Rezensionen

Narrative der Nachhaltigkeit

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In welchem Verhältnis standen Fortschritt und Nachhaltigkeit in den vergangenen 200 Jahren und bis zur Corona-Krise? Wie können wir den sozio-ökologischen Wandel besser verstehen? Und welche Sprache und Bilder wählen wir, um die Perspektiven zu kommunizieren, die uns in der unbekannten, gleichzeitig veränderten, radikal anderen Zukunft erwarten? Wen das interessiert, wer sich beruflich oder ehrenamtlich mit Nachhaltigkeitsforschung, -kommunikation, -politik und -management befasst, dem/der ist dieser sozialwissenschaftliche Sammelband zu empfehlen. Er analysiert und reflektiert in der Tradition soziologischer Gegenwartsdiagnosen die verschiedenen Entwicklungspfade und Narrative von Nachhaltigkeit präzise und kritisch.

Die Ausführungen lesen sich durchweg verständlich, spannend und bereichernd. Sie sensibilisieren aus erzähl- und sozialtheoretischer, sozialhistorischer und auch aus kulturwissenschaftlicher Perspektive dafür, dass und warum das Narrativ von Nachhaltigkeit nicht die erforderliche Aufmerksamkeit erhält und welche Erzählmuster als potenziell effektiv einzuordnen sind. Die Leserschaft wird mit sorgfältigen Begriffsklärungen und Kontextualisierungen abgeholt und stets mitgenommen. Die Autor/innen enttarnen systematisch unterschiedliche Denkmuster und Zukunftsprojektionen und die ihnen gegenüberstehenden Erkenntnisse und Modelle der Nachhaltigkeits- und Klimaforschung. Hilfreich sind die Einordnungen von Gerard Delanty zu Temporalität und sein Konzept der Zukunft, bestehend aus zeitlicher, existenzieller, normativer und epistemischer Dimension.

Hervorzuheben ist Eva Horns Analyse des strukturellen Bezugs zwischen der ökologischen und der Corona-Krise. Sie identifiziert Tipping Points als beiden Krisen gemeinsame Ereignistypen und diagnostiziert, dass die Corona-Krise als Art „Schnelldurchlauf anzeige, wie gefährlich und kostspielig fehlende Vorsorge und langsames Reagieren sein können“. In diesem Sammelband fällt der Beitrag der Kultur- und Literaturwissenschaftlerin Heike Paul wegen der expliziten Engführung auf US-amerikanische Bilder und Narrative heraus. Sie weist auf ein mögliches Erfolgsmoment für Nachhaltigkeitskommunikation hin: Wenn Nachhaltigkeit auch in Literatur und Populärkultur erzähl- und vorstellbar wird, könnte über Text, Film und Musik im breiten Mainstream grundlegendes Nachhaltigkeits-Umdenken erfahrbar gemacht werden. Diese Lektüre ist überaus empfehlenswert, denn, so Albrecht Korschorke in dem Band, „wer sich für die Zukunftsfähigkeit unserer Gesellschaft einsetzt, muss (…) auch die Motivlage derjenigen einbeziehen, die vom Untergang träumen“.

 

 

Frank Adloff, Benno Fladvad, Martina Hasenfratz, Sighard Neckel (Hrsg.) (2020): Imaginationen von Nachhaltigkeit – Katastrophe. Krise. Normalisierung. Campus-Verlag. Frankfurt am Main.

 

Diese Rezension ist zuvor bereits in der Ausgabe 1/2021 der ÖkologischesWirtschaften erschienen.

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Ria Müller ist seit 2011 wissenschaftliche Mitarbeiterin im Forschungsfeld „Ökologische Produktpolitik“; seit 2018 auch Gesellschafterin des IÖW. Sie studierte Wirtschafts- und Sozialwissenschaften an der Leuphana Universität Lüneburg. Ihre Arbeitsschwerpunkte betreffen naturnahe Firmengelände genauso wie Nachhaltigkeitslabels und umweltfreundliche Beschaffung – im gewerblichen und öffentlichen Einkauf. Aktuell leitet Ria Müller u.a. eine Machbarkeitsstudie für recyclingfähige Dienstkleidung als Beitrag zu einer cicular economy (www.ditex-kreislaufwirtschaft.de). Siehe auch https://www.ioew.de/das-ioew/mitarbeiter/ria-mueller

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