000 Jahren. Binnen dieser kurzen Epoche gelangten vergleichsweise viel Treibhausgase, vor allem wohl CO2, in die Atmosphäre, was die hohe Geschwindigkeit der daraus resultierenden Erwärmung erklärt. Dieses natürliche Ereignis ist eine durchaus passende Analogie für das »Experiment«, das wir aktuell durchführen. Zur Orientierung: Während des PETM stiegen die globalen Durchschnittstemperaturen um etwa 5 °C, ausgehend von einer Basislinie, die bereits etwa 10 °C wärmer war als heute.

Der CDU-Vorsitzende Friedrich Merz hat kürzlich in einem Social Media Post seine Vorstellung zu Klimapolitik erklärt. Besser wäre es, so Merz, nicht zu dirigieren und bevormunden, sondern gute Rahmenbedingungen zu schaffen und Ziele zu formulieren, aber es dann den Ingenieur*innen und Erfinder*innen überlassen, wie diese Ziele erreicht werden können. Klingt irgendwie nach einem anderen bekannten Satz nachdem Klimaschutz was „für Profis“ sei. Weshalb in der Klimapolitik eigentlich ständig Ziele formuliert werden müssen erscheint insofern unklar, da es von diesen bekanntlich schon genügend gibt, allen voran das Pariser Klimaschutzabkommen, das für Deutschland verbindlich ist. Wir müssen entsprechende Anstrengungen unternehmen, um den Temperaturanstieg auf 1,5 °C über dem vorindustriellen Niveau zu begrenzen. Verlässt sie sich auf den Innovationsgeist von „Erfinder*innen und Ingenieur*innen“, dann versucht sich Politik faktisch aus der Verantwortung zu stehlen.

Das passt auch zu einem anderen Interview von Merz, dass er kürzlich in der „Zeit“ gegeben hat. Dort beklagt er eine Überbewertung des Klimaschutzes in der politischen Debatte. Besonders besorgniserregend ist dabei seine dort geäußerte Aussage, dass er das Argument, die Zeit laufe ab, in der Maßnahmen noch den nötigen Erfolg haben könnten, ausdrücklich nicht teile, denn es sei eben gerade nicht so, dass morgen die Welt untergeht. Er hat hier einen ganz anderen Zeithorizont auf und betont: „Wenn wir in den nächsten 10 Jahren die Weichen richtigstellen, sind wir auf einem guten Weg.“

Tun oder lassen

Wir leiden jedoch sicherlich nicht an einer Überbewertung des Klimaschutzes, vielmehr wird durch eine solche Rhetorik von den drängenden Problemen abgelenkt, augenscheinlich denkt man nicht an das Offensichtliche und schwebt viel lieber in einer Science-Fiction-artigen Zukunft. Dabei arbeiten schon Generationen von Erfinder*innen und Ingenieur*innen erfolgreich an einer defossilisierten Zukunft. Oder besser an einer Gegenwart, die nicht auf unendliches Wachstum einhergehend mit Ressourcenausbeutung setzt. Denn die Zukunft ist bereits gedacht und einsatzbereit. Hier muss nicht erst noch etwas erfunden werden, um sich vom jetzigen ausbeuterischen System zu verabschieden. Redet man jedoch ständig über morgen und übermorgen, dann übersieht man geflissentlich, dass weder Fusionsreaktoren, noch Wasserstoff unser gegenwärtiges Dilemma lösen werden. Das Thema Wasserstoff zu hypen ist, das ist klar ersichtlich, der Versuch, Fossilien und deren Verkaufsfirmen am Leben zu erhalten oder komplett von der Realität abzulenken. Dafür eignet sich nichts besser als die Fusionsforschung. Noch dazu gibt es immer wieder Innovationen mit nachhaltigem Charakter, was jedoch keineswegs Untätigkeit und Verharmlosung rechtfertigt.

