Am Wahlabend nach der Landtagswahl in Sachsen-Anhalt am 06.09.2026 hat der CDU-Fraktionsvorsitzende im Bundestag, Thorsten Frei, in der ZDF-Sendung von Maybritt Illner als zentrale ökonomische Ursache des AfD-Erfolgs das seit Jahren anhaltende Nullwachstum ausgemacht und als Ausweg „mehr Wachstum“ gefordert. Diese Position ist dann von Frei und Merz in der Haushaltsdebatte bekräftigt worden. Als Reaktion darauf ist dieser Artikel entstanden, der einen Impuls geben will für die Diskussion von Konsequenzen aus dem Ende des Wachstumszeitalters.
Wahlentscheidend bei der Landtagswahl in Sachsen-Anhalt waren letztlich ökonomische Fragen. Auf diesen Kern konzentrieren sich die folgenden Ausführungen – ohne damit die Bedeutung anderer Faktoren zu bestreiten (Sicherheit, Migration, Kommunikation etc.).
Die Erfahrungen der Wähler*innen in Deutschland in den 2020er Jahren sind geprägt durch eine Abfolge von Schocks und Krisen, die wohlstandsbedrohend sind (Stichworte: Corona, Putin, Trump, China). Fest etabliert hat sich die Erwartung, dass ein rettender Staat in der Lage sein muss, die Auswirkungen von Krisen zu puffern und von den Bürger*innen fernzuhalten. Wenn das schließlich – auch mit riesigen neuen Schulden – nicht mehr gelingt, wird darin ein Politik(er)-Versagen gesehen, eine Unfähigkeit der Etablierten mitsamt ihren wirtschaftspolitischen Beratern. Die permanente Debatte um Einsparungen, Kürzungen, Leistungseinschränkungen verunsichert und wird als unerträglich empfunden. Es wächst die Bereitschaft, anderen Akteuren eine Chance zu geben – selbst dann, wenn deren Konzepte nicht erkennbar oder mit negativen Folgewirkungen verbunden sind, bis hin zur Gefährdung der freiheitlich-demokratischen Ordnung.
Solange Schocks und Krisen andauern, geraten die regierenden Parteien, die unter dem Sachzwang des Handelns stehen, in eine Dilemma-Situation. Eine Antwort – DIE Antwort – lautet stereotyp: Mehr Wachstum! Dann hätten alle ein höheres Realeinkommen und könnten die höheren Sprit- und Lebensmittelpreise bezahlen, müssten weniger um ihren Arbeitsplatz bangen.
Der Ausweg Wirtschaftswachstum wird nun seit Jahren versucht und versprochen – auch gestützt auf die wirtschaftswissenschaftliche Zunft und auf deren Wachstumsparadigma und die damit verbundenen Maßnahmen: Entbürokratisierung, Steuersenkungen, industriepolitische Subventionen etc. Erfolge sind bislang ausgeblieben – und sind auch nicht zu erwarten. Das hat nichts mit Pessimismus zu tun, sondern ist das Ergebnis der Gemeinschaftsdiagnose der großen Wirtschaftsforschungsinstitute: Die durchschnittliche Wachstumsrate wird bis 2050 bei max. 0,5 % p.a. liegen. Und das auch nur dann, wenn eine quantitativ signifikante und qualifizierte Netto-Zuwanderung erfolgt, Abschreibungen auf den Kapitalstock durch hohe Brutto-Investitionen kompensiert werden und Produktivitätssteigerungen gelingen.
Wenn nun aber die Wachstums-Fiktion aufgegeben werden muss, dann sind wir am Kern angelangt: Es vollzieht sich der Eintritt in eine neue Phase der Entwicklung einer „reifen“ (alternden) Volkswirtschaft, in der die Expansion mit weiterem Wachstum keine dominierende Rolle mehr spielt. Es muss dann über die Gestaltung einer Postwachstumsgesellschaft nachgedacht werden, insbesondere darüber, wie Wohlstand ohne Wachstum so weit erhalten werden kann, dass unsere freiheitlich-demokratische Grundordnung erhalten und von der weit überwiegenden Mehrheit der Bevölkerung als ökonomisch effizient, sozial gerecht und ökologisch verträglich empfunden und mitgetragen wird. Mit einer solchen Politik und Perspektive würde den Feinden einer offenen Gesellschaft der sozio-ökonomische Boden entzogen.
