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Nachhaltig wirtschaften – aber wie?

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Vorschlag zum Gelingen: Mit Donut-Ökonomie und demokratischer Umsetzung

 

Im Jahr 2015 vereinbarten die Mitgliedsstaaten der Vereinten Nationen 17 Nachhaltigkeitsziele, die Sustainable Development Goals (SDGs), die bis 2030 erreicht sein sollen. Damit soll Nachhaltigkeit im Sinne eines Gleichgewichts von Ökonomie, Ökologie und Sozialem erreicht werden. Unzählige Organisationen engagieren sich im Sinne dieser UN-Ziele, deren farbige Piktogramme viele Veröffentlichungen zieren. Die Bertelsmann-Stiftung führt gemeinsam mit den Vereinten Nationen ein Projekt „Sustainable Development Goals Index“ durch, in dem „die zentralen Herausforderungen der reichen Staaten bei der Umsetzung der SDGs“ ausgearbeitet werden. Ausgerechnet diese Konzernstiftung, die mit ihrer fast religiösen Ideologie von schlankem Staat und Privatisierungen den neoliberalen Gesellschaftsumbau befürwortet.

Für den spanischen Ökonomen Joan Martinez und Nick Meynen vom Europäischen Umweltbüro EEB ist „die entscheidende Schwachstelle – das Trojanische Pferd – der Entwicklungsziele“ das SDG Nummer acht: Wirtschaftswachstum. In einer 2019 erschienenen Publikation des Forums Umwelt und Entwicklung zu den SDGs schreiben sie, dies sei auf UN-Ebene allen klar, jedoch gebe es eine „kollektive Leugnung des Problems“. Dass Wirtschaftswachstum mit den anderen Nachhaltigkeitszielen unvereinbar sei, werde besonders beim Klimawandel deutlich. Wie die Autoren betonen, „zeigen alle wissenschaftlichen Daten, dass es keinen Beweis für eine auch nur ansatzweise ausreichende Entkopplung von Wirtschaftswachstum und Umweltbelastungen gibt“ (S. 18).

Ein merkwürdiges Dreieck

Muss nicht vor diesem Hintergrund die Dreieinigkeit von Ökonomie, Ökologie und Sozialem grundlegend in Frage gestellt werden? In Nachhaltigkeitsdiskussionen gibt es durchaus Ansätze, der Ökologie Vorrang einzuräumen, beispielsweise mit einem „gewichteten Drei-Säulen-Modell“, in dem die Säulen Ökonomie, Kultur und Soziales auf dem Fundament „natürliche Ressourcen/Klima“ stehen. Jedoch bleibt in der Regel die Ökonomie ein unangefochtenes Ziel nachhaltiger Entwicklung.

Nun ist schon der Begriff „Entwicklung“ zweifelhaft, lässt er sich doch allzu leicht mit patriarchalen Ideen von Schneller-Höher-Weiter füllen und suggeriert, es gäbe einen Entwicklungsweg, der weltweit für alle erstrebenswert sei. Aber welche eigene Wertigkeit besitzt Wirtschaft, um überhaupt als eigenständiges Ziel durchgehen zu können, wenn es um die Existenzgrundlagen der Menschheit geht?

Klar, Wirtschaft ist lebensnotwendig. Ohne zu wirtschaften könnten Menschen nicht leben, denn alles, was sie brauchen – Nahrung und Unterkunft, Kleidung, Energie und so weiter – ist das Ergebnis wirtschaftlicher Prozesse. Mit ihrer Arbeit stellen Menschen aus natürlichen Ressourcen und in vielfältigen Produktionsschritten all dies her. Diese Produktion findet in vielen Formen statt, von kleinen, sich selbst versorgenden Gemeinschaften bis zur Massenproduktion für den (Welt-)Markt. Aber woher kommt der Glaube, Wirtschaft sei etwas Eigenständiges mit einer übergeordneten Bedeutung? Heute scheint es, als müsse die Gesellschaft der Wirtschaft gute Bedingungen schaffen – warum eigentlich? Und warum zulasten von Natur und Menschen? Raubbau an den Ressourcen und an den Arbeitenden – im Interesse der Wirtschaft?

Rein in den Donut!

