Neues aus der Wissenschaft

Verbindende und mobilisierende Chancen von Degrowth

Schreibe einen Kommentar

In meinem letzten Beitrag habe ich die These aufgestellt, dass unter dem Label „Postwachstum“ oder „Degrowth“ ein neues soziales Paradigma hegemonial werden könnte. Das möchte ich an zwei Aspekten illustrieren.

(a) Integrativ bezieht sich zunächst auf die analytisch-gesellschaftskritische Dimension von Postwachstum. Gesellschaftstheoretisch verweist es auf gemeinsame systemische Wurzeln - wie eben den Wettbewerbs-, Profit- und Wachstumsimperativen und damit korrespondierenden Herrschaftsverhältnissen - von spezifischen Ursachen für Gefährdungen, für Formen sozialen Leidens und Konflikte, deren Überwindung oder Bearbeitung Ziel vieler politischer Bestrebungen ist, die gegenwärtig (noch) nicht mit Postwachstum in Verbindung gebracht werden.

Das Spektrum solcher zivilgesellschaftlichen Akteure, deren expliziter gemeinsamer „roter Faden“ Postwachstum sein könnte, ist kaum eingrenzbar, was auch die Themenvielfalt des Leipziger Kongresses demonstrierte: seien es Gerechtigkeits-, Umwelt-, Natur-, Klima-, Tierrechtsschutz, Initiativen gegen Demokratieabbau, intransparente Großprojekte und neoliberale Privatisierungen, für mehr Demokratie in der Wirtschaft, gegen eine fortschreitende neoliberal inspirierte „Verschulung“ von Hochschulen oder herrschaftskritische Strömungen, Friedensbewegte usw. Hinzu kommen viele andere „nachhaltigkeits-desillusionierte“ oder durch die jüngste Krise politisierte Personen und Initiativen. Für all diese Konfliktlinien ließe sich eine mehr oder weniger vermittelte ursächliche Beziehung zu den Paradigmen einer kapitalistischen Wachstumsgesellschaft der Spätmoderne nachweisen, somit auch ein gemeinsames Interesse an ihrer Kritik, Eindämmung bzw. Überwindung.

(b) Verbindendes Potenzial hat Postwachstum jedoch auch in einem mobilisierenden Sinne. Dieses Thema bietet einen Raum für konkret-utopische Alternativen, zugleich aber auch für vielfältige konkrete Aktionen und „niedrigschwelliges“ Engagement. Es entspricht offenkundig auch dem Lebensgefühl von AktivistInnen der jüngeren Generation im Hier und Jetzt, durch Experimente, kreative Aktionen, auch durch den eigenen Lebensstil praktisch Gesellschaft zu verändern. Postwachstum ist als Zukunftsvision und „politischer Kampfbegriff“ (Schmelzer 2014) offenkundig einladender, anziehender als herkömmliche Formen von Kapitalismuskritik, die aber unter dem Dach von Postwachstum/ Degrowth“ gleichberechtigt agieren können.

Inwiefern tatsächlich derartige Potenziale von Postwachstum für eine soziale Bewegung wirksam werden, hängt von vielerlei Umständen ab. Dazu gehört auch die Fähigkeit der Akteure, mit ihrer internen Heterogenität produktiv umzugehen und nach „außen“ die thematisch möglichen Brücken tatsächlich zu schlagen und zwar so, dass neue unorthodoxe Allianzen möglich werden und sich damit auch das Spektrum der Akteure erweitert. Drei Punkte scheinen mir dabei wichtig.

Differenzen offen und konstruktiv bearbeiten

Das ist erstens die Form der Auseinandersetzung mit dem Widerspruch, dass Postwachstum zwar eine Gemeinsamkeit in der Ablehnung des Wachstumsparadigmas signalisiert, jedoch gleichermaßen eine große Bandbreite von unterschiedlichen Vorstellungen hinsichtlich seiner Ursprünge, der geeigneten Strategien und Prioritäten seiner Überwindung oder der nahen oder ferneren gesellschaftlichen Zukunft beinhaltet.

Im Umgang damit sind unter anderem Praktiken gefragt, die auch für eine künftige Gesellschaft als Normen für erstrebenswert gelten: Nicht den Streit vermeiden, sondern ihn tolerant, respektvoll, argumentativ führen. Dabei wird sich oft erweisen, dass unterschiedliche Positionen nicht einander ausschließen oder gar mit „richtig“ oder „falsch“ zu etikettieren sind. Eher sind es Präferenzen, die sich ergänzen, zumindest einander nicht ausschließen, oft auch miteinander „friedlich koexistieren“ können (s. u. 3.). Andere Streitfälle gehören ins Reich der theoretischen Debatte oder der empirischen Prüfung.

