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Postwachstum in der Unterhaltungsbranche?!

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Einfluss der Bildschirme auf die Zuschauer/innen

Wie Filme und andere Medien (politische) Einstellungen und Verhalten von Menschen beeinflussen, wird in den Sozialwissenschaften schon lange untersucht (siehe z. B. Fearing, 1947; Cooper, 2003 und Adkins & Castle, 2014). Insbesondere Forschung über den Einfluss der Darstellung von erotischen Szenen (siehe z. B. O’Hara et al., 2012) und Tabakkonsum (siehe z. B. Arora et al., 2012) war und ist in verschiedenen Ländern präsent. Filme, Serien und andere Medien zeigen beispielhafte Lebenswelten auf und die Charaktere wirken geplant oder ungeplant als Vorbilder auf die Zuschauer/innen. Menschen orientieren sich bis zu einem gewissen Grad an dem, was sie auf dem Bildschirm sehen. Solange die Idole in der Unterhaltungswelt zum Beispiel Neureiche und skrupellose Investmentbanker oder junge reiche Firmenerben im Rennwagen sind, brauchen wir uns nicht wundern, weshalb sehr viele Menschen nach immer mehr Konsum und Statussymbolen streben.

Zudem sind viele dieser (fragwürdigen) Vorbilder nach wie vor männlich. Selbst in Disney-Filmen mit weiblichen Hauptfiguren haben männliche Charaktere oft den größeren Redeanteil (Geisler, 2019). Es wurde schon häufig analysiert, welche Rollenbilder und Verhaltensweisen in diesen Filmen den Kindern vermittelt werden, und das sind nicht nur gute (Geisler, 2019).

Negative Vorbilder, nicht nur für Konsum

In der Postwachstums- und Degrowth-Literatur wird häufig über die Probleme mit und von Konsum berichtet (für eine Übersicht siehe z. B. Petschow et al., 2018). Dabei werden verschiedene Tretmühlen beschrieben, wie z. B. die ‚positionale Tretmühle‘, bei welcher die Menschen ihre soziale Position durch Konsum zu erhöhen versuchen (Binswanger, 2006). Es ist naheliegend, dass derartige Wünsche und Bestrebungen durch solche visuellen Vorbilder verstärkt werden. Durch Darstellungen aus der Unterhaltungsbranche können nicht nur gewisse Konsummuster hervorgerufen oder verstärkt werden, sondern auch andere, z. B. unsoziale und diskriminierende, Verhaltensweisen eine Plattform erhalten.

Fehlende alternative Held/innengeschichten

In den Bewegungen der sozial-ökologischen Transformation werden häufig Alternativen zu den derzeitigen Lebenswelten formuliert, aber dies wird bisher – meines Wissens – nicht in visuelle (Vor-)Bilder für die Allgemeinheit übertragen. Weshalb kann der Held des nächsten Hollywood-Films nicht ein indigener Umweltschützer sein, der sich für den Schutz seiner Heimat einsetzt? Oder die nächste Netflix-Serie von einer inspirierenden Permakultur-Landwirtin handeln? Zugegebenermaßen werden die ‚Big Player‘ der Branche wahrscheinlich nicht die Ersten sein, die neue sozial-ökologische, demokratische Narrative zeigen. Aber progressive Filmemacher/innen und Schauspieler/innen können unabhängige bzw. von Filmförderfonds unterstützte neue Vorbilder auf die Leinwand bringen. Nachhaltigkeits- und Postwachstumsakteure können und sollten daher auf die Branche zugehen, um gemeinsam derartige Geschichten auf den Weg zu bringen.

Erste Schritte in die richtige Richtung

Bisher gibt es einige Dokumentarfilme, die Geschichten von alternativem, nachhaltigen Verhalten aufzeigen, wie z. B. „TOMORROW – Die Welt ist voller Lösungen“ oder „Living the Change“ . Diese leisten einen wichtigen Beitrag zur Inspiration und (Neu-)Orientierung vieler Menschen. Weitere spannende (Dokumentar-)Filme über Nachhaltigkeit werden zum Beispiel hier und hier gelistet. Richtig eingehen in das Gedankengut und die Verhaltensmuster der breiten Öffentlichkeit werden solche Ansätze aber wohl erst, wenn sie in der allgemeinen Unterhaltungsbranche – nicht nur in der alternativen – intensiv(er) aufgegriffen werden.

Es gibt ein paar populäre Spielfilme, die Motive ökologischer Verhaltensweisen aufgreifen. Bei „Into the Wild“ stirbt der Protagonist jedoch am Ende in der Wildnis, was man entweder als Romantisierung des Todes (Decker, 2018) oder als abschreckendes Beispiel für ein Leben in der Wildnis auffassen kann. Ein besseres Ende findet „Captain Fantastic“, wo die Familie aus dem Wald am Ende in ein Haus auf dem Land zieht und mit ökologischem Anbau weiterhin naturnah unterwegs ist. Auch der Blogbuster „Avatar“ hielt der imperialistischen und zerstörungswütigen Menschheit den Spiegel vor; im realen Verhalten der meisten Menschen dürfte das trotzdem nichts verändert haben. Nicht alle der Millionen Zuschauer/innen werden das Gleichnis verstanden haben und die Geschehnisse in einer fantasievollen Anderswelt sind nicht direkt auf das eigene Leben übertragbar. Für echte neue Vorbilder ist hier noch viel Luft nach oben.

