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Stoff und Wert. Destruktive Zusammenhänge sichtbar machen – Ansätze einer ökologischen Ökonomiekritik (Teil 2)

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Ökonomische Prozesse des Wachstums bzw. der Kapitalakkumulation existieren als reale wert-stoffliche Zusammenhänge – BIP-Steigerungen und Stoffumwandlungen. Daher ist es unerlässlich, die physisch-stoffliche und die wertmäßige Seite der kapitalistischen Ökonomie zusammen zu denken, wenn man das kapitalistische Naturverhältnis verstehen will.

Geld- bzw. Kapitalvermögen entstehen – realökonomisch betrachtet – nicht aus sich selbst heraus. Sie sind der reale Ausdruck abstrakter Werte, die sich auf Grundlage konkreter stofflicher Prozesse realisieren.

Ein zur permanenten Investition bestimmter Geldbetrag entspricht hierbei nicht einer konstanten Menge Naturstoff, sondern vielmehr einer „Durchsatzrate“ von Naturstoff, der erst im Produktionsprozess qualitativ umgeformt und anschließend durch die Zirkulationssphäre auf den Markt getragen wird. Stoffumwandlungen von einer Qualität in eine andere, wie z.B. von Rohöl über Benzin in Abluft oder von Bäumen über Möbel in Abfall, finden so massenhaft statt, um Wertsteigerungen zu ermöglichen.

Doppelte Eigenschaft der Stoffe als Natur und Ware

Diese ökonomischen, qualitativen Prozesse der Stoffumwandlung müssen also als doppelte verlaufen – und hier liegt ein Kern des Problems kapitalistischer Naturverhältnisse. Einerseits müssen sie auf der Grundlage von Naturgesetzen als chemisch- oder physisch-stoffliche Umwandlungsprozesse verlaufen, andererseits aber als wertmäßige Prozesse unter dem Primat des Wachstums einer kapitalistischen Wertökonomie, in der allerdings das Stoffliche den Gesetzen der Kapitalbewegung folgen muss.

Qualitative Prozesse werden hierbei quantitativen Zielsetzungen untergeordnet. Mit nutzvollen Eigenschaften behaftete Substanzen werden nur als (Wert-)Träger bzw. als unterschiedliche Formen in diesem Prozess missbraucht, um Kapital zu akkumulieren. So wird ein quantitatives Ziel verfolgt, welches keinen Endpunkt hat. Maßlosigkeit wird zum Maß der Dinge.

Es muss nicht nur immer mehr produziert werden; die Konkurrenz schläft nicht, also muss man ihr zuvorkommen und zudem immer schneller produzieren. Beschleunigung und Profitmaximierung werden so zu unverrückbaren Zielen des „Herrschaftspaares“ Zeit und Wert, welches im Reich des Kapitals ohne demokratische Legitimation regiert.

Worin liegen nun die Probleme in der Natur-Kapital-Beziehung?

Im Gegensatz zur Kapitalakkumulation hat Wachstum in der Natur natürliche Grenzen. Naturentwicklungen, Naturveränderung heißt, unterschiedliche qualitative Zustände zu durchlaufen: vom Entstehen über das Ausgewachsensein bis zum Absterben. Sättigung, Vergänglichkeit oder Erneuerung sind hierbei wesentliche Naturverfasstheiten. In der Natur muss sich nicht alles rechnen, um bestehen zu können.

Es offenbaren sich also Widersprüche, die die jeweiligen Systeme (Natur und Kapital) wesentlich konstituieren:

Quantitativ endlose Zielsetzungen widersprechen qualitativen Prozessen von Veränderungen. Ein Je-mehr-desto-mehr, also positive Rückkopplungssysteme, führen in der Natur früher oder später zum Kippen von Systemen[1]; Prozesse der Kapitalverwertung, des maßlosen Immer-Mehr sind positive Rückkopplungssysteme, unumgängliche wesentliche Prozesse zum Fortbestand der kapitalistischen Ökonomie.

Wollte man nun diese widersprüchlichen Entwicklungszusammenhänge auflösen, müsste sich entweder die Natur an das Kapital oder das Kapital an die Natur anpassen.

Konsequenzen des Primats der Kapitalakkumulation

In der Praxis realisieren sich diese und andere Widersprüche als Einheit, wobei das Primat der Kapitalakkumulation gilt, was heißt, dass Natur sich dem Kapital unterordnen, beugen muss, und das mit fatalen Konsequenzen:

Neben Nutzstoffen in Warenform, entstehen in massenhaften Prozessen der Stoffumwandlung zugleich auch Schadstoffe, die ab einem gewissen Kipppunkt, also bei einem Umschlag von Quantität in Qualität zu direkten wie indirekten Naturzerstörungen und zu wachsendem Mangel insbesondere an fossilen Ressourcen führen.

