Immer wieder wurde das Ende des Kapitalismus vorhergesagt, eingetreten ist es nie. Auch Ulrich Brand und Markus Wissen prophezeien in ihrem Buch „Kapitalismus am Limit“ keinen plötzlichen Zusammenbruch oder ein Ende, sondern eine schleichende Erosion: Der Kapitalismus zerstört durch sein expansionsgetriebenes Handeln die ökologischen Grundlagen seiner eigenen Existenz. Seine Erneuerungsfähigkeit schwindet – doch was folgen könnte, bleibt offen. „Wir befinden uns in einer Phase des Übergangs, deren Verlauf und Dauer ebenso ungewiss sind wie das, was nach ihr kommt“ (Brand & Wissen, 2021, S.?22).
In einem Vortrag in der Pluralen Ökonomik der Universität Siegen im Mai 2025 zeigt sich die Unklarheit: Dort betont Brand einerseits, dass er kein abruptes Ende vorhersagt, spricht andererseits aber vom Sterben des Systems. Diese Ambivalenz zieht sich durch weite Teile von Kapitalismusdebatten. Der Kapitalismus wird gleichzeitig als auslaufend und als anpassungsfähig beschrieben. Aber hat der Kapitalismus wirklich seine systematische Resilienz verloren und stirbt? Wohl eher nicht! Zwar wird er sich nicht unverändert fortsetzen, doch seine globale Verankerung verschafft ihm die notwendige Stabilität und Zeit, um sich an neue Bedingungen anzupassen. Und trotz berechtigter Kritik bleibt er weltweit ein Referenzmodell zur Schaffung von Wohlstand.
Die These vom Verlust der Erneuerungsfähigkeit
Brand und Wissen zeichnen das Bild eines Kapitalismus in der Krise: Er zerstört ökologische Grundlagen, vertieft soziale Spaltungen, begünstigt autoritäre Entwicklungen und verliert wirtschaftliche Stabilität. Zwar prophezeien sie keinen abrupten Zusammenbruch, sehen aber die Fähigkeit des Systems zur internen Erneuerung schwinden.
Die Diagnose basiert vor allem auf zwei Entwicklungen: dem Schrumpfen ökonomischer Expansionsräume und dem zunehmenden Druck auf zentrale Funktionslogiken wie Wachstum und Akkumulation. Somit verlieren die klassischen Strategien zur Krisenverlagerung, etwa durch geografische Ausweitung oder sektorale Verschiebung, an Wirksamkeit.
Die Anpassungsfähigkeit des Kapitalismus
Doch lässt sich diese Diagnose uneingeschränkt teilen? Die historische Erfahrung spricht eine andere Sprache. Immer wieder hat sich der Kapitalismus an neue Herausforderungen angepasst. Auch heute integriert er ökologische Diskurse wirtschaftlich: ESG-Investments boomen, Klimaneutralität wird zur Marke. Die grundlegenden Logiken des Systems, wie das unbegrenzte streben nach Wachstum, bleiben bisher unangetastet. Die Frage ist daher, ob solche partiellen Anpassungen ausreichen, um die ökologische Krise tatsächlich zu überwinden.
Marktmechanismen allein werden diese ökologische Krise wohl eher nicht lösen. Bisher konzentriert sich die „grüne Transformation“ eher auf die Stabilisierung wirtschaftlicher Wettbewerbsfähigkeit und bestehender Wachstumsmodelle, weniger auf eine grundlegende ökologische oder soziale Neuausrichtung. Dies bedeutet aber nicht das Scheitern des Kapitalismus. Seine aktuellen Ansätze zur Transformation sind nur zu langsam und zu begrenzt. Es braucht gezielte politische Eingriffe und insbesondere internationale Kooperation, die seinen Wandel fördern; Nicht um den Kapitalismus als solchen zu retten, sondern um Klimaschutz und planetare Stabilität durchzusetzen.
Die Unwahrscheinlichkeit eines Systemwechsels
Was macht den Kapitalismus so widerstandfähig? Ein grundlegender Bruch mit dem Kapitalismus ist derzeit nicht wahrscheinlich. Internationale Machtverhältnisse, geopolitische Spannungen und das Fehlen global tragfähiger Alternativen schützen das System. Bestehende Institutionen sichern den Status quo – nicht nur durch wirtschaftliche Macht, sondern auch durch ihre strukturelle Trägheit.
Hinzu kommt: Der Kapitalismus ist tief in Lebensstilen und Leitbildern verankert. Er hat Wohlstand, Bildung und Selbstverwirklichung gefördert und wird von vielen als alternativlos empfunden sowie mit Sicherheit verbunden. Konsum bedeutet Freiheit, Wettbewerb gilt als Normalität, Besitz als Erfolg. Brand und Wissen nennen das die „imperiale Lebensweise“: Ein Lebensstil, der Ungleichheit legitimiert, weil er als individuelle Wahl erscheint, obwohl er durch Strukturen, Märkte und Politik gestützt wird. Gerade weil er Teilhabe verspricht, blockiert er Veränderung. Wer profitiert oder dazugehören will, hält am System fest – auch im Globalen Süden, wo der westliche Lebensstil als Vorbild gilt.
