Warum Postwachstum?

Die Wachstumsgesellschaft der Nachkriegszeit ist ein Auslaufmodell. Erstens sind die Infrastrukturen weitgehend gebaut, die Grund- und viele Luxusbedürfnisse sind befriedigt. Zweitens schrumpfen die Bevölkerungszahlen in fast allen reichen Ländern und auch in vielen ärmeren Ländern – die Geburtenrate liegt bereits in 80 Ländern unter der Reproduktionsrate. Drittens erfüllt Wirtschaftswachstum nicht (mehr) die Erwartungen und Versprechungen, die damit verbunden werden: Mit Wachstum steigt in reichen Ländern das Wohlergehen nicht mehr, die soziale Gerechtigkeit verschlechtert sich seit den 1980er Jahren, die Arbeitslosigkeit ist in den meisten Ländern ein jahrzehntealtes Problem, die Staatsverschuldung steigt in den meisten westlichen Ländern an – z.T. aufgrund der expansiven Fiskalpolitik zur Förderung von Wachstum. Viertens schließlich stößt das Wachstumsmodell auf ökologische Grenzen. Einerseits bringen Erhöhungen von Rohstoff- und Energiepreisen den Wachstumsmotor ins Stottern, andererseits ist es bislang nicht gelungen, Ressourcen- und Energieverbrauch sowie Wirtschaftswachstum hinreichend stark absolut zu entkoppeln und es besteht wenig Aussicht darauf, dass dies künftig gelingen könnte. Das westliche Wachstumsmodell lässt sich ökologisch nicht durchhalten – global schon gar nicht.

Die Zerstörung von Umwelt und Natur ist heute sehr stark durch die ständige Ausweitung der Wirtschaftstätigkeit verursacht – wie die Zunahme von Emissionen, Abfällen, Ressourcen, oder Abholzung von Wäldern, Versiegelung von Flächen, Abnahme der Artenvielfalt. Regelmäßig gibt es Konflikte, wenn z.B. für den Klimaschutz gesetzliche Grenzwerte verschärft werden oder für den Artenschutz Flächen aus der wirtschaftlichen Nutzung genommen werden sollen. Das immer wiederkehrende Argument ist die Gefährdung des wirtschaftlichen Wachstums. Auch wenn es viele Umweltschutzmaßnahmen gibt, bei denen diese Befürchtung nicht zutrifft und im Gegenteil diese Maßnahmen sich wirtschaftlich positiv auswirken, so können bestimmte Maßnahmen für den Klimaschutz auch eine Einschränkung von Wirtschaftstätigkeit bedeuten. Solange es eine politische und weitgehende gesellschaftliche Akzeptanz für das Wirtschaftswachstum gibt, ist es sehr schwer und oftmals unmöglich, nötige Umwelt- und Naturschutzmaßnahmen dagegen durchzusetzen. Von daher muss es im Interesse des Umwelt- und Naturschutzes sein, dass eine Änderung der politischen und gesellschaftlichen Prioritäten stattfindet und das heißt – eine Abkehr von der Priorität des Wirtschaftswachstums. Um dies zu erreichen, ist eine Reform vieler gesellschaftlicher Institutionen, die heute vom Wirtschaftswachstum abhängig sind – wie Altersversorgung, Steuersystem, Arbeitsplatzsicherung – nötig. Gleichzeitig braucht es neue Rahmenbedingungen für die Wirtschaft und neue Lebensweisen.

Um sich von dem Kurs des Wirtschaftswachstums zu verabschieden, braucht es deshalb große Anstrengungen in verschiedenen Bereichen: wissenschaftliche Konzepte, politische und gesellschaftliche Diskussionen, praktische Projekte – und einen breiten Austausch hierüber.

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