Berlin wächst ununterbrochen. Mehr Menschen, mehr Wohnungen, mehr Verkehr, mehr Umsatz. Die Frage, ob die Stadt weiter wachsen soll, wird meistens falsch gestellt. Nicht die Zahl der Menschen, die hier leben wollen, ist das Problem. Das Problem ist ein Wirtschaftsmodell, das jedes Wachstum für gut hält, solange das Bruttoinlandsprodukt steigt. Und dabei scheint es egal zu sein, was dabei an Boden versiegelt, an Miete verlangt oder an Lebensraum für Tiere zerstört wird.
Wachstum der Vergangenheit
Die Probleme, die Berlin heute prägen, sind das Ergebnis von Entscheidungen der vergangenen Jahrzehnte. Die Stadt wurde lange nach dem Leitbild der autogerechten Stadt geplant, während Wohnraum zunehmend als Anlageobjekt statt als Grundbedürfnis behandelt wurde. Die Folgen spüren wir heute: Viele Menschen können sich ihre eigene Stadt kaum noch leisten. Gleichzeitig werden Böden versiegelt, Bäume gefällt und Lebensräume für Tiere zerstört, oft zugunsten kurzfristiger wirtschaftlicher Interessen.
Wir müssen daraus lernen und feststellen: Eine Stadt kann nicht unbegrenzt wachsen, ohne dass Menschen, Tiere, Klima und Natur darunter leiden. Wachstum um des Wachstums willen stößt an ökologische und soziale Grenzen.
Der Denkfehler BIP
Das eigentliche Problem liegt tiefer als in einzelnen Fehlplanungen. Es liegt in der Messlatte, mit der Erfolg definiert wird. Solange Wirtschaftspolitik sich am reinen Wachstum des Bruttoinlandsprodukts orientiert, wird jede Entscheidung an diesem einen Wert gemessen, unabhängig davon, was sie für Menschen, Tiere und Umwelt tatsächlich bedeutet. Deshalb stellt die PARTEI MENSCH KLIMA TIERSCHUTZ (kurz: Tierschutzpartei) das Wachstumsparadigma konsequent infrage. Wir wollen Wohlstandsindikatoren einführen, die Gesundheit, Bildung, soziale Gerechtigkeit und Nachhaltigkeit messen statt reiner Wirtschaftsleistung. Berlin soll Modellregion für Postwachstum werden, für eine Wirtschaftsweise, die Lebensqualität und Ressourcenschonung in den Mittelpunkt stellt statt des Bruttoinlandsprodukts.
Der pflanzliche Donut als Kompass
Für dieses Ziel braucht es ein Leitbild, das konkret genug ist, um Politik daran auszurichten. Wir setzen dabei auf die sogenannte Donut-Ökonomie. Der Name kommt von der Form: Ein Ring markiert den sicheren und gerechten Handlungsraum zwischen sozialen Mindeststandards, etwa Wohnen, Bildung und Gesundheit, und ökologischen Belastungsgrenzen, etwa Klima, Boden und Artenvielfalt. Innerhalb dieses Rings kann eine Stadt allen ein gutes Leben ermöglichen, ohne die Grundlagen künftiger Generationen zu zerstören. Außerhalb des Rings beginnt entweder soziale Not oder ökologischer Kollaps.
Für Berlin heißt das: Wir richten unsere Wirtschaftspolitik konsequent an diesem Modell aus und wollen dafür ein „Donut Action Lab“ einrichten, in dem Bürger*innen gemeinsam Regeln und Ideen für eine Wirtschaft entwickeln, die soziale Bedürfnisse sichert und ökologische Grenzen respektiert. Aus den Ergebnissen werden Gesetzgebung und Förderpolitik neu ausgerichtet. Nicht von oben verordnet, sondern gemeinsam entwickelt. Das stärkt die Demokratie und auch die Akzeptanz des Modells.
Kaum ein Lebensbereich zeigt so deutlich, wie eng soziale und ökologische Grenzen zusammenhängen, wie unsere Ernährung. Laut der Welternährungsorganisation FAO gehen weltweit rund 30 Prozent der Treibhausgasemissionen auf Ernährungssysteme zurück. Wer den Donut ernst nimmt, kommt an einer Ernährungswende hin zu mehr pflanzlichen Lebensmitteln deshalb nicht vorbei.
Gemeinwohl als zweite Messlatte
Die Donut-Ökonomie sagt, wo die Grenzen liegen. Sie sagt aber wenig darüber, wie einzelne Unternehmen und öffentliche Betriebe innerhalb dieser Grenzen wirtschaften sollen. Hier setzt die Gemeinwohlökonomie an, ein zweites Modell, das in eine ähnliche Richtung zielt. Statt Gewinn als einzigen Erfolgsmaßstab zu akzeptieren, misst die Gemeinwohlökonomie, wie sehr ein Unternehmen Menschenwürde, Solidarität, ökologische Nachhaltigkeit und Mitbestimmung tatsächlich lebt, festgehalten in einer sogenannten Gemeinwohlbilanz.
