Testphase #5 – Eine partizipative künstlerische Entsiegelungsaktion als Beitrag für eine sozial-ökologische Stadtentwicklung?
Viele Hoffnungen werden an Kunst im Kontext des ökologischen Wandels getragen: Kunst soll Aufmerksamkeit für ökologische Themen erzeugen, Wissen anders vermitteln, Dialog anregen und Menschen ins Handeln bringen (vgl. von Borries & Fischer, 2023). Am Beispiel der Kunstaktion Testphase #5 von Folke Köbberling behandle ich die Frage, ob und wie partizipative Kunst wachstumskritische Impulse anstoßen und damit zu einer sozial-ökologischen Stadtentwicklung beitragen kann. Die Aktion verbindet partizipative künstlerische Praxis mit konkreten Eingriffen in den Stadtraum als Kritik an der aktuellen Flächenversiegelung, die mit erheblichen ökologischen, sozialen und gesundheitlichen Folgen einhergeht und Gerechtigkeitsfragen aufwirft. Flächenversiegelung ist dabei kein bloßes technisches Problem, sondern Ausdruck einer wachstumsorientierten Stadtentwicklung, in der Flächen vorrangig nach wirtschaftlichem Nutzen als Immobilien-, Industrie- oder Gewerbefläche bewertet werden, während ihre Funktion als Lebens-, Begegnungs- und Erholungsraum nachrangig bleibt. Entsiegelung stellt diese Logik in Frage. Sie kann ein bewusstes Zurücknehmen zugunsten nicht-kommerzieller, gemeinschaftlicher Nutzungen bedeuten. Die Aktion Testphase #5 wurde von Clara Niermann am Museum Ostwall im Dortmunder U initiiert und im Rahmen des “Volontärspreis Y” des Jungen Freundeskreises der Kulturstiftung der Länder gefördert. Als wissenschaftliche Mitarbeiterin im Projekt Grün für Alle des Instituts für ökologische Wirtschaftsforschung (IÖW) habe ich die Aktion begleitet und Gespräche mit Clara Niermann geführt. Unsere gesammelten Beobachtungen und Austausch sind in den vorliegenden Beitrag eingeflossen.

Bild 1. Folke Köbberling und die Kunstaktion Testphase #5, Bild von Sarah Ruholl
Was ist bei der Kunstaktion Testphase #5 passiert?
Nachbar*innen, Passant*innen und Interessierte wurden in der letzten Märzwoche 2026 eingeladen, den Kraftakt der Entsiegelung mit einfachem Werkzeug – Hammer und Meißel – zu erproben. Die gewählte Asphaltfläche lag an der Westseite des Museums und stellte zuvor mehrere inoffizielle Autoparkplätze dar. Insgesamt nahmen ca. 100 Personen aktiv an der Aktion teil und entsiegelten eine Fläche von 6 qm, ungefähr die Hälfte eines durchschnittlichen Autoparkplatzes.
Wer ist die Künstlerin Folke Köbberling?
Seit vielen Jahren macht Folke Köbberling durch ortsspezifische Kunstaktionen spielerisch, ästhetisch und provokant auf Missstände der Stadtplanung und -nutzung aufmerksam. Ähnliche Entsiegelungsaktionen wie Testphase #5 fanden in Bonn, Wien oder Chemnitz statt. Seit 2016 beschäftigt sich Folke Köbberling als Professorin am Institut für Architekturbezogene Kunst der TU Braunschweig mit nachhaltigen Baumaterialien.
Was war der Prozess hinter Testphase #5?
Clara Niermann hatte bereits 2018 im Rahmen der Ausstellung Zur Nachahmung empfohlen! eine Entsiegelungsaktion von Köbberling erlebt. Ihre Idee im Umfeld des Museum Ostwall etwas zu verändern und Köbberling für eine Aktion einzuladen, stieß im Museumsteam auf interessierten Rückhalt. Nach der Zusage der Künstlerin und einem erfolgreichen Antrag für den Volontärspreis Y, der mit 5.000 € dotiert ist, begann die Vorbereitung von Testphase #5. Sie umfasst die Abstimmung mit dem Grünflächenamt und Ordnungsamt der Stadt Dortmund, die Klärung der Sicherheitsauflagen und die Anmeldung einer Veranstaltung im öffentlichen Raum. Andere organisatorische Aufgaben, wie die Pressearbeit oder die Vernetzung mit lokalen Umweltinitiativen nahmen ebenfalls viel Raum ein. Für die Aktion brachte Folke Köbberling die notwendigen Utensilien – Hammer, Meißel und Schutzkleidung – mit.

Bild 2. Schutzkleidung für Testphase #5, Bild von Mia Lehn.
Wie erlebten die Beteiligten die Kunstaktion?