Frischen Wind in die Vorstellungen von nachhaltiger Entwicklung brachte die britische Wirtschaftswissenschaftlerin Kate Raworth 2017 mit ihrer „Donut-Ökonomie“. Ausgerechnet so einen ungesunden, süßen Schmalzkringel stilisierte sie zum Sinnbild einer nachhaltigen Wirtschaftsweise. Das Donut-Modell ist nach Raworth „ein radikal neuer Kompass für die Menschheit in unserem Jahrhundert. Und er weist in eine Zukunft, in der die Bedürfnisse jedes Menschen befriedigt werden, während zugleich die lebendige Welt geschützt wird, von der wir alle abhängig sind.“

Grafik: Apfelsamen, commons.wikimedia.org/?oldid=373141836 (CC BY-SA 4.0)

Die beiden schwarzen Ringe bilden den „Donut“: Zwischen dem gesellschaftlichen Fundament des Wohlergehens und den ökologischen Grenzen des Planeten liegt der Raum für das sichere und gerechte Wirtschaften. Grafik: Apfelsamen, commons.wikimedia.org/?oldid=373141836 (CC BY-SA 4.0)

Der äußere Ring des Donuts symbolisiert die „ökologische Decke“, die natürlichen Begrenzungen, bei deren Überschreitung es zu Zerstörungen von Land und Wasser, Luft und Atmosphäre sowie zum Klimawandel kommt (außerhalb des Donut). Der innere Ring steht für das „gesellschaftliche Fundament“, das all das Lebensnotwendige beinhaltet, was jedem Menschen zustehen sollte und was mit den globalen Nachhaltigkeitszielen angestrebt wird. Wenn es hier zum Mangel kommt, dann herrschen Armut, Not und Elend (im inneren Hohlraum des Donuts).

Einen „sicheren und gerechten Raum für die Menschheit“ gibt es nur im Donut selbst, zwischen den ökologischen Grenzen und den gesellschaftlichen Mindeststandards. In diesem Entwicklungsmodell ist die Wirtschaft kein Selbstzweck mehr. Mit diesem grundlegenden Perspektivwechsel lädt Kate Raworth dazu ein, sich „auf das aufregende Abenteuer, die Wirtschaft neu zu denken“, einzulassen.

Ein neues Verständnis von Nachhaltigkeit?

Das Wirtschaftsmodell des Donuts ist nah an den Vorstellungen von Solidarischer Ökonomie (Rabe Ralf, Februar 2019, S. 20) und von „Degrowth“ oder „Postwachstum“ (Oktober 2018, S. 4). Es weist der Wirtschaft den ihr gebührenden Platz als Mittel zum Zweck der Erfüllung von Bedürfnissen zu. Die wachstumsgetriebene globale Ausbeutungsökonomie ist dazu nicht in der Lage, im Gegenteil: Systematisch verursacht sie sowohl die Überschreitung ökologischer Grenzen als auch gesellschaftliche Notsituationen und menschliche Katastrophen.

Darum ist es höchste Zeit, Wirtschaft nicht nur anders zu denken, sondern auch anders zu machen. Nicht nur in kleinen Nischen, sondern überall, von lokal bis global. Dafür reichen weder freiwillige Maßnahmen der Unternehmen noch staatliche Regulierungen oder veränderte Konsummuster aus. Eine andere Wirtschaft im Sinne des Donut-Modells oder einer solidarischen Postwachstumsökonomie wäre eine ganz andere Wirtschaft auf anderen Grundlagen als bisher. Die kann kaum von oben nach unten verordnet werden, sondern steht in Wechselwirkung mit gesellschaftlichen Prozessen.

 

Hat nicht das Nachhaltigkeitsdreieck aus Ökologie, Ökonomie und Sozialem einen logischen Bruch? Im Sinne der Donut-Ökonomie kann Wirtschaft kein eigenes Ziel sein, sondern hat eine dienende Funktion für ein gutes Leben für alle. Bleibt „nur“ noch die Frage der Umsetzung. Könnte nicht anstelle der Ökonomie die Demokratie den Platz als drittes Nachhaltigkeitsziel einnehmen? In Zeiten großer Krisen und Bedrohungen nimmt das Risiko autoritärer Scheinlösungen zu. Und ist nicht darum eine Demokratisierung aller Lebensbereiche, und gerade der Wirtschaft, besonders wichtig? Jedoch gibt es nicht „die“ Demokratie, sondern demokratische Gestaltungs- und Entscheidungsprozesse in vielfältigen Formen.

 

Der Artikel erschien zuerst in der Berliner Umweltzeitung Rabe Ralf, Ausgabe Febr./März 2019. Eine Fortsetzung zur Demokratisierung von Wirtschaft und Gesellschaft folgt im nächsten Heft.

Die Fortsetzung des Artikels finden Sie hier.

Weitere Informationen:

Forum Umwelt und Entwicklung (2019): Große Ziele, aber kein Plan. Wo steht die Agenda für Nachhaltige Entwicklung? Berlin. www.forumue.de (Publikationen – Rundbriefe)

Kate Raworth (2017): Die Donut-Ökonomie. Endlich ein Wirtschaftsmodell, das den Planeten nicht zerstört, München: Hanser Verlag.

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