Erstmals erschienen im Mai/Juni 2025 unter dem Titel „Notre défense: la décroissance !“ in: La Décroissance, no. 218, S. 21. In deutscher Übersetzung ist dieser Kommentar zuvor bei Wertkritik & Krisentheorie erschienen.
Aus dem Französischen übersetzt von Andreas Urban.
Die Konturen der neuen „Kriegswirtschaft“, die uns in Frankreich und anderswo angekündigt wird, sind noch sehr unklar. Glauben unsere Regierenden wirklich an die Möglichkeit eines Krieges in Europa? Oder handelt es sich im Wesentlichen um einen Vorwand, um andere Ziele zu erreichen? Die Wirtschaft wieder ankurbeln, indem auf die enormen Gewinne der Rüstungsindustrie gesetzt wird? Die Sozialleistungen kürzen und alle, vor allem die Armen, zwingen, immer mehr und unter immer noch schlechteren Bedingungen zu arbeiten? Die Repression verstärken, jeden Protest im Namen der „heiligen Einheit“ zum Schweigen bringen? Alle ökologischen oder technikkritischen Überlegungen über Bord werfen, da sie nur die Wirtschaft „behindern“ würden, die die Grundlage der Verteidigungsanstrengungen bildet? Vorwand oder nicht, genau das wird passieren. Wer sich weigert, sich an diese neue Dimension anzupassen, setzt sich dem Vorwurf aus, ein „Verräter“, ein „Drückeberger“ oder ein „Egoist“ zu sein „in einer Zeit, in der das Vaterland in Gefahr ist“. Die „Reindustrialisierung“, die uns schon seit einigen Jahren um die Ohren gehauen wird, setzt eine Diktatur der Ökonomie voraus.
In diesem Zusammenhang werden wachstumskritische Ansätze und Bewegungen zunehmend zum Staatsfeind Nummer eins erklärt. Seit vielen Jahren sind sie bereits das bevorzugte Feindbild aller Verteidiger der kapitalistisch-industriellen Gesellschaft. Seine bloße Erwähnung beendet jede Debatte, ohne dass es weiterer Argumente bedarf: Einen Gegner als Anhänger von „Degrowth“, „Décroissance“ oder „Postwachstum“ zu bezeichnen, ist so, als würde man einen politischen Gegner in den USA der 1950er Jahre beschuldigen, ein „Kommunist“ zu sein. Natürlich gibt es ohne Wirtschaftswachstum keine Aufrüstung. Die Forderung nach „Degrowth“ wäre also eine Sabotage von innen heraus, ein Geschenk an den Feind.
Der Preis der Freiheit
Und doch ist es der Ausstieg aus der kapitalistischen Wachstumsgesellschaft, der eine Antwort darstellen könnte auf die vermeintliche Alternative zwischen Aufrüstung und Kapitulation vor jenen Mächten, die uns „versklaven“ wollen. Eine deindustrialisierte Gesellschaft wird zumindest teilweise die Möglichkeit haben, sich aus einer Welt im Krieg herauszuhalten. Je stärker ein Land industrialisiert ist, desto abhängiger ist es vom Weltmarkt: Es braucht Ressourcen aus anderen Regionen, Komponenten für seine Produktion, billige oder hochspezialisierte Arbeitskräfte und Absatzmärkte für seine Produkte. Die Existenz einer hoch entwickelten Industrie wird als Garantie für Unabhängigkeit und „Souveränität“ dargestellt. In Wahrheit ist das Gegenteil der Fall. Je höher die Industrie eines Landes entwickelt ist, desto verwundbarer ist es, da es nicht in der Lage ist, ohne den globalen Wettbewerb zu überleben.