Am ersten Tag von Testphase #5 interviewten ein Kollege und ich vierzehn Beteiligte zu ihren Erfahrungen während der Entsiegelung, unter ihnen waren drei Museumsmitarbeiter*innen und vier Mitglieder von lokalen Umweltinitiativen. Insgesamt waren die meisten Interviewten kunstinteressiert und unterstützten eine ökologische Stadtentwicklung. Im Laufe der Aktionswoche nahmen Einzelne zufällig Vorbeikommende an der Entsiegelung teil, wie Mitarbeiter*innen des anliegenden Restaurants oder Schüler*innen der benachbarten Berufsschule, jedoch wurden diese nicht interviewt.
Ein Großteil der Interviewten berichtete von Anstrengung und Frustration während sie versuchten, mit einfachem Werkzeug gegen die Unbezwingbarkeit des Asphalts “anzuhämmern”. Parallel dazu ächzten die Werkzeuge und zerbrachen in regelmäßigen Abständen, um die Unmöglichkeit des Vorhabens scheinbar zu unterstreichen. Gerade diese körperliche Anstrengung schien die Ungerechtigkeiten in der Stadtplanung und die notwendige Kraft und Ausdauer, um Veränderungen anzustoßen, spürbar zu machen. In dem Zusammenhang wurde wiederholt Empörung darüber geschildert, wie schnell Flächen von Maschinen versiegelt werden im Kontrast dazu, wie anstrengend es ist, Flächen zu entsiegelt. Manche beschrieben die gemeinsame Arbeit als verbindend und fühlten sich wirksam, weil sie die Erfolge ihrer eigenen und der gemeinsamen Arbeit direkt sehen konnten, während sich andere wirkungslos gegenüber der Asphalthärte fühlten. Die wahrgenommene Wirksamkeit der Kunstaktion schien getrennt von der Wirksamkeit der Mitgestaltung auf stadtpolitischer Ebene betrachtet zu werden, welche von den meisten Interviewten als vorhanden, wenn auch gering, bewertet wurde. Einige Menschen berichteten von Neugierde und Ehrgeiz: Was liegt unter dem Asphalt? Wie viel schaffe ich aufzubrechen? So kamen mitunter auch humoristische Momente der männlichen Muskelschau zu Stande. Einzelne empfanden die monotone körperliche Tätigkeit als meditativ. Hier deutete sich ein Klassenkonflikt an. Viele Teilnehmende kamen aus akademischen Realitäten und sahen in der körperlichen Arbeit eine ungewohnte Abwechslung. Vorbeikommende Bauarbeiter hingegen machten deutlich, dass solche Tätigkeiten für sie alltäglich sind und sie diese niemals in der Freizeit und mit einfachem Werkzeug ausführen würden.

Bild 3. Mensch bricht mit Spitzhacke Asphalt auf, Bild von Mia Lehn
Kam es zu Konflikten rund um Testphase #5?
Konflikte wurden im Vorfeld von dem Museumsteam antizipiert, da frühere Entsiegelungen von Folke Köbberling Konfrontationen beinhalteten und es bei Straßenraumumgestaltungen – vor allem wenn Parkplätze wegfallen – zu Konflikten zwischen verschiedenen Nutzungsgruppen kommen kann (Götting et al., 2024). Am zweiten Aktionstag kam es tatsächlich zu einer Beschwerde von Nachbar*innen, die Bedenken bezüglich blockierter Fluchtwege durch die Kunstaktion äußerten, obwohl sie diese zuvor grundsätzlich befürwortet hatten. Nach Rücksprache mit der zuständigen Behörde konnte Testphase #5 fortgeführt werden. Daraufhin kam es zu keiner weiteren Kontaktaufnahme der Nachbar*innen. Im Museumsteam blieb jedoch Irritation zurück, da die Fläche ohnehin häufig durch parkende Autos blockiert war und die Motive hinter der Beschwerde unklar schienen. Der Vorfall verdeutlicht, dass Nutzungskonflikte von öffentlichem Raum auf unterschiedliche Art zum Vorschein treten können. Zudem deuten sich bei Testphase #5 ähnliche Dynamiken wie bei anderen Klimaschutzmaßnahmen an. So zeigt sich häufig, dass die Zustimmung zu abstrakteren Klimaschutzzielen hoch ist, diese jedoch sinkt, sobald konkrete Maßnahmen den Alltag betreffen (PACE, 2025) oder, dass Menschen dazu neigen, den bestehenden Zustand zu präferieren (Moleman et al., 2025).
Welches Potenzial haben Kunstaktionen wie Testphase #5 für eine sozial-ökologische Stadtentwicklung?