Es zählt nicht nur wieviel Strom durch Online-Videos und Streaming verbraucht wird, sondern auch was über den Bildschirm flackert. Filme und Streaming werden – gerade in Corona-Zeiten – nicht so schnell aus dem Alltag der meisten Menschen verschwinden. Mit reduziertem Konsum, um Strom und Ressourcen zu sparen, ist bei der breiten Masse nicht zu rechnen. Aus diesem Grund ist es umso relevanter, diesen Verbrauch wenigstens inhaltlich zu nutzen und die Zeit vor dem Bildschirm mit mehr positiven Nachhaltigkeits- und Postwachstumsnarrativen zu füllen. Bilder über bessere Lebensumstände und Wege, um dahin zu kommen, werden in akuten Krisenzeiten und danach wahrscheinlich auf fruchtbaren Boden fallen. Dann wird langfristig die Online- und digitale Welt vielleicht auch wieder weniger relevant als die analoge. Lasst die Kooperation mit der Unterhaltungsbranche beginnen!

Die Forschung zur sozial-ökologischen Transformation kann und sollte diesen Prozess begleiten und die Auswirkung verschiedener Vorbilder evaluieren sowie es bisher u. a. mit dem Tabakkonsum gemacht wurde.

 

Quellen:

Adkins, T., & Castle, J. (2014). „Moving“ Pictures? Experimental Evidence of Cinematic Influence on Political Attitudes. Social Science Quarterly, 95(5), 1230-1244. Online abrufbar unter: www.jstor.org/stable/44072746

Arora, M., Mathur, N., Gupta, V., Nazar, G., Reddy, K., & Sargent, J. (2012). Tobacco use in Bollywood movies, tobacco promotional activities and their association with tobacco use among Indian adolescents. Tobacco Control, 21(5), 482-487. Online abrufbar unter: www.jstor.org/stable/43289250

Binswanger, M. (2006). Why does income growth fail to make us happier? The Journal of Socio-Economics, 35(2), 366-381. Online abrufbar unter: https://www.sciencedirect.com/science/article/abs/pii/S1053535705001721

Cooper, M. (2003). The Influence Industry. In Love Rules: Silent Hollywood and the Rise of the Managerial Class (pp. 119-158). Minneapolis; London: University of Minnesota Press. Online abrufbar unter: www.jstor.org/stable/10.5749/j.ctttsxc1.7

Decker, D. (2018). Die meistüberschätzten Filme aller Zeiten: Into The Wild. Online abrufbar unter: https://www.rollingstone.de/die-meistueberschaetzten-filme-aller-zeiten-into-the-wild-377098/

Fearing, F. (1947). Influence of the Movies on Attitudes and Behavior. The Annals of the American Academy of Political and Social Science, 254, 70-79. Online abrufbar unter: www.jstor.org/stable/1026142

Geisler, C. (2019). Welche Auswirkungen Disney-Filme auf die Psyche von Kindern haben. Online abrufbar unter: https://www.nw.de/lokal/kreis_guetersloh/verl/22351709_Welche-Auswirkungen-Disney-Filme-auf-die-Psyche-von-Kindern-haben.html

O’Hara, R., Gibbons, F., Gerrard, M., Li, Z., & Sargent, J. (2012). Greater Exposure to Sexual Content in Popular Movies Predicts Earlier Sexual Debut and Increased Sexual Risk Taking. Psychological Science, 23(9), 984-993. Online abrufbar unter: www.jstor.org/stable/23260357

Petschow, U., aus dem Moore, N., Pissarskoi, E., Korfhage, T., Lange, S., Schoofs, A., Hofmann, D., mit Beiträgen von Hermann E. Ott (2018). Gesellschaftliches Wohlergehen innerhalb planetarer Grenzen: Der Ansatz einer vorsorgeorientierten Postwachstumsposition. UBA-Texte 89/2018, Umweltbundesamt, Dessau-Roßlau. Online abrufbar unter: https://www.umweltbundesamt.de/publikationen/vorsorgeorientierte-postwachstumsposition

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Cathérine Lehmann studierte International Sustainability Management im Master an der ESCP Berlin/Paris und absolvierte zum Abschluss ihres Studiums ein Praktikum am Institut für ökologische Wirtschaftsforschung (IÖW) im Themenbereich Postwachstum. Zuvor hat sie bereits ihre Masterarbeit in Zusammenarbeit mit dem Umweltbundesamt zum Thema Postwachstum verfasst. Nun arbeitet sie als wissenschaftliche Mitarbeiterin in einem Forschungsprojekt der TU Berlin zu Nachhaltigem Konsum. Sie ist politisch und zivilgesellschaftlich aktiv, unter anderem im Vorstand des Klimaschutzvereins „3 fürs Klima e.V.“. Sie bloggt auch in ihrer Freizeit über nachhaltiges Leben und aktuelle Themen zur Nachhaltigkeit: https://cathagoessustainable.wordpress.com.

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