Nur eine drastische Reduzierung des Verbrauchs und der Produktion kann daher eine echte Unabhängigkeit gewährleisten. Ein Land, dessen Produktion stark vom Ausland abhängt, wird unweigerlich in die geopolitischen Konflikte verwickelt, die sich aus der Weltwirtschaft ergeben. Und wenn es keine Gewalt anwenden kann oder will, muss es betteln, sich erpressen lassen oder das Inakzeptable hinnehmen. Selbst mächtige Länder schwiegen nach einigen mündlichen Ermahnungen angesichts von Menschenrechtsverletzungen bei einem „Partner“, sobald dieser drohte, Aufträge zu stornieren, keine Waffen mehr zu kaufen und seine Ressourcen anderswo zu verkaufen. (Dieser Satz wird hier in der Vergangenheitsform verwendet, weil „demokratische“ Regierungen heute nicht einmal mehr so tun, als würden sie sich über diese Verstöße Sorgen machen, weil sie zu besorgt sind, dass ihre Wirtschaft den geringsten Schaden erleidet. Die Straflosigkeit des Mineralölkonzerns Total in Russland, Frankreich, Uganda und anderswo ist eines der deutlichsten Beispiele dafür).
Natürlich hätte dieser Rückzug vom Weltmarkt seinen Preis. Keine Smartphones mehr und keine Atomkraftwerke, keine Lithiumbatterien und keine überhitzten Häuser. Ist dieser Preis zu hoch? So werden diejenigen antworten, die bereitwillig behaupten… dass die Freiheit ihren Preis hat, dass man für sie Opfer bringen muss, dass man sie sich verdienen muss und dass Feigheit am Ende teuer zu stehen kommt. Aber in diesem Diskurs sind es bekanntlich immer die Armen, die die „Opfer“ bringen müssen, indem sie „den Gürtel enger schnallen“, und jetzt ist es auch die Natur, die „geopfert“ werden muss. Im Gegensatz dazu wird der Verzicht auf Annehmlichkeiten, die es vor dreißig Jahren noch nicht einmal gab, etwa all den elektronischen Kram, im herrschenden Diskurs als ein viel zu großes Opfer dargestellt. Im Gegenteil: Genau wegen dieser Annehmlichkeiten ziehen wir in den Krieg.
Zu Beginn des Krieges in der Ukraine gab es vielleicht eine Möglichkeit, ihn ohne Waffengewalt zu beenden und dabei zugleich einen Schritt in Richtung eines Ausstiegs aus dem warenproduzierenden System zu machen: Verhängung einer vollständigen Wirtschaftsblockade gegen Russland, beginnend mit dem Stopp aller Öl- und Gasimporte. Selbstverständlich hätte dies impliziert, die russischen Öl- und Gaslieferungen nicht umgehend durch andere Lieferquellen zu ersetzen, vor allem nicht durch US-amerikanisches Fracking-Öl und Gas, das schon allein unter ökologischen Gesichtspunkten eine Katastrophe ist. Doch dazu kam es nicht. Stattdessen wurden etwa in Deutschland eiligst LNG-Terminals gebaut, um auf diese Weise Flüssiggas aus den USA und von anderswo nach Europa zu verschiffen. Selbst russische Energieträger strömen weiterhin in den Westen, zum Teil sogar über diverse Zwischenhändler wie Indien, die russisches Öl und Gas mit Aufschlag nach Europa weiterverkaufen. Die politische Rechte – in Frankreich vor allem in Gestalt von Marine Le Pen – inszeniert sich als Kriegsgegner, indem sie fordert, die Kaufkraft der Bürger dürfe durch diesen Krieg nicht beeinträchtigt werden. Auch in anderen „friedensbewegten“ und Anti-Kriegs-Kontexten wird häufig mit steigenden Energiepreisen, Rezession und drohender Deindustrialisierung argumentiert, die der Krieg, vor allem aber die Sanktionen gegen Russland mit sich bringen würden.*
Deeskalation
Es geht nicht darum, zu leugnen, wie es ein gewisser naiver Pazifismus tut, dass es Länder gibt, die aggressive Absichten haben können. Alle großen Länder haben sie. Die Verschärfung des globalen kapitalistischen Wettbewerbs ist unbestreitbar, und alle Staaten tragen dazu bei: Es gibt keine schamlosen Aggressoren auf der einen Seite und unschuldige Opfer oder heldenhafte Verteidiger guter Prinzipien auf der anderen. Kritisches Denken hat es tatsächlich sehr schwer, auf diese neue Situation zu reagieren, in der ein Multipolarismus mit wechselnden Allianzen den früheren, so leicht durchschaubaren Kalten Krieg ersetzt hat.
