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Gerhard Scherhorn: Nachruf für einen Vorausdenker

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Gerhard Scherhorn 2013, © J. Daniel Dahm

Im Frühjahr dieses Jahres verstarb mit dem Volkswirt und ehemaligen Wirtschaftsweisen Prof. Dr. Gerhard Scherhorn ein wichtiger Vordenker einer lebensdienlichen Wirtschaft. Er ging nicht allein, neben Gerhard Scherhorn verließen uns im ersten Halbjahr 2018 weitere wichtige, geschätzte Kollegen, wie der Philosoph und Physiker Prof. Dr. Klaus Michael Meyer-Abich, der Volkswirt und Ideengeber der ökologischen Steuerreform Prof. Dr. Hans-Christoph Binswanger, und der kapitalismuskritische Politikwissenschaftler und Ökonom, Prof. Dr. Elmar Altvater. Sie zählten zu den deutschsprachigen Pionier*innen und Wegbereiter*innen eines neuen und kritischen, zukunftsorientierten Blicks auf Wirtschaft und Wirtschaftswissenschaften im Verhältnis zu Natur, Gesellschaft und Politik.

Über viele Jahre war Gerhard Scherhorn einer der wenigen reputationsstarken Repräsentant*innen aus den klassischen Wirtschaftswissenschaften, der sich dem Ziel einer nachhaltigen Entwicklung konsequent widmete. Er fand auch Gehör in der konventionellen Ökonomik, wurde bewundert für sein empirisches Fundament und die Präzision seiner Analysen. Damit unterschied er sich von vielen „alternativen“ Wirtschaftsforscher*innen, denen es oftmals an akademischer Verwurzelung und wissenschaftlicher Anschlussfähigkeit fehlte – natürlich auch, weil die traditionsverhaftete deutsche Ökonomik ihre Pforten lange vor Andersdenkenden verschlossen hielt. Dies war vor dem Hintergrund Scherhorns Vita nicht möglich, der, promoviert und habilitiert bei dem Finanzwissenschaftler und Sozialökonomen Günter Schmölders, als ehemaliger Rektor der Hamburger Hochschule für Wirtschaft und Politik sowie Mitglied des Sachverständigenrats zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung, später als Professor für Konsumtheorie und Verbraucherpolitik an der Universität Hohenheim das Institut für Haushalts- und Konsumökonomik gründete und bis 1998 leitete.

Als Mitherausgeber des Journal of Consumer Policy, Mitglied im Verwaltungsrat der Stiftung Warentest und im Verbraucherpolitischen Beirat beim Senator für Wