Neues aus der Wissenschaft

Zeitwohlstand 4.0

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Im Zuge der Digitalisierung unserer Arbeits- und Alltagswelt verändern sich Zeitstrukturen, unser Umgang mit Zeit sowie unser Verhältnis zur Zeit gravierend. Daher ist es unumgänglich, Zeitwohlstand auch aus diesem Aspekt zu diskutieren, denn ausreichend Zeit für sich und individuelle Bedürfnisse zu haben, Zeit für und in Beziehungen, die Selbstbestimmung über die eigene Zeit sowie ausreichend entdichtete Zeiten[i] bemessen sich zunehmend an den spezifischen Zeitformen des Digitalen.

Ausreichend Zeit

Virtuelle Zeiten und reale Zeiterfahrungen ergänzen sich nicht einfach, sondern stehen miteinander im Zeit-Konflikt auf zweierlei Art und Weise: Einmal verbrauchen sie vor allem eines – unsere Alltagszeit, denn die Zahl der individuellen Nutzungsstunden im Internet ist in den letzten Jahren stark angestiegen. Zweitens ist Zeit in einer digitalisierten Welt stark fragmentiert und von ständigen Unterbrechungen in Arbeits- und Alltagstätigkeiten geprägt, die unsere Aufmerksamkeit beeinflussen. Zeitwohlstand muss um eine ausreichend zusammenhängende Zeit für eine bestimmte Tätigkeit oder Bedürfnisse und um ausreichend Zeit für reale Welterfahrungen angepasst werden.

Zeit für soziale Beziehungen

Ein großer Teil der täglichen sozialen Kommunikation findet digital statt; die digitale Kommunikation ist so selbstverständlich wie das Gespräch face-to-face geworden. Der Zeitaufwand für reale Kontakte und Geselligkeit ist gesunken, im Gegenzug dazu wird mehr Zeit im Internet verbracht, um mit Freunden und Verwandten zu kommunizieren[ii]. Digitale Kommunikation findet oft nebenher als Parallelzeitkommunikation neben anderen Gesprächen oder Tätigkeiten statt, obwohl das von den jeweiligen Kommunikationspartnern als störend oder unhöflich empfunden wird und Online-Gesprächszeiten als oberflächlicher und weniger emotional eingeschätzt werden. Private digitale Beziehungszeiten gehen über rein Privates hinaus, denn sie werden vollständig ökonomisiert, indem jegliche private Information vermarktet wird.

Zeitwohlstand heißt eine gesunde Balance zwischen digitalen und realen Zeiten sozialer Beziehungen zu finden, ausreichend störungsfreie Beziehungszeiten zu haben sowie eine Bewahrung privater Beziehungszeiten als einen kulturellen Wert an sich, die nicht der Totalökonomisierung des „Google-Auges“ unterworfen werden.

Selbstbestimmte Zeit

Digitalisierung erleichtert die Kommunikations- und Alltagsorganisation. Zeit- und Raumübergreifend ist es flexibel möglich, sich zu verabreden, Nachfragen zu stellen und erreichbar zu sein oder Informationen zu gewinnen. Diese Selbstbestimmtheit hat ein janusköpfiges Gesicht. Zeitzwänge entstehen, die eine Zeitautonomie und die Kontrolle über die individuelle Zeit konterkarieren.

Kontrolle über die Alltagszeit, über das, was wir wann, wie lange, in einer bestimmten Geschwindigkeit tun, übernehmen zunehmend mathematische Algorithmen. Digitale mobile Endgeräte sind die Zeitgeber, die die Uhren der Moderne auf einer höheren Zivilisations- und Abstraktionsstufe von Zeit ersetzen und auf Zeitdisziplinierung sowie eine höchstmögliche Leistungs- und Selbstoptimierung des Individuums zielen. Die Organisation eigener Kontakte, das Filtern von Informationen in der Welt des Digitalen oder eine digitalfreie Zeitgestaltung erfordern einen hohen Grad an Zeitkompetenz als individuelle Fähigkeit.

Entdichtete Zeiten

Digitale Zeiten sind hochverdichtete Zeiten, die durch Beschleunigung, Multitasking, Omnipräsenz, Informationsüberflutung sowie Kommunikations- und Erwartungsstress gekennzeichnet sind.

Schnelllebige digitale Technologien haben zudem einen hohen Ressourcenverbrauch. Zeitwohlstand muss sowohl auf diese Aspekte digitaler Zeit als auch auf ausreichend entdichtete Real-Zeiten z.B. in Form von Muße bestimmt werden.

Slow Media[iii] – Ein Konzept für Zeitwohlstand 4.0?

Bei Slow Media geht es darum politische, kulturelle und gesellschaftliche Lösungen für die 4. Revolution zu entwickeln. Slow Media setzt auf Nachhaltigkeit[iv] in Bezug auf die Verwendung von Rohstoffen, der Organisation von Prozessen und Arbeitsbedingungen auf deren Grundlage digitale Technologien erzeugt werden und zielt auf einen nachhaltigen Konsum durch den Nutzer.

Slow Media als theoretisches Konzept spricht individuelles Verhalten im Umgang mit den digitalen Medien, das Media-Produkt selbst und entsprechende organisatorische bzw. gesellschaftliche Strukturen an. Beispielsweise steht Slow Media für einen reflektierten und aktiven Umgang mit Medien, die nicht auf Multitasking und einen Nebenher-Konsum setzen, sondern die Konzentration, Aufmerksamkeit und den Genuss fördern und steht für langlebige Medienprodukte von hoher Qualität. Forschungsprojekte gibt es u.a. zum digitalen Arbeitsschutz oder zum digitalen Nutzungsverhalten[v].

 


[i] Die vier Komponenten von Zeitwohlstand nach Jürgen Rinderspacher; Jürgen Rinderspacher: Zeitwohlstand    – Auf dem Weg zu einem anderen Wohlstand der Nation. Vortrag. Als Aufsatz erschienen: Rinderspacher,  Jürgen P. (2012), Zeitwohlstand – Kriterien für einen anderen Maßstab von Lebensqualität. In: WISO.   Wirtschafts-und Sozialpolitische Zeitschrift (Austria) , Nr. 1/2012, S. 11-26

[ii] vgl. Freizeitmonitor 2015 und Zeitbudgetstudie 2012/ 2013

[iii] Das Slow Media Manifest ist 2010 erschienen.

[iv] Damit sind auch eng die Begriffe Ökologie der Zeit und Suffizienz verbunden.

[v] http://slow-media-institut.net/

Elke Großer ist Soziologin M.A. und Mitglied im beratenden Vorstand der Deutschen Gesellschaft für Zeitpolitik (DGfZP). Zudem ist sie Redakteurin des Zeitpolitischen Magazins. Zu ihren Forschungsschwerpunkten zählen die Bereiche Zeit und Zeitgestaltung im Alltag, Zeitwohlstand, Digitalisierung/ Mediatisierung und Zeit. Mehr Informationen sind auf ihrer persönlichen Website zu finden.

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