Rezensionen

Vom Wissen zum Wandel

Schreibe einen Kommentar

Es mangelt nicht an Büchern zur Krise. Schon in den 1930er Jahren haben z. B. Jacques Ellul und Bernard Charbonneau begonnen, den Irrweg fortwährender Industrialisierung mit seinen ökologischen und gesellschaftlichen Folgen zu beschreiben. In der Zeit von Mitte der 1960er bis Ende der 1970er Jahre gab es eine rege Publizistik zu Umweltthemen (in Frankreich etwa von Alexander Grothendieck und Pierre Fournier), und damals traten in vielen westlichen Ländern Umweltbewegungen auf den Plan, deren Wirken bis heute spürbar ist. Bei „uns“ sind Luft und Wasser nicht zuletzt durch öffentlichen Protest deutlich sauberer geworden, ein bisschen Bio gehört heute in den meisten sozialen und Altersklassen zum guten Ton, und spätestens seit Fukushima ist auch vom Festhalten an der Atomkraft hierzulande keine Rede mehr. Dennoch bleibt die Bilanz vernichtend: Artensterben, Bodenerosion, Ausbreitung der Wüsten, Übersäuerung der Meere… auch dem Öko-Aktivismus gänzlich unverdächtige Medien und Institutionen sehen mittlerweile alle Zeiger auf Rot. Gleichzeitig dauert unsere Lebens- und Wirtschaftsweise als Ursache der begonnenen Katastrophen fort. Ja, es ist das erklärte Ziel der großen Industrienationen wie der „Schwellenländer“, weiter zu wachsen und damit den Untergang noch zu beschleunigen.

Um eine Mehrheit (oder ausreichend starke Minderheit) von der Unausweichlichkeit eines raschen, drastischen Wandels zu überzeugen, reicht es also offenbar nicht, die Alarmglocken zu läuten. Hier setzt Fabian Scheidler an. In seinem erfolgreichen Buch „Das Ende der Megamaschine“ erzählt er die nun fünf Jahrtausende anhaltende Geschichte von Krieg, Ausbeutung und Umweltzerstörung, die unserem vermeintlich so zivilisierten heutigen Wirtschaften zugrundeliegt. Wo immer eine Macht auf bis dahin auf Tauschhandel und Subsistenzwirtschaft gründende Kulturen übergriff, brachte sie Mord, Sklaverei und Raubbau an der Natur. In der Antike war es der Komplex von Staatsmacht, Geld und Metallurgie, der neben millionenfachem Leid (und unbestrittenen kulturellen Errungenschaften) z. B. die Entwaldung des gesamten Mittelmeerraums mit sich brachte. In der jüngeren Zeit der europäischen Expansion seit dem Spätmittelalter nahm die erzwungene Entwicklung durch die Kohle-, Stahl- und Chemieindustrie noch einmal ungleich größere Dimensionen an. Heute sind staatlich unterstützte, sonst aber jeglicher Kontrolle enthobene Industrie-, Banken- und Medienkonzerne die treibenden Kräfte der Zerstörung – und werden gemeinhin nicht einmal als solche erkannt.

Scheidlers sehr fundierter Parforceritt durch die jüngere Menschheitsgeschichte lässt erahnen, dass die daraus entstandene globale „Megamaschine“ längst nicht mehr mit ein wenig Verzicht beim Einkauf oder einem überlegten Kreuzchen auf dem Wahlzettel abzustellen ist. Das nötige Umdenken ist radikal, aber weder politisch noch medial repräsentiert. Das Buch zeigt aber auch, dass der bislang gegangene Weg nie zwangsläufig war und Menschen sich immer wieder der erzwungenen Entwicklung widersetzt haben.

In seiner Fortsetzung „Chaos“ widmet sich der Autor der Gegenwart mit ihrer globalen Apartheid, der Terrorgefahr als Ablenkung und Rechtfertigung wachsender Repression, dem Wahnsinn der Schulden- und Aktienwirtschaft und auch dem nicht weniger widersinnigen System Auto, das z. B. von Ivan Illich schon beleuchtet wurde. Stärker als im ersten Buch geht es in „Chaos“ aber auch um die Möglichkeiten der Reorganisation und die Hindernisse, die ihr im Wege stehen. Scheidlers Beispiele zu gelungenen Widerständen und gelebten Alternativen sind oft erstaunlich, aber nie aus der Luft gegriffen. Besonders in politisch-ökonomischen Fragen erweist er sich als ungemein belesen und reflektiert: Kaum ein Laie dürfte z. B. bei „Wirtschaftsordnung jenseits von Privat- und Staatseigentum“ an Jugoslawien denken, und zu „Rätedemokratie“ fällt wohl den wenigsten die nordsyrische Provinz Rojava ein, in der die dort ansässigen Kurd/innen viele strukturelle Schwächen der westlichen Staaten von vorneherein vermeiden wollen, indem sie die Städte und Gemeinden stärken und der Zentralregierung nur wenige Befugnisse einräumen. Sehr erstaunt mag der/die Leser/in über die Hoffnungen sein, die der Autor am Ende seines zweiten Buchs in die kommende Weltmacht China setzt. Zwar leugnet er nicht die verheerenden Umweltzerstörungen im Reich der Mitte, doch aufgrund seiner Kontrolle der Finanzmärkte, der erheblichen Investition in erneuerbare Energien, Aufforstungsprojekte etc sowie der geringen Macht des militärisch-industriellen Komplexes sieht Scheidler Chinas Entwicklung zur Weltmacht Nr. 1 eher gelassen, auch wenn es sich um eine Diktatur handele: Nicht zuletzt gebe es eine Tradition von Volksaufständen und Selbstorganisation.

Beide Bücher sind mit einem reichen Anmerkungsapparat und einer ausführlichen Literaturliste zum Weiterlesen versehen. „Das Ende der Megamaschine“ bietet überdies sehr hilfreiche Zeittafeln, „Chaos“ ein 16-Punkte-Programm zum Ausstieg aus der Megamaschine. Sie eignen sich ideal für Lehrkräfte höherer Schulklassen oder einschlägiger Universitätsseminare, sei es zum Selbststudium oder in Auszügen als Unterrichtsmaterial. Aufgrund der sehr deutlichen Kritik am Kapitalismus im Allgemeinen und an den bundesdeutschen Verstrickungen z. B. in Waffenhandel und Rohstoffkriege im Besonderen ist allerdings vorerst mit einer Lizenzausgabe der Bundesanstalt für Politische Bildung (bpb) wohl noch nicht zu rechnen…

Fabian Scheidler: Das Ende der Megamaschine. Geschichte einer scheiternden Zivilisation. Wien: Promedia 2015 und Fabian Scheidler: Chaos. Das neue Zeitalter der Revolutionen. Wien: Promedia 2017.

von

Marc Hieronimus ist Historiker, Philosoph, Comicforscher und Dozent für Deutsch als Fremdsprache. Zu seinen Interessen und Forschungsgebieten gehören der Nationalsozialismus im Comic, die Wirkung visueller Medien, Gesellschafts- und Technologiekritik, Karikatur, die Magie in Mittelalter und Moderne, Tiefenpsychologie, "wilde" Lebensformen u.v.m. Seine Gedichte, Erzählungen und Essays sind in zahlreichen Anthologien und Zeitschriften erschienen, darunter der Lichtwolf. Nach einigen Jahren in Frankreich lebt er heute mit seiner Familie am Waldrand von Köln. Weitere Informationen unter www.marc-hieronimus.de.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.