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Wie wir Menschen ermutigen, über Suffizienz nachzudenken

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Mit «Wege zur Suffizienz» der Wachstumsleiter entkommen

Das dominierende Narrativ in Wirtschaft, Politik und Gesellschaft ist klar: Wir brauchen stetiges Wirtschaftswachstum. Dieser permanente Aufstieg – man kann ihn sich wie das endlose Hinaufklettern auf einer Leiter vorstellen – soll uns als Individuen und als Gesellschaft zufriedener machen. Zugleich wird behauptet, dieser Aufstieg könne nachhaltig gestaltet werden – unter Schlagworten wie «grünes Wachstum».

Doch wie jede Leiter Ressourcen zum Bau und Energie zum Besteigen benötigt, so verlangt auch Wirtschaftswachstum nach Ressourcen und Energie. Daran ändern auch grüne Etiketten nichts – sie sind nicht weiter als Illusionen. Und auch die Vorstellung, dass wir durch ständiges Hinaufklettern zufriedener werden, wirkt bei genauerem Hinsehen paradox. Warum sollte pausenloses Klettern Glück erzeugen?

Tatsächlich zeigt sich: Ab einem bestimmten Wohlstandsniveau führt weiteres Wachstum kaum noch zu mehr Lebenszufriedenheit. In westlichen Industrieländern ist dieses Plateau – bekannt als Easterlin-Paradox – bereits in den 1970er Jahren erreicht worden. Gleichzeitig zerstört das andauernde Wachstum die Lebensgrundlagen, wie etliche Studien aufzeigen.

Es ist also Zeit, die Wachstumsleiter zu verlassen. Statt höher, schneller, weiter brauchen wir eine stabile Plattform – ein gutes Leben für alle innerhalb planetarer Grenzen. Diese Plattform basiert auf drei Prinzipien: Effizienz, Konsistenz und Suffizienz. Letztere, die Suffizienz, fragt nicht danach, wie wir «grüner» konsumieren, sondern weniger und anders. Sie stellt sicher, dass menschliche Grundbedürfnisse erfüllt werden – ohne Raubbau an unseren Lebensgrundlagen.

Doch wie kommen wir dahin? Wie lässt sich Suffizienz konkret gestalten – politisch, gesellschaftlich, kulturell?

In diesem Artikel zeige ich anhand des Workshop-Formats «Wege zur Suffizienz», wie Menschen beginnen, über eine Zukunft jenseits des Wachstums nachzudenken – und wie dabei sowohl Chancen als auch Herausforderungen sichtbar werden.

Die Herausforderungen lassen sich dabei sowohl sektoral betrachten – etwa in der Verkehrs- oder Sozialpolitik –, als auch politisch-institutionell, also auf lokaler, (sub-)nationaler und internationaler Ebene. Suffizienz ist kein Thema, das sich nur individuell beantworten lässt – sie braucht strukturelle Veränderungen, kollektive Aushandlung und politisches Gestaltungsvermögen.

Einen Workshop entwickeln …

Das transdisziplinäre Forschungsprojekt war an der Universität Zürich und dem Zurich Knowledge Center for Sustainable Development (ZKSD) angesiedelt. Es beschäftigte sich mit der Frage: Wie kann ein Workshop gestaltet sein, der wissenschaftlich fundiert ist und Menschen befähigt, über suffizienzorientierte Zukünfte nachzudenken – und ins Handeln zu kommen?

Ein siebenköpfiges Team – zu dem auch ich gehörte – entwickelte ein entsprechendes Format, das auf fünf zentrale Ziele abzielt:

  1. Orientierungswissen vermitteln: Suffizienz wird als notwendige Strategie im Rahmen der sozial-ökologischen Transformation verständlich gemacht.
  2. Teilnahme aktivieren: Die Teilnehmenden setzen sich mit eigenen Zukunftsvisionen auseinander und diskutieren Fragen zu Wachstum, Konsum und Lebensqualität.
  3. Denkmuster hinterfragen: Verinnerlichte Vorstellungen von Fortschritt und Wachstum werden kritisch reflektiert.
  4. Soziale Imagination anregen: Die Teilnehmenden entwerfen eigene Bilder einer suffizienten Zukunft, ohne sich von heutigen Barrieren beschränken zu lassen.
  5. Zum Handeln ermächtigen: Ziel ist es, dass sich die Teilnehmenden als aktive Akteur:innen des Wandels verstehen – und Schritte zur Umsetzung erkennen.

Der Workshop gliedert sich in vier aufeinander aufbauende Phasen:

  1. Ankommen und persönliche Verortung: In einer Kennenlernrunde (idealerweise mit 15–25 Teilnehmenden) sowie einer spielerischen Einführung in das Konzept der Suffizienz nähern sich die Teilnehmenden dem Thema aus persönlicher Perspektive.
  2. Wachstum und Krisen verstehen: Ein wissenschaftlich fundierter Input zeigt die Zusammenhänge zwischen Wirtschaftswachstum und ökologisch-sozialen Krisen auf. Die Teilnehmenden erkennen die Notwendigkeit suffizienter Lebens- und Wirtschaftsweisen – und reflektieren zugleich über eigene Vorstellungen eines «guten Lebens».
  3. Zukünfte imaginieren: In Einzel- und Gruppenarbeiten entwerfen die Teilnehmenden konkrete Visionen suffizienter Gesellschaften. Die soziale Imagination wird gezielt angeregt, um neue Denk- und Handlungsspielräume zu eröffnen.
  4. Handlungsräume entdecken: Zum Abschluss identifizieren die Teilnehmenden individuelle wie kollektive Handlungsmöglichkeiten. Sie diskutieren Barrieren, entwickeln aber auch konkrete Ideen, wie sie zur Transformation beitragen können – im Alltag, im Beruf oder politisch.

