Neues aus der Wissenschaft

Neue Impulse für die Postwachstums-Debatte

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Die Frage, wie wir Wirtschafts-, Produktions- und Lebensweisen so umgestalten können, dass sie ökologische Grenzen achten und soziale Gerechtigkeit ermöglichen, durchzieht Debatten in Wissenschaft, Politik und Zivilgesellschaft. Mit der neu gestarteten Transformation Working Paper Series bietet das Norbert Elias Center (NEC) an der Europa-Universität Flensburg nun eine offene Publikationsplattform für sozial-ökologische Transformationsforschung – und damit einen wertvollen Ort, an dem kritische, interdisziplinäre und wachstumskritische Forschung sichtbar wird und breit rezipiert werden kann.

Ein offener Hub für junge Forschung zur Transformation

Die Beiträge untersuchen soziale, politische und ökologische Krisen sowie zentrale Akteure des Wandels – von Politik über Gerichte bis zu sozialen Bewegungen. Sie beleuchten Konflikte in Transformationsprozessen, Zukunftsszenarien und Strategien der sozial-ökologischen Transformation, etwa alternative Wirtschaftsformen, Suffizienz oder Reallabore. Zudem analysieren die Working Papers kritisch Wirtschaftssysteme und setzen sich mit Kapitalismus, Wachstum und Ungleichheit auseinander. Empirie und Theorie werden dabei interdisziplinär, praxisnah und reflektiert verbunden.

Neben Beiträgen aus dem Forschungsumfeld des NEC erhalten exzellente Absolvent*innen aus dem Masterstudiengang Transformationsstudien die Möglichkeit ihre Arbeiten zu veröffentlichen. Zentrales Anliegen ist es, frühe, aber fundierte wissenschaftliche Arbeiten zu gesellschaftlichem Wandel, Nachhaltigkeit und Transformation öffentlich zugänglich zu machen.

Postwachstum als Querperspektive: Was die bisherigen Working Papers gemeinsam sichtbar machen

Was die bislang erschienenen Working Papers der Transformation Working Paper Series besonders interessant macht, ist weniger, dass sie sich alle explizit als „postwachstumstheoretisch“ bezeichnen würden, sondern dass sie aus sehr unterschiedlichen thematischen und methodischen Richtungen heraus an genau jenen gesellschaftlichen Bruchstellen ansetzen, an denen das Wachstumsmodell seine Grenzen zeigt. In ihrer Gesamtheit zeichnen sie ein Bild gesellschaftlicher Transformationen, das nicht auf technologische Optimierung oder Effizienzsteigerung reduziert ist, sondern auf Verteilungsfragen, Machtverhältnisse, soziale Praktiken und institutionelle Strukturen zielt – also auf genau jene Dimensionen, die auch in der Postwachstumsforschung zentral sind.

Besonders deutlich wird dies im Working Paper von Claudius Gräber-Radkowitsch und Matthias Schmelzer (Was ist Wachstum? Eine plural-ökonomische Annäherung), das einen begrifflichen Rahmen liefert. Während die Mainstream-Ökonomik und die postkeynesianische Ökonomik das Bruttoinlandsprodukt (BIP) als zentrale Messgröße verwenden und Wachstum überwiegend positiv bewerten, stellen die ökologische und die feministische Ökonomik diese BIP-Fokussierung grundsätzlich infrage. Sie kritisieren die Nicht-Berücksichtigung von Sorgearbeit, Umweltschäden und sozialer Reproduktion und entwickeln alternative Wohlstandsmaße. Indem Wachstum hier nicht als neutrale Kennzahl, sondern als historisch gewachsenes, normativ aufgeladenes Ordnungsprinzip rekonstruiert wird, zeigt sich, dass Fragen nach Wohnraum, Ernährung, Energie oder urbaner Entwicklung immer auch Fragen danach sind, welche Formen von Wohlstand, Sicherheit und gesellschaftlicher Reproduktion politisch priorisiert werden. Die Kritik am BIP-Zentralismus und die Öffnung hin zu pluralen Wohlstandsmaßen bildet damit eine Art epistemische Grundlage, auf der viele der anderen Arbeiten – implizit oder explizit – aufbauen.

Gerade im Feld des Wohnens, das im Working Paper von Philipp Lichte zur Vergesellschaftung des Wohnraums aus einer Postwachstumsperspektive analysiert wird, zeigt sich diese Verbindung besonders deutlich. Wohnungsnot, steigende Mieten und energetische Sanierungskrisen sind hier nicht einfach Marktversagen, sondern Ausdruck einer ökonomischen Logik, die Wohnraum primär als Anlageobjekt und Wachstumstreiber behandelt. Lichte macht deutlich, dass eine postwachstumsorientierte Wohnpolitik nicht nur auf Effizienz oder Neubau setzen kann, sondern auf kollektive Verfügung, Suffizienz und Demokratisierung – also auf eine grundlegende Umdefinition dessen, wofür Wohnraum gesellschaftlich da ist. Damit schlägt das Paper eine Brücke zwischen makroökonomischer Wachstumskritik und sehr konkreten sozialräumlichen Konflikten.

