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„Postwachstum/Degrowth“ – roter Faden einer Bewegung von Bewegungen?

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Könnte „Postwachstum“ der rote Faden einer transformativen Bewegung von Bewegungen werden und sollten „Degrowthler“ dies anstreben, wenn ja, warum und wie? Diese Frage ging mir nach dem großartigen 4. internationalen Degrowth-Kongress in Leipzig (2.9. - 6.9.2014) durch den Kopf. Meine vorläufigen Antworten darauf möchte ich hier zur Diskussion stellen; zunächst thesenartig verkürzt:

„Postwachstum/Degrowth“ bezeichnet gesellschaftskritisch-analytische Konzepte und einen experimentell-offenen Denk-, Such- und Gestaltungsraum für emanzipatorische konkret-utopische Zukunftsvisionen und Transformationspfade. Es ist ein weit gesteckter Rahmen, um ein neues Paradigma von sozialem Fortschritt und gutem Leben jenseits von Wachstums-, Konkurrenzimperativen etc. zu begründen und hegemonial durchzusetzen. Postwachstum/Degrowth beinhaltet derzeit unzureichend genutzte integrative und mobilisierende Potenziale, durch die es zum thematischen Dach oder roten Faden einer darauf gerichteten Bewegung von Bewegungen werden (Brand 2014) könnte.

„Integrativ“ meint dabei zunächst die analytische Fähigkeit, die gemeinsame Wurzel einer Vielfalt von sozialökologischen und anderen Problemen, Konflikten, Risiken aufzudecken und mit unterschiedlichen theoretischen Ansätzen zu erklären. Praktisch können damit zugleich inhaltlich verbindende Bänder geknüpft werden zwischen den - oft fragmentiert an verschiedenen „Fronten“ agierenden - wissenschaftlich-analytischen und den praktisch-politischen „BearbeiterInnen“ der Probleme; gleichfalls zwischen den unter ihnen sozial leidenden Akteuren. Das könnte auch in neuen Allianzen, einem erweiterten Selbstverständnis und wesentlich geteilten Visionen zum Ausdruck kommen.

„Mobilisierend“ bezieht sich auf das für die jüngere wachstumskritische Debatte charakteristische Hinausgehen über Kritik und Krisenanalyse, auf die Einladung zur Arbeit an gesellschaftlichen Alternativen und Visionen und entsprechenden Aktionen.

Inwiefern diese Potenziale bewegungspolitisch relevant und transformativ wirksam werden, hängt maßgeblich auch von den Postwachstums-ProtagonistInnen und anderen beteiligten Akteuren selbst ab; speziell von ihrer Fähigkeit, offen, achtsam und produktiv mit ihrer sozialen, kulturellen, politischen Heterogenität und der Vielfalt unterschiedlicher Vorstellungen von Zielen und Wegen einer radikalen Transformation umzugehen und dabei „falsche Gegensätze“ zu vermeiden.

Diese Gedanken möchte ich in mehreren Beiträgen erläutern, die über die nächsten fünf Wochen auf dem Blog Postwachstum erscheinen: zunächst ein Blick auf die bunte Szene realer oder potentieller Postwachstums-Akteure (1.), vor diesem Hintergrund dann zum integrativen und mobilisierenden Potential von Postwachstum/Degrowth (2.). Anschließend werden drei unterschiedliche transformative Ansätze oder Strategien vorgestellt (3), ihre jeweiligen sich m. E. ergänzenden Stärken herauskristallisiert und für „Umgangsformen“ mit Differenzen plädiert, die das transformative Potential von Postwachstum insgesamt stärken können (4 und 5).


Brand, Ulrich (2014): Degrowth: Der Beginn einer Bewegung? In: Sand im Getriebe Nr. 112, S. 29-30

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