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Wirtschaftsleistung, Lebensqualität und Nachhaltigkeit: Ein umfassendes Indikatorensystem

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Dieser Tage las ich die Expertise „Wirtschaftsleistung, Lebensqualität und Nachhaltigkeit: Ein umfassendes Indikatorensystem“. Ziel der Expertise war es, „eine zuverlässige Basis für ein regelmäßiges, zeitnahes und verständliches Berichtswesen der drei [oben genannten] Kernfragen der menschlichen Wohlfahrt“ (S. 1) zu entwickeln.

Dies ist ein gemeinsames Gutachten des Sachverständigenrats zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung (SVR) und des französischen Pendants Conseil d’Analyse Économique (CAE). Das Gutachten datiert aus dem Jahr 2010 und wurde von Kanzlerin Angela Merkel und dem ehemaligen französischen Präsidenten Nicolas Sarkozy in Auftrag gegeben.

Das Hauptergebnis bekräftigt „die Ablehnung jeden Ansatzes, der die Messung des menschlichen Fortschritts mit nur einem einzigen Indikator vornehmen will“ (S. III) und spricht sich stattdessen für ein multikausales „Indikatorensystem („dashboard“)“ (S.2) aus. Zwar stimme ich der Ablehnung eines einzelnen Indikators – auch vor dem Hintergrund der „Beyond GDP“– Debatte – zu, allerdings finde ich den Inhalt der Expertise vor allem dann bemerkenswert, wenn man sie in Verbindung mit den politischen Rahmenbedingungen betrachtet.

Als Reaktion auf die Krise aus dem Jahr 2007, die die „Weltwirtschaft in ihren Grundfesten erschüttert“ (S. 2) sollte ein System geschaffen werden, welches einerseits verlässliche und präzise, aber gleichzeitig nicht zu komplexe, wohl aber pragmatische Aussagen über die aktuelle materielle und immaterielle Wohlstandssituation macht und andererseits auch noch politisch zu den Zielen der regierenden Koalition zwischen Union und FDP passt.

Warum also wurde gerade diese Frage in Auftrag gegeben? Möglicherweise war dies ein Versuch der Regierung, durch eine externe Instanz eine Basis für eine positive(re) Evaluierung der von der Regierung geleisteten Arbeit zu schaffen. Was auch dafür spricht ist, dass das angestrebte Koordinatensystem zwar umfassender, aber auch interpretationsträchtiger und somit weicher und manipulierbarer ist. Der folgende Satz spricht für sich: „Im Kielwasser der Krise setzt sich die Erkenntnis durch, dass das Leben aus mehr besteht als nur materiellem Wohlstand“ (S. 2).  Sollte die Bundesregierung nicht zufrieden sein mit der Entwicklung des BIP oder einen weiteren Wohlstandsanstieg gar für ausgeschlossen halten, so täte die Regierung gut daran, den öffentlichen Fokus auf andere Indikatoren zu lenken, die die Leistung der Regierung besser darstellen und somit einen Machterhalt wahrscheinlicher macht. So entsteht der Eindruck, dass die Expertise von den Parteien für ihre politische Argumentation gebraucht, dann aber auch missbraucht werden kann.

Die Regierung könnte zu dem Schluss gekommen sein, dass sie an dem Anspruch, materiellen Wohlstand weiter zu mehren, scheitern würde, und hielt es somit für strategisch sinnvoll, sich neue Ziele zu stecken; Ziele, wie sie im Koordinatensystem vorgeschlagen werden. Ähnliches lassen Sätze wie der folgende vermuten: „Für den politischen Prozess ist es jedoch ebenfalls unverzichtbar, sich auf eine begrenzte Zahl von Indikatoren zu konzentrieren, selbst wenn dadurch einzelne Aspekte verlorengehen“ (S. 12).

Auch der Fokus bei der Themen- und Indikatorenwahl lassen auf einen politischen Zweck schließen. Erstens gibt es nur eine geringe Anzahl an Indikatoren im Bereich der Nachhaltigkeit, zweitens beziehen diese sich zu drei Vierteln nicht auf ökologische Nachhaltigkeit, sondern beispielsweise auf die Nachhaltigkeit des Wirtschaftswachstums. Zum Dritten werden in meinen Augen zu geringe Investitionen für die Neuerschließung von Indikatoren im Bereich der ökologischen Nachhaltigkeit empfohlen, denn man empfindet „vorläufig als fünften Indikator zur ökologischen Nachhaltigkeit den Vogelindex“ (S. 151) als ausreichend.

Der Ansatz und die Erkenntnis „dass die Information einer jeden Säule nicht isoliert betrachtet wird, sondern dass alle drei Säulen gleichzeitig mit Bezug auf alle drei Dimensionen genutzt werden“, ist sehr lobens- und erstrebenswert. Sollte das Indikatoren-System dem Anspruch der Verfasser gerecht werden, als verlässliches Informationssystem für Politik und Wirtschaft zu dienen, wäre dies natürlich ein wirklicher Fortschritt. Selbst mit einer Weiterentwicklung des Diskurses zu diesem Thema wäre ein Mehrwert entstanden, den es weiter zu entwickeln gilt. Noch mehr würde dies für ein politisch unabhängiges Gutachten gelten.

Dieser Beitrag entstand im Rahmen des Seminars „Postwachstumsökonomie“ an der Universität Witten/Herdecke in Zusammenarbeit mit dem Wuppertal Institut für Klima, Umwelt, Energie. Eine Übersicht über alle Beiträge aus dem Seminar findet sich hier.

Bibliographie:

Sachverständigenrat zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung und Conseil d’Analyse Economique (2010). Wirtschaftsleistung, Lebensqualität und Nachhaltigkeit: Ein umfassendes Indikatorensystem. Expertise im Auftrag des Deutsch-Französischen Ministerrates, Dezember 2010, Paris, Wiesbaden: Bonifatius GmbH Druck-Buch-Verlag.

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