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Das System ist am Ende

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„Die Menschheit hat sehr tief in den Ast gesägt, auf dem sie sitzt“, metaphorisiert der Bestsellerautor Meinhard Miegel in seinem jüngsten Buch über das Ende des Systems. Sein Ziel: Bestehendes zu hinterfragen und zeigen, was Verantwortung in Krisenzeiten ausmacht. Jeden Monat von Januar 2017 bis Juni 2020 hat er aktuelle Geschehnisse reflektiert – 42 kurze Kapitel à zwei bis drei Seiten – und nimmt mit diesen „Gedankensplittern über die Welt in Unordnung“ die Lesenden mit auf eine Zeitreise in unsere jüngste Vergangenheit, von der Amtseinführung Donald Trumps bis hin zur ersten Corona-Welle.

Miegel hat sein Buch im stolzen Alter von 81 Jahren veröffentlicht. Und er spricht Klartext: Er findet, dass unsere Lebensform fragwürdig bis unhaltbar geworden sei. Doch diese Wahrheit zu benennen, sei in unserer Gesellschaft ein Tabu. Unsere Gesellschaft hält der Sozialwissenschaftler für nicht wirklich gebildet, sondern lediglich für „erwerbsqualifiziert“. Wertschätzung fast nur durch Geld zeigen zu können, sei ein Armutszeugnis. Das gesellschaftliche Gefüge morsch, die Demokratien systemisch überfordert, der Unregierbarkeit zustrebend.

Und bei alledem schlügen die Menschen ihre Lebenszeit tot mit einem „Meer an Belanglosigkeiten“. Kulturelle Traditionen und Feste seien zu Konsumfestivals verkommen. Die Gleichmut der Menschen findet Miegel bemerkenswert, aber nicht überraschend. Die Menschheit hoffe auf ein Wunder, dass alles besser würde. Selten sei sie so wundergläubig gewesen wie heute.

So weit, so hässlich der Spiegel, den der Vordenker uns vorhält. Pause. Tief einatmen. Langsam ausatmen. Ja, Miegel fordert, öfter innezuhalten. Vor allem Corona sollte uns hierfür eine Lehre sein – als Mittel der Heilung. Wir müssten das „Illusionistentheater“ hinter uns lassen, unsere Hybris überwinden, zu einem menschlichen Maß zurückfinden. Zu den gesellschaftlich unverzichtbaren Aufgaben gehöre es, Wahn zu benennen und ihm entschieden entgegenzutreten, schreibt der Wachstumskritiker. Was viele der Jüngeren heute als verdüsterte Zukunft empfänden, sei nichts anderes als die „Rückkehr zu einer belastbaren Wirklichkeit“. Sein Credo verfolgt Miegel selbst konsequent und löst damit vor allem den ersten Teil seines Buchtitels ein. Das System ist am Ende.

Was aber ist mit Teil zwei – „Das Leben geht weiter“? Da heißt es einerseits, der „nächste Einschlag“ nach Corona werde noch verheerender sein, weil wir das Pulver gewaltiger Finanztransaktionen verschossen haben. Andererseits versucht Miegel, nicht ganz so schwarzmalerisch zu enden und gibt der heutigen Generation mit auf den Weg, dass das Neue besser sein könnte, wenn es uns gelingt, jetzt unsere Kultur zu erneuern.

Was dafür laut Miegel ansteht: Wirtschaften zurückführen, weniger materielle Güter, substanziell Verzicht üben. Unser Glück sollten wir in immateriellem Wohlstand suchen. Keine Frage: Alles wichtige Fingerzeige. Aber bei der angestaubten Verzichtsrhetorik bleibt das Fazit, dass Miegel sich in seiner scharfsinnigen und prägnanten Gegenwartskritik überzeugender liest als beim Zukunftsbilder-Malen. Dennoch: Die Lektüre lohnt sich allemal und das Buch im Manteltaschenformat ist ein idealer Alltagsbegleiter. Im besten Fall setzen sich ganz nebenbei manche Gedankensplitter fest und bohren Löcher in unsere Weltsicht, durch die eine bessere Zukunft hindurchscheint.

Meinhard Miegel: Das System ist am Ende. Das Leben geht weiter. Verantwortung in Krisenzeiten. oekom, 160 Seiten, 18,– Euro, ISBN: 978-3-96238-208-7

Diese Rezension ist zuerst in der Ausgabe 2/2021 der Zeitschrift ÖkologischesWirtschaften erschienen.

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