Neues aus der Wissenschaft

Smart City? Kollaborativer Urbanismus!

Schreibe einen Kommentar

Den Anglizismen zum Trotz, sie weisen direkt den Weg zum Kern des Arguments: Smart City als Vision für die energieeffiziente Stadt von Morgen ist ein Verkaufsvehikel von international operierenden Technologiekonzernen.

Es ist nicht alternativlos, vielmehr steht diesen ein mannigfaltiger Reichtum an smarten, low-tech- und lokalpassenden Gegenvorschlägen gegenüber.

Im Kreuzungsfeld dieser asymmetrischen Bemühungen verdichten sich in Deutschland die bundesministeriellen Anstrengungen, die Wissenschaft und Forschung auf Smart City einzuschwören. Gut so, könnte man meinen, doch steckt der Teufel im praktischen Vollzug zwischen politischem Leitkonzept und sozialen Bewegungen.
Die Verwendung des Smart City-Konzepts durch globale Konzerne ist mit einem schnellen Dreisatz entlarvt: Wer forciert Smart City? IBM, Siemens und Google; Wozu Smart City? Implementierung von Big Data getriebenen urbanen Mobilitäts-, Energie- und Transformationsinfrastrukturen durch multinationale Konzerne; Wie: Smart City-Marketing-Kampagnen basieren auf tollen Bildern, Marketinglosungen und mehrheitlich asiatischen Best-Practice-Fallstudien. Verkaufsstrategien von multinationalen Konzernen, Groß- und Mega-Städte als Markt für ihre Produkte zu erobern und vermeintlich „grüne“ Technologie zu verkaufen.
In Großbritannien wo man immer versucht schneller zu sein als die anderen in Kontinentaleuropa, ist man bereits in den letzten Jahren durch das Stahlbad der „Smart City“-Euphorie gegangen. Der zweifelhafte Erfolg des Konzepts hat die stichwortgebenden ProtagonistInnen demütig gemacht. Der im Juni 2015 vom ThinkTank NESTA aufgelegte Report „RETHINKING SMART CITIES FROM THE GROUND UP“ schlägt im Kern vor, den Fokus auf neue Formen der Kooperation und Kollaboration zu legen.

Kooperation und Kollaboration als neue Leitmotive

Mit dem Fokus auf Open Data, zivilgesellschaftliche Netzwerke, Crowdsourcing und kollaborative Sozialtechniken wird das Soziale zum einen reanimiert, zum anderen nach sozio-technischen Brücken gesucht. Ziel sind zukunftstaugliche und zugleich bürgergetragene Bausteine für die Stadt von Morgen. Kooperation und Kollaboration avancieren zu Leitmotiven. Beide Begriffe sind heißumkämpft, KritikerInnen wollen den Ausverkauf des Sozialen durch Plattformen wie Airbnb verhindern, andere heben die Selbstorganisation durch die Crowd hervor.
Dem Leipziger Anthropologen Tomasello (2010) zur Folge sind Kooperationen ein natürliches Bedürfnis und somit fest in der Natur des Menschen angelegt. Kinder sind seinen Ergebnissen zur Folge von Geburt an hilfsbereit und kooperativ, lernen aber im Laufe ihres Heranwachsens, eher selektiv zu kooperieren und beginnen den sozialen Normen ihrer Gruppe zu folgen. Kooperationen ermöglichen, so schlussfolgert Sennett in seinem Buch „Zusammen“, individuelle Defizite auszugleichen und neue Pfade in der Bewältigung von Problemen aufzuzeigen (Sennett, 2012). Kooperationen können allerdings nicht durch Routineverhalten oder guten Willen initiiert oder erhalten werden, sondern müssen bewusst entwickelt und vertieft werden.
Dies gilt vor allem in Situationen, in denen die KooperationspartnerInnen unterschiedlich sind, sei es nun in sozialer, wirtschaftlicher, religiöser oder ethnischer Hinsicht. In solchen Fällen ist Kooperation oftmals eine große Herausforderung und bedarf bestimmter Fähigkeiten (skills), die Sennett als Handwerk (craft) begreift und die es im gegenseitigen Austausch zu erlernen gilt. So sind beispielsweise die Fähigkeiten, seinem Gegenüber in sozialen Interaktionen genau zuzuhören (listen), seine Bedürfnisse und Anliegen zu verstehen (understand) und daraufhin in angemessener Weise zu reagieren (responsiveness), integrale Bestandteile dieses Handwerks. Die Basis für erfolgreiche Kollaboration liegt, Sennett zufolge, in der sozialen Lernfähigkeit und der Entwicklung von gegenseitigen kommunikativen Kompetenzen.