Eine ähnliche Verschiebung des Blicks findet sich in den Beiträgen zur Stadt und zu sozialen Bewegungen. Michael Fendels Analyse präfigurativen Placemakings zeigt, wie urbane Räume zu Experimentierfeldern für visionäre und alternative Lebensweisen werden können – nicht als Nischen, die irgendwann „skaliert“ werden müssen, sondern als materielle Gegenentwürfe zur wachstumsgetriebenen Stadtentwicklung. Dies wird verdeutlich am Beispiel „UTOPOLIS – Transformation in der Neustadt“ in einem postmigrantisch geprägten Viertel Flensburgs, das einen ehemaligen Supermarkt durch soziokulturelle Stadtteilarbeit in einen offenen Begegnungs-, Ausstellungs- und Veranstaltungsort verwandelt. Wenn Gemeinschaftsräume, Nachbarschaftsinitiativen oder kollektive Nutzungsformen hier als politische Praxis verstanden werden, dann geht es konkret um die Frage, wie gesellschaftliche Infrastrukturen jenseits von Verwertung organisiert werden können.

Auch Jonas Monningers Arbeit zu Organisationsformen in der Klimagerechtigkeitsbewegung lässt sich in diesem Zusammenhang lesen. Sie macht deutlich, dass Transformationsprozesse nicht nur von richtigen Ideen, sondern von kollektiven Organisationsformen abhängen – und dass gerade horizontale, partizipative und konfliktoffene Strukturen zentrale Voraussetzungen dafür sind, klimagerechte und wachstumskritische Perspektiven gesellschaftlich wirksam zu machen. Gesellschaftliche Transformation erscheint hier nicht primär als ökonomisches Programm, sondern als politisch-kulturelles Projekt, das neue Formen des Organizing und der Entscheidungsfindung braucht.

Diese Einsicht wird durch die organisationssoziologische Perspektive von Inga Johanna Roos noch vertieft. Ihre Analyse sozial-ökologischer Transformationsprozesse in Organisationen zeigt, wie stark Wandel von internen Machtverhältnissen, Routinen und Deutungsmustern abhängt. Für postwachstumspolitische Strategien ist das zentral, weil viele ihrer Ziele – etwa Suffizienz, Gemeingüter oder Reduktion von Ressourcenverbrauch – mit bestehenden organisationalen Logiken und Unternehmensstrukturen kollidieren. Roos’ Arbeit macht sichtbar, dass Transformation nicht nur auf der Ebene von politischen Programmen stattfindet, sondern in den alltäglichen Aushandlungen in Verwaltungen, Unternehmen, Initiativen und Institutionen.

Im Bereich der Ernährungssysteme greift Nina Voglers kritische Analyse von Vertical Farming eine klassische Spannung postwachstumstheoretischer Debatten auf: die Frage nach dem Verhältnis von technologischem Fortschritt und sozial-ökologischer Gerechtigkeit. Indem sie Vertical Farming nicht nur als technische Innovation, sondern im Kontext von Ernährungssouveränität, Ressourcenverbrauch und Machtstrukturen betrachtet, wird deutlich, wie schnell scheinbar „grüne“ Lösungen in neue Formen von Abhängigkeit und Externalisierung münden können. Auch hier zeigt sich ein zentrales Motiv der Postwachstumsdebatte: dass technologische Effizienz ohne gesellschaftliche Umverteilung und demokratische Kontrolle keine emanzipatorische Transformation erzeugt.

Schließlich verweist das erste Working Paper der Reihe zu erneuerbaren Landschaften in Schleswig-Holstein darauf, dass selbst die Energiewende – oft als Schlüsselprojekt nachhaltigen Wachstums gefeiert – nur dann transformativ ist, wenn sie mit Fragen von Boden, Teilhabe, regionaler Wertschöpfung und Suffizienz verbunden wird. Die Analyse macht sichtbar, dass erneuerbare Energien entweder in eine neue Wachstumslogik eingebettet werden können – oder in eine postwachstumsorientierte Reorganisation von Infrastrukturen und Lebensweisen. Doch das erfordert Perspektiven von Suffizienz und das adressieren von Eigentumsfragen.

In ihrer Gesamtheit zeigen diese Working Papers damit, wie stark Fragen von Wachstum und Postwachstum in aktuellen Transformationsdiskussionen als Querperspektive unterschiedliche gesellschaftliche Felder neu lesbar macht: Wohnen, Stadt, Energie, Ernährung, Organisationen, Bewegungen. Die Hoffnung, die wir mit der neuen Reihe verbinden liegt genau darin, diese Felder nicht isoliert, sondern in ihrer Verflechtung von ökonomischen, sozialen und kulturellen Dynamiken zu analysieren. Damit kann die Transformation Working Paper Series zu einem Ort werden, an dem sich eine praktisch anschlussfähige, empirisch informierte und politisch relevante Postwachstumsforschung entfalten kann.

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Matthias Schmelzer ist Professor für sozial-ökologische Transformationsforschung an der Europa-Universität Flensburg, leitet das Norbert Elias Center for Transformation Design & Research und den Master Transformationsstudien. Er forscht zu Wirtschaftsgeschichte, sozialen Bewegungen und alternativen Wirtschaftsmodellen. Er ist Autor des Buches „The Hegemony of Growth: The OECD and the Making of the Growth Paradigm” (Cambridge University Press, 2016), Mitherausgeber von „Degrowth in Movement(s): Exploring pathways for transformation” und Mitautor von „The Future Is Degrowth: A Guide to a World beyond Capitalism” (Verso, 2022) sowie „Der neue sozial-ökologische Klassenkonflikt“ (Campus, 2024).

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