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Suffizienz – Strategie für nachhaltige Stadtentwicklung

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Suffizienz als Strategie für eine nachhaltige Stadtentwicklung

Viele Städte stehen unter Druck: Der Wohnraumbedarf steigt und mit ihm die Kosten für das Wohnen. Gewerbe und Handel wünschen sich zusätzlich Raum – vor allem am Stadtrand. Jedes Jahr werden mehr und immer größere Autos zugelassen, für die es Verkehrs- und Parkflächen braucht. Bislang reagieren Kommunen auf steigende Anforderungen mit Wachstum, das heißt, Brachen oder Ackerland werden in Siedlungsfläche umgewandelt. Dort aber, wo Flächenkonflikte durch Wachstum gelöst werden, kollidiert dies mit Nachhaltigkeitszielen.

Wie gelingt es, die Stadt für alle Menschen bezahlbar, lebenswert und alltagstauglich zu machen, ohne immer mehr Ressourcen zu verbrauchen? Dieser Frage ist ein transdisziplinäres Team der Europa-Universität Flensburg und der Stadt Flensburg im Rahmen des Forschungs- und Entwicklungsvorhabens „Entwicklungschancen und – hemmnisse suffizienzorientierter Stadtentwicklung“ (EHSS) nachgegangen. Ergebnisse der Untersuchung, die das Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) im Bereich ‚Leitinitiative Zukunftsstadt‘ gefördert hat, wurden nun in der Publikation „Wie wird weniger genug? – Suffizienz als Strategie für eine nachhaltige Stadtentwicklung“ zusammengetragen.

Die Bedeutung von Suffizienz als kommunale Nachhaltigkeitsstrategie

Auf über 90 Seiten zeigt die Publikation zunächst auf, was Suffizienz als kommunale Nachhaltigkeitsstrategie bedeutet. Städte suffizienzorientiert zu entwickeln heißt städtische Infrastruktur so zu gestalten, dass nachhaltiges Leben nicht nur möglich, sondern auch einfach wird. Dafür setzt Suffizienzpolitik im Vergleich zu den Nachhaltigkeitsstrategien der Effizienz und Konsistenz nicht auf technische, sondern auf soziale Innovationen (siehe Illustration). Suffizienz geht von nicht ausweitbaren ökologischen Grenzen aus und stellt Wachstum als dominanten Konfliktlösungsmodus moderner Gesellschaften grundsätzlich in Frage. Als Strategie in der Stadtentwicklung setzt diese auf eine Umverteilung von Zugang zu Stadtraum, indem privater Luxus eingeschränkt und öffentlicher Wohlstand ausgeweitet wird.

Quelle: Böcker et al. 2020, S. 9; Illustration: Sarah Heuzeroth

Wirkmächtige ökonomische, kulturelle, politische und rechtliche Zwänge, die den Ressourcenverbrauch systematisch befördern, stehen einer suffizienten Stadtentwicklung jedoch entgegen. Gegenwärtig soll vor allem Wirtschaftswachstum Verteilungskonflikte vorbeugen und soziale Teilhabe ermöglichen. Auch kulturelle Leitbilder, wie der Traum vom Eigenheim im Grünen, befördern flächenintensive und damit nicht-nachhaltige Wohnformen. Kommunen versuchen zudem über steigende Einwohner*innenzahlen und eine expansive gewerbliche Entwicklung die Einnahmen zu steigern, um wachsende Ausgaben zu kompensieren. So ist die Wachstumsorientierung in den Mechanismen der Gemeindefinanzierung verankert. Der Verkauf von Grundstücken verspricht beispielsweise einen schnellen Ertrag, der für einen ausgeglichenen Haushalt oft erforderlich ist. Dahingegen zahlt sich die Bewahrung von Freiflächen finanziell nicht direkt aus.

Weniger ist schwer, aber möglich – Beispiele aus der Praxis

Dass in Städten und Gemeinden trotz alledem eine suffizienzorientierte Entwicklung gelingen kann, zeigen zahlreiche Praxisbeispiele  auf. Städte wie Ulm oder Bocholt betreiben beispielsweise eine aktive Bodenpolitik, damit die Gestaltungs- und Handlungsmacht nicht allein bei Investor*innen und Eigentümer*innen liegt. Aktive Bodenpolitik, Bodenbevorratungspolitik oder auch öffentliche Liegenschaftspolitik beschreibt dabei eine Politik des vorausschauenden Sicherns und Ankaufens von Boden durch die Kommune. Revolvierende Bodenfonds und Erbbaurechte sind nur zwei Stichworte alternativer Politiken, welche umfassend in der Publikation erläutert werden. Überdies werden suffizienzorientierte Stadtentwicklungsprojekte – welche als Vorbilder dienen können – in den Bereichen Gewerbe, Mobilität und Wohnen vorgestellt. So hat die Stadt Templin einen ticketlosen ÖPNV eingeführt oder die Stadt Siegen einen Parkplatz zugunsten eines neuen urbanen Uferbereichs zurückgebaut.

Die im Rahmen des Forschungsprojektes durchgeführten Interviews mit Verantwortlichen dieser Projekte zeigen, welche Verwaltungsstrategien für eine suffizienzorientierte Stadtentwicklung kennzeichnend sind: Eine „Idee des Städtischen“, ein „aktives Selbstverständnis der Stadtverwaltung“, „langer Atem: konsequente Zielverfolgung und langfristiges Durchhaltevermögen“, die „Verfügbarkeit zentraler Ressourcen (Boden, Geld, Personal)“, eine „gemeinsame Gestaltung von Politik und Verwaltung“, eine „Stadtentwicklung mit Vielen“, die „regionale Zusammenarbeit“ sowie „zielorientierte, fehlerfreundliche und anpassungsfähige Verfahren“.

Was sofort getan werden kann: Maßnahmen und Instrumente für die kommunalpolitische Praxis

Abschließend werden konkrete suffizienzpolitische Maßnahmen und Instrumente für die kommunalpolitische Praxis skizziert. Kommunen können beispielsweise mit einer klaren Selbstverpflichtung zu dem Umgang mit Flächen im Außenbereich (kein Bau auf der grünen Wiese) auch ohne bundesweite Vorgaben den Flächenverbrauch reduzieren. Zudem können bestehende Flächenpotentiale durch Nachverdichtung im Innenbereich, einer Unterstützung beim Erwerb von Bestandsimmobilien oder beim Wechsel von Wohnungen ausgeschöpft werden.

Damit weniger genug werden kann, so zeigt die Publikation anhand zahlreicher Projekte und konkreter Wege, bedarf es einer aktiven Gestaltung durch kommunale Entscheidungsträger*innen. Gelingt dies, bedeutet Suffizienz für die Bürger*innen nicht Verzicht, sondern eine hohe Lebensqualität bei sinkendem Ressourcenverbrauch.

 

Neben dieser Publikation sind im Rahmen des Forschungsprojektes weitere wissenschaftliche Arbeiten erschienen, welche auf der Projekt-Website aufgeführt sind. Die Publikation „Wie wird weniger genug? – Suffizienz als Strategie für nachhaltige Stadtentwicklung“ ist im Oekom-Verlag als Buch erschienen oder als Open Access-PDF verfügbar.

An der Publikation beteiligt waren die Autor*innen Maike Böcker, Henning Brüggemann, Michaela Christ, Alexandra Knak, Jonas Lage und Bernd Sommer.

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