Praxis der Kollaboration

Aber wo lassen sich derartige Kulturtechniken der Kooperation heute exemplarisch im „freien Feld“ beobachten? Oder, anders gefragt: Was eint die AktivistInnen im Wohnungskampf in Madrid und des Baumhauses in Berlin-Wedding? Was verbindet das n.a.t.u.r.-Festival in Bochum mit dem neugegründeten Coworking Spaces Betahaus in Barcelona?
Seit 2-3 Jahren zeigt sich weltweit, dass es sich eine junge Generation zur Aufgabe gemacht hat, ihre vielschichtigen Erprobungsräume durch aktives Eingreifen in die Wirtschafts-, Sozial-, Bildungs- und Stadtpolitik zu erobern. Dort werden nicht nur Lösungen erdacht, sondern die Baupläne für Kollaboration, Innovation und die Gestaltung des Lebens im Bereich von Stadt, Ökonomie und sozialem Miteinander überprüft und neu aufgelegt.
Dieser Paradigmenwechsel erzählt viel vom Scheitern der bisherigen städtischen Politik und Planung, ebenso wie von den großen Erzählungen sowie Versprechungen der Zivilgesellschaft, der Finanzpolitik und anderen als systemrelevant erachteten Leistungsbausteinen unserer Gesellschaft im 21. Jahrhundert.
Junge Macher treten an und nutzen die Welt der Bits und Bytes, um die Welt der Atome in der Stadt neu zu ordnen. Praktiken des Hackings, die gemeinschaftliche Nutzung von Open Data zur Reorganisation des ÖPNV, die daraus erwachsenen Sharingmodelle im Bereich von Mobilität, Wohnen und anderen „unersetzlich-individueller“ Basisbausteine eines gelingenden Lebens, spiegeln sich in neuen Matrixen des Urbanen sowie selbstorganisierten Orten wider.
Lokale Erfolgsgeschichten von Mikrokrediten in Afrika, des Upcyclings in den Großstädten Südamerikas und Afrikas basieren u.a. auf innovativen sozialen Bewegungen, die mit Hilfe der sozialen Medien, Mikroressourcen und globalen Wissensnetzwerken ihre je spezifische Situation zu verbessern beginnen.