Ideen und Konzepte dazu werden seit vielen Jahren entwickelt und auch praktiziert – sind aber weder in der akademischen Welt noch in der Praxis über ein Nischen-Dasein hinausgekommen. Selbst die Grünen, die in dieser Ideenwelt geboren sind, setzen lieber auf ein illusionäres „Green Growth“.
Wenn man nun diese Erfahrungen in einer jetzt scheinbar ausweglosen Dilemma-Situation für die Demokratie und für die sie tragenden Parteien nutzbar machen will, so stößt man auf ein kaum (noch) überwindbares Zeitproblem. Eigentlich und idealerweise müssten die Bürger*innen jetzt bereits mit der Idee der Suffizienz vertraut sein, bescheidenere Lebensstile eingeübt, lokale Netzwerke aufgebaut sein. Und es müssten Elemente einer Suffizienzpolitik (jenseits von Radwegen) etabliert sein. Wenn aber jetzt erst im großen Stil damit angefangen wird, könnten die individuellen und institutionellen Lern- und Innovationsprozesse zu langsam sein und zu spät kommen, um die anti-demokratische Dynamik noch aufzuhalten – zumal diese permanent angetrieben wird durch weiter steigende Kosten z.B. der Klimaschäden und des Wettrüstens.
Dennoch muss der Versuch gemacht werden, und es ist vielleicht eine letzte Chance für die Revitalisierung der (einst) großen Volksparteien. Beide müssten sich nicht vollkommen neu erfinden, sondern können aus ihrem Fundus schöpfen: die SPD zurückgreifen auf große Vordenker wie Brandt, Eppler und Hauff; die CDU auf Erhard, Müller-Armack, Gruhl und Töpfer. Und die vielen Ideen und Projekte aus der Zivilgesellschaft für eine sozial-ökologische Zukunft bieten ein Potential, das es zu nutzen gilt. Jetzt müssen mutig Rahmenbedingungen gesetzt werden für neue ressourcenarme, ökonomisch und ökologisch tragbare und sozial ausgleichende Lebens- und Wirtschaftsweisen. Aber das Zeitfenster schließt sich schnell.
Literatur
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Kurz, Rudi (2024): Demokratie ohne Wachstum und Kultur des Wandels, Wirtschaftsdienst 104. Jg., Heft 9, 626-630, https://www.wirtschaftsdienst.eu/pdf-download/jahr/2024/heft/9/beitrag/demokratie-ohne-wachstum-und-kultur-des-wandels.html
Kurz, Rudi (2026): Gesicherter Wohlstand: Sicherheit und Wohlstand der Nationen, in: Hochmuth, Uwe / Kurz, Rudi / Mangold, Michael (Hrsg.): Brüchiges Wohlstandsversprechen: Suchbewegungen und Trampelpfade aus der Wachstumskrise, Bielefeld (transcript), 19-41, https://www.transcript-verlag.de/reihen/oekonomie/wachstum.-wohlstand.-demokratie/?p=1&o=1&n=10
oekom e.V. – Verein für ökologische Kommunikation / Wissenschaftlicher Beirat des BUND (Hrsg. 2017): Zukunftsfähiges Deutschland. Wann, wenn nicht jetzt? Politische Ökologie No. 148, München (oekom)
Seidl, Irmi / Zahrnt, Angelika (Hrsg. 2010): Postwachstumsgesellschaft. Konzepte für die Zukunft, Marburg (Metropolis)
Seidl, Irmi / Zahrnt, Angelika (Hrsg. 2019): Tätigsein in der Postwachstumsgesellschaft, Marburg (Metropolis)





