Die wichtigen Lebensbereiche Wohnen und Arbeiten selbstverwaltet zu organisieren hat lange Traditionen. Sie eint der Versuch, Alternativen zu den Zumutungen eines Lebens nach kapitalistischen Reglements zu schaffen.
So schrieb der Anarchist Gustav Landauer 1911 in seinem „Aufruf zum Sozialismus“: „Die große Masse der Menschen ist von der Erde und ihren Produkten, von der Erde und den Arbeitsmitteln getrennt. Sie leben in Armut oder in Unsicherheit; es ist keine Freude und kein Sinn in ihrem Leben; sie arbeiten Dinge, die zu ihrem Leben keine Beziehung haben; sie arbeiten auf eine Weise, die sie freudlos und stumpf macht. Viele, Massen, haben oft kein Dach über dem Kopf, frieren, hungern, verderben.“ Das ist bis heute aktuell.
„Trotz alledem“
Selbstverwaltung heißt, nicht aufzugeben und immer wieder zu sagen: „Trotz alledem!“ – so wie es seit Jahrhunderten diejenigen sagen, die nicht einverstanden sind mit den herrschenden Verhältnissen, die bekanntlich die Verhältnisse der Herrschenden sind, und wie es der Dichter Ferdinand Freiligrath schon 1848 in seinem gleichnamigen Gedicht formulierte.
Ein selbstverwalteter Kollektivbetrieb ist etwas anderes als gewerkschaftliche Mitbestimmung in Gremien von Unternehmen, oder als Mitarbeiterbeteiligung, bei der Beschäftigte finanzielle Anteile an dem Betrieb haben, bei dem sie angestellt sind, auf dessen Produktion sie jedoch keinen Einfluss nehmen können. Er ist auch etwas anderes als flache Hierarchien oder auf einzelne Abteilungen begrenzte Selbstverwaltung in großen Firmen, die letztlich der besseren Ausbeutung der Arbeitskraft dient. Ein selbstverwaltetes Hausprojekt ist etwas anderes, als in einer großen Genossenschaft zu wohnen, deren Mitglieder nur rudimentäre Rechte haben, aber über die Geschäftspolitik nicht mitentscheiden können.
Mit Selbstverwaltung meine ich, sich wirklich selbst zu verwalten – also Kollektivbetriebe und Hausprojekte in der Hand der Arbeitenden oder Bewohner*innen, die ganze Bandbreite basisdemokratischen Wirtschaftens. Wie die Selbstverwaltung konkret ausgestaltet wird, das entscheiden die jeweils Beteiligten selbst. Nach meinem Verständnis handelt es sich um weitgehend autonome und selbstbestimmte Organisationsformen auf einem Wertefundament, das Menschenwürde und Menschenrechte für alle überall anerkennt (Aufzählungen erspare ich mir, denn „alle“ meint eben ausnahmslos alle). Daran halte ich fest, obwohl diese Werte oft missbraucht und gleichzeitig ignoriert und angegriffen wurden und werden. Gerade in den heutigen Zeiten finde ich es wichtig, das immer wieder laut und deutlich zu sagen.
Solidarische Ökonomien
Den Begriff Solidarische Ökonomien verwende ich – bewusst in der Mehrzahl – als Oberbegriff für verschiedene Formen anderen Wirtschaftens, deren Ziel nicht die Gewinnmaximierung zur privaten Aneignung als Profit ist, sondern die Herstellung des Lebensnotwendigen, um ein gutes Leben für alle zu ermöglichen. Was selbstverständlich nicht bedeutet, dass dabei keine Überschüsse erwirtschaftet werden sollen. Die sind notwendig für Rücklagen und Investitionen. Sie sollen aber nicht der persönlichen Bereicherung dienen, die über ein gutes Arbeitsentgelt hinausgeht. Die Gewinnerwirtschaftung soll vor allem nicht der Motor des wirtschaftlichen Handelns sein, denn es ist dieses Gewinnstreben, das zu einer Wachstumswirtschaft führt, die Menschen und Natur ausbeutet und vernutzt.
All dies ist diskussionswürdig, denn was brauchen Menschen zum Leben, und was ist ein ausreichend gutes Arbeitsentgelt? Greifen wirtschaftliche Prozesse nicht immer in die Natur ein? Was ist zu viel? Klar ist jedoch, dass es um Alternativen zur herrschenden Ausbeutungsökonomie geht.
