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Kritik an der ökonomischen Mainstreamlehre

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Status Quo

Mit der totalen Globalisierung entstand ein erbarmungsloser Kampf zwischen den Ländern auf dem Weltmarkt und auf den Finanzmärkten um Marktanteile und um Kapitalzuflüsse. Die internationalen Finanzmärkte sind auch ein großes Sammelbecken für Geld. Sie haben einiges gemeinsam mit Spielkasinos. Um für Investor*innen interessant zu sein, darf ein Land keine zu hohen Sozialstandards und Umweltstandards haben.

Der Markt hat seine Berechtigung, muss aber durch Ethik in seine Grenzen gewiesen werden. Die Politik muss das Primat über die Wirtschaft zurück gewinnen. Probleme können nur in der tatkräftigen Zusammenarbeit der Staaten und von einer Politik gelöst werden, die sich von veralteten Vorstellungen befreit hat.

Die herrschende Lehre der Wirtschaftswissenschaften jedoch hält das Wirtschaftswachstum für unabdingbar. Es entsteht in der Regel durch die Investition von Ersparnissen. Finden sie keine lukrativen Anlagemöglichkeiten, verlassen sie gerne den Geldkreislauf und die Krise steht vor der Tür.

Kritik an wirtschaftswissenschaftlichen Lehrbüchern

Die heutige Makroökonomik beschäftigt sich vorwiegend mit der Frage, wie das BIP, das Bruttoinlandsprodukt, zustande kommt und wie es möglichst groß werden kann. Wirtschaftswachstum gilt als erstrebenswert, da es ja auch eine Abnahme der Arbeitslosigkeit verspricht, die weltweit ein Problem ist. Im Wachstum wird grundsätzlich ein Mittel gegen die Armut gesehen. Denn steige die Flut, würden auch die kleinen Boote nach oben gehoben. Das hat in vielen Ländern zu Wohlstand, teils auch zu Überfluss und Verschwendung geführt. Aber Milliarden Menschen, besonders in den armen Ländern, und die Erhaltung der Lebensgrundlagen kamen zu kurz.

Schon bei der Voraussage des Wirtschaftswachstums kann es Pannen geben. Bild 2 zeigt etwas  vereinfacht Kurven aus dem Buch ‚Makroökonomie’ von Blanchard und Illing, die von verschiedenen Programmen berechnet wurden. Sie sollten zeigen, wie sich das Wachstum infolge einer bestimmten Maßnahme (Veränderung der Geldmenge) entwickeln würde und produzierten einen beeindruckenden Wirrwarr.

Es ist anzunehmen, dass in die Programme widersprüchliche ökonometrische Messdaten eingegeben wurden und dass man das inzwischen besser macht. Wann sich aber angestaute Spannungen zu Krisen entladen (Blasen platzen), weiß niemand. Dabei ist die Aufgabe der Politik, der Bildung von Blasen entgegen zu wirken.

Das Buch von Helge Peukert „Makroökonomische Lehrbücher: Wissenschaft oder Ideologie?“ gibt einen umfassenden Überblick über die vorhandene Literatur, wobei die ‚Makroökonomie’ von Blanchard und Illing im Vordergrund steht. Peukert kreidet den Lehrbüchern Ungenauigkeiten und Widersprüche an. Und er kritisiert, dass die Studierenden auf entscheidende Fragen in ihnen keine Antworten finden. Auch als ein Wirtschafts- Nobelpreisträger kürzlich gefragt wurde, ob seine Arbeit zur Lösung der wirtschaftlichen Probleme in der EU beitragen könne, musste er verneinen. Von dieser Seite aus sind also keine Antworten auf bedeutende Probleme unserer Zeit zu erwarten.

