Wenngleich die Notwendigkeit für eine entsprechende Transformation größer kaum sein könnte, hat die Idee des Postwachstums noch nicht den Weg in den politischen, gesellschaftlichen oder gar medialen Mainstream gefunden. Nichtdestotrotz muss nicht überall Postwachstum draufstehen, wo dennoch Postwachstum drinsteckt. Unter diesem Gesichtspunkt lohnt sich ein Blick auf vorhandene Nischenakteure und ihre Verflechtung in räumlichen, aber auch (verwaltungs-)politischen Strukturen. Im Rahmen meiner Bachelorarbeit habe ich deshalb die Rolle zivilgesellschaftlicher und öffentlicher Akteure in der schleswig-holsteinischen Landeshauptstadt Kiel auf Basis der Einordnung empirischer Erkenntnisse entlang der theoretischen Grundlagen von Niko Paechs Verständnis von Suffizienz und Subsistenz (Paech 2012 und 2021) sowie Erik O. Wrights Transformationsstrategien (Wright 2017) diskutiert. Dabei lag die Auseinandersetzung mit der Fragestellung, inwiefern ausgewählte Akteure Postwachstumselemente wie Suffizienz oder Subsistenz als strategisches Potenzial der Kieler Nachhaltigkeitstransformation fördern im Fokus. Suffizienz bezieht sich hierbei auf die Nachfragedimension, soll diese weitestgehend bestimmen und fußt dafür auf einer Logik der Genügsamkeit. Nach Paech (2021, S. 76) mündet diese in drei Ausprägungen: Selbstbegrenzung, Reduktion und vollständiger Entsagung. Entsprechende Beispiele sind die Menge an Kleidung, das Ausmaß individueller räumlicher Mobilität oder Fleischkonsum. Subsistenz bezieht sich dagegen auf die Angebotsdimension und würde einen Strukturwandel darstellen. Parallel zu ausgeschöpften Reduktionspotenzialen als Resultat einer Suffizienz-Denkweise, käme es zu einer stetigen und punktuellen Deindustrialisierung der verbliebenen Produktion auf Basis von Nutzungsdauerverlängerung, Nutzungsintensivierung und Eigenproduktion (Paech 2021, S. 78). Solche Strukturen zu identifizieren und im Sinne von Postwachstumselementen auch jenseits eindeutiger politischer Bekenntnisse zu beanspruchen, birgt nennenswerte Potenziale.
Auf ausgiebiger Literaturarbeit aufbauend habe ich vier leitfadengestützte Interviews mit lokalen Projektinitiativen, einem Kulturzentrum und einer politischen Organisation geführt und diese anschließend entlang der qualitativen Inhaltsanalyse nach Udo Kuckartz (2018) ausgewertet. Aus Gründen der Anonymisierung werden hier keine spezifischen Akteure genannt. In der Auswertung wurde deutlich, dass Suffizienz und Subsistenz durch verschiedene Akteure in unterschiedlicher Ausprägung und Bewusstseinsgrad ein Maß an Unterstützung erfahren. Das strategische Potenzial in Form von alternativen Räumen zur Erprobung und Etablierung alternativer Praktiken und Lebensweisen ist vorhanden und wird auch auf Grundlage eines Bewusstseins über die Notwendigkeit dieser Freiräume befördert. Hierbei fungieren zivilgesellschaftliche Akteure als Initiativgeber für das Aufgreifen oder Fördern durch öffentliche Akteure wie die Stadt Kiel oder dazugehörige Einrichtungen. Diese Herangehensweise deckt sich mit den Bottom-Up-Ansätzen Niko Paechs und Wrights Transformationsstrategien.
Zwischen alten Strukturen und Freiräumen
Betrachtet man die Rollen zivilgesellschaftlicher und öffentlicher Akteure, kristallisiert sich neben den Freiräumen als Kleinstutopien alternativer Praxis und der fördernden Funktion der Stadt auch ihre entscheidende Position als lenkende Kraft heraus. Diese könnte von einflussreichen öffentlichen Akteuren wie Universitäten zudem gestärkt werden. Auf diese Weise könnte bildend eingewirkt und die nötige Akzeptanz für unabdingbare Veränderungen innerhalb der Zivilgesellschaft ließe sich erhöhen. Zwar entstehen viele nachhaltige Initiativen im Universitätskontext, dies ist jedoch vielfach von Individuen und einzelnen Kursen abhängig und entsteht nicht dank postwachstumsorientierter Lehrstrukturen, sondern stattdessen trotz bspw. unkritischer wirtschaftswissenschaftlicher Lehre.
Es braucht zudem den signifikanten Beitrag politischer Bewegungen, die programmatische Verfehlungen und zivilen Willen aufzeigen können, um eine lenkende Funktion ebendieser öffentlichen Akteure anzustoßen. Schlussendlich bestätigten sich in der Beantwortung der eingehenden Fragestellung die Annahmen von Niko Paech über Orte zur Ausprägung alternativer Lebensweisen und -muster sowie E.O. Wrights Perspektive auf das größte Transformationspotenzial in einer vielschichtigen Anwendung der Transformationsstrategien. Während Paech vor allem dem Individuum suffizientes und subsistentes Handlungspotenzial für eine Postwachstumstransformation zuspricht und die Politik aufgrund bewiesener Überforderung vernachlässigt, zeigt sich anhand der getätigten empirischen Arbeit jedoch auch, dass die Rolle politischer Unterstützung nicht zu unterschätzen ist, um vorgelebte Alternativwege zu verbreiten. Schließlich befinden sich die meisten postwachstumsrelevanten Nischenprojekte weiterhin mehr oder weniger innerhalb des wachstumsorientierten Systems in einer gewissen Abhängigkeit.