Nachhilfe in Sachen Klimawissenschaft

Ohne jetzt allzu sehr auf die Person Friedrich Merz zu fokussieren, stellt sich immer wieder die Frage, wie es zu solchen Äußerungen, nicht zu sagen Fehleinschätzungen unserer aktuellen Lage kommt. Ist es schlichtweg Unwissen? Das könnte leicht ausgeräumt werden. Und Nein, wir sind auf keinem guten Weg! Inwiefern es möglicherweise gar schon zu spät ist, die Klimakatastrophe zu vermeiden, da kann das Buch »Our Fragile Moment«, helfen, das seit kurzem auch in einer deutschen Ausgabe (»Moment der Entscheidung«) erhältlich ist. Darin begibt sich Michael E. Mann auf die Suche nach einer Analogie für die nahe Zukunft. Der Atmosphärenforscher aus den USA unternimmt darin eine spektakuläre Wanderung durch die Erdgeschichte und vermittelt auch interessante Einblicke in die eigentlich komplexe Klimawissenschaft. Er macht dabei deutlich, dass wir nur durch das Wissen über vergangene Klimawandelereignisse ausreichend verifizierte Erkenntnisse hinsichtlich unserer Zukunft erhalten können. Wir könnten keine Prognosen erstellen, Simulationen wären reine Spekulation. Das ist keine wirklich neue Erkenntnis, aber bezogen auf die Einschätzung unserer Lage als Spezies auf dem Planeten Erde, dennoch ein wesentliches Fundament. Denn ironischerweise hat genau das, was die Menschheit jetzt bedroht, der Klimawandel, unsere Existenz erst möglich gemacht, dieser Klimawandel war allerdings kein menschgemachter. Dazu lässt er uns auch ganz praktisch an seiner interdisziplinären und selbstkritischen Arbeitsweise teilhaben. In dem er die Ursachen erdgeschichtlicher Entwicklungen reflektiert und einordnet, vermittelt er seinen Leserinnen und Lesern ein besseres Verständnis für den Einfluss des Menschen und mögliche Gefahren. Ganz pragmatisch: Um Vorhersagen treffen zu können, müssen wir in die Vergangenheit reisen, denn ohne den Blick zurück wäre es nicht möglich die Gegenwart zu verstehen.

Zitat aus dem Buch:

»Wir kehren also zu der grundlegenden Frage zurück, die dieses Buch zu beantworten versucht: Steht unser Klima bereits heute auf Messers Schneide und droht es in einer Todesspirale aus Methan und unkontrollierter Erwärmung zu kollabieren? Oder ist es widerstandsfähig genug, um die weitere Verbrennung fossiler Brennstoffe mit minimalen Folgen zu tolerieren? Die Antwort darauf ist, wie Stephen Schneider schon vor Jahrzehnten bemerkte, weder noch

Der menschliche Fußabdruck

Seinen hohen Bekanntheitsgrad verdankt Michael E. Mann zu einem nicht unwesentlichen Teil des 1999 erstmal von ihm und seinen veröffentlichten »Hockeysticks«. Die erstmalige umfassende Visualisierung des Klimawandels hat ihm aber auch immer wieder sehr viel, meist unangebrachte und unberechtigte Kritik eingebracht, nicht zuletzt ihm aber auch jede Menge Popularität beschert. In den gut 20 Jahren seitdem ist allerhand passiert, die Hockeyschlägerkurve wurde immer weiter verfeinert und kalibriert. Mittlerweile sieht sie, so Mann, mehr nach einer Sense aus, da der anthropogene Fußabdruck mit einem immer größeren Temperaturanstieg am Ende der Kurve, also unserem Heute, einhergeht.

Unabhängig davon, dass immer wieder kleine Abschnitte aus der Hockeyschlägerkurve herausgepickt werden um damit noch so absurde Thesen zu belegen, oder auch das Ganze als reine Manipulation diffamiert wird, ist in der Kurve natürlich nicht zu erkennen, was die Gründe der dort dargestellten Erwärmung sind. Folglich ist ein wichtiger Part der Wissenschaft die sogenannte Zuordnungsforschung, oder auch Attributionsforschung. Im Buch wird etwa erläutert, wie in Klimamodellen beispielsweise unterschiedliche Szenarien durchgespielt werden. In einem davon hat die industrielle Revolution und eine damit verbundene Zunahme an Treibhausgasen nie stattgefunden. Der gemessene Anstieg der globalen Durchschnittstemperatur konnte jedoch durch natürliche Faktoren, wie häufigere oder stärkere Vulkanausbrüche oder Schwankungen der Sonneneinstrahlung nicht reproduziert werden. Ganz im Gegenteil: Der Planet hätte sich ohne unser Eingreifen sogar leicht abkühlen müssen, wären ausschließlich natürliche Faktoren im Spiel gewesen.

Die Folge: Wir heben das ganze planetarische Ökosystem auf ein anderes Niveau, speziell die Meere sind hier massiv betroffen. Die Frage, ob die Erde dadurch in Richtung einer El-Niño- oder einer La-Niña-Welt driften wird, mit welcher Anhebung des Meeresspiegels zu rechnen ist und ob wir kurz vor einem möglichen Kipppunkt des Förderbandes der nordatlantischen Ozeanzirkulation, die »Atlantic Meridional Overturning Circulation«, kurz AMOC stehen, all das ist im Detail noch ungeklärt. Jedoch verstärken sich die Anzeichen, dass schon einiges im Gange ist, schließlich prognostizieren Klimamodelle schon länger eine Abschwächung der AMOC für dieses Jahrhundert, sollten wir weiterhin Kohlenstoff verbrennen und den Planeten erwärmen. Ursache dafür ist in erster Linie das Schmelzwasser des Grönländischen Eisschilds, der sich aufzulösen beginnt. Die Beobachtungen aus der Paläozeit der letzten zwei Jahrtausende deuten auch darauf hin, dass eine erhebliche Abschwächung bereits eingetreten ist. Alle diese paläoklimatischen Daten kommen zu demselben beunruhigenden Ergebnis: Die AMOC hat sich im letzten Jahrhundert so stark abgeschwächt wie nie zuvor innerhalb unserer Zeitrechnung.

