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Rechte der Natur und die Wachstumskrise

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Natur und ihr ‚Vermögen‘ tauchen in unserer volkswirtschaftlichen Gesamtrechnung bisher weder als (notwendiges) Kapital noch als Produktionsfaktor auf. Natur (und ihre Produktivität) ist einfach da, wird benutzt und verbraucht.

Der Vorschlag, die Natur und ihre Produktivität als notwendige Voraussetzung für Wohlstand anzuerkennen und sie in die volkswirtschaftliche Gesamtrechnung einzubeziehen wurde unter anderem von Hans Immler diskutiert und mit interessanten methodischen Ansätzen verbunden.

Wären die Verluste an Bodenfruchtbarkeit, Mooren, gesundem Wald, sauberem Grundwasser, Flussökosystemen, Tieren und Pflanzen und die Folgen des Klimawandels für Natur und Mensch in unsere Volkswirtschaftliche Gesamtrechnung mit eingeflossen, gäbe es schon lange kein Wachstum mehr und alle hätten verstanden, dass wir so nicht weiter machen können. Weil wir den Ast absägen, auf dem unser Wohlstand beruht.

Dass die Einbeziehung der Natur positive Effekte haben kann, dafür sprechen die Erfahrungen, die mit der Nutzung des „Brutto-Ökosystem-Produktes“ gemacht wurden. Diese Methode wurde von Gretchen Daily, Inhaberin des Lehrstuhls für Naturkapital an der Stanford University in Zusammenarbeit mit Jianguo Liu, Direktor des Zentrums für Systemintegration und Nachhaltigkeit an der Michigan State University entwickelt. Sie errechnen, welchen Anteil die Natur an der Brutto-Wertschöpfung von Regionen oder Staaten hat.

Erprobt wurde das Berechnungsverfahren in der Provinz Qinghai, die der Ursprung der drei großen Flüsse Mekong, Jangtse und der Gelber Fluss ist und als „Wasserturm Chinas“ gekannt ist.  Die Bewertung belegte, dass zwei Drittel des Wohlstandes, den die Flüsse ermöglichen, nicht der eigenen Bevölkerung zugutekommen, sondern flussabwärts gelegenen Regionen.

Dies führte zu erheblichen Ausgleichszahlungen des Staates an die Provinz Qinghai, die die Ausgleichszahlungen nutzten, um geeignete Maßnahmen zu ergreifen, damit die Region auch in Zukunft als „Wasserturm“ dem Land dienen kann.

Inzwischen soll China dieses Bewertungsverfahren in seiner Planung für alle Provinzen übernommen haben. Da die Transfergelder tatsächlich genutzt wurden, um die Produktivität der Natur dauerhaft zu erhalten und zu steigern, verdient das gewachsene Brutto-Ökosystem-Produkt der Region Qinghai tatsächlich das Prädikat „nachhaltiges Wachstum“ und könnte auch eine Blaupause sein für ein „grünendes Wachstum“, das diesen Namen verdient.

Was ändern die Rechte der Natur?

Die weltweite Bewegung, die sich für die Rechte der Natur einsetzt, legt großen Wert darauf, dass die Anerkennung des ökonomischen Wertes der Natur allein nicht reicht. Es geht um Grundsätzliches, um einen echten Paradigmenwechsel.

Die Rechte der Natur anzuerkennen bedeutet: Die Natur hat einen vom Menschen unabhängigen Eigenwert und wir sind bereit, die Interessen der Erde und ihrer Ökosysteme zu berücksichtigen.

Wenn wir anerkennen, dass die Natur – Wälder, Ozeane, Berge – einen Eigenwert und eine eigene Würde besitzt, ist die Anerkennung von Eigenrechten selbstverständlich.

Die Rechte der Natur anzuerkennen bedeutet, dass wir bereit sind im Einklang mit der Natur zu leben. Daraus ergibt sich, dass die Natur in all ihren Formen ein Recht auf Existenz, Wiederherstellung und Entwicklung (Evolution) hat und ein Recht, gehört zu werden. Wie alle anderen Rechtssubjekte (Kinder, Unternehmen) auch, braucht die Natur im Konfliktfall qualifizierte Menschen, die vor Gericht ihre Sache vertreten.

Und so, wie es die Menschenwürde verbietet, Menschen als Mittel zum Zweck zu behandeln, sind auch die Rechte der Natur nicht mit einer Haltung vereinbar, die die Natur zum Objekt degradiert, deren Zweck es ist, den Bedürfnissen des Menschen zu dienen.

