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Postwachstumsunternehmen als Akteure des Wandels – Interview mit Dr. Franz Ehrnsperger (Neumarkter Lammsbräu)

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ioew_RatteWelche Rolle kann und sollte kleinen und mittleren Unternehmen in den Wandelprozessen zur Postwachstumsgesellschaft zukommen? Wie sehen geeignete Unternehmensstrategien für eine nicht wachsende Wirtschaft aus? Ergeben sich aus den Transformationsprozessen gar neue Geschäftsmodelle? Im Rahmen des vom IÖW und der BTU Cottbus durchgeführten Projekts „Postwachstumspioniere – Kommunikationsprojekt zur Erweiterung des Postwachstumsdiskurses um die Rolle mittelständischer Unternehmen“ geben verschiedene postwachstumsorientierte Unternehmen Antwort auf diese Fragen. Wir setzen unsere Reihe fort mit einem Interview mit Dr. Franz Ehrnsperger, Inhaber der Neumarkter Lammsbräu.

Neumarkter Lammsbräu ist ein Familienunternehmen, das bereits früh auf eine ökologische Produktionsweise setzte. Mit über 100 Mitarbeiter/innen gehört das Unternehmen zu den führenden Bio-Brauereien. Seit 1995 ist die gesamte Produktion ökologisch nachhaltig. In dieser Nische wirtschaftet die Neumarkter Lammsbräu seither erfolgreich und fördert den ökologischen Landbau in ihrer Region. Diese regionale Einbettung und ökologische Nische ist das Erfolgsrezept der Neumarkter Lammsbräu sich im starken Wettbewerb der Brauereibranche zu behaupten.

Gerrit von Jorck: Wachstum wird in der öffentlichen Debatte noch immer häufig mit Wohlstand gleichgesetzt. Zuletzt im Europawahlkampf plakatierte die SPD „Für ein Europa des Wachstums“. Welche Bedeutung hat Wachstum Ihrer Meinung nach für unsere Gesellschaft?

Dr. Franz Ehrnsperger: Wachstum gilt nach wie vor als vorrangiges gesellschaftliches Ziel. Ehrgeiz und Erfolg werden in rein monetären Einheiten gemessen, die jedes Jahr möglichst noch größer ausfallen müssen. Das gilt für das Individuum genauso wie für die Gesellschaft: mehr Gehalt, größere Wohnung, mehr Konsum, mehr Bruttoinlandsprodukt, mehr Steuereinnahmen. Dabei gibt es viele andere Gradmesser für die Leistung einer Gesellschaft, etwa die Zahl der Menschen, die glücklich sind oder die ihre Träume verwirklichen können, die Integration und Inklusion von Mitbürgern, die die scheinbar allgemeingültigen Normen nicht erfüllen, die Qualität von Luft, Wasser und Böden und so vieles mehr.

Gerrit von Jorck: Auch Unternehmenserfolg wird häufig an Wachstum – an wachsenden Umsätzen, Mitarbeiterzahlen, Gewinnen usw. – gemessen. Was macht für Sie ein erfolgreiches Unternehmen aus und welche Rolle spielt unternehmerisches Wachstum dabei? Und: Wie definieren Sie Wachstum auf Unternehmensebene?

Dr. Franz Ehrnsperger: Ein erfolgreiches Unternehmen schaut über den Tellerrand hinaus und behält immer das große Ganze im Blick. Es nutzt die Möglichkeiten, die der Erfolg ihm verschafft, für sinnstiftendes Engagement. Für uns ist Wachstum kein Selbstzweck, sondern ein Hilfsmittel, den ökologischen Landbau weiter zu verbreiten: Wenn wir mehr Bier verkaufen, führt das dazu, dass sich mehr Bauern eine Existenz aus Ökolandbau sichern können, dass Böden verantwortungsvoll und nachhaltig bewirtschaftet werden, dass Grundwasser und Artenvielfalt geschützt werden – und davon profitiert die gesamte Gesellschaft ganz gewaltig. Gelungenes Wachstum bedeutet für uns noch bessere Produkte, zufriedene Mitarbeiter, befruchtende Zusammenarbeit mit unseren Vertragslandwirten, erfolgreiche Umweltschutzprojekte und die Überzeugung Andersdenkender.

Gerrit von Jorck: Es gibt verschiedene unternehmensinterne und unternehmensexterne Gründe, ein Unternehmen „wachstumsneutral“ aufzustellen, also die Unternehmensgröße nicht weiter zu steigern und/ oder die sozialen und ökologischen Wirkungen unternehmerischen Handelns immer weiter zu verbessern. Was hat Sie dazu bewogen, Ihrem Unternehmen Wachstumsgrenzen zu setzen? Was gilt es für Sie dabei zu begrenzen oder zu reduzieren – was soll gleichwohl gesteigert werden?

