Rezensionen

Zeit gewinnen und Ressourcen schonen

Kommentare 1

Wie lassen sich die drängenden Probleme unserer Zeit lösen, ohne dass wir an Wohlstand einbüßen müssen? Diese Frage bearbeitet Juliet Schor in ihrem Buch „Wahrer Wohlstand – Mit weniger Arbeit besser leben“. Ihre Antwort basiert auf dem viersäuligen Konzept Plenitude, das sie in ihrem Werk entwickelt. Wohlstand meint hier mehr Zeitressourcen, erhöhte Selbstversorgung und intensivere soziale Beziehungen. Arbeitszeitverkürzung als Mittel zum Wandel: Weg vom schnellen konsumieren umweltschädlich produzierter Massenware und hin zum ressourcenschonenden, selbstbestimmten guten Leben.

Wirtschaftswissenschaft kontra Erde“

Um ihre Argumentation für diesen Wandel und das Konzept Plenitude als Zukunftsvision aufzubauen, beginnt Schor mit einem breiten Abriss globaler Dilemmata, entstanden durch ein Wirtschaftssystem, das natürliche Grundlagen und endliche ökonomische Ressourcen nicht mitdenkt, gar ignoriert. Finanzkrise, Klimawandel und soziale Ungerechtigkeiten sind Symptome dieser Blindheit der Mainstream-Ökonomien, die zu einer signifikanten Fehleinschätzung des Zusammenhangs von Umweltschutz und Wirtschaftswachstum führte. Märkte sind nicht in der Lage, steigende Erderwärmung und wachsende Emissionen zu verhindern. Diese Erkenntnis mag in der Postwachstumsbewegung nicht neu sein. Und doch ist sie erwähnenswert, da auch Schor feststellt, dass die Wirtschaftskrise der vergangenen Jahre eine verpasst Chance war: Für die Politik, alte Denkmuster zu brechen, aber auch für die Gesellschaft, den Diskurs über eine Veränderung weiter voranzutreiben und einen Systemwechsel einzufordern. So ist eine Leistung des Buches, die Zusammenhänge von Umwelt und Wirtschaft für ein breiteres Publikum faktenreich und verständlich aufzuarbeiten. Plenitude stellt deshalb auch eine Anleitung dar, wie jede/r selbst einen Weg zur Veränderung einschlagen kann. Doch wie können wir diesen Weg gehen, „der unseren ökologischen Fußabdruck reduziert, es jedoch gleichzeitig möglich macht, in Wohlstand zu leben“?

Vier Regeln für ein ganzheitliches Leben

Plenitude basiert auf vier Grundprinzipien. Das erste Prinzip der Arbeitszeitreduzierung stellt dabei die Grundlage dar. Durch weniger Arbeit werden zeitliche Ressourcen frei, die es ermöglichen, zwischenmenschliche Beziehungen zu pflegen oder selbst Dinge zu produzieren. Als zweites Standbein kann daher Selbstversorgung zu einer signifikanten wirtschaftlichen Bewegung werden. Wer sich selbst versorgt, anbaut oder herstellt, muss weniger Geld verdienen und schont gleichzeitig Ressourcen. So kann sich der „Business-as-usual“- Markt diversifizieren. Drittens führt achtsamer Konsum und eine umweltbewusste Einstellung dazu, dass Dinge bewusster und nachhaltiger gekauft sowie länger genutzt werden. Schließlich bilden zwischenmenschliche Beziehungen und die Investitionen in die Gemeinschaft die vierte Säule. Dieser wiederentdeckte Reichtum an „Sozialkapital“ führt zu gegenseitiger Unterstützung und mehr Möglichkeiten zu tauschen oder zu leihen. Diese Logik aus Effizienz und Wohlbefinden wird unterstützt durch umweltschonende Technologien, Open Source Wissen, Sharing-Modelle und Kleinunternehmertum.