Gesellschaftliche Relevanz der Kollaboration

Warum sind derartige Bottom-up-Aktivitäten auch für andere Wirtschaftsbereiche in Stadt und Region bedeutsam? Was verbindet die Herausforderung eines Designers mit der eines Mittelständlers, und warum ist Cross-Sektor-Kollaboration entscheidend, um sogenannte komplexe Probleme (wicked problems) zu lösen?
Ein derartiger Bottum-up Innovationsschub könnte gerade in Deutschland positiv dem Innovationsdruck des Mittelstands begegnen! Zahlreiche KMU haben nur unzureichende Lösungswege parat, um auf Fachkräftemangel, demografischen Wandel oder die Herstellung von Diversity im Unternehmen adäquat zu reagieren.
Denn in Zukunft lautet die Frage dann nicht mehr, wie ökonomisch „erfolgreich“ ein Unternehmen ist, sondern wie es in der Lage ist, sich zu den großen Herausforderungen des Zusammenlebens heterogener Gruppen, Milieus und Generationen innerhalb eines zerklüftenden Europas und globalen Wirtschaftsgefüges zu positionieren. Dies gilt auch für die Frage nach den notwendigen energetischen Ressourcen, zu denen sich alle wirtschaftlichen Subjekte zukünftig klarer und zeitgemäßer verhalten müssen.
Die Leitfrage ist dann, wie adaptionsfähig und krisenresistent Orte, Städte und Regionen sind. Wie kann durch zeitgemäße Bildungs-, Lern- und Kompetenz- und Kollaborationsangebote gesellschaftliche Teilhabe gesichert werden? Ideen, Lösungsansätze und Beiträge zur grenzüberschreitenden Vernetzung werden wichtiger denn je, wenn gerade SüdeuropäerInnen ihre Krisenregionen verlassen (müssen) und in den prosperierenden Regionen Europas Jobs suchen.
Die existierende politische, soziale und wirtschaftliche Krise in Europa sowie die punktuellen Neuentwicklungen zwingen die bis dato exklusiven suburbanen Innovationsfabriken und deren Expertensilos neu zu denken. Es muss stärker als bisher darum gehen, die zahlreichen Initiativgruppen, ihren Selbstorganisationsprozessen und Bottom-up-Planungen als soziale Innovationsprozesse anzuerkennen.
Zwischengenutzte Orte, nachbarschaftsorientierte Werkstätten, integrative Fablabs, Coworking Spaces, Urban Gardening, Hackathons, Policy Clinics, Nachbarschaftsgärten u.a. erzählen von der ortsspezifischen Suche nach neuen sozialräumlichen Kontexten. Es sind neue Orte, wo man sich austauschen, erproben und abseits der vorgegebenen Routinen experimentieren kann. Kollaboration erwächst dabei zum zentralen Schmiermittel derartiger Experimentierkontexte.
Heute ist es wiederum mehrheitlich eine jüngere Generation in technik- und kreativaffinen Milieus, die sich aufmacht, eine Machbarkeitsbehauptung zu betreiben: Dass Praktiken der Kooperation und des Teilens nicht nur das Gute und Schöne bedienen, ehrenwert und moralisch erhebend sind, sondern dass sie gerade monetär auf längere Sicht Sinn machen, sozialen Mehrwert bieten und darüber hinaus auch noch gesellschaftlich en vogue sind.
Die Suche nach Lösungswegen aus der gegenwärtigen Krise ist also schon in vollem Gange. Bleibt eigentlich nur zu fragen: Was hält uns überhaupt noch auf dem alten Weg?
Auf den ersten Blick erscheint das Offenlegen der Baupläne in Zeiten der wirtschaftlichen Krise, knapper Ressourcen, der verkürzten Halbwertzeit von Wissen sowie der Unklarheit über den nächsten Trend paradox. Wer gibt schon gerne ab, wenn er/sie Sorge trägt, wie der mögliche Verlust wieder aufzufüllen sein könnte und sich in Mehrwert für ihn/sie auszahlt?
Eine stetig wachsende Sharing Community hat sich schon lange professionell auf den Weg gemacht, den BesitzstandswahrerInnen ein alternatives Modell vorzuführen. Während die alten Kader der etablierten Funktionssysteme Bankenwelt, Politik und Großhandel um Steuersätze, Schuldentilgung und Kreditrettungsschirme feilschen, hat sich auch zum Beispiel der Automotivsektor dem Sharing und dem Teilen verschrieben. Diese oben benannten innovativen Kollaborationsformen finden nicht nur in bekannten Bereichen von Ökologie, Ernährung oder Softwareentwicklung statt, sondern exemplarisch in der Automobilität statt.
Bei Local-Motors aus Detroit arbeitet eine virtuelle Gruppe an Autoentwicklungen, welche durch Crowdfounding zu realen Fahrzeugen werden. Man kollaboriert beim Prototyping von zukunftsfähigen Autos und teilt das Wissen im Zuge der Bewertung anderer Ideen.
In diesen Communities wird relativ unideologisch und praxisnah nach alternativen Formen der Wissensproduktion gesucht.

von

Dr. Bastian Lange ist Stadt- und Wirtschaftsgeograph und Leiter des Forschungs- und Strategieberatungsbüros Multiplicities-Berlin. Von 2011-2012 hatte er eine Gastprofessor an der Humboldt Universität zu Berlin inne und ist Mitglied des Georg-Simmel-Zentrums für Metropolenforschung der HU Berlin. Er befasst sich insbesondere mit sozioökonomischen Transformationsprozessen des kreativen Wissenszeitalters und macht sie für Politik, Wirtschaft und kreative Szenen handhabbar.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.