Gleichzeitig erzeugt ein Systemwandel zwangsläufig Verlierer*innen, was den Widerstand stärkt. Die Angst vor Kontrollverlust oder sozialem Abstieg und der Weg ins Ungewisse sind dabei ein starkes Beharrungsmoment – selbst bei jenen, die unter dem bestehenden System leiden.
Das kulturelle Fundament liefert Stabilität und macht das Ende des Kapitalismus unwahrscheinlich. Das bedeutet nicht, dass alles bleiben kann wie es ist. Es braucht Veränderungen innerhalb des Systems: bei Leitbildern, institutionellen Anreizen und in den gesellschaftlichen Routinen. Suffizienz, neue Vorstellungen von Wohlstand und ein bewussterer Umgang mit Ressourcen sind sicherlich mit marktwirtschaftlichen Prinzipien vereinbar. Ob sie jedoch auch mit den Grundlogiken des Kapitalismus – Akkumulation, Wachstumszwang, Konkurrenz – kompatibel sind, ist umstritten. Denkbar wäre daher, Kapitalismus und Marktwirtschaft klarer zu unterscheiden.
Eine offene Kernfrage bleibt dabei das Wachstumsparadigma. Kritiker:innen sehen im Kapitalismus einen strukturellen Wachstumszwang, der Suffizienzstrategien untergräbt. Andere deuten Wachstum als Folge politischer Anreize und kultureller Leitbilder – und damit als gestaltbare Größe. Wird Wachstum als Zwang verstanden, stößt eine Transformation an enge Grenzen. Wird es hingegen als politisch steuerbare Dimension gesehen, eröffnet sich Spielraum für eine postwachstumsorientierte Weiterentwicklung des Systems.
Abschließende Betrachtung
Der Kapitalismus polarisiert: Für manche ist er ein umfassendes Gesellschaftssystem, für andere lediglich ein Wirtschaftssystem. Für die einen steht er für Wohlstand und Innovation, für die anderen für Ungleichheit und Umweltzerstörung. Auch beim Thema Wachstum gehen die Meinungen auseinander, je nachdem, ob man es als Zwang oder als gestaltbare Größe begreift.
Das Ende des Kapitalismus bleibt jedoch nur der Wunsch von einigen Kritiker*innen. Trotz seiner ökologischen Krise und seiner aktuellen nur zögerlichen Anpassung ist ein Systembruch kaum absehbar. Solange tragfähige Alternativen fehlen, die einen globale Wandel erreichen, wird der Kapitalismus fortbestehen.
Gerade deshalb sollten Debatten nicht auf ein mögliches Ende des Kapitalismus fixiert sein, sondern auf die Frage, wie eine Transformation aussehen kann. Ob diese innerhalb kapitalistischer Strukturen gelingt oder ob ein Übergang zu einer nicht-kapitalistischen, aber weiterhin marktwirtschaftlichen Ordnung notwendig ist, bleibt eine offene Gestaltungsfrage. Entscheidend ist ein ehrlicher Diskurs, jenseits von Romantisierung und Verteufelung.
Die zentrale Herausforderung ist klar: Trotz seiner destruktiven Tendenzen steht der Kapitalismus nicht zwangsläufig vor seinem Ende. Ob er transformiert oder überwunden werden kann, hängt von politischen Entscheidungen, gesellschaftlichen Machtkonstellationen und kulturellen Leitbildern ab. Möglich wäre auch, den Kapitalismus zu überwinden und zugleich marktwirtschaftliche Prinzipien zu bewahren.






Versteht man unter Kapitalismus nicht reale Kapitalanlagen (Aktien, Anteile an einer GmbH oder Genossenschaft, Immobilien u.a.), sondern die daraus resultierende private Kapitalbildung, dann muss man bei letzterem ansetzen, um den Kapitalismus zu überwinden.
In einer PWÖ muss die Kapitalbildung stagnieren, d.h. die Kapitalrenditen müssen gegen Null gehen, um Verteilungsprobleme zu vermeiden. Das kann nur bei einem negativen risikofreien Referenzzinssatz gelingen, denn Investoren veranschlagen bei realen Kapitalanlagen generell eine Risikoprämie von 3-5%. Der risikofreie Referenzzinssatz darf also höchstens -3% betragen, um die private Kapitalbildung zu beschränken.
Siehe auch: Fahrbach, C.: Postwachstum und Kapitalismus: Ein Widerspruch? (2) Kapitalismus mit Low-Profit Business überwinden, Blog Postwachstum des IÖW, 2. September 2022. https://www.postwachstum.de/postwachstum-und-kapitalismus-ein-widerspruch-2-kapitalismus-mit-low-profit-business-ueberwinden-20220902