Grenzen der Umsetzbarkeit

Juliet Schor argumentiert, dass sich Plenitude auch als politische Grundlage für eine gute Arbeitszeit- und Sozialpolitik eignet. Arbeitszeitverkürzung hat demnach gesamtwirtschaftliche Effekte, da Arbeitsplätze gleichmäßig verteilt und dadurch Existenzgrundlagen geschaffen werden können. Sie betont, dass Ungleicheit und Armut verringert werden können, indem Regierungen beispielsweise einen Teil des Einkommens an Arme transferieren. Sie betont aber auch, dass das Konzept noch nicht ausreichend greifen kann: Plenitude richtet sich zunächst an reiche Länder und wohlhabende Einwohner/innen, für Haushalte mit niedrigem Einkommen ist eine Arbeitszeitverkürzung oft nicht möglich. Sie berücksichtigt daher globale Ungerechtigkeiten oder strukturelle Probleme in einer Gesellschaft nur unzureichend. So bleibt Plenitude eine Idee, die man sich leisten können muss. Ebenso fehlt es an Argumenten, wie vor allem politische Entscheidungsträger, aber auch Bürger/innen von Plenitude überzeugt werden sollen.

Plenitude kann demnach als Ausgangspunkt und Handlungsanleitung gesehen werden, ist aber selbst auf große politische Veränderungen angewiesen, um die globalen Herausforderungen zu lösen. Dennoch bietet Juliet Schor eine schlüssige und durch konkrete Beispiele und Daten unterstützte Argumentation, warum wachstumsunabhängiges Wirtschaften notwendig ist und bietet mit Plenitude eine durchdachte Alternative an.

 

Juliet Schor „Wahrer Wohlstand – Mit weniger Arbeit besser leben„, 2016, oekom, München, 288 Seiten, 19,95€.

von

Nina Prehm ist Volontärin in der Öffentlichkeitsarbeit am Institut für ökologische Wirtschaftsforschung. Sie hat Politik (B.A.) und im Master Political Economy of European Integration studiert. Ihr Interessenschwerpunkt sind Auswirkungen des globalen Wirtschaftssystems auf Geschlechtergerechtigkeit und sozialen Zusammenhalt.

1 Kommentare

  1. Liebe Nina,

    besten Dank für deine Besprechung von Juliet Schor. Ich selbst lese sie aber teilweise anders und freue mich auf den Austausch mit dir darüber.

    In deinem Fazit schreibst du, dass Plenitude eine Idee sei, die man sich leisten können müsse. Widerspricht dies nicht dem Konzept, dass doch gerade von einer Ökonomie der Fülle ausgeht? Schor beschreibt doch auch, wie sich angesichts einer zunehmenden Prekarisierung im Zuge der Wirtschafts- und Finanzkrise sowie der Digitalisierung die ökonomischen Rationalitäten verschoben haben – nicht für jeden, aber doch für einige. Erwerbsarbeit ist demnach nicht mehr für jeden der effizienteste Weg seine materiellen Bedürfnisse zu befriedigen. Stattdessen lohnt es sich zunehmend in High-Tech-Eigenarbeit und in sozialen Netzwerken seine materiellen Bedürfnisse zu realisieren.

    Diese These lässt sich natürlich diskutieren. Ich finde sie aber insofern spannend als das Schor hiermit versucht, weniger moralisch als eben ökonomisch zu argumentieren. Ob das empirisch haltbar ist, ist natürlich noch einmal eine andere Frage. Zumindest für die von ihr erwähnten Pioniere des Wandels könnte es aber zutreffen. Sehe bei Schor daher auch nicht unbedingt die Notwendigkeit großer politischer Veränderungen, sie macht doch gerade die Veränderungen von unten stark. Ein bisschen à la Generation Y – die heimlichen Revolutionäre. Was mir jedoch auch fehlt, ist eine genauere Analyse dieser Pioniere und deren sozialen Voraussetzungen.

    Beste Grüße

    Gerrit

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