Standpunkte

Nicholas Georgescu-Roegen (1906-1994): Entropie

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NGR ist in Rumänien geboren. Bereits 1930 promovierte er als Mathematiker an der Sorbonne in Statistik und unterrichtete in London und Bukarest, wechselte aber nach der Begegnung mit J. Schumpeter in Harvard zur Wirtschaftswissenschaft. Den Großteil seiner Karriere verbrachte er als Professor an der Vanderbilt-Universität in Nashville, wo auch seine drei großen Bücher Analytical Economics (1966), The Entropy Law and the Economic Process (1971) und Energy and Economic Myths (Aufsatzsammlung, 1976) entstanden. Vor dem Hintergrund der entstehenden Umweltbewegungen der 1960er Jahre, des Berichtes des Club of Rome über die Grenzen des Wachstums 1972 und der Energiekrise 1973/74 gewannen seine Schriften einige Aufmerksamkeit und wurden insbesondere auf Französisch übersetzt. Obwohl – oder weil? – seine Thesen das gesamte westliche Wirtschaften ad absurdum führen und implizit sein baldiges Ende vorhersagen, war er zum Zeitpunkt seines Todes 1994 so gut wie vergessen.

Entropie

NGRs Verdienst ist es, das Materieproblem in die Wärmelehre und diese in die Wirtschaftswissenschaft gebracht zu haben. Nicht nur Energie tendiert zur Nichtverfügbarkeit (Zweiter Hauptsatz der Thermodynamik), sondern auch die Materie. Treibstoff verbrennt unwiederbringlich, Plastik und Baustoffe werden kaum wiederverwertet, auch Geldstücke oder Autoreifen nutzen sich ab, und nichts und niemand kann sie wieder aus derselben Materie in den Urzustand zurückversetzen. Vergessen wir Recycling, „cradle to cradle“ und die ganze Idee von Rohstoffkreisläufen: Schon für einen Stillstand der menschlichen Wirtschaftsweise, selbst für ein Negativwachstum brauchen wir immer neu aus der Erde zu extrahierende Rohstoffe, die spätestens im nächsten Jahrhundert nicht und dann nie mehr zur Verfügung stehen. Wachstum oder überhaupt nur Weiterwirtschaften wie gewohnt ist also aus naturwissenschaftlichen Gründen unmöglich. NGR beweist mit dem trockenen Kalkül des Mathematikers unwiderlegbar, dass die industrialisierte Menschheit auf einem selbstzerstörerischen Irrweg ist. „Es ist“, schreibt er in The Entropy Law and the Economic Process, „als sei der Mensch zu einem kurzen aber aufregenden Leben entschlossen. Sollen die weniger ehrgeizigen Arten eine lange aber ereignislose Existenz führen.“

Landwirtschaft

Auch die heute fälschlicherweise als „herkömmlich“ bezeichnete industrielle Landwirtschaft, die unsere Regierungen und transnationalen Unternehmen seit Jahrzehnten weltweit mit den gröbsten finanziellen und kriegerischen Mitteln durchsetzen, ist mittel- wie langfristig unhaltbar. Artensterben und Bodenvernichtung durch chemische Dünger und Ackergifte waren zwar noch nicht sein Thema; NGR dachte auch hier im sehr viel größeren Maßstab der Entropie und des Ressourcenvorkommens. Die seit der letzten Eiszeit betriebene Landwirtschaft lief rund: Sie ernährte Tiere und Menschen, die ihre Ausscheidungen als Dünger zurück auf die Felder brachten. Indem wir uns und die „weniger entwickelten“ Länder für eine vergleichsweise kurzfristige Effizienzsteigerung von Traktoren, Benzin, chemisch erzeugten Dünge- und Schädlingsbekämpfungsmitteln bis hin zu genmanipulierten Pflanzen, Navigationsgeräten, Bestäubungsdrohnen usw. abhängig machen, stellen wir die Ernährung der Spezies Mensch auf die tönernen Füße der schon allzu bald endenden Versorgung durch begrenzte und nur einmal zu verwendende Rohstoffe. Die Agrarindustrie und die einschlägigen, beispielsweise über Stipendien, Lehrstühle und die Privatisierung der Hochschulen zunehmend von ihr finanzierten Wissenschaften (wie Teile der Ernährungswissenschaft, der Veterinärmedizin, der Genforschung für Lebens- und Futtermittel und der Agrochemie) bewerben ihre Arbeit als Lösung der Ernährungsfrage, dabei führen sie geradewegs in den Abgrund gigantischer Hungersnöte und Rohstoffkriege.

Bioökonomie

Wenn dauerhaft nur die Sonne Energie liefert und nur nachwachsende Rohstoffe verfügbar sind, ist der einzige Weg unserer Arterhaltung die völlige Abkehr von Erdöl, Metall und überhaupt allem nur endlich Verfügbaren. Ist das möglich? Ein solcher Vorschlag wäre nach NGRs Worten „foolish“. Weil aber Marktmechanismen die Energie- und Rohstofffrage nicht lösen könnten, müsse es gesetzliche Regulierungen geben. Sein Minimalprogramm beinhaltet die Punkte:

  • Verzicht auf Waffenproduktion
  • Anhebung des Lebensstandards der „unterentwickelten“ Länder, Senkung des unseren auf ein nicht luxuriöses, sondern nurmehr auskömmliches Niveau
  • Reduktion der Weltbevölkerung auf eine Zahl, die nach heutigen Begriffen „biologisch“, d. h. ohne Chemie ernährt werden kann
  • Vermeidung und wenn nötig Verbot aller Energieverschwendung
  • Verzicht auf „gadgets“ aller Art, z. B. große Autos
  • Abschaffung der Mode als Geltungskonsum
  • Herstellung dauerhafter und reparierbarer Güter
  • Entschleunigung: „We must come to realize that an important prerequisite for a good life is a substantial amount of leisure spent in an intelligent manner.“

Die Bedeutung NGRs liegt darin, dass er als Wirtschaftswissenschaftler naturwissenschaftlich fundiert das eigene Nest beschmutzt oder vielmehr die Basis der Ökonomie widerlegt hat, und zwar zu einer Zeit, als sich in den meisten „fortgeschrittenen“ Ländern zwar Bewegungen gegen die Megamaschine formierten, aber das wichtigste Mittel der Kritik immer noch die industrie- und wachstumsfreundlichen Schriften des Marxismus waren. Die Décroissancebewegung verehrt NGR heute neben Ellul und Charbonneau als einen der großen Vordenker des überfälligen Bewusstseinswandels.

Eine ausführlichere Version dieses Artikels erscheint zum Winteranfang in der Nr. 64 des Philosophie-Magazins Lichtwolf (www.lichtwolf.de).

Illustration © Valérie Paquereau 2018

von

Marc Hieronimus ist Historiker, Philosoph, Comicforscher und Dozent für Deutsch als Fremdsprache. Zu seinen Interessen und Forschungsgebieten gehören der Nationalsozialismus im Comic, die Wirkung visueller Medien, Gesellschafts- und Technologiekritik, Karikatur, die Magie in Mittelalter und Moderne, Tiefenpsychologie, "wilde" Lebensformen u.v.m. Seine Gedichte, Erzählungen und Essays sind in zahlreichen Anthologien und Zeitschriften erschienen, darunter der Lichtwolf. Nach einigen Jahren in Frankreich lebt er heute mit seiner Familie am Waldrand von Köln. Weitere Informationen unter www.marc-hieronimus.de.

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