Gewiss sind normativ abgrenzende Leitplanken unerlässlich, wie z.B. in Frankreich gegen rechtspopulistische Versuche, „Decroissance“ zu vereinnahmen (Muraca 2014). Auch sollte eine Position, deren Wachstumskritik man teilen kann, deren sozial konservative Alternativ-Vision jedoch ablehnt, klar als solche benannt werden, wie etwa die von Meinhard Miegel (2010). Das schließt jedoch nicht aus anzuerkennen, dass der Autor zugleich bei der „Enthegemonialisierung“ des Wachstumsparadigmas in seinem bürgerlichen Milieu mehr leisten kann, als dies seine linken Kritiker dort je könnten. Und weitsichtige Wertkonservative haben durchaus gute und originär konservative Gründe für Skepsis gegenüber einem perpetuierten Wachstums- und Wettbewerbsprinzip, das bedrohliche Risiken für bewahrenswerte bürgerlich-zivilisatorische Standards beinhaltet.

Dialogfähig nach „außen“

Zweitens. Um die mit „Postwachstum/ Degrowth“ gegebenen Chancen zu nutzen, den Kreis von emanzipatorisch-transformativen Akteuren zu erweitern, bedarf es einerseits analytischer Arbeit, um die vielschichtigen Zusammenhänge zwischen den erwähnten gesellschaftskritisch thematisierten Problemen und dem Wachstumsparadigma als ihrer wesentlichen gemeinsamen Wurzel zu verdeutlichen. Dies wäre eine geistige Brücke zu zahlreichen speziellen Initiativen, NGOs, Gemeinschaften, die sich damit auseinandersetzen.

Ebenso wichtig wäre es für eine sich entwickelnde Postwachstumsbewegung, sehr offen und dialogfähig zu sein gegenüber solchen Gruppierungen oder auch GewerkschafterInnen, die auf „Postwachstum“ skeptisch und auf bestimmte Formen von (suffizienzorientierter, „antikonsumistischer“) Wachstumskritik allergisch reagieren, da dies „Lohnverzicht“ legitimiere. Dies erfordert seitens der Wachstumskritiker unter anderem zu erkennen und zu respektieren, dass es auch außerhalb der eigenen, vertrauten Milieus, z.B. bei Angestellten und ArbeiterInnen „schmutziger Industrien“ Formen alltäglicher Gesellschaftskritik oder ökologischer Sensibilität gibt, die sich aber anders, nicht unbedingt im Konsumstil manifestieren. Und für sie entsteht das Neue, etwa das sozialökologisch konvertierte Produkt, nicht unbedingt gegen oder neben „ihrem Betrieb“, sondern auch durch ihn.1

Umgekehrt allerdings muss es Wachstumskritikern erlaubt sein, die Legitimität bestimmter traditioneller Formen des Kampfes um mehr soziale Gerechtigkeit aus ökologischer Sicht zu hinterfragen, ohne gleich in die Nähe eines trojanischen Pferdes neoliberaler Austeritätspolitik gerückt zu werden. Denn auch Gewerkschaftspolitiker und Betriebsräte können dem Problembewusstsein der von ihnen vertretenen Belegschaften durchaus „hinterherhinken“ (vgl. Dörre et al. 2014). Herrschafts- und Ungleichheitsstrukturen immunisieren sich und die ihnen zu Grunde liegenden „Spielregeln“ auch dadurch gegen rationale Kritik, indem sie Kritik, die nicht aus der eigenen Bezugsgruppe kommt, a priori als verdächtige, besonders raffinierte Formen der Legitimation erscheinen lassen.

Postwachstum als Dach eines „Alternativen-Hauses“

Drittens schließlich könnte es sich für die Kommunikation und öffentliche Sichtbarkeit sowie für gemeinsame Aktionen innerhalb einer dynamisch sich erweiternden und internationalen Degrowth-Szene als vorteilhaft erweisen, wenn das visionär Verbindende von Postwachstum auch als ein thematisches „Dach“ in einer lockeren Form organisatorisch-kommunikativer Vernetzung repräsentiert würde.2 Das könnte auf verschiedenen Ebenen und in unterschiedlichen Themengruppen erfolgen. Man könnte sich auch lebendige Orte der Begegnung von „Degrowthlern“ vorstellen, in denen ein stückweit vom „guten Leben für alle“ sichtbar wird, wie dies z.B. in Italien die Bewegung „Decrescita Felice“ praktiziert. All dies sollte möglichst ohne jegliche Konkurrenz zu bereits existierenden sinnesverwandten Initiativen geschehen.


1 Aufschlussreich hierzu u.a. die arbeitssoziologischen Untersuchungen von Dörre et al. (2014) in der Fahrzeugindustrie.

2 Dies war auch der Vorschlag einer internationalen Arbeitsgruppe auf dem Leipziger „Postwachstum/ Degrowth“-Kongress (2.-6.9. 2014).

Literatur

Dörre, Klaus/Holst, Hajo/Matuschek, Ingo (2014): Zwischen Firmenbewusstsein und Wachstumskritik. Empirische Befunde aus einem Industriebetrieb, S. 543-550.

Miegel, Meinhard (2010): EXIT. Wohlstand ohne Wachstum, Berlin.

Muraca, Barbara (2014): Gut leben. Eine Gesellschaft jenseits des Wachstums, Berlin.

Schmelzer, Matthias (2014): Degrowth ist ein politischer Kampfbegriff, in: Neues Deutschland, 2. 09. 2014, S. 5.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.