Die hieraus zunehmenden Diskussionen um Peak-Oil und das globale Fördermaximum einer Reihe weiterer Stoffe sind Vorboten eines Postfossilismus, der dem mit Zivilisation gleichgesetzten und zum Leitbild gewordenen Industrialismus unzweifelhaft ein Ende setzen wird.

So werden die bereits zur Wirklichkeit gewordenen spätfossilistischen Verteilungskämpfe sehr wahrscheinlich zunehmen. Um den Zugang zu und den Zugriff auf Ressourcen zu garantieren, wird geostrategisches Handeln im Interesse von Unternehmen und Regierungen zu militärischen Auslandseinsätzen mit humanitären Zielen umgedeutet, und „Sicherheitspolitik“, die ihren Ausdruck nicht zuletzt in steigenden Rüstungsausgaben findet[2], wird zum Synonym für eine Politik der Bestandssicherung, zum Synonym eines unbedingten „Weiter-so“, damit der Moloch des Wachstums sich immer weiter vergrößern kann.

Was muss nun folgen?

Etwas oder sich selbst zu bewahren, um sich entwickeln zu können, braucht „Auszeiten“; das gilt nicht nur für Subjekte, es gilt auch und umso mehr für die äußere Natur! Ein Schrumpfen ihrer ökonomischen Beanspruchung heißt also, ihre intrinsische Entwicklung weniger zu stören.

Es gibt keine Alternative zur Natur, und es gibt auch keine Alternativen zur Ökonomie, aber es gibt Alternativen zur gegenwärtigen kapitalistischen Form der Ökonomie. Wie diese aussehen können, gilt es zu entwickeln und zu probieren, wobei sich die Frage nach der Realisierbarkeit einer anderen Ökonomie – ohne Kapital – meines Erachtens treffend mit einem Satz Herbert Marcuses beantworten lässt:

„Der unrealistische Klang dieser Behauptung deutet nicht auf ihren utopischen Charakter hin, sondern auf die Gewalt der Kräfte, die ihrer Verwirklichung im Wege stehen.“ (Marcuse 1967: 24)

Doch hierzu bedarf es Subjekte, die sich nicht damit begnügen, ihre nicht gelebte widerständige oder alternative Praxis als inneres System moralischer Ansprüche zu idealisieren. Um Verhältnisse zu verändern, müssen Menschen ihre moralischen Ansprüche in einer sozial-emanzipatorischen Praxis verwirklichen. Denn Moral oder selbst Kritik ohne Praxis ist ebenso halbiert wie Praxis ohne Kritik.

Diesem Artikel ging ein erster Beitrag zu „Wachstum und Kapital“ voraus.

Quellen:

– Daly, Herman Edward (1991): Steady-state economics. 2nd edition with new essays, D.C. Island press, Washington.

– Georgescu-Roegen, Nicholas (1971): The entropy law and the economic process. Harvard University Press, Cambridge, London.

– Karathanassis, Athanasios (2003): Naturzerstörung und kapitalistisches Wachstum. Ökosysteme im Kontext ökonomischer Entwicklungen. VSA-Verlag, Hamburg.

– Karathanassis, Athanasios (2010): Umweltpolitik, ökonomische Naturverhältnisse und die Systemfrage. Einblicke und Ausblicke aus politisch-ökonomischer Sicht, in: Schmieder, F. (Hg.): Die Krise der Nachhaltigkeit. Zur Kritik der politischen Ökologie, Peter Lang Verlag Frankfurt / M., Berlin, Bern, u.a., S.33-55

– Klötzli, Frank (1993): Ökosysteme. Aufbau, Funktionen, Störungen, 3. Auflage. Gustav Fischer Verlag, Stuttgart.

– Marcuse, Herbert (1967): Der eindimensionale Mensch. Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main.

– Marx, Karl / Engels, Friedrich (1962 ff): Werke (zit. als MEW) Dietz Verlag, Berlin.

– Meadows, Dennis; Randers, Jörgen; & Meadows, Donella (2009): Grenzen des Wachstums. Das 30-Jahre-Update. Signal zum Kurswechsel. Stuttgart.

– SIPRI Yearbook (2010): Armaments, Disarmaments and International Security-Summary. o. O.


[1] Vgl. hierzu ausführlich: Klötzli (1993)

[2] Vgl. hierzu ausführlich: SIPRI Yearbook (2010).

von

Athanasios Karathanassis ist Lehrbeauftragter an der Leibniz Universität Hannover (LUH) und der Universität Hildesheim. Bis 2012 war er Interdisziplinärer Forschungskoordinator an der LUH. Er arbeitet an der Habilitationsschrift zum Thema „Kapitalismen, Krisen, emanzipatorische Prozesse“. Politische Ökonomie, Globalisierung, gesellschaftliche Naturverhältnisse, gesellschaftliche Struktur- und Krisenentwicklungen sowie soziale Bewegungen bilden seine Forschungsschwerpunkte.

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