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Wachstum im Wandel

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Mehr als 600 Teilnehmer/innen und Expert/innen aus Politik, Wissenschaft und Wirtschaft nahmen vom 22. bis 24. Februar 2016 an der internationalen Konferenz Wachstum im Wandel an der Wirtschaftsuniversität Wien teil, um gemeinsam die Transformation unseres Wirtschaftssystems und die Frage danach, was Lebensqualität und Wohlstand zukünftig ausmachen wird, zu reflektieren. Unter dem Motto „An Grenzen wachsen. Leben in der Transformationsgesellschaft“ wurde drei Tage lang über die verschiedenen Aspekten des wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Wachstums und dessen Grenzen diskutiert.

Organisiert wurde die Konferenz von der Initiative Wachstum im Wandel. Sie vernetzt Aktivist/innen des Wandels und Entscheidungsträger/innen aus Politik, Wissenschaft, Wirtschaft und Zivilgesellschaft und forciert den Austausch über Wachstum, Wohlstand und Lebensqualität. Sie bietet eine internationale Plattform rund um Wachstumsfragen und ein anderes, nachhaltiges Wirtschaften. Die Initiative wird vom österreichischen Bundesministerium für Land- und Forstwirtschaft, Umwelt und Wasserwirtschaft getragen und von der Wirtschaftsuniversität Wien und weiteren 25 Partnerorganisationen unterstützt.

Die Konferenz gilt als der maßgebliche Ort des Diskurses in Österreich über die Zukunft unseres Wirtschaftssystems und als eine der größten internationalen Veranstaltungen zur Thematik. Dieses Jahr war es die dritte Konferenz nach 2012 und 2014. Ich war bei allen dabei und habe bei Veranstaltungen mitgewirkt, diesmal in der Session zu säkularer Stagnation und Postwachstum. Die folgenden Zeilen basieren auf meinem subjektiven Eindruck und auf einer Auswahl von Veranstaltungen einer insgesamt interessanten, bunten, sympathischen Konferenz.

Für den österreichischen Bundesminister für Land-, Forst-, Umwelt und Wasserwirtschaft, Andrä Rupprechter, stellt sich das Thema so dar: Eine Entkopplung von Wirtschaftswachstum und Ressourcenverbrauch sei nötig, um eine Transformation in Richtung Klimaschutz und Nachhaltigkeit zu realisieren und den Umweltverbrauch absolut zu reduzieren. Doch gleichzeitig müssen Arbeitsplätze erhalten und geschaffen werden, um den Wohlstand zu sichern. Und zusätzlich zum Bruttoinlandsbericht brauche es ergänzende Indikatoren. Kein unbekanntes Credo!

In den Keynotes gab es auch offenere, kritischere und klarere Aussagen. Prof. Dr. Sigrid Stagl, Leiterin des Instituts für ökologische Ökonomie der Wirtschaftsuniversität Wien, nannte die Hypothese des Green Growth eine Illusion. Sie plädierte für eine realistische Auseinandersetzung mit der Phase eines niedrigen Wirtschaftswachstums (low growth) und insbesondere mit der Frage, wie die Zukunft der Arbeit dann gestaltet werden könne. Hierzu gebe es kaum wissenschaftliche Untersuchungen.

Auch Dr. Karl Aiginger, Leiter des Österreichischen Wirtschaftsforschungsinstituts Wien, sieht das Beschäftigungsthema als zentral an und plädiert für eine ökologische Steuerreform mit einer Halbierung der Abgaben auf Arbeit. Wachstum ist für ihn zunächst in einer Phase der Konsolidierung und Umprogrammierung noch nötig, da sich ererbte Probleme nicht ohne Wachstum lösen ließen. Danach könne die sozial-ökologische Transformation verbunden mit Umverteilungspolitik erfolgen.

Deutliche Worte kamen von Hans Brunynincks, Geschäftsführender Direktor der Europäischen Umweltagentur (EEA) und Janez Potocnik, EU-Umweltkommisar a.D. und jetzt Co-Chair UNEP International Resource Panel. Brunynincks zufolge sei Europa zwar gut bei den Problemen, die mit punktuellen Interventionen und Technik zu lösen seien (wie die Qualität von Wasser und  Luft, oder bei Effizienz), aber schlecht, wo es um systemische Fragen und großflächige Probleme gehe, wie bei Klima, Biodiversität, Chemie. So sei zwar Natura 2000 für sich genommen ein erfolgreiches Programm, könne aber nichts gegen die systemische Zerstörung durch Zersiedelung, Landwirtschaft und Chemie ausrichten. Die bisherige Logik der Systeme stimme nicht für die Zukunft – deshalb seien neue systemische Ansätze im Transformationsprozess nötig, wozu die EEA derzeit einen Report erstelle.

Jan Potocnik fasste seine Erfahrung kurz zusammen: Regierung, Wirtschaft und Gewerkschaften würden de facto nur die Ziele Wirtschaftswachstum und Arbeitsplatzsicherung verfolgen und damit die Verteidigung des Status quo. Nötig sei dagegen  ein fundamentaler Wandel in der Art zu  produzieren und zu konsumieren. Ohne einen radikalen Wechsel gebe es keine Chance für Klimaschutz und Nachhaltigkeit: „We have to rethink the system“.

Wie weit diese Aussagen von der gesellschaftlichen (Verbände-)Wirklichkeit entfernt sind, machte die Diskussionsrunde deutlich, in der die Vertreter der Wirtschaftskammer, der Gewerkschaften und der Landwirtschaftskammer unisono übereinstimmten, dass Wachstum nötig  sei – und es auch keine Grenzen des Wachstums gebe.

Der beginnende gesellschaftliche Wandel zeigte sich stärker in den Sessions. Insgesamt ist mein Eindruck, dass die Themen Arbeit, Verteilungsgerechtigkeit und Lebensstile in der Debatte an Gewicht gewinnen. Aber der Wandel möge doch – bitteschön – mit Wachstum vereinbar sein. Ob dieser freundliche, konfliktvermeidende und softe Weg, über Wachstum (nicht zu radikal) zu diskutieren, die Analyse der Situation weiterbringt und gesellschaftlich sowie politisch wirksam wird, wird sich zeigen.

von

Prof. Dr. Angelika Zahrnt ist Ehrenvorsitzende des Bundes für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND) und war von 1998 bis 2007 Vorsitzende. Von 2001 bis 2013 war sie Mitglied im Rat für Nachhaltige Entwicklung der deutschen Bundesregierung und im Strategiebeirat Sozial-ökologische Forschung des deutschen Bundesforschungsministeriums. Seit 2010 ist sie Fellow am Institut für ökologische Wirtschaftsforschung (IÖW). Sie hat zahlreiche Publikationen veröffentlicht, u.a. zu den Themenbereichen Nachhaltigkeit, Produktlinienanalyse, Ökologische Steuerreform, Ökologie und Ökonomie, Frauen und Ökologie. Sie war u.a. Initiatorin der Studien „Zukunftsfähiges Deutschland“ (Basel 1997 und Frankfurt a.M. 2008). Zusammen mit Irmi Seidl ist sie außerdem Herausgeberin des Buches „Postwachstumsgesellschaft - Konzepte für die Zukunft“ und Mit-Initiatorin des Blogs Postwachstum.de. Mit Uwe Schneidewind hat sie das Buch „Damit gutes Leben einfacher wird – Perspektiven einer Suffizienzpolitik“ geschrieben. 2006 und 2013 wurde ihr das Bundesverdienstkreuz verliehen und 2009 der Deutsche Umweltpreis.

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