Zitat aus dem Buch:

»Die paläoklimatischen Daten aus dem Erdzeitalter unterstreichen die dramatische Zunahme des Gefahrenpotenzials für die Küsten durch den Anstieg des Meeresspiegels und die Zunahme von Tropenstürmen. Und sie liefern Informationen für wichtige klimapolitische Einschätzungen, wie z. B. dem Kohlenstoffbudget, das uns bleibt, um die Erwärmung unter den gefährlichen planetarischen Schwellenwerten von 1,5 bzw. 2,0 °C zu halten.«

Wissenschaft kann nicht unpolitisch sein

Michael Mann hat immer wieder seine Stimme erhoben in der Diskussion um den Klimawandel. Er hat politisch Stellung bezogen, er hat schon einige Bücher veröffentlicht. Ein Titel zum Beispiel heißt „Propagandaschlacht ums Klima, Wie wir die Anstifter klimapolitischer Untätigkeit besiegen“. Das aktuelle Buch ist weniger politisch, es geht darin auch um das sehr wichtige Thema, dass er verhindern will, dass die Leute vor lauter Panik in Starre verfallen und nicht mehr gegen den Klimawandel so angehen, wie man gegen ihn angehen muss. Er sagt auch, dass Klimaleugner*innen in der Zahl abnehmen, aber dafür die Katastrophenprophet*innen und die Verzweifelten zunehmen und dass diese Verzweiflung auf fehlerhaften Vorstellungen beruht. Das droht zum größten Problem im Kampf gegen den Klimawandel zu werden. Deshalb hat er dieses Buch geschrieben.

Michael Mann schreibt unter anderem auch, dass Klimaschutzmaßnahmen eben nicht binär sind, es gibt nicht entweder „Erfolg“ oder „Misserfolg“. Eine bessere Analogie wäre eine gefährliche Autobahn, auf der wir unterwegs sind. Daher müssen wir die frühestmögliche Ausfahrt nehmen. Die gefährlichen Auswirkungen des Klimawandels sind, wie sich gezeigt hat, bereits zu spüren. Aber wenn wir diese Ausfahrt vom Highway der CO2-Emissionen verpassen, sind 2 °C sicherlich 2,5 °C vorzuziehen. Und sollten wir auch diese Ausfahrt nicht nehmen, sind 2,5 °C mit Sicherheit noch immer besser als 3 °C.

Daher müssen, so Mann, politische Entscheidungsträger*innen, Meinungsführer*innen und Unternehmen in die Verantwortung genommen werden. Denn obwohl die Bevölkerung selbst inzwischen mit überwältigender Mehrheit konzertierte Klimaschutzmaßnahmen befürwortet, kann sie die notwendigen Veränderungen nicht selbst herbeiführen. Wir als Individuen können zwar als Verbraucher*innen klimafreundliche Entscheidungen treffen. Aber wir können nicht die Subventionierung der Erneuerbaren Energien-Branche erzwingen oder gar die Beihilfen für die fossile Brennstoffindustrie abschaffen, einen CO2-Preis festlegen oder Großprojekte im Zusammenhang mit fossilen Brennstoffen verhindern. Nur unsere gewählten politischen Entscheidungsträger*innen sind dazu in der Lage.

Vielleicht sollten Entscheidungsträger wie Friedrich Merz mal einen Blick in ein solch interessantes Buch werfen. Denn ruhen die Hoffnungen auf Erfinder*innen, dann könnte man ironisch anmerken, dass es dann am besten solche sein sollten, welche eine Zeitmaschine möglich machen könnten, mit der wir wieder zurückkommen können um Versäumtes zu erledigen, das wir heute hätten tun sollen.

Matthias Hüttmann war nach dem Studium der Energie- und Wärmetechnik (FH) als Solarberater sowie Leiter der Presse- und Öffentlichkeitsarbeit beim Solarenergie Informations- und Demonstrationszentrum solid in Fürth tätig. Danach arbeitete er als Chefredakteur Deutschlands ältester Fachzeitschrift für Erneuerbare Energien, der SONNENENERGIE. Heute ist er Publizist, freier Journalist, Buchautor, Übersetzer und Verfasser von Fachbeiträgen. Er hat unter anderem das aktuell erschienene Buch 'Moment der Entscheidung' von Michael E. Mann ins Deutsche übersetzt.

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