Das ändert aber nichts daran, dass es im Kontext polit-ökonomischer Diskurse (die von der Politik gerne für ihre Legitimation genutzt werden) Sinn macht, auch die ökonomische Bedeutung der Integrität der Natur (ihr Recht auf Leben und Wiederherstellung) als conditio sine qua non aller Wohlstandsfantasien zu benennen. Zumal wenn dies auf der Ebene der volkswirtschaftlichen Gesamtrechnung geschieht und wenn die Produktivität der Natur im Zentrum steht.

Es liegt auf der Hand, dass viele Vertreter*innen der ‚Rechte der Natur‘-Bewegung sich auf das Ziel ‚Donut-Economy‚ verständigt haben. Denn die Anerkennung der Rechte der Natur auf Leben und Wiederherstellung definieren zugleich den Raum und die Grenzen, die durch menschliches Wirtschaften geachtet werden müssen.

Diese Grenzen sind jedoch naturgemäß nicht statisch. Wir können diese Grenzen beeinflussen.  Sie können schrumpfen und wachsen. Man kann an und innerhalb dieser Grenzen „wachsen“ – wenn das richtige wächst. Und man kann die Produktivität der Natur wiederherstellen und fördern.

Einen spannenden ökonomischen Beitrag aus der Perspektive der Rechte der Natur wurde jüngst auch von Tilo Wesche vorgelegt. In seinem Buch „Die Rechte der Natur“ plädiert er dafür, dass die Natur Eigentum an sich selber hat und sich selber gehört. Er schlägt vor, die starke Stellung des Rechtsinstitutes „Eigentum“ zu nutzen, um Nachhaltigkeit als Voraussetzung für die Nutzung der Natur durchzusetzen.

Im Einklang mit der Natur: Die Rechte der Natur

Von der ‚Rechte der Natur‘-Bewegung, die es inzwischen weltweit gibt, können wir also viel lernen. Sie ist eng mit dem Buen-Vivir-Konzept verbunden, das in Lateinamerika seine Heimat hat. Buen-Vivir bedeutet: Im Einklang mit „Mutter Erde“ gut zu leben.

Seit Jahrzehnten kämpfen vor allem indigene Völker überall auf der Welt für den Erhalt ihres Lebensraumes und ihrer Lebensweise. Das nordeuropäische indigene Volk der Samen sind inzwischen Teil dieser weltweiten Bewegung, die von GARN, der „Global Alliance for the Rights of Nature“  vertreten wird. Und auch in Irland gibt es eine wachsende ‚Rechte der Natur‘-Bewegung, die ihren Ursprung in einem postkolonialen Denken hat.

2022 sind die Rechte der Natur in Spanien angekommen. Das Mar Menor (eine Salzwasserlagune und ihre Zuflüsse) wurden als Rechtsperson etabliert. Drei Gremien (ein Komitee, das das Mar Menor repräsentiert, eine Überwachungskommission und ein wissenschaftlicher Ausschuss) haben den Auftrag, auf die Wahrung ihrer Rechte zu achten. Mit diesem Gesetz ist Spanien ein spannendes Vorbild dafür, wie man die Rechte der Natur konkretisieren und regeln kann.

Für die ‚Rechte der Natur‘-Bewegung ist charakteristisch, dass sie das Potential hat, nicht nur Verfassungen und Rechtssysteme, sondern auch unser Denken und Fühlen zu verändern. Denn natürlich muss beides Hand in Hand gehen. Denn Menschen sind – wie die Natur – fühlende Wesen und aufeinander angewiesen.

Christine Ax ist Vorsitzende des Deutschen Netzwerkes Rechte der Natur e.V. und seit langem schon Autorin verschiedener wachstumskritischer Bücher und Texte. So hat sie in dem 2010 von Irmi Seidel und Angelika Zahrnt herausgegebenen Buch „Postwachstumsgesellschaft“ das Kapitel Bildung beigetragen. Seit den 90er Jahren sind eine Vielzahl wachstumskritischer Aufsätze erschienen und 2014 erschien das Buch „Wachstumswahn“, das sie in Zusammenarbeit mit Fritz Hinterberger im Ludwig-Verlag veröffentlichte. Christine Ax ist Gründerin des 2020 ins Leben gerufene Netzwerk Rechte der Natur www.rechte-der-natur.de.

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