Durch Testphase #5 wurden zwar keine großen Flächen entsiegelt, aber die Kunstaktion erzeugte Aufmerksamkeit für das Problem der Flächenversiegelung. Es entstanden kraftvolle Bilder von Menschen, die sich aktiv um ihre Umwelt sorgen. Die Berichterstattung über die Kunstaktion war jedoch insgesamt gering.
Zudem schien Testphase #5 eine kritische Bewusstseinsbildung bei den Teilnehmenden zu fördern, indem sie körperlich spürbar machte, wie sehr die aktuelle Stadtplanung von Ressourcenverbrauch, Lebensfeindlichkeit und Geschwindigkeit geprägt ist und wie begrenzt die individuelle Handlungsmacht zunächst scheint (vgl. Landau & Toland, 2021). Als Gegenpol kann das gemeinschaftliche Aufbrechen des Asphalts als eine Form der Aneignung verstanden werden und als Beispiel dafür, wie Stadtgestaltung von unten mit Beharrlichkeit und kollektiver Anstrengung möglich ist (Fedel, 2025; Kagan et al., 2019). In Bezug auf das Social Identity Model of Collective Action (van Zomeren et al., 2008) scheint Testphase #5 ein gewisses Mobilisierungspotenzial zu haben. Das bewährte Modell identifiziert drei zentrale Faktoren, die Menschen motivieren, sich mit anderen politisch zu engagieren: Die Identifikation mit einer Gruppe, Empörung über Ungerechtigkeiten und wahrgenommene Wirksamkeit des gemeinsamen Handelns. Einzelne dieser Faktoren wurden durch die Kunstaktion angesprochen oder gestärkt. Tatsächlich äußerten drei Interviewte die Intention, sich zukünftig stärker mit ökologischer Stadtentwicklung zu beschäftigen oder sich im Privaten oder in Umweltinitiativen für diese einzusetzen. Da sich viele Interviewte bereits kollektiv für Umwelt- und Klimaschutz engagierten, war das Mobilisierungspotenzial jedoch begrenzt. Hier zeigten sich typische Herausforderungen von Umweltprojekten, die häufig vor allem Unterstützer*innen erreichen. Die Hoffnung, dass Kunstaktionen ein breiteres Publikum erreichen, bestätigte sich zumindest am ersten Tag der Aktion nicht. Gleichzeitig gelang es Testphase #5, verschiedene Umweltbewegte zu vernetzen und gegenseitige Bestärkung zu ermöglichen, für manche eine wichtige Erfahrung von „Ich bin nicht allein“.
Eine Hoffnung und offene Frage ist, ob Kunstaktionen Konflikte um Straßenraumumgestaltungen reduzieren können, da Kunst eine gewisse „Narrenfreiheit“ genießt und positiver betrachtet wird als beispielsweise „rein“ aktivistische Aktionen. Erste Studien weisen nicht auf einen solchen Effekt hin (Barkela et al. 2025). Im Sinne einer antagonistischen Konflikttheorie können Konflikte allerdings auch als produktive gesellschaftliche Kraft verstanden werden und Kunst könnte somit Ausgangspunkt für einen produktiven Aushandlungsprozesse sein (vgl. Gittner, 2024). Einerseits erzeugte Testphase #5 einen Dialog zwischen verschiedenen betroffenen Gruppen, wie der Austausch mit den Bauarbeiter*innen. Andererseits brach der Austausch mit den Nachbar*innen nach der behördlichen Klärung ab und blieb damit in seiner verbindenden Wirkung begrenzt.
Interessant ist auch der Blick auf den Kunstbetrieb, der selbst von Wachstumslogiken geprägt ist und ökologischen Schaden anrichtet (Crous-Costa, 2025). Gleichzeitig können kulturelle Einrichtungen auch eine wichtige Rolle als Vermittlerinnen sozial-ökologischer Themen übernehmen. Im Beispiel von Testphase #5 bestärkte die erfolgreiche Umsetzung die drei interviewten Museumsmitarbeiter*innen sich als Einrichtung weiterhin diesen Themen zu widmen und sich in die Stadtpolitik einzubringen. Die wiederholte Durchführung der Entsiegelungsaktion von Folke Köbberling setzt zudem einen Kontrapunkt zu dem verbreiteten Anspruch nach ständig neuen Ideen. Sie zeigt, dass Veränderung und Erkenntnis nicht zwingend aus Innovation entstehen, sondern auch aus Repetition von Bewährtem.