Sich mit dem zu begnügen, was man in einem Land, in einer Weltgegend wie Europa zur Verfügung hat, wäre ein erster Schritt, um sich nicht an Kriegen beteiligen zu müssen. Handelskriege, Zollkriege treffen nur diejenigen, die viel importieren und viel exportieren. Hier gilt wie immer das Motto von La Boétie: „Seid entschlossen, nicht mehr zu dienen, und ihr seid frei!“ Nicht mehr zu dienen bedeutet heute vor allem, nur das Nötigste zu konsumieren.
Allerdings löst dieser Ansatz, selbst in dem schon recht unwahrscheinlichen Fall, dass ein Land ihn einführt, tatsächlich nicht alle Probleme. Was tun mit Nachbarstaaten, die noch nicht für „Degrowth“ gewonnen wurden, sondern dem Willen zur Macht anhängen? Was ist, wenn noch autoritärere Regime mit Bevölkerungen, die immer noch an die Zukunft der Ware glauben, die unvermeidlichen Turbulenzen in den „befreiten“ Gebieten ausnutzen, um dort militärisch einzugreifen? Ein Regime, das bis an die Zähne bewaffnet ist und keine Hemmungen hat, seine Waffen einzusetzen, wird immer einen Vorteil haben – erst recht in Zeiten von Kriegen, die aus der Ferne geführt werden, mit Raketen und Drohnen, denen keine „Volksverteidigung“ entgegengesetzt werden kann.
Die Verteidigung bleibt ein wenig durchdachtes Thema in der radikalen Kritik. Nur weil die Regierungen und die Massenmedien versuchen, sie als Gebot der Stunde darzustellen, heißt das nicht, dass wir in unserer Reaktion für dieses unangenehme Problem blind bleiben sollten.
* Anmerkung des Übersetzers: Dieser Absatz wurde für die Übersetzung in Absprache mit dem Autor an einigen Stellen verändert bzw. in seiner Argumentation gegenüber dem Originaltext ausgebaut.



Das Gehalt an der Kunsthochschule bezahlt doch sicherlich über Steuern der Staat ? Wie bei Lehrern, Polizisten, Richtern, Universitäten etc. .. Und unser gesamtes „Sozialsystem “ , auch der Krankenkassen, Pflege, Unterstützung der Einkommensschwachen bzw. Mittellosen wird vom Staat und Steuergeldern finanziert. Was passiert mit dem Staat, wenn es hunderttausendfach keine “ reale Wertschöpfung “ z.b. durch Industriearbeitsplätze , mehr gäbe ? Wo und wie sollen dann lebenswerte Zustände für all die Menschen herkommen ? Alles Selbstversorger ,in den Großstädten ?
Natürlich ist die Kritik an unseren Kosumgewohnheiten berechtigt. Und den ökonomischen Zwängen der Industriegesellschaften, die tatsächlich auch zu Kriegen führt. Eine Veränderung der Gesellschaft kann aber nur von Innen her kommen .
Von den Menschen selber. Durch ihr Wirken , im Denken, Sprechen ,Tun und Handeln.
Zur Verteidigung eines Landes gibt die Friedensforschung etliche Antworten, die eine militärische Option als Schlechteste, weil Zerstörerischte und Verlustreichste Variante
entlarven. Ich empfehle die Seite “ Sicherheit neu denken “ mit vielen Beiträgen und Buchtipps.