Neues aus der Wissenschaft

Von der Chimäre BIP und normativen Blindflügen

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Wachstum ist in der Wirtschaftsgeschichte ein recht junges Phänomen: der wirtschaftshistorische Normalzustand – abgesehen von den letzten 200 Jahren – war geprägt von stationärer Reproduktion. Erst im industriekapitalistischen 19. Jahrhundert kam es zu einem nennenswerten BIP-Take-Off und es entwickelte sich ein Wachstumstrend, der trotz Verwerfungen und wiederkehrender Krisen anhielt. U.a. aufgrund der Arbeiter/innenbewegungen, die ihre Schlagkraft in den sozialen Konflikten unter Beweis stellten, begannen im 20. Jahrhundert breitere Bevölkerungsschichten an der Wertschöpfung zu partizipieren und sozial aufzusteigen. Die große Erzählung vom „heilbringenden“ Wirtschaftswachstum war geboren, und das BIP-Wachstum wurde in der Ökonomie allmählich zum „Maß aller Dinge“.

Bis heute lassen sich in aktuellen Diskursen auffallend viele Meinungsbekundungen finden, in denen politische Ziele wie Ungleichheitsreduktion, Lohnerhöhung, Steueranhebung oder Umweltschutz mit dem Verweis auf negative Wachstumsfolgen abgelehnt werden. Zudem findet das BIP nach wie vor ungebremste Verwendung als Indikator für Wohlstand und Entwicklung in Modellen und empirischen Studien.

Während viele Ökonomen BIP-Wachstum als Voraussetzung positiver umfassender Entwicklung (hohe Lebenserwartung, geringe Kindersterblichkeit, hohes Bildungsniveau, etc.) ansehen, betonen Wachstumskritiker, dass ein hohes BIP-Wachstum mit hohem Rohstoffverbrauch einhergeht oder gar nur unter der Bedingung der Ausbeutung von Mensch und Natur möglich ist. In all diesen Fällen wird jedoch zumeist mit Korrelationen, also statistischen Mustern, argumentiert, deren Aussagekraft äußerst strittig ist. So finden sich bei Korrelationen immer Ausnahmen: Kuba weist bei einer weitaus geringeren Wirtschaftsleistung als die USA eine gleich hohe Lebenserwartung auf; Südafrika emittiert pro Kopf weitaus mehr CO2 als Schweden, dessen Wirtschaftskraft um ein Vielfaches höher ist. Es lässt sich also schlussfolgern, dass aus einer Korrelation keine Kausalität abgeleitet werden kann: Ein hohes BIP garantiert weder automatisch hohe Lebenserwartung und ein hohes Bildungsniveau, noch impliziert es zwangsläufig ein gehobenes Maß an Umweltverschmutzung. [1]

Gesellschaftliche Entwicklungen beruhen auf einem komplexen Zusammenspiel von sozialen, politischen und wirtschaftlichen Akteuren und auf ineinandergreifenden Sozial-, Rechts- und Wirtschaftsordnungen. BIP-Wachstum kann dabei ein beiläufiges Resultat sein, muss es aber nicht. Dieser Komplex lässt sich an zwei Beispielen verdeutlichen: Eine Gesellschaft, in der es hohes wechselseitiges Vertrauen oder eine gut funktionierende Absicherung gegen Lebensrisiken (Sozialversicherungssystem) gibt, kann mehr Zeit und Ressourcen für produktive Prozesse verwenden, die letztlich auch den materiellen Lebensstandard erhöhen.[2] Eine Gesellschaft mit staatlich garantierten Freiheitsrechten – wie einem angemessenen Schutz des Privateigentums und der Gewährleistung von Meinungs- und Pressefreiheit – wird investitions- und innovationsfreudiger sein als eine vergleichbare Gesellschaft ohne diese Rechte. In all diesen Fällen wäre das BIP-Wachstum eher „Nebenprodukt“ einer bestimmten gesellschaftspolitischen Ausrichtung.

Weil das BIP lediglich über den Gesamtwert aller hergestellten Güter einer Volkswirtschaft Auskunft gibt und damit ein ausschließlich empirisch-instrumenteller Zahlenwert ist, kann es nicht unvermittelt zu einem Normativität beanspruchenden zentralen Politikmaßstab erhoben werden. Paradoxerweise schenken dennoch nicht nur die Wachstumsbefürworter („Wachstum ist Entwicklung“), sondern auch die Wachstumskritiker („Wachstum ist Ausbeutung“) dem Indikator BIP eine zu hohe Aufmerksamkeit. Um valide Aussagen darüber zu treffen, wie sich eine Wirtschaft entwickelt, ist das BIP nur ein Indikator unter vielen. Auf gesellschaftlich relevante Fragen, z.B. welches Maß sozialer Wohlfahrt erreicht ist, welche sozialökologische Qualität ein Transformationsprozess aufweist, kann das BIP keine Antwort geben. Die Ökonomie ist sich längst bewusst, dass es keine tragfähige theoretische Grundlage für das BIP als Indikator für soziale Wohlfahrt oder gesellschaftlichen Wohlstand gibt,[3] dennoch ist es in zahlreichen Modellen und Untersuchungen die wichtigste ökonomische Referenzgröße. Statt um die Wachstumsfrage, muss es jedoch darum gehen, wie wir als plurale Gesellschaften mit verschiedenen Vorstellungen vom „guten Leben“ fähig werden, Zielkonflikte zu lösen. Das schließt viele Abwägungsfragen ein: In welchem Umfang sollen die Staaten öffentliche Güter bereitstellen? Welchen Grad sozialer Ungleichheit halten Bürgerinnen und Bürger demokratischer Gesellschaften für vertretbar? Damit zusammenhängend: In welcher Höhe sollen Steuern erhoben werden und Umverteilungsmaßnahmen erfolgen? Wie stark wollen wir unseren heutigen Konsum zum Wohle zukünftiger Generationen einschränken? Mit diesen Fragen kommen (historisch geronnene) normative Vorstellungen ins Spiel.

