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Versuch die Revolution mal mit Gemütlichkeit

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Nicht unsere Lust am Genuss zerstört die Welt, sondern unsere Unfähigkeit, zu genießen. Dieser Plot-Twist bildet den Kern von „Post-Growth Living: For an Alternative Hedonism“ von Kate Soper: Der Lebensstil der globalen Konsum-Eliten ist demnach nicht nur, was diesen ja mittlerweile auch weitgehend bekannt ist, die Ursache für menschenfeindliches Klima, kollabierende Ökosysteme und die jüngste Pandemie. Es ist weiterhin nicht bloß so, dass unter diesen diversen Krisen vor allem die weniger Privilegierten leiden. Nein, so die Pointe, dieser Lebensstil macht in Wahrheit auch die Eliten selbst unglücklich, weil er die Erfüllung ihrer tiefsten Sehnsüchte verhindert.

Ein Alternativer Hedonismus würde also die ökologisch notwendige Reduktion des Stoffdurchsatzes mit der kollektiven Suche nach den Freuden des Lebens jenseits von Konsum und Arbeit verbinden. Dazu kuratiert Kate Soper eine Reihe von Ideen aus dem Postwachstumsdiskurs, die sie in teils wunderbarer Sprache illustriert, etwa wenn sie die Symbiose zwischen Mensch und Fahrrad als „paradox langsam und schnell zugleich“ und „zentaurenartig“ feiert. Elegant weicht sie dabei den in verschiedenen Grüntönen getarnten Fallen des thomistischen Anti-Sensualismus und der Austerität aus. Vor allem aber ist Kate Soper nicht bloß eine Marie Kondo für Marxist*innen: Ihr Hedonismus ist keine individuelle Ethik, sondern eher eine Politische Philosophie, die den Konsum und die Arbeitszeit (wieder) zu Schauplätzen eines kollektiven emanzipatorischen Kampfes erklärt, der in einer Reihe mit Feminismus, Antirassismus und Antikolonialismus steht.

Offen bleibt die Frage danach, wer diesen Kampf führen soll, und damit nach den Adressat*innen des Buchs. Deren Kreis schränkt ja allein die akademische Sprache ein, und warum sollte es sich auch an jene richten, die qua mangelnder Kaufkraft ohnehin wenig bei der Frage zu melden haben, welche Konsumgüter eine Marktwirtschaft produziert? Die Strategie, „eine verführerischere Vision von den ganz anderen Formen des Konsums und des kollektiven Lebens [zu] entwickeln“ kann sich also nur an die Konsumeliten selbst richten.

Nur hat sich ein signifikanter Teil dieser Eliten das mit dem Alternativen Hedonismus ja nun auch schon seit längerem gedacht und den postmaterialistischen, veganen, achtsamkeitsmeditierenden, zur New Work radelnden Hipster geboren. Der mag zwar Statuskonsum, Arbeitsethik und die resultierende Depression keineswegs überwunden haben, aber er zahlt für die Hafermilch eben etwas mehr in die WG-Kasse und trägt so immerhin zu dem kleinen bisschen Grünen Wachstum bei, das es ja gibt.

Wer aber – wie Kate Soper ja selbst – nicht daran glauben kann, dass eine signifikante Entkopplung von Wirtschaftswachstum und Ressourcenverbrauch im Kapitalismus möglich ist, der müsste konsequenterweise auch einer solchen elitenbasierten Suffizienzpolitik misstrauen, weil diese immer entweder profitabel vermarktet werden muss oder in eine Rezession führt. In der heißt es – siehe Corona – zwar weniger für viele, aber immer noch nicht genug für alle (und immer noch viel mehr für wenige). Ein radikales Verständnis von Degrowth würde ja gerade erfordern, diese institutionellen Mechanismen zu verändern.

An dieser Stelle drängt sich die Frage auf, welche Rechnung Kate Soper eigentlich mit dem Akzelerationismus offen hat, an dem sie sich abarbeitet, als stellte er eine größere Bedrohung für das Leben auf der Erde dar als der ergrünende Kapitalismus, der bisher noch jede Alternative akkommodieren konnte. Dass die akzelerationistische Begeisterung für Raumfahrt und Planwirtschaft sich aus „jungenhafter“ Fantasie speisen mag – geschenkt. Akzelerationist*innen fahren auch nur Fahrrad. Ihre Fantasie hat immerhin eine Renaissance der leninistischen Strategie erlaubt, nach der es zunächst einmal die wichtigsten technischen und sozialen Strukturen unter demokratische Kontrolle zu bringen gilt, und zwar mit dem schlichten Ziel, das gute Leben für alle zu ermöglichen. Suffiziente Konsumpolitik bedeutet demnach zunächst einmal, allen Menschen Zugang zu den Ressourcen zu verschaffen, die für Grundbedürfnisse und Gestaltungsmöglichkeiten nötig sind. Erst im nächsten Schritt kann dann jede Produktion, die über das dafür notwendige hinausgeht, eingestellt werden. Wenn man so will, ist diese öko-leninistische Strategie dann das, was den so brav wirkenden „vorsorgenden Postwachstumsansatz“ mit den Nicht-Eliten auf den Straßen von Chile, Minneapolis, dem Libanon oder, maximal kontraintuitiv, Frankreich verbindet.

In diesem Sinne ist „Post-Growth Living“ ein bisschen wie ein Buch von Männern für Männer, die unter dem Patriarchat leiden und sich mit der Frage beschäftigen, wie sie an feministischen Kämpfen teilnehmen können. Solche Bücher sind zweifellos wichtig. Sie sollten sich aber auch nicht unbedingt so wichtig nehmen, dass sie für das Ende des Patriarchats auf Männer setzen. Oder für das Ende des Kapitalismus auf Konsument*innen.

Das ändert nichts daran, dass der zentrale Plot-Twist gelungen ist und einen wichtigen Beitrag zu einer Politischen Philosophie des Konsums darstellt. Wer die Ökologische Wirtschaften oderden Blog Postwachstum liest, dürfte darin zwar kaum etwas Neues finden. Sinnvoll wäre das Buch aber als Geschenk für nicht-vegane autofahrende Menschen ohne Meditationsapp, die eher links denken, aber noch nichts von Postwachstum gehört haben. Für die maximale konsumpolitische Wirkung gerne zu Weihnachten.

 

Kate Soper (2020): Post-Growth Living. For an Alternative Hedonism. Brooklyn, NY: Verso.

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