Nischen, Kommunen und ihre Rollen
In meiner Arbeit konnte ich herausstellen, dass die ausgewählten Akteure in der Tat Merkmale der Suffizienz sowie Subsistenz fördern und darüber hinaus Teil eines größeren Netzes weiterer relevanter Akteure sind, die ein nachhaltig transformiertes Kiel anstreben. Allerdings dienen die fachlichen Begriffe nicht immer als leitender Rahmen der jeweiligen Arbeit, wenngleich die dahinterstehenden Bedeutungen und Eigenschaften meist konkret verfolgt werden und sich mit der Idee des Postwachstums überlappen. Die interviewten Akteure sind sich ihrer Rolle bewusst und betonen die unbedingte Wichtigkeit besonderer Orte und Projekte, an denen alternative Produktions-, Nutzungs- und Konsummuster erprobt und etabliert werden können, um wachstumsunabhängigere Lebensweisen vorzuleben. Das darin befindliche strategische Potenzial soll hierbei mittels verschiedener Herangehensweisen erweitert und ausgeschöpft werden. Mit Bezug auf Wrights Transformationsstrategien ergibt sich dies aus einer vielschichtigen und zuweilen wechselseitigen Anwendung der Bruchstrategie, Freiraumstrategie und symbiotischen Strategie. Hierbei bleibt auffällig, dass kein Akteur lediglich einem einzelnen Strategietyp zugeordnet werden kann. Stattdessen trifft die genannte Vielschichtigkeit nicht nur auf die Strategien in der Kieler Nachhaltigkeitstransformationen zu, sondern in gewisser Weise auch auf die einzelnen Akteure selbst. Nicht zuletzt hat die qualitative Auswertung ergeben, dass die Rolle öffentlicher Akteure – namentlich vor allem die Stadt Kiel – in den Augen der interviewten Akteure als fördernde oder leitende Institution von großer Bedeutung ist. Damit überhaupt Projekte und Initiativen gefördert werden können, bedarf es avantgardistischer Individuen und Kollektive, die entsprechende Veränderungen als realisierbare Visionen betrachten und es wagen, diese zu erproben. Vorausgesetzt öffentliche Akteure ergreifen hierbei nicht selbst Initiative, können erst dann etablierte Vorreiter aufgegriffen werden. Unabdingbar bleibt die Verfügbarkeit von Raum.
How to: Postwachstumstransformation im Kleinen?
Eine Art heimliche Postwachstumstransformation durch die Hintertür der kommunalen Förderung und Raumaneignung kann letztlich ein Pfad in die richtige Richtung sein. Auf diesem Wege lassen sich die Prinzipien der Suffizienz und Subsistenz effektiv für die Menschen normalisieren und legitimieren. Gleichzeitig können diese Prinzipien in entsprechender Wechselwirkung selbst durch die Akzeptanz und Inanspruchnahme der Menschen gegenüber lokal-gesellschaftlichen und politischen Mehrheiten normalisiert und legitimiert werden. So ließe sich eine lokale Bewusstseinsgrundlage und strukturelle Basis für Nischennetzwerke etablieren, deren Fühler nicht mehr aus kommunalen Angelegenheiten rauszubekommen sind und diese aufgrund ihres Erfolgs letztlich aktiv mitgestalten. Entscheidend kann sein, sich in ebendiesen Nischennetzwerken projekt-, orts- und themenübergreifend zusammenzuschließen, stabil aufzubauen und sich zum Teil als gemeinsame Entität zu verstehen, zu positionieren und zu präsentieren. Aus kleinen realutopischen Räumen können Kollektivutopien in Clustern zusammengesetzt werden, die sich gegenseitig stützen und inhaltliche Gemeinsamkeiten verknüpfen. Dies vereinfacht es den Menschen, als Fan eines (mehr oder weniger offenkundigen Postwachstums-)Projekts ein weiteres kennenzulernen. Eine gelungene Kommunikation nach innen und außen für ein gemeinsames Erscheinungs- und positiv-konnotiertes Zukunftsbild können ein Schlüssel zur realistischen Postwachstumstransformation auf kommunal- und regionalräumlicher Ebene sein. Denn gemeinsam ist mehr möglich.
Referenzen im Beitrag
Kuckartz, U. (2018): Qualitative Inhaltsanalyse. Methoden, Praxis, Computerunterstützung. 4. Auflage. Weinheim.
Paech, N. (2012): Befreiung vom Überfluss. Auf dem Weg in die Postwachstumsökonomie. München.
Paech, N. (2021): Die Postwachstumsökonomie als plünderungsfreier Zukunftsentwurf. In: Franzini, L, Herzog, R., Rutz, S., Ryser, F., Ziltener, K. und P. Zwicky (Hrsg.): Denknetz – Jahrbuch 2021. Postwachstum? Aktuelle Auseinandersetzungen um einen grundlegenden gesellschaftlichen Wandel. Zürich, S. 73-82.
Wright, E. O. (2017): Reale Utopien. Wege aus dem Kapitalismus. Berlin.