Abwägungsfragen sind in ihrem Kern normative Fragen, d.h. es geht um Werte, Prinzipien und damit um ethische Begründungsmuster. Ökonomische Modelle zu wirtschaftspolitischen Fragen sollten weder starr einer bestimmten normativen Parameterkonstellation folgen noch normative Grundannahmen in Gleichungen oder Fußnoten verstecken. Stattdessen sollten sie versuchen, ein Spektrum an gesellschaftlichen Wertvorstellungen abzubilden. Dies würde einerseits die Wirtschaftswissenschaften wieder in die moralphilosophische Tradition ihrer Gründerväter stellen. Andererseits könnte eine explizite „Normativierung“ dabei helfen, die gesellschaftliche Debatte um Werte und Normen von der innerdisziplinären Diskussion um Methoden zu trennen und dem allgemeinen Glaubwürdigkeitsverlust der Volkswirtschaftslehre entgegenzuwirken. Ob z.B. ein neoklassisches oder ein keynesianisches Modell zur Behandlung einer bestimmten wirtschaftspolitischen Fragestellung als sinnvoll erachtet wird, ist eine methodische Frage, die fallabhängig innerhalb der Disziplin erörtert und vor allem unabhängig von ihren normativen Implikationen beantwortet werden muss. Wenn normative Voreinstellungen und Vorurteile die Wahl der Methoden (oder Modelle) beeinflussen, ist die Glaubwürdigkeit der betreffenden Wissenschaft gefährdet.

Die Degrowth-Bewegung liegt mit ihrer Kritik am BIP zur Messung wirtschaftlichen und sozialen Fortschritts richtig. Völlig zu Recht verwirft sie das BIP als zentralen Politikmaßstab und tritt emphatisch einem Wachstumsfetischismus entgegen. Gemäß ihrer eigenen Forderung nach Entwichtigung des BIP sollte sie aber gleichzeitig nicht einer undifferenzierten Verdammung des BIP-Wachstums aufsitzen. Denn die generelle Schlussfolgerung, das BIP müsse stagnieren oder gar schrumpfen, ist ein Fehlschluss.[4] Gerade weil das BIP nicht zum (umfassenden) Wohlfahrtsindikator taugt, können sozialer Wohlstand und Fortschritt auch nicht an der Entwicklung des BIPs bemessen werden. Vielmehr braucht es andere Indikatoren – und vor allem eine gesellschaftliche Debatte darüber, wie diese zu gewichten und zu priorisieren sind. Aufgabe der Volkswirtschaftslehre kann es dann sein, Wege aufzuzeigen, die (deliberativ-demokratisch festgesetzten) gesellschaftspolitischen Ziele zu erreichen bzw. Informationen für eine aufgeklärte Debatte über Ziele und Zielkonflikte bereitzustellen.[5]

Die BIP-Entwicklung (egal ob Schrumpfung, Stagnation oder Wachstum) hat rein instrumentellen Charakter; sie kann letztlich nur dazu dienen, gesellschaftspolitische Ziele, auf die sich Bürgerinnen und Bürger demokratischer Gesellschaften – gemäß ihren normativen Vorstellungen – geeinigt haben, zu erreichen.

 

[1]Wie gering die Wirkungen niedrigeren Wirtschaftswachstums für das Erreichen von ambitionierten Klimaschutzzielen sind, erläutern Jakob, M. & Edenhofer, O. (2014). Green growth, degrowth, and the commons. Oxford Review of Economic Policy 30 (3) 447-468.

[2]Siehe Wilkinson and Pickett (2011). The Spirit Level: Why Greater Equality Makes Societies Stronger.

[3]Siehe Fleurbaey, M. (2009). Beyond GDP: The quest for a measure of social welfare. Journal of Economic Literature, 47(4), 1029-1075.

[4]Siehe dazu auch die Textsammlung unter http://www.postwachstumskritik.de.

[5]Edenhofer, O. & Kowarsch, M. (2015). Cartography of pathways: A new model for environmental policy assessments. Environmental Science & Policy 51, 56-64.

 

von

Dr. Matthias Kalkuhl ist Professor für Klimawandel, Entwicklung und Wirtschaftswachstum an der Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Fakultät der Universität Potsdam; er leitet zudem die Arbeitsgruppe Wirtschaftswachstum und menschliche Entwicklung am Mercator Research Institute on Global Commons and Climate Change, Berlin. / Jonas Hagedorn, Dipl.-Theol., ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am Oswald von Nell-Breuning-Institut für Wirtschafts- und Gesellschaftsethik der Philosophisch-Theologischen Hochschule Sankt Georgen/Frankfurt am Main.

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