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Tiny Houses: suffizientes und nachhaltiges Wohnen?

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Die Deutschen wohnen immer größer: Manche Statistiker*innen gehen davon aus, dass die durchschnittliche Wohnfläche in den 1950er-Jahren pro Kopf in der Bundesrepublik bei rund 15 Quadratmetern lag. Mitte der 1960er-Jahre waren es in Westdeutschland bereits 25 Quadratmeter. Es folgten lange Jahre des stetigen Wohnflächenzuwachses; für 1991 weist das Statistische Bundesamt eine gesamtdeutsche Pro-Kopf-Wohnfläche von 34,9 Quadratmetern aus. Und auch in den letzten 20 Jahren stieg die Lust auf größeres Wohnen in Deutschland weiter an – bis auf nun 47,4 Quadratmetern je Kopf.

Was die Zahlen auf den ersten Blick verbergen: Ein Grund für den Wohnflächenzuwachs liegt auch in den kleiner werdenden Haushalten. Singles und Kleinfamilien brauchen pro Person etwas mehr Platz als die Familienmodelle der Nachkriegsjahre. Dennoch bleibt der Zuwachs in absoluten Zahlen dramatisch und beinhaltet neben mehr Platz zum Leben vor allem auch einen gegenüber den 1950ern vervielfachten Ressourcenverbrauch fürs Bauen, Heizen, Beleuchten etc. Viele Gewinne durch erhöhte Energieeffizienz wurden durch die größeren Flächen quasi aufgefressen. Bekannt ist dieses Phänomen unter dem Begriff Rebound-Effekt.

Trendwende in den Köpfen

Immer mehr Menschen dämmert, dass der Wohnflächenzuwachs gestoppt werden muss – aus ökologischen Gründen, aber auch aus simplen emotionalen Gründen. War es vor zwei oder drei Generationen noch erstrebenswert, besser – sprich: größer – zu wohnen, als die Eltern es mussten, beginnt dieser Trend sich in manchen Köpfen umzukehren. Großes Wohnen wird als Belastung empfunden: finanziell, aber vor allem zeitlich und psychologisch. Schließlich wollen große Wohnflächen erst einmal bezahlt und dann auch „bespielt“, also eingerichtet, geputzt, gepflegt und repariert werden.

Das Wohnen auf kleinen Flächen wird für viele deshalb zum Traum, oft auch getrieben durch die Erinnerung an die kleine übersichtliche Studentenbude oder an die Ferienwohnung, in der man es genoss, dass nur das Nötigste da war. Immer öfter gipfelt der Wunsch nach suffizientem Wohnen im Gedanken an ein Tiny House, ein winziges, womöglich mobiles Häuschen mit etwas Grün drumherum. Kochen, wohnen, duschen, schlafen und lagern auf 15, 20 oder 25 Quadratmeter. Neben der Suffizienz, also der bewussten Selbstbeschränkung und dem Verzicht auf Überflüssiges, wird dem Tiny House gerne ein hohes Maß an Nachhaltigkeit bescheinigt.

Wie nachhaltig ist das Tiny House?

Doch wie klimafreundlich und ökologisch ist das Tiny House eigentlich? Die Zeitschrift „Kleiner Wohnen“ hat sich mit dieser Frage beschäftigt und kann das ökologische Gewissen von Tiny-House-Bewohner*innen nicht ganz reinwaschen. Kritisch anzumerken ist wie bei allen Neubauten, dass für die Errichtung des Gebäudes Ressourcen verbraucht und CO2 emittiert wird. Außerdem wird in aller Regel andernorts eine Wohnung zurückgelassen, die weiterhin – nur durch jemand anderen – beheizt wird. Ein ökologisch positiver Effekt tritt deshalb erst ein, wenn die Einzelentscheidung zum Trend wird, der den Neubau größerer Wohnungen überflüssig macht. Problematisch kann auch der Flächenverbrauch sein: Tiny-House-Bauherren träumen meist von der eigenen Scholle am Ortsrand; nachhaltig ist das Tiny House aber nur, wenn es in bestehender Bebauung Nischen nutzt, die fürs „normale“ Bauen ungeeignet sind. In kleinen Gärten zum Beispiel oder auf Garagendächern.

Ein wichtiger Aspekt ist auch die Energieeffizienz, und dabei täuschen sich viele. Jede/r Architekt*in kennt das A/V-Verhältnis, das die Hüllfläche eines Gebäudes in Bezug zum umbauten Volumen setzt. Ein günstiges A/V-Verhältnis weist relativ wenig Außenwände auf und ist deshalb besonders energieeffizient, spart also ein Leben lang Heizenergie und bei der Errichtung Baustoffe und Dämmung ein. Günstige A/V-Verhältnisse haben etwa Wohnblöcke mit vielen neben- und übereinander liegenden Wohnungen. Wie Körper, die kuscheln, um sich gegenseitig warmzuhalten, sind Wohnungen dann am nachhaltigsten, wenn ihre Wände, Fußböden und Decken an möglichst viele andere Wohnungen grenzen. Das Tiny House ist eher das Gegenteil dieses Ideals, besteht es doch ausschließlich aus Außenwänden; beim Winzling auf Rädern kann die kalte Winterluft sogar den Fußboden ungehindert umströmen und auskühlen. Es ist keine schöne Erkenntnis, sie bleibt aber wahr: Die Energieeffizienz wirkt sich über den gesamten Lebenszyklus eines Gebäudes aus und ist daher der Schlüssel zur Nachhaltigkeit; wer wirklich klein und auch nachhaltig wohnen will, tut dies am besten in der Einzimmerwohnung einer Mietskaserne.

Die Bewegung denkt weiter

Ist das Tiny House also ein Irrtum, eine Idee, die der Nachhaltigkeit in Wahrheit einen Bärendienst erweist? Das nun auch wieder nicht! Denn tatsächlich geht es den meisten Tiny-House-Bauherren um viel mehr als das kleine Wohnen im Grünen. Die Motivationen sind individuell völlig verschieden, weisen aber doch erstaunlich oft Gemeinsamkeiten auf. Häufig beschäftigen sich die Tiny-House-Enthusiasten mit ökologischen Baustoffen oder dem Recycling bereits verwendeter Materialien. Viele versuchen, möglichst autark zu leben und weitgehend unabhängig vom Energie- oder Wasserversorger zu sein. Oft werden Gemeinschaftssiedlungen mit dem Ziel geplant, über stabile Nachbarschaften ein lange währendes Miteinander zu schaffen. Und die meisten Tiny-House-Bewohner*innen bescheiden sich nicht allein bei der Wohnfläche, sondern reduzieren auch ihren sonstigen Konsum erheblich und stellen ihn auf möglichst hohe Nachhaltigkeit um. Überdies kommt oft zum einen irgendwann das andere Motiv hinzu: Wer sich auf Minimalismus erst einmal eingelassen hat, lässt ihn bald auch auf andere Lebensbereiche übergreifen und profitiert davon wirtschaftlich und emotional.

So ist das Tiny House allein nicht die Lösung, aber ein wichtiger Teil einer Bewegung, die aus dem Wachstumskarussell aussteigt und dies als echten Gewinn empfindet!

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