Die zentrale Botschaft lautet: Da es physische Grenzen des Wachstums gibt, führt kein Weg an Suffizienz vorbei. Was wir brauchen, sind kollektive Visionen, wertebasierte Aushandlungsprozesse und Räume des Nachdenkens, in denen neue Zukünfte entstehen können.

Der Workshop «Wege zur Suffizienz» ist ein solcher Raum – er zeigt auf, wie die Transformation nicht nur möglich, sondern auch gestaltbar ist.

Reflexion über bisherige Durchführungen

Während des Forschungsprojekts, in dessen Rahmen der Workshop entwickelt wurde, fanden insgesamt 15 Durchführungen statt, und das in ganz unterschiedlichen Kontexten: von einer Konferenz in Berlin, über eine Projektwoche in einer 6. Klasse in Zürich bis hin zu einem Festival in Essen. Die meisten Durchführungen fanden im Zürcher «Kulturpark» statt, in denen wir sogenannte Zukunftsapéros veranstalteten, offen für jegliche interessierte Personen. Nach einem Vortrag einer Expertin oder eines Experten zu einem bestimmten Thema der Nachhaltigkeit, bspw. Bildung für Nachhaltige Entwicklung oder Biodiversität, führten wir als Projektteam den Workshop durch.

Zum einen fiel auf, dass die inhaltliche Ausrichtung der Vortragenden erheblichen Einfluss auf den späteren Workshopverlauf hatte. Zwar vermittelten wir unmittelbar vor Workshopbeginn Orientierungswissen (s. oben), doch die vorangegangenen Inputs, oftmals von Forschenden, prägten den späteren Verlauf stark – vor allem wenn es darum ging, Zukünfte zu imaginieren und Handlungsspielräume zu entdecken. Wenn die Vortragenden zum Beispiel argumentierten, dass utopische Ideen realpolitisch schwierig bis unmöglich seien, stellten wir fest, dass die Ideen der Teilnehmenden beim Punkt der sozialen Imagination weniger kreativ waren. Vor allem fiel dies im Vergleich zu den Ergebnissen auf, bei der die Vorträge ermutigend waren und politische Möglichkeiten aufzeigten.

Zum anderen ließ sich ein gewisses thematisches Interesse der Beteiligten erkennen. Zwar schlugen wir Gesellschaftsbereiche vor, die die Teilnehmenden auswählen konnten, es bestand aber auch die Möglichkeit, eigene Themenkomplexe einzubringen. Und wenngleich wir (noch) keine empirischen Analysen durchführten, fiel auf, dass die Bereiche «Mobilität» und «Konsum» durchgängig Interesse weckten. Bei ersterem erhofften sich viele Teilnehmenden autoärmere, dafür lebendigere und grünere Innenstädte, in denen vor allem sicherere Mobilitätsformen, wie Rad- und Fußverkehr, Vorrang haben. Zahlreiche Maßnahmen, wie den Bau von sicheren Radwegen und ein Verbot von Autos in Innenstädten, folgten darauf aufbauend. Beim Konsum war der Ausgangspunkt von vielen Personen die Erkenntnis, dass es in westlichen Gesellschaften ein großes Maß an Überkonsum gibt, das sie auch persönlich oft betrifft. Davon ausgehend wurden – in unterschiedlichen Ausführungen – Werbeverbote vorgeschlagen sowie die Förderung von Second-Hand-Artikeln.

Ausblick

Mittlerweile ist die Entwicklung beendet und es wurden bereits unterschiedliche Durchführungen umgesetzt. Der Workshop eignet sich sowohl für Unternehmen und Organisationen als auch für Schulen und Hochschulen – das Buch samt Anleitung kann als Open-Access-Publikation online heruntergeladen werden.

Begleitmaterialien

Wiktoria Furrer, René Inderbitzin, Giulia Fontana, Johannes Probst, Leonard Creutzburg, Jeannette Behringer, Lorenz M. Hilty: Wege zur Suffizienz: Grundlagen und Anleitung für die Durchführung von Zukunftsworkshops, oekom verlag, 2024.

Eine PDF-Datei des Buches ist kostenfrei als Open-Access-Download erhältlich.

Bei Interesse an einer Durchführung oder sonstigen Fragen kann man sich an Leonard Creutzburg wenden. E-Mail: leonard.creutzburg@wwf.ch

Leonard Creutzburg ist Ökologischer Ökonom und Politikwissenschaftler und promovierte an der ETH sowie der Universität Zürich. Er hat unter anderem die Initiative "Degrowth Schweiz" mitbegründet, die sich dafür einsetzt, die Degrowth- bzw. Postwachstumsthematik in die Schweizer Öffentlichkeit zu tragen. Leonard war zum Zeitpunkt der Workshopentwicklung Postdoc am Zurich Knowledge Center for Sustainable Development (ZKSD) und an der Wirtschaftswissenschaftlichen Fakultät an der Universität Zürich. Aktuell ist er Ko-Leiter des One Planet Lab und Verantwortlicher für neue Wirtschaftsmodelle und Zukunftsfragen beim WWF Schweiz.

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