Der Artikel ‚Das Mainstream-Monopol’ aus DIE ZEIT 05/2021 von Kolja Rudzio und Mark Schieritz berichtet zudem über die Macht von Wirtschaftsprofessor*innen. Ein Zitat aus dem Artikel lautet: „Eine Handvoll Ökonomen dominiert die Lehrbücher. Verbreiten sie so ihre Ideologie?“. Auf den Wirtschaftsnobelpreisträger Paul Samuelson geht außerdem der Satz zurück: „Es ist mir egal, wer die Gesetze eines Landes bestimmt (…), solange ich die ökonomischen Lehrbücher schreiben kann“. Professor Mankiws Lehrbuch zum Teilfach Makroökonomie ist trotz seines stolzen Preises von über 200 Dollar an Unis in aller Welt im Einsatz. Wirtschaftsprofessor*innen- und Nobelpreisträger besitzen also eine gewisse Macht und dominieren die wirtschaftswissenschaftliche Mainstream-Lehre.

Die Differenzen der Lehrenden werden an anderer Stelle deutlich. Laut Mankiw schadet es grundsätzlich der Wirtschaft, wenn die Staaten Kredite aufnehmen, also ihre Schulden erhöhen. Denn ein Teil des verfügbaren Sparkapitals stünde dann nicht mehr den Unternehmen für Investitionen zur Verfügung. Professor Bofinger hält dem entgegen, dass ja der Staat das aufgenommene Geld auch investieren könne, etwa in dringend benötigte Infrastruktur. Und was ist, wenn die Unternehmen wegen mangelnder Nachfrage die Investitionen zurückfahren? Eine gewisse Einigkeit besteht zumindest darin, dass der Staat bei einer Wirtschaftskrise seine Schulden erhöhen müsse. Als ‚Feuerwehr’ soll er dann Geld in die Wirtschaft pumpen und Banken retten.

Gegenwind zur herrschenden Lehre

Auch Dr. Axel Stommel geht in seinem Buch „Basics der Ökonomie“ hart mit der herrschenden Lehre ins Gericht. Auf Seite 344 ff. heißt es dort unter dem Titel „‘Nobel‘- Preise für Unverstand – zum desolaten Zustand der herrschenden Theorie“:

„Die bestallten Ökonomen zählen freilich nur in Ausnahmefällen zu den aufgeklärten Fachkreisen mit den beschriebenen flexiblen Reaktionen. Vielmehr gehört es zu einer weiteren Einzigartigkeit der Wissenschaft von der Ökonomie, zu ihrer USP/unique selling position, dass dort und wohl nur dort die spröde erstarrten Lehrer von ausgemachten Abwegigkeiten & elementarem Unverstand mit „Nobel“- Preisen ausgezeichnet werden“.

Dazu sei erwähnt, dass es sich beim Wirtschaftsnobelpreis um keinen tatsächlichen Nobel-Preis handelt, sondern dieser von der Schwedischen Nationalbank gestiftet und verliehen wird.

Antiquiert in den Wirtschaftswissenschaften ist die reine Fokussierung auf die Wirtschaftsleistung, ohne Rücksicht auf die Belastbarkeit der Umwelt. In ihrem neuen Programm fordern daher Bündnis 90 / Die Grünen staatliche Kreditaufnahmen sowohl für die Unterhaltung der Infrastruktur als auch für die Erhaltung der Lebensgrundlagen. Es bleiben dann aber die ständig anwachsenden Staatsschulden, durch die alle Staatsbürger an eine kleine Minderheit verschuldet sind. Damit verbunden ist eine üppige Rente für diese Minderheit wegen der Verzinsung, wenn die gegenwärtige Niedrigzinspolitik nicht mehr durchgehalten werden kann.

Der ZEIT-Artikel geht auch auf die Diskussion um das Soziale und um den Mindestlohn ein. So meint Mankiw: „Eine ungleichere Verteilung führt zu einer höheren Wirtschaftsleistung. Oder: Wenn der Staat versucht, den ökonomischen Kuchen in gleichere Stücke aufzuteilen, wird er kleiner.“ So würde etwa ein Mindestlohn die Neigung der Unternehmer*innen verringern, Arbeitskräfte einzustellen. Das wird von anderer Seite bestritten.

