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Postwachstumsökonomie nicht ohne Systemwandel

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Erfreulicherweise gibt es ein langsames Aufwachen aus der bisher verbreiteten Wachstumsverblendung – deutlich auch in der Arbeit der Enquetekommission des Bundestages „Wachstum, Wohlstand, Lebensqualität“. Doch Etliches des bisher Gesagten bleibt auf der Ebene der Symptombehandlung stehen, so z.B. das Bemühen, durch „grüne Technologien“ weiteres Wachstum zu sichern.

Eine wirkliche Wende zu einer Postwachstumsökonomie wird es nur geben, wenn die grundlegenden Fehlentwicklungen unserer Wirtschaftsweise und ihre Ursachen erkannt und überwunden werden. Hier setzt sowohl die Initiative „anders wachsen – Wirtschaft braucht Alternativen zum Wachstum“ wie auch die Arbeit der Akademie Solidarische Ökonomie an. Die Initiative „anders wachsen“ will vor allem in und durch die Kirchen einen öffentlichen Diskussions- und Aufklärungsprozess über die Sackgasse und Überwindung der Wachstumsökonomie in Gang setzen. Die Akademie Solidarische Ökonomie arbeitet seit fünf Jahren an Entwürfen und Modellen einer postkapitalistischen Ökonomie, die sich als Postwachstumsökonomie versteht.

Im Folgenden stelle ich in aller Kürze dar, warum ein ökonomischer Systemwandel geboten ist und in welche Richtung sich ein alternatives Wirtschaftsmodel entwickeln kann.

Unsere zivilisatorische Fehlentwicklung liegt in der Profitmaximierung begründet

Ich bin überzeugt, dass die beiden Hauptsymptome unserer zivilisatorischen Fehlentwicklung – die ökologischen Übernutzung und Ausplünderung unseres Ökosystems und die extreme Bereicherung weniger auf Kosten der Vielen – eine gemeinsame Kernursache haben. Diese liegt im Leitprinzip der kapitalistischen Wirtschaftsweise: Alles Wirtschaften hat der Mehrung von Kapital in Privatverfügung zu dienen, der Gewinn- und Renditenmaximierung jeden unternehmerischen Handelns.

Aus diesem Leitprinzip ergibt sich zwangsläufig der Wachstumszwang und mit ihm weitere Prinzipien kapitalistischer Wirtschaftsweise: der Verwertungszwang aller Güter, das Externalisierungsprinzip, das Konkurrenzprinzip, die wiederum den Wachstumszwang befeuern.

Folgerichtig haben sich in den wirtschaftlichen Handlungsfeldern ganz konkrete und spezielle Abschöpfungs-, Bereicherungs- und Externalisierungsinstrumente entwickelt, die sowohl ständig die Vermögen von unten nach oben verschieben als auch wachstumstreibende Motoren sind, zum Beispiel im Finanzwesen das Zinssystem, der spekulative Geldhandel, das gewinnorientierte Bankwesen; eine Eigentumsordnung, die Eigentum wie Grund und Boden oder große Immobilien zur leistungslosen Abschöpfung fremder Leistung nutzen kann; eine Unternehmensverfassung, in der unbedingte Gewinnmaximierung zum System gehören und so weiter.

Die mentalen Leitbilder unterliegen einem materialistischen Grundirrtum

Neben den strukturellen wachstumstreibenden Faktoren liegen die mentalen Ursachen im verbreiteten materialistischen Grundirrtum, dass Leben und Glück im Haben und immer mehr Haben, im Machen, im Unterwerfen zu finden sei – dies gepaart mit dem sozialdarwinistischen Menschenbild, nach dem der Mensch von Natur aus ein auf Egoismus, materielle Bereicherung, Neid, Konkurrenz, Aggressivität hin angelegtes Wesen sei und nur im Ausleben dieser Neigungen überleben könne. Hinzu kommen die klassischen kapitalistischen Glaubenssätze wie zum Beispiel die Behauptung, dass das Zusammenspiel von Eigennutz, Markt und Konkurrenz wie von einer „unsichtbaren Hand geleitet“ zum Wohlstand aller führe; oder dass eine Anhäufung von Reichtum in der Hand weniger die unteren Bevölkerungsschichten mit nach oben ziehen würde. Das alles verdichtet sich in der Fehlorientierung am Bruttoinlandprodukt (BIP), das heißt, das Wohlergehen der Gesellschaft wird am materiellen Wachstum der Produktion gemessen, was nun wieder den Wachstumszwang und den materialistischen Lebensirrtum befördert.

Die Überwindung der Zivilisationskrise braucht einen Systemwandel

Einen Ausweg aus dieser Zivilisationskrise gibt es wohl nur, wenn es einen sich schrittweise entwickelnden Systemwandel gibt. In ihm müssen vier Dinge zusammenspielen:

  1. Ein tiefgreifender Paradigmenwechsel im Verständnis dessen, was Leben und Lebensglück bedeutet. Hier geben neben den Religionen die Glücksforschung und die neuere neurobiologische Forschung neue erhellende Erkenntnisse.