Dr. Franz Ehrnsperger: Wir leben von natürlichen Ressourcen und müssen uns diesem System anpassen, nicht umgekehrt. Bei Lammsbräu beschränken wir unsere Wachstumsmöglichkeiten zwangsläufig dadurch, dass wir beim Großteil der Rohstoffe nur mit Landwirten in der Region zusammenarbeiten: Wir können nur so viel wachsen, wie die Natur an Mehr hervorbringt bzw. wir zusätzliche Landwirte vom Ökolandbau überzeugen können. Eine weitere Selbstbeschränkung betrifft den Export: Wir exportieren nur ganz wenig, nur in wenige europäische Länder und nur unter Berücksichtigung ökologischer Kriterien – wir nehmen längst nicht alles mit, was wir bekommen könnten. Alles, was wir tun, muss letztlich positive Auswirkungen haben.

Gerrit von Jorck: Ihr Unternehmen ist in einer am Wachstum orientierten Gesellschaft tätig und steht im Wettbewerb mit anderen Unternehmen, die weiterhin an ihren Wachstumsstrategien festhalten. Wie (gut) gelingt es Ihnen, Ihr Unternehmen in diesem Umfeld so aufzustellen, dass es unabhängig von einer Orientierung am Wachstum wirtschaften kann? Welche Hürden mussten Sie nehmen und welche Herausforderungen sehen Sie für die Zukunft für Ihr Unternehmen?

Dr. Franz Ehrnsperger: Wir haben den großen Vorteil, dass wir ein gut aufgestelltes Familienunternehmen sind: Wir können unsere eigenen Richtlinien aufstellen, unabhängig von Investoreninteressen. Wir haben uns mit unserer konsequent nachhaltigen Ausrichtung in den letzten 30 Jahren eine Nische geschaffen, in der wir heute dank unseres tragfähigen Netzwerkes aus Vertragsbauern und Konsumenten gut leben können, ohne exzessiv zu wachsen – das war nicht immer so einfach. Das Schöne ist, dass die Nische immer größer werden wird, so dass auch Platz für andere ist und wir kooperativ wirtschaften können statt verdrängend.

Gerrit von Jorck: Als etabliertes an Nachhaltigkeit orientiertes Unternehmen stoßen Sie auf reges Medieninteresse. Welche Rolle spielen dabei Fragen von Wachstumsgrenzen und Regionalität? Halten Sie es für wichtig und möglich, dass Postwachstumsorientierungen von Unternehmen breit kommuniziert werden?

Dr. Franz Ehrnsperger: Wir kommunizieren diese Themen von uns aus relativ offensiv, weil wir unseren potenziellen Käufern ja erklären müssen, dass unsere Getränke „Mehr-Wert“ haben und deswegen auch etwas mehr kosten. Seitens der Medien halten sich die Nachfragen noch in Grenzen, initial geht es meist eher um klassische Wachstumsthemen wie „Lammsbräu als der größte Bio-Bier-Hersteller“. Aber da sich die Verbraucherinteressen wandeln, schlägt sich das nach und nach auch in den Medien nieder.

Gerrit von Jorck: Welchen Beitrag können kleine und mittelständische Unternehmen Ihrer Meinung nach auf dem Weg in eine sozial und ökologisch nachhaltige Wirtschaft und Gesellschaft leisten? Glauben Sie, dass Ihre Unternehmensstrategie auch auf andere Unternehmen übertragbar wäre? Wünschen Sie sich Unterstützung oder weitere Freiheiten z.B. von der Politik? Haben Sie konkrete Forderungen?

Dr. Franz Ehrnsperger: Gerade die kleinen und mittelständischen Unternehmen haben es leichter, in ihrem Wirkungskreis Veränderungen herbeizuführen. Der Einzelne verändert vielleicht nicht gleich die Welt, aber gemeinsam? Ich glaube, dass das, was wir geschafft haben, auch viele andere schaffen könnten. Man muss es nur wollen.

Die Politik könnte hier tatsächlich helfen, indem versteckte Kosten wie Umweltschäden durch Überdüngung oder belastete Abwässer künftig den Unternehmen in Rechnung gestellt würden statt der Allgemeinheit angelastet zu werden. Damit würde ganz schnell klar, dass die anspruchsvoll hergestellten Produkte leicht mit den vermeintlich billigeren Waren mithalten können.

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