Das Thema Wirtschaftswachstum in österreichischen Schulbüchern: Eine aktuelle Studie des Transformationsforschers Hans Holzinger
Wie wird Wirtschaft im Kontext aktueller sozialer Herausforderungen und angesichts planetarer, ökologischer Grenzen in österreichischen Schulbüchern dargestellt? Diesen und weiteren Fragen ging ich in einer aktuellen Studie nach. Die untersuchten Themenfelder reichen von der Darstellung von Bedürfnissen und dem Ziel von Wirtschaften über die Messung von Wohlstand und Lebensqualität bis hin zu den Herausforderungen durch ökologische Krisen und die zunehmende soziale Spaltung. Referenzrahmen ist der aktuelle Stand der Forschung, u.a. referiert in meinem Buch Wirtschaftswende sowie in den Lehrbüchern Zukunftsfähiges Wirtschaften sowie zur Ökologischen Ökonomie. Ein weiterer Bezugspunkt waren Prinzipien einer kritischen Wirtschaftsbildung. Die Studie schließt mit 25 Empfehlungen an die Schulbuchautor:innen. Eines der untersuchten Themen war selbstverständlich die Frage des Wirtschaftswachstums.
Wirtschaftswachstum im fachlichen Diskurs
In den Mainstream-Wirtschaftswissenschaften wird Wirtschaftswachstum als legitimes Ziel von Wirtschaftspolitik beschrieben. Politikberatende Wirtschaftsforschungsinstitute warnen vor zu geringem Wachstum oder gar Schrumpfung der Wirtschaftsleistung, da diese in die Rezession führe, die Arbeitslosigkeit steigere und die Finanzierung der öffentlichen Aufgaben erschwere.
In der Ökologischen Ökonomie sowie der Postwachstumsökonomie wird die alleinige Ausrichtung am Wirtschaftswachstum kritisiert, insbesondere das exponentielle Wachstum: dieses sei physisch unmöglich und auch nicht sinnvoll, da bei einem bereits hohen Niveau an wirtschaftlichem Output der Zuwachs immer noch größer werden müsste. Gesprochen wird von der Exponentialgesellschaft sowie vom Übergang zu linearem Wachstum bzw. zum Einpendeln auf einem bereits hohem Niveau oder gar von notwendiger Schrumpfung, also Degrowth.
Eine ausreichende Entkopplung von Wirtschaftswachstum und Ressourcenverbrauch gelinge trotz Effizienzsteigerungen nicht, wie etwa die Donut-Ökonomie zeigt; das BIP allein sei kein aussagekräftiger Indikator für Wohlstand; Sättigungsgrenzen sowie die Entkopplung weiteren Wirtschaftswachstum von der Lebensqualität würden Strategien ohne Wachstum nahelegen. Die aktuellen wirtschaftspolitischen Debatten im ökologischen Kontext verlaufen zwischen „grünem Wachstum“, „qualitativem Wachstum“ und „Postwachstum“.
Hoffnung auf grünes Wachstum in allen Schulbüchern
Nun zu den Ergebnissen meiner Analyse. Wirtschaftswachstum wird mehrheitlich in den Schulbüchern als notwendiges Ziel von Wirtschaftspolitik wiedergegeben und wie in den Mainstream-Wissenschaften mit Mehrung bzw. Erhalt des Wohlstandes und von Arbeitsplätzen sowie der Sicherung der Wohlfahrtssysteme argumentiert. Die Grenzen des BIP als Wohlstandsindikator werden zwar thematisiert, bei den Ausführungen zu Wirtschaftswachstum jedoch nicht bzw. nur teilweise berücksichtigt.
Im Kontext der ökologischen Zerstörungen wird zwar auf die Grenzen des Wachstums verwiesen, aber mehrheitlich für „grünes Wachstum“ plädiert. Die nur begrenzt mögliche Entkopplung des Wirtschaftswachstums vom Naturverbrauch wird wie die rein physikalische Unmöglichkeit von dauerhaft exponentiellem Wachstum nur bedingt angesprochen.
Hier zwei Beispiele zur Begründung von weiterem Wirtschaftswachstum:
„Wächst das BIP real, entsteht Wirtschaftswachstum. Wenn die Wirtschaft wächst, können viele Wünsche leichter erfüllt werden: Mehr Arbeitsplätze, mehr Urlaub, bessere Spitäler, schönere Schulen, kleinere Klassen, mehr Autobahnen (sic!), mehr Umweltschutz usw.“
„Wir benötigen das Wachstum, um den eigenen und allgemeinen Ansprüchen gerecht zu werden. Der wichtigste Motor zur Erreichung dieses Zieles ist die Wettbewerbsfähigkeit unserer Wirtschaft.“
Gesetzt wird auf qualitatives Wachstum, die Schonung der Umwelt – wie in diesem Beispiel – jedoch mit weiterem Wachstum verbunden:
„Fundament bleibt weiterhin eine funktionierende Marktwirtschaft, die allerdings im Gegensatz zu einem rein quantitativen Wachstum auf die Prinzipien eines qualitativen Wachstums setzt. Es beinhaltet neben der reinen Steigerung der gesamtwirtschaftlichen Produktionsmenge die Verbesserung der Lebensqualität, die Schonung der Umwelt und eine gerechte Einkommensverteilung.“
Nur ein Buch benennt das Problem des exponentiellen Wachstums:
„Ein solches Wachstum verläuft anfangs sehr langsam, beschleunigt sich dann und führt letztlich zu einer ‚explosionsartigen‘ Entwicklung.“
In einem Schulbuch wird im Kontext von Wirtschaftswachstum auf die Grenzen des Wachstums verwiesen:
„Keines der wirtschaftspolitischen Ziele im Magischen Vieleck wird so unterschiedlich bewertet wie dieses. Die einen meinen, das erreichte Wohlstandsniveau sei nur mit Wirtschaftswachstum zu halten oder zu erhöhen. Die anderen sprechen von prinzipiellen Grenzen des Wachstums, da Ressourcen nicht unendlich sind und meinen, dass sich andauendes Wirtschaftswachstum negativ auf die Umwelt auswirke.“
Dann wird aber auf den Wachstumsmotor Umwelt gesetzt:
„Mittlerweile zeigt es sich, dass Umwelttechnologien zu einem Wachstumsmotor für neue Wirtschaftszweige werden und damit Arbeitsplätze, Einkommen sowie Konsum schaffen und so Wirtschaftswachstum ermöglichen.“
Der Zielkonflikt zwischen Wirtschaftswachstum und Umweltschutz wird aufzulösen versucht:
„Häufig werden Wirtschaftswachstum und Umweltschutz als nicht vereinbar angesehen. Nachhaltigkeitskonzepte versuchen aber, eine gangbare Zusammenführung beider Bereiche zu bewerkstelligen.“
In einigen Büchern gibt es durchaus kritische Stimmen zum Wachstum insbesondere mit Verweis auf die ökologischen Schäden, zum Teil auch im Kontext des expansiven Kapitalismus:
„Die Grundlage der Globalisierung ist der weltweit agierende Kapitalismus, der nur ein Ziel hat: Wachstum. Dafür benötigt er Energie, die er in Form von Arbeit (auch Care-Arbeit), Kapital, Grund und Boden sowie Ressourcen dem System zuführt. Wissenschaftler/innen untersuchen, woher diese notwendigen Voraussetzungen kommen und wer darüber verfügen kann.“
In einem Schulbuch gibt es explizite Kritik am Wirtschaftswachstum:
„In der kapitalistischen Logik ist gesellschaftlicher Wohlstand ohne wirtschaftliches Wachstum schwer vorstellbar. Viele sprechen auch von einem Wachstumszwang. Das Modell der planetaren Grenzen der Erde zeigt jedoch, dass ökologisches Wachstum begrenzt ist.“
Zumindest zwei Schulbücher gehen auf die Postwachstumsökonomie ein und stellen diese den Vertreter*innen von Green Growth-Konzepten gegenüber:
„Die Befürworter/innen dieses Modells glauben, dass die Wachstumsära in den Industrieländern zu Ende geht. Wir müssen über eine Postwachstumsgesellschaft nachdenken, besser ‚by design‘ als ‚by desaster‘ wie der kanadische Wirtschaftsforscher Peter Victor in seinem Buch ‚Postwachstumsgesellschaft. Konzepte für die Zukunft‘ darlegt.“
Im zweiten Schulbuch kommt eine Postwachstums-Vertreterin zu Wort, die eine Abwendung vom Wachstumsgebot aus ökologischen Gründen fordert:
„Unsere Wirtschaftsordnung muss sich an der Begrenztheit der ökologischen Ressourcen und an sozialer Gerechtigkeit orientieren. Wir wollen zeigen, wie Suffizienz und Befreiung vom Überfluss zu mehr Lebensqualität führen. Grundwerte unserer Bewegung sind Autonomie, Selbstorganisation, Gemeinwesen, Lokalität, Glück und Geselligkeit.“
Dieser wird jedoch auch hier ein Vertreter „grünen Wachstums“ entgegengestellt.
Resümee
Wirtschaftswachstum wird in allen Schulbüchern aus ökologischen Gründen hinterfragt, wenn auch unterschiedlich ausführlich, dem aber vor allem die Perspektive „grünen Wachstums“ gegenübergestellt. In der Wirtschaftsbildung muss jedoch genauer auf die Ansätze von „Grünem Wachstum“ versus „Postwachstum“ eingegangen werden. Argumente für und gegen Wirtschaftswachstum müssen ausführlich dargestellt, Missverständnisse in Bezug auf Postwachstum aufgeklärt werden. Es gibt dazu exzellente, wissenschaftliche Debatten, etwa auf dem Blog Postwachstum oder bei der Initiative Wachstum im Wandel. Vorschläge wie eine bessere Verteilung des Erwirtschafteten, die Propagierung neuer Bilder von Wohlstand, die Fokussierung auf die Grundbedürfnisse sowie neue Arbeitszeitmodelle müssen in den Kontext von Wachstumsunabhängigkeit und planetare Grenzen gesetzt werden.
Hans Holzinger: Wirtschaft – Umwelt – Klima – Soziales. Die Darstellung von Wirtschaft in Österreichs Schulbüchern für Geografie und wirtschaftlicher Bildung im Kontext von nachhaltiger Entwicklung und planetarer Grenzen. Salzburg/Wien 2025. 280 Seiten. ISBN Softcover: 978-3-99192-213-1, ISBN E-Book: 978-3-99192-212-4
Zum Autor: Hans Holzinger ist Wirtschafts- und Sozialgeograph, Senior Adviser der Robert-Jungk-Bibliothek für Zukunftsfragen in Salzburg, Autor mehrerer Bücher, zuletzt erschienen „Wirtschaftswende“ (oekom 2024).