  2. Eine Rückbesinnung auf den eigentlichen Sinn allen Wirtschaftens: nicht Kapitalmehrung in der Hand weniger, sondern gutes Leben für alle und die Erhaltung unseres Ökosystems sind Sinn und Ziel eines haushälterischen Wirtschaftens.

  3. Ein entsprechender Umbau unseres Wirtschaftssystems, vor allem die Herausnahme der Abschöpfungs-, Bereicherungs- und Externalisierungsmechanismen aus allem Wirtschaften, die zugleich die stärksten wachstumstreibende Motoren sind.

  4. Die Installation von kooperativen, partizipatorischen und demokratischen Wirtschaftsstrukturen.

Postwachstumsökonomie als sich dynamisch einpendelnde Sinusbewegung

So kann sich eine Postwachstumsökonomie entwickeln, die eine Gleichgewichtsökonomie ist: In ihr wächst Wirtschaft quantitativ nur in besonderen Aufbauphasen. Bei Erreichen eines Sättigungsgrades geht das Wachsen zunehmend in qualitative Entwicklung über: Qualitätsprodukte, Wachsen kultureller, sozialer, geistiger Lebensqualitäten.

Dies geschieht in einer ständigen dynamisch sich einpendelnden Sinusbewegung – sowohl für einzelne Güter wie für die gesamtökonomische Entwicklung. Diese Entwicklung bleibt unter dem maximal ökologisch-sozial verträglichen Maß von Faktor 1 (auch ökologischer Fußabdruck). Damit wird die ökonomische und soziale Crashentwicklung der Wachstumsökonomie überwunden und eine Postwachstumsökonomie wird möglich.

Sinuskurve

Wichtig hierfür ist ein zielführendes Zusammenspiel von drei Strategien: a) der Konsistenzstrategie (ökologische Anpassung), b) der Effizienzstrategie (ökologische Technologien), c) der Suffizienzstrategie („mit weniger besser leben“). Dabei kommt der Suffizienz eine Schlüsselrolle zu, denn ohne ein drastisches Schrumpfen des materiellen Verbrauchs und ohne Hinwendung zu einem genügsameren Lebensstil wird es nicht gehen.

Ausführliche Darstellungen im Buch der Akademie Solidarische Ökonomie „Kapitalismus und dann? Systemwandel und Perspektiven gesellschaftlicher Transformation“ und auf der Homepage www.akademie-solidarische-oekonomie.de.

4 Kommentare

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  2. „Die Wahrheit hat weder Waffen nötig, um sich zu verteidigen, noch Gewalttätigkeit, um die Menschen zu zwingen, an sie zu glauben. Sie hat nur zu erscheinen, und sobald ihr Licht die Wolken, die sie verbergen, verscheucht hat, ist ihr Sieg gesichert.“

    (Zitat: Friedrich der Große)

    Wenn exponentielles Wachstum (auf Dauer prinzipiell unmöglich) zwingend erforderlich ist, um Wohlstand und Lebensqualität nur zu erhalten (wobei nicht einmal das gelingt), ist die makroökonomische Grundordnung falsch. Was daran falsch ist und was geändert werden muss, wurde bereits im Jahr 1916 von dem Sozialphilosophen Silvio Gesell vollständig und widerspruchsfrei beschrieben. Wer versuchte, „Die Natürliche Wirtschaftsordnung durch Freiland und Freigeld“ anzuzweifeln (u. a. Franz Oppenheimer und John Maynard Keynes, um nur die bekanntesten zu nennen), ist gescheitert. Zur Marktwirtschaft ohne Kapitalismus (echte Soziale Marktwirtschaft) gibt keine „Gegenargumente“, sondern nur Vorurteile:

    Der Zins – Mythos und Wahrheit

    Die letzte Ursache aller Vorurteile – die solange erforderlich waren, wie die grundlegendste zwischenmenschliche Beziehung, das Geld, noch unverstanden war – ist das, was ein gewisser Karl Marx, auch wenn er als Ökonom keine Leuchte war, zutreffend als „Opium des Volkes“ bezeichnete. Unabhängig von „Glaube“ oder „Unglaube“, bewirkt die schlimmste aller Drogen, die Programmierung des kollektiv Unbewussten mit dem künstlichen Archetyp Jahwe, eine selektive geistige Blindheit gegenüber der „Mutter aller Zivilisationsprobleme“ und lässt alle davon Betroffenen die einzige Möglichkeit des zivilisierten Zusammenlebens solange als „undenkbar“ erscheinen, bis die Religion erklärt und damit wegerklärt ist:

    Die Rückkehr ins Paradies

  3. Bitte, lassen Sie das Geld als die „die letzte Ursache aller Vorurteile“ – endlich als das erscheinen, was es ist– ein Mittel der Kommunikation.
    Wir alle brauchen Kommunikation— , Wechsel, Handel – Austausch. Keine/r von uns kann alles—.
    Die Vorstellung von einem alleinherrscherrden – beziehungslosen – männlichen Gott „Jahwe“ hat es vermutlich vermurkst. —-.

    Lasst uns zu den Beziehungen mit Leuten, die anders sind, zurückkkehren

    Ruth

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