Wir wollen öffentliche Unternehmen und landeseigene Betriebe zur Erstellung einer solchen Bilanz verpflichten und sie zum Kriterium für die Vergabe öffentlicher Aufträge machen. Ein Berliner Zentrum für Gemeinwohlökonomie soll Unternehmen beraten und vernetzen, die sich an diesen Prinzipien orientieren, mit Fördermitteln und steuerlichen Erleichterungen für alle, die eine Gemeinwohlbilanz erstellen.
Konkret: Wohnen, Mobilität, Klima und Tiere
Was eine andere Vorstellung von Wachstum für Berlin bedeutet, zeigt sich besonders bei Wohnen, Mobilität, Klima und Tierschutz.
Beim Wohnen sollte zunächst das genutzt werden, was bereits da ist: Bestehende Gebäude sanieren, leerstehende Büros und überdimensionierte Einkaufszentren umnutzen, statt immer weiter abzureißen und neu zu bauen. Denn jeder Neubau verbraucht Ressourcen und Fläche. Gleichzeitig darf Wohnen nicht vor allem eine Frage der Rendite sein. Wohnraum ist ein Grundbedürfnis und Boden eine begrenzte Ressource.
Ähnliches gilt für die Mobilität. Straßen und Parkplätze beanspruchen große Teile des öffentlichen Raums, die für Grünflächen, Begegnungsorte oder andere Nutzungen fehlen. Ein guter und kostenloser ÖPNV, Kiezblocks und sichere Wege für den Rad- und Fußverkehr können helfen, diesen Raum wieder anders zu verteilen.
Auch beim Klima führt an einem sparsamen Umgang mit Fläche kein Weg vorbei. Weniger Versiegelung, mehr Stadtgrün und das Prinzip der Schwammstadt sind entscheidend, damit Berlin auch bei zunehmender Hitze lebenswert bleibt.
Und schließlich darf in einer Wachstumsdebatte nicht vergessen werden, dass Berlin nicht nur Lebensraum für Menschen ist. Versiegelte Flächen, fehlende Nistmöglichkeiten und immer weniger naturnahe Bereiche setzen Vögeln, Fledermäusen, Insekten und anderen Tieren zu. Wer Berlin lebenswert erhalten will, muss deshalb auch seine biologische Vielfalt schützen.
Tiere mitzudenken heißt aber auch, über die Stadtgrenze hinauszuschauen. Berlin selbst betreibt kaum landwirtschaftliche Tierhaltung, trotzdem landen täglich Fleisch, Milchprodukte und Eier aus industrieller Massentierhaltung in Berliner Supermärkten, Kantinen und Kühlschränken. Massentierhaltung ist damit kein fernes Problem des ländlichen Raums, sondern ein Berliner Konsumproblem. Wer weniger Fläche verbrauchen, weniger Emissionen verursachen und weniger Tierleid verantworten will, kommt an einem deutlich breiteren pflanzlichen Angebot nicht vorbei. Pflanzliches Essen sollte deshalb in Kantinen, Kitas, Schulen, Pflegeheimen und Krankenhäusern zum Standard werden.
Grenzen einhalten, Wohlstand neu messen
Was beim Wohnen, bei der Mobilität, beim Klima und bei den Tieren durchscheint, ist immer dasselbe Muster: Mehr ist nicht automatisch besser. Mehr Miete, mehr Verkehr, mehr versiegelte Fläche, mehr Fleisch auf dem Teller, all das lässt sich kurzfristig als Wachstum verbuchen und stößt trotzdem an dieselben planetaren Grenzen.
Genauso wichtig ist die zweite Grenze, die wir uns selbst setzen sollten: die Vorstellung, dass mehr Wirtschaftsleistung automatisch mehr Wohlstand bedeutet. Das Bruttoinlandsprodukt misst, wie viel Geld die Stadt umsetzt, nicht, wie es den Menschen dabei geht. Geld allein macht niemanden glücklich, andere Faktoren entscheiden über ein gutes Leben. Wohlstandsindikatoren jenseits des BIP und eine Gemeinwohlbilanz sind der Versuch, genau diese Faktoren endlich stärker in den Fokus der Politik zu rücken.
Eine Stadt, die sich an Donut und Gemeinwohl statt an reinem Wachstum orientiert, wird dadurch nicht kleiner oder ärmer. Sie wird lebenswerter, für Menschen genauso wie für die Tiere, die mit uns hier leben.





