Lieber Martin, du bist schon lange in der Postwachstums-Bewegung aktiv und hast das Thema unter anderem in einem Kinofilm aufbereitet, worüber du bereits im Blog gesprochen hast. Nun hast du dich mit den großen Autokonzernen und dem Tech-Milliardär Elon Musk angelegt. Wie kam es dazu?
Martin: Ich bin als “Auto-Kind” im östlichen Niedersachsen geboren und aufgewachsen – direkt bei Volkswagen vor der Tür, mit einem Vater, der jahrzehntelang bei VW als Ingenieur tätig war. Mit diesem Hintergrund war ich lange überzeugt, dass Elektro-Autos einen notwendigen Wandel für unsere Welt bewirken. In Tesla habe ich einen Vorreiter gesehen, der die Auto-Industrie vor allem in Deutschland unter dringend nötigen Veränderungsdruck setzt. Dazu kam die unternehmerische Weitsicht, schon extrem früh in ein Schnellladenetzwerk für E-Autos zu investieren. Tesla-Schnelllader habe ich in Europa zum ersten Mal im Jahr 2013 an einer italienischen Autobahnraststätte entdeckt und war davon sehr beeindruckt. Zu der Zeit, als Volkswagen durch den Dieselskandal zum Inbegriff für Umweltverschmutzung wurde, konnte ich mir endlich einen Tesla leisten. So wurde ich zum Fan und Botschafter. Der Wandel in der Welt in den folgenden Jahren hat mich dann sehr politisiert: das gesamte Ausmaß der Klimakatastrophe wurde immer bekannter, zugleich Aufstieg der Rechten, Brexit, immer mehr Angriffe auf die Demokratie, die erste Wahl von Trump. Derweil dachte ich aber, dass mein Auto Teil der Lösung und nicht Teil des Problems sei – obwohl ich in der Zeit viel über die Folgen unserer BIP-Wachstumsobsession gelernt habe. Als Musk sich dann vor der Wiederwahl von Trump letztlich als Faschist geoutet und Hand an die amerikanische Demokratie gelegt hat, wurde klar, dass ich nicht weiter “unkommentiert” mit meinem mittlerweile zweiten Tesla durch die Gegend fahren kann. Also habe ich das Auto mit meiner eigenen “Auto-Biografie” bemalt und daraus mit tatkräftiger Unterstützung des Teams von beyond content einen YouTube-Film gemacht, der deutlich sagt, woher die Bedrohung unserer Zivilisation kommt: von wahnsinnigen Milliardären und von einem Wirtschaftssystem, das sich längst gegen uns alle gewendet hat.
Welche Rolle spielen für dich Autokonzerne in der Wachstumsdynamik und ihren zerstörerischen Folgen für Mensch und Natur?
Martin: Was mal im kleinen Rahmen angefangen hat, wird bei kompletter Überreizung zum massiven Problem. Als Henry Ford das Model T entwickelt hat – also das erste Auto, das mittels Fließbandfertigung hergestellt wurde – war das alles noch recht harmlos in Bezug auf die Belastung der Erde. Er hat am Ende 15 Millionen dieser Fahrzeuge in einer Welt verkauft, in der 2 Milliarden Menschen lebten. Die Erde konnte die zusätzlichen Emissionen locker verkraften und die Ressourcen, die man brauchte, um das kleine Wägelchen zusammen zu schrauben, waren sehr überschaubar. Aber der Mensch bleibt halt nicht beim harmlosen Umfang. Wir werden immer mehr – und wir wollen immer mehr. Heute werden jedes Jahr knapp 100 Millionen Autos und LKWs hergestellt. Nochmal: Jedes Jahr knapp 100 Millionen. Und das sind Fahrzeuge, die ein Vielfaches der Ressourcen verbrauchen, die damals gebraucht wurden. Dieses Material muss irgendwo herkommen – Stahl, Kupfer, Aluminium, Unmengen an Plastik, aus Öl hergestellt. Nur 27 Millionen werden pro Jahr recycelt. Wir pflügen also unsere Erde um, damit wir sie anschließend mit Autos vollstellen können – denn Autos stehen täglich rund 23 Stunden in der Gegend herum, sie werden durchschnittlich nur eine Stunde pro Tag genutzt. Es ist also eigentlich kompletter Wahnsinn. Dazu verursachen unsere Autos mittlerweile rd. 20% des globalen CO2-Ausstoßes. Dass aus einem harmlosen Produkt mittlerweile eines geworden ist, das unsere Erde an ihre Belastungsgrenzen treibt, sollte eigentlich allen klar sein.
Und was haben E-Auto-Bauer und Tech-Milliardäre wie Elon Musk damit zu tun?
Martin: Zunächst mal erzählen sie uns die Geschichte, dass es mit E-Autos alles kein Problem mehr sei. Dass der Betrieb eines E-Autos deutlich besser ist als der Betrieb eines Verbrenners, steht dabei außer Frage. Aber die Herstellung – also der Verbrauch riesiger Mengen von Welt, um immer mehr dieser Autos in die Gegend zu stellen – ist bei E-Autos ja nicht anders. D.h. auch wenn sie vielleicht marginal dabei mithelfen, die Klimakrise zu verlangsamen, machen sie in allen anderen Bereichen genauso viel oder noch mehr kaputt. Jemand wie Elon Musk ist da dann nochmal ein Spezialfall. Meinem Eindruck nach interessiert ihn eigentlich nur eine Sache: mit größtmöglicher Rücksichtslosigkeit genug Kapital einzusammeln, damit er seinen Flug zum Mars organisieren kann. Dafür ist ihm alles andere egal, dafür hat er sich mit Trump verbündet und dafür hat er seine Tesla-Milliarden eingesetzt. Der Mann ist völlig übergeschnappt. Anstatt seine Fähigkeiten und seine Möglichkeiten für das einzusetzen, was unserer Menschheit wirklich helfen würde – nämlich unsere Erde lebenswert zu erhalten – scheißt er hier auf alles und will zum Mars. Dem Mann ist nicht mehr zu helfen.

Martin Oetting ‚tattowiert‘ auf seinen Tesla eine Bildergeschichte mit seiner Kritik an mächtigen Automobilkonzernen. © Copyright Jorn Paessler / beyond content
Was können wir also noch tun, um uns eine Zukunft zu schaffen, die weder durch Verbrennungsmotoren und Treibhausgase, noch durch Autokraten und Faschisten zerstört wird?
Martin: Die einzige Möglichkeit, die ich sehe, ist, dass wir uns gegen diesen Wahnsinn verbünden. Wir müssen uns zusammentun und den Kampf um unsere Lebensgrundlagen hier auf der Erde ernst nehmen – so ernst, wie die Faschisten den Kampf gegen unsere Demokratie nehmen. Das ist alles kein Spiel mehr, es geht jetzt um alles. Ich versuche, mit meinem YouTube-Kanal, mit meinem Newsletter Wirtschaft21 und mit der Organisation ‘System Delta’, die ich gemeinsam mit anderen aufbaue, meinen Beitrag dafür zu leisten. Wenn wir viele werden, haben wir vielleicht die Chance, den Kompass in eine andere Richtung zu drehen.
Vielen Dank für das Gespräch, Martin!
Martin: Danke für Euer Interesse!
Das Interview führte Vincent Schlinkert, Politikwissenschaftler und Redakteur für den Blog Postwachstum am Institut für ökologische Wirtschaftsforschung in Berlin.