Einzelne Aspekte von Testphase #5 lassen sich übertragen. Die Erfahrungen deuten darauf hin, dass Kunstaktionen ihr Potenzial entfalten, wenn sie abstrakte Themen in körperliche Erfahrungen übersetzen, gemeinsames Handeln ermöglichen und sichtbar in den Stadtraum eingreifen. Zudem zeigt sich, dass Kunstinstitutionen Vermittlerinnen und Orte des Austauschs über sozial-ökologische Fragen sein können. Zugleich bleibt festzuhalten: Kunstaktionen allein werden strukturelle Probleme der aktuellen Lebensweisen nicht lösen und sollten nicht mit Erwartungen überfrachtet werden, die andere Akteur*innen oder Disziplinen bislang nicht erfüllen.
Wie geht’s weiter?
Testphase #5 wurde bei dem Wettbewerb „Abpflastern 2026“ registriert, welcher bundesweit Städten, Kommunen und Initiativen zur Entsiegelung anregen will. Nach der Entsiegelung hat das Liegenschaftsamt die Stelle bepflanzt. Für das Gedeihen der Pflanzen ist jedoch eine kontinuierliche Kümmerin notwendig. Perspektivisch ist ein Beteiligungsprozess zur Umgestaltung vorgesehen. Clara Niermanns wissenschaftliches Volontariat am Museum Ostwall ging mit der Aktion zu Ende. Dieser Blogeintrag soll dazu anregen, die Kunstaktion an anderen Orten nachzuahmen. Folke Köbberling ist offenen für weitere Kooperationen.

Bild 4. Entsiegelte Fläche nach 1. Tag von Testphase #5, Bild von Mia Lehn
Danksagung
Mein Dank gilt Clara Niermann für die Umsetzung der Kunstaktion und den angeregten Austausch, Juri Nitzling für das gemeinsame Interviewen, Folke Köbberling für mutige Kunstaktionen und dem Team des Museum Ostwall für die Kooperation.
Literaturverweise
Barkela, B., Schäfer, C., & Altenmüller, M. S. (2025). Artistic activism: Can aesthetic reception reduce adverse effects of disruptive protest? Psychology of Aesthetics, Creativity, and the Arts.Advance online publication. https://doi.org/10.1037/aca0000767
Crous-Costa, N. (2025). Culture declares emergency calls arts and culture professionals to action. info. Abgerufen am 20. April 2026 von https://degrowth.info/en/blog/culture-declares-emergency-calls-arts-and-culture-professionals-to-action
Fendel, M. (2025). Präfiguratives Placemaking als Strategie transformativen Stadtmachens (Transformation Working Paper Series No. 07). Norbert Elias Center for Transformation Design & Research, Europa-Universität Flensburg. https://doi.org/10.18716/ojs/twps/2025.11942
Gittner (2024). Die Autorität der Daten infrage stellen. Abgerufen am 26.04.2026 von https://www.rifs-potsdam.de/de/news/die-autoritaet-der-daten-infrage-stellen
Götting, K., Horn, J., Kläver, A., Rösner, V., & Scheidler, V. (2024). Wie sind die Konflikte von Straßenraumumgestaltungen zu erklären? Einblicke aus der Theorie der sozialen Repräsentationen. Konfliktdynamik, 13(4), 249-263.
Kagan, S., Kirchberg, V., & Weisenfeld, U. (2019). Stadt als Möglichkeitsraum –Möglichkeitsräume in der Stadt. Experimentierfelder einer urbanen Nachhaltigkeit. Transcript Verlag.
Landau, F., & Toland, A. (2021). Spekulation der Sinne – Eine Erkundung künstlerischer Strategien der Wachstumskritik in Bezug auf urbane Luftverschmutzung. In A. Brokow-Loga & F. Eckardt (Hrsg.), Postwachstumsstadt: Konturen einer solidarischen Stadtpolitik (S. 204–223). Oekom Verlag.
Moleman, M. L., van Wee, B., Steketee, L. B., van den Hurk, N., & Kroesen, M. (2025). The role of status quo bias in shaping support for controversial transport policies: The counterfactual test. Transport Policy, 171, 453-461.
PACE (2025). Akzeptanz von Klimaschutzmaßnahmen. Abgerufen am 26.04.2026 von https://projekte.uni-erfurt.de/pace/topic/output/30-akzeptanz/
Van Zomeren, M., Postmes, T., & Spears, R. (2008). Toward an integrative social identity model of collective action: A quantitative research synthesis of three socio-psychological perspectives. Psychological bulletin, 134(4), 504.
von Borries, F., & Fischer, J.-U. (2023). Neue Aussichten – Überraschende Einsichten – Schöne Aussichten: Kultur und Nachhaltigkeitspolitik im Dialog. Umweltbundesamt. https://www.umweltbundesamt.de/system/files/medien/479/publikationen/texte_45-2023_neue_ansichten.pdf
Susanne Hauser (2024). Interview: Folke Köbberling and Martin Kaltwasser. In Architecture as Intervention. Dimensions of Architectural Knowledge. https://doi.org/10.14361/dak-2024-0722