Diese Alternativen umfassen sowohl meist kleinere selbstverwaltete Betriebe und Projekte als auch gesellschaftlich kontrollierte öffentliche – nicht staatliche! – Unternehmen im Sinne einer öffentlichen Versorgungswirtschaft oder Foundational Economy. Neben diesen beiden Säulen gehören als dritte Säule zum solidarischen Wirtschaften auch die Kämpfe gegen Privatisierungen und um die Rekommunalisierung öffentlicher Infrastrukturen, ebenso die Abwehr von Sozialabbau und Prekarisierung. Denn mit den neoliberalen Angriffen auf öffentliche Güter werden einer anderen, nichtkapitalistischen Wirtschaftsweise systematisch die Grundlagen entzogen. Und weil ein gutes Leben für alle überall unerlässlich ist, dürfen Solidarische Ökonomien keinesfalls auf ein Land beschränkt sein – was in einer globalisierten Welt auch kaum möglich wäre –, sondern brauchen als vierte Säule unbedingt eine globale Perspektive (ebd.).
System Change?
Mit vielfachen Krisen und zunehmenden Kriegsgefahren auch hierzulande droht patriarchale Gewalt die Welt zu zerstören. Angesichts des bereits beginnenden Sozialabbaus könnte solidarisches Wirtschaften von einer Option zur Notwendigkeit werden. Über die Selbsthilfe der Beteiligten hinaus können selbstverwaltete Kollektivbetriebe und Hausprojekte vielleicht auch einen Beitrag zur notwendigen Transformation leisten – immerhin wirtschaften sie grundlegend anders als kapitalistische Unternehmen. Aber stellen sie damit das System infrage? Oder stabilisieren sie es vielleicht sogar, indem sie seine übelsten Auswüchse abfedern? Und fehlen nicht diejenigen, die ihren Betrieb am Laufen halten oder sich um ihr Haus kümmern, bei den Protesten auf der Straße? Vielleicht sind die wichtigsten Fragen die, auf die es keine schnellen Antworten gibt, sondern die immer wieder Anlass zu selbstkritischer Reflexion geben.
Gegenwehr und Alternativen sind vielfältig und widersprüchlich, es gibt keine einfachen Lösungen. Auch wenn ich eine tiefe Abneigung gegen Alternativlosigkeiten habe, bin ich doch sicher, dass gesellschaftliche Gewaltverhältnisse – wenn überhaupt – nur gesellschaftlich verändert werden können. Ich glaube jedoch auch, dass selbstverwaltete Projekte dazu beitragen können, wenn sie in größere Bewegungen eingebettet sind. Die bekanntesten Beispiele sind die Zapatistas im mexikanischen Chiapas und die kommunalistische Selbstverwaltung von Nord- und Ostsyrien (Rojava). Solche Alternativen sind durch die Macht des Geldes und der Märkte bedroht, und wenn das zur Zerstörung nicht ausreicht, dann durch Repression und mörderische Gewalt.
Hierzulande können selbstverwaltete Strukturen ihre Mittel und Möglichkeiten für widerständiges Handeln zur Verfügung stellen und für Marginalisierte wichtige Schutzräume ermöglichen. Als Übungs- und Lernfelder für anderes Wirtschaften und nicht-entfremdete soziale Beziehungen können sie schon heute Keimformen des Morgen sein. Wie dieses Morgen aussehen wird, das werden die jeweils daran Beteiligten entscheiden. Inspirationen für den Weg dorthin gibt beispielsweise der Film „Der laute Frühling“, in dem ein Blick in die Zukunft zeigt, wie in Krisenzeiten immer mehr Menschen ihr Leben in die eigenen Hände nehmen.
Eine andere, bessere Welt, braucht selbstverwaltete Strukturen ebenso wie andere Menschen- und Weltbilder, im Sinne eines Pluriversums von Vielfalt ohne Beliebigkeit. Selbstverwaltete Kollektivbetriebe und Hausprojekte verstehe ich als Teil dieser vielfältigen Alternativen.
In diesem Artikel habe ich Textteile aus meinem „Praxishandbuch Selbstverwaltung – Rechtsformen und Finanzierung für die Gründung von Kollektivbetrieben und Hausprojekten“ verwendet, ohne dies einzeln kenntlich zu machen. Das Buch im transcript-Verlag erschienen, mehr Infos dazu gibt es hier: https://praxishandbuch.elisabeth-voss.de
Eine längere Fassung dieses Beitrags gibt es unter dem Titel „Kollektive gründen“ in der Ausgabe Oktober/November der Berliner Umweltzeitung Der Rabe Ralf.