Ein gewichtiges Scheinargument gegen Mindestlöhne liefert der internationale Wettbewerb. Er bestraft soziale und ökologische Politik, weil sie die Produkte verteuert und Investor*innen ärgert. Doch hier ist wieder zu fragen, ob nur der Markt und die Höhe der Wirtschaftsleistung von Bedeutung sind. Der Wissenschaftler Till van Treeck von der Universität Duisburg-Essen moniert zudem, dass soziologische, marxistische und feministische Wirtschaftstheorien oder neuere Ansätze für den Kampf gegen den Klimawandel in den Lehrbüchern nicht berücksichtigt würden.

Ein verstaubtes, aber doch geschätztes Relikt der Makroökonomik ist das geheimnisvolle Saysche Theorem. In einer Formulierung lautet es: „Jedes Angebot schafft sich seine Nachfrage selbst“. Man könnte es vereinfacht so ‚beweisen’: Bei der Herstellung einer Ware entstehen Kosten, die irgendwo Einnahmen sind. Mit diesem Geld wird nun diese oder eine andere Ware gekauft. Das ist aber nur in einer sehr ‚jungen’ Wirtschaft garantiert, wo alles eingenommene Geld sofort wieder (für den Konsum oder für Investitionen) ausgegeben wird. Hier ist die Marktsättigung noch weit entfernt. Dabei wird einfach die Möglichkeit übersehen, dass man eingenommenes Geld nicht nur wieder ausgeben, sondern auch seinem Geldvorrat einverleiben kann.

All diese Annahmen und Vorstellungen schlagen sich auch in der Politik nieder. Hier das Programm der FDP, dort die Rufe nach der Reichensteuer oder der Aufblähung der Staatsschulden. Bei Wahlen verlieren die Parteien der Mitte immer mehr an Boden. Man ist unzufrieden, kann aber nicht erkennen, welche Heilsversprechen die richtigen sind. In meinem vorherigen Artikel auf dem Blog wurde eine ‚Landkarte’ der Wirtschaft entworfen, um den Staatsbürger*Innen eine Orientierungsmöglichkeit zu geben.

 

Literatur:

Blanchard, Oliver; Illing, Gerhard (2009): Makroökonomie. München: Pearson Deutschland, 5. aktualisierte Auflage.

Oette, Hans (2017): Im Licht der Geldströme. Stuttgart: Verrai-Verlag.

Peukert, Helge (2018): Makroökonomische Lehrbücher: Wissenschaft oder Ideologie? Marburg: Metropolis-Verlag.

Rudzio, Kolja; Schieritz, Mark (2021): Wirtschaftsideologie – das Mainstream-Monopol. In: DIE ZEIT, 05/2021. Online abrufbar unter: https://www.zeit.de/2021/05/wirtschaftsideologie-oekonomie-lehrbuecher-nobelpreis-intellektuelle-elite.

Stommel, Alex (2019): Basics der Ökonomie: Herrschende Lehren auf dem Prüfstand. Wirtschaftspolitik, Staat und Steuern. Marburg: Büchner-Verlag.

von

Hans Oette studierte Maschinenbau und Luftfahrttechnik an der Universität Stuttgart zum Dipl. Ingenieur und war danach am Institut für Drehflügelflugzeuge nahe Stuttgart tätig, wo ihm der Hugo-Junkers-Preises der DFVLR verliehen wurde. Es folgte der Erwerb der Befähigung für das höhere Lehramt an gewerblichen Schulen und Tätigkeit im Raum Stuttgart. Zudem war er bei Audi in Neckarsulm auf dem Gebiet Planung/Entwicklung beschäftigt. Er engagiert sich für Umweltschutz und Gerechtigkeit bei Bündnis 90/Grünen, WASG, Linke, Naturschutzbund u.a., durch Leserbriefe und meinungsbildende Anzeigen. Im jetzigen Ruhestand beschäftigt er sich verstärkt autodidaktisch mit Wirtschaftspolitik und Makroökonomik. 2017 erschien das Buch 'Im Licht der Geldströme'.

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