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Legitimation und Kritik der Suffizienzstrategie

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In den letzten 20 Jahren konnte die globale Ressourcenproduktivität um 25% erhöht werden. Dennoch stieg die weltweite Ressourcenextraktion im gleichen Zeitraum um rund 30% an, da die Weltbevölkerung und der Weltkonsum schneller wuchsen. Bei der globalen Emission von Treibhausgasen sieht es nicht besser aus. Trotz Kyoto, Emissionshandel und Energieeffizienzinnovationen hat sie 1990–2008 um 40% zugenommen. 2010 erreichte der weltweite Ausstoß von CO2 gar ein Rekordniveau. Kurz: Technische Innovationen, aber auch Markt und Staat können den Naturverbrauch mit konventionellen Mitteln nicht eindämmen.

Suffizienz ist geboten!

Wenn nun die ökologischen Grenzen nicht überschritten werden sollen, wenn man an der Idee der intergenerationellen Gerechtigkeit festhalten möchte und wenn alternative Strategien den Naturverbrauch alleine nicht hinreichend reduzieren können, dann wird die Suffizienzstrategie eine legitime, weil notwendige, Teilstrategie.

Wenngleich die Meinungen darüber auseinander gehen, wie weitreichend die Suffizienzstrategie sein sollte, so herrscht doch Konsens darüber, dass sie eine quantitative und eine qualitative Dimension hat. Quantitativ zielt die Strategie auf die deutliche Reduktion des Naturverbrauchs durch eine Verringerung des subsistenzübersteigenden Konsumniveaus in den wohlhabenden Ländern. Qualitativ ist damit die Idee verbunden, dass sich die Lebensqualität trotz weniger Konsums nicht verschlechtert.

Suffizienz und Lebensqualität

Dass letzteres weder auf der Mikroebene des Individuums, noch auf der Makroebene der Gesellschaft der Fall sein wird, ist jedoch die schärfste Kritik an der Suffizienzstrategie. Ein hohes und steigendes Konsumniveau, heißt es, sei unerlässlich für eine funktionierende Marktwirtschaft, denn es sorge dafür, dass Reichtum umverteilt, Innovationen und Investitionen begünstigt, Arbeitsplätze geschaffen und der die soziale Ordnung aufrecht erhalten werden. Moderne Gesellschaften seien auf Wirtschaftswachstum angewiesen und das Wirtschaftswachstum auf Konsumwachstum. In einer von ökonomischen und sozialen Krisen gebeutelten Gesellschaft nehme die Lebensqualität der Individuen ab.

Allerdings hängen die ökonomische und soziale Entwicklung eines Landes wie der Menschheit mehr noch davon ab, dass die ökologischen Grenzen nicht überschritten werden. Allein die Verteuerung knapper werdender Ressourcen vergrößert die materielle Armut, schürt soziale Spannungen und verringert das Konsumniveau. Letztlich ist die Frage weniger die, ob ein suffizienter Lebensstil ökonomisch und sozial riskant ist. Die eigentliche Frage ist vielmehr, ob es ökologisch, ökonomisch, sozial und humanitär riskanter ist, wenn sich Suffizienz nicht institutionalisiert.

Zudem konzentriert sich die „enge“ Suffizienz-Variante „nur“ auf die umweltintensivsten Produkte und Praktiken (motorisierter Individualverkehr, Verzehr von Fleisch, Fisch und Milchprodukten, Bauen, Verbrauch fossiler Energie). Hier müsste sich Nachfrage zuvorderst ändern. Deshalb müssten jene Branchen schrumpfen, von denen die größten negativen ökologischen Effekte ausgehen. Wachsen müssten dagegen jene, die den Verbrauch von Energie und Ressourcen senken. Dadurch werden Wirtschaft und soziale Ordnung nicht übermäßig strapaziert.

Auf der Mikroebene wird behauptet, Menschen möchten nicht verzichten. Verzicht sei gleichbedeutend mit geringerer Lebensqualität. Tatsächlich ist zu erwarten, dass die Lebensqualität steigt, wenn weniger tierische Fette konsumiert und Städte durch weniger Autos belastet werden und wenn der öffentliche Nahverkehr (gegen Zahlung einer geringen Pauschale aller BürgerInnen) nahezu kostenlos wird. Ferner zeigen Befunde der Hapiness-Forschung, dass ein höheres Konsum- und Einkommensniveau nicht automatisch mit einem Zuwachs an Lebensqualität gleichzusetzen ist.

Letztlich werden wir auf Vieles verzichten müssen, wenn wir auf Weniges nicht verzichten wollen.

 

 

 

von

Dr. Oliver Stengel ist seit 2014 wissenschaftlicher Mitarbeiter im Lehr- und Forschungslabor Nachhaltige Entwicklung der Hochschule Bochum. Zuvor war er wissenschaftlicher Mitarbeiter in der Forschungsgruppe Nachhaltiges Produzieren und Konsumieren des Wuppertal Instituts für Klima, Umwelt, Energie. Seine Arbeitsschwerpunkte umfassen u.a. die Bereiche Digitalisierung und nachhaltige Entwicklung, sozialer Wandel, Umwelt-/Nachhaltigkeitsbewusstsein sowie Bildung für eine nachhaltige Entwicklung.

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