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Visionen erzählen und Utopien leben

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Wer Visionen hat, könnte der politischen Linken helfen!

Oliver Nachtwey, Professor für Soziologie an der Universität Basel, sieht in der Visionslosigkeit der politischen Linken den wichtigsten Grund für die Krise, in der sich vor allem die sozialdemokratischen Parteien Europas in vielen Ländern derzeit befinden:

"Ihren Ursprung hat die Malaise der Linken [...] darin, dass sie die Imagination einer anderen, einer besseren Welt verloren und den Willen, sie zu erreichen, aufgegeben hat. Die Linke hat das neoliberale Mantra, dass es keine Alternative zum globalen Kapitalismus gebe, im Grundsatz verinnerlicht. Deshalb ist sie keine Kraft der Zukunft, keine Treiberin des Fortschritts, keine Energiequelle von Reformanstrengungen mehr. Sie hat kein eigenes Narrativ einer Gesellschaft jenseits von universeller Konkurrenz, grenzenlosem Wachstum, Umweltzerstörung, der Auflösung lokaler Gemeinschaften, in der jede Pore des Lebens zur Ware gemacht wird." [1]

Zumindest bezüglich des fehlenden Gegennarrativs zu grenzenlosem Wachstum scheint Nachtwey richtig zu liegen. Im Wahlkampf zur Bundestagswahl 2017 waren es jedenfalls nur Parteien, die in Berichten über Wahlergebnisse regelmäßig unter der Rubrik "Sonstige" zusammengefasst werden, welche eine Abkehr vom Wachstumsparadigma in ihr Wahlprogramm aufnahmen. Die SPD dagegen hat in Zusammenarbeit mit der Union einen Zukunftsplan für die nächsten vier Jahre ausgehandelt, in dem das Wort "Wachstum" im Sinne des unhinterfragten Paradigmas 25 Mal genannt wird. Es scheint gleichsam als Synonym für Vertrauen und Sorglosigkeit verwendet zu werden.

Es gibt sie, die Visionen. Sie müssen nur erzählt, diskutiert und vor allem gelebt werden.

Neben der gesellschaftlichen und politischen Problemebene, die Nachtwey besonders anspricht, betont Frank Adloff, Professor für Soziologie an der Universität Hamburg, zusätzlich die ökologische Ebene. In einem lesenswerten Artikel verweist er auf zivilgesellschaftliche Projekte wie die Gemeinwohlökonomie und peer-to-peer-Netzwerke, sowie auf Ansätze wie etwa die Konvivialismus-Debatte. All diese Projekte und Ideen finden ihren Ursprung in dem Bedürfnis, eine lebenswerte Zukunft für alle Menschen im Rahmen der ökologischen Grenzen der Erde zu ermöglichen. Adloff zeigt auf, dass viele Ideen und Visionen bereits bestehen und gelebt werden. Jedoch "stehen diese konvivialen Experimente bislang oft unvermittelt nebeneinander und erfahren durch die Politik eher eine Behinderung als eine Förderung" [2].

Klar ist für Adloff, dass das Wirtschaftswachstum als globale Zielsetzung ausgedient hat und Wege zur Demokratisierung der Wirtschaftssphäre gefunden werden müssen. Und wo der Kuchen nicht mehr größer wird, wie es sich seiner Ansicht nach für den globalen Norden ohnehin bald darstellen wird, muss soziale Gerechtigkeit durch Umverteilung erreicht werden. Und: "In Bezug auf das Nord-Süd-Verhältnis muss eine Politik der Konvivialität auf eine globale Umverteilung setzen." [2].

Wenn eine Postwachstumsgesellschaft im Sinne einer inklusiven, inter- und intragenerationell gerechten und ökologischen Lebensweise erfolgreich sein soll, müssen diese beiden Debatten also miteinander verbunden werden: diejenige um die Visionslosigkeit der politischen Linken und das Ringen um eine alternative Erzählung zur allgegenwärtigen Ökonomisierung. Diese beiden Debatten hätten das Potential, durch ihre Verbindung Aufwind zu erfahren - die eine vor allem inhaltlich, die andere vor allem dadurch, dass sie in die Breite der Gesellschaft getragen werden könnte. Die Ideen, Kooperationen und Netzwerke, die daraus vielleicht eines Tages erwachsen, könnten dazu beitragen, eine lebenswerte Zukunft zu denken und zu erschaffen.

 

[1] Nachtwey, Oliver: Für die vielen, nicht die wenigen. Online abrufbar unter: http://www.zeit.de/2018/06/die-linken-spd-linke-gruene-krise/komplettansicht, Stand: 16.02.2018

[2] Adloff, Frank: Anders zusammenleben! Online abrufbar unter: https://www.freitag.de/autoren/frank-adloff/anders-zusammenleben, Stand: 16.02.2018

1 Kommentare

  1. Liebe Astrid,
    vielen Dank für deinen spannenden Artikel. Ich schreibe meine Masterarbeit zu einem sehr ähnlichen Thema und wollte dich daher fragen, ob du noch weitere gute Literaturtipps in diese Richtung hast?
    Danke vorab und weiterhin frohes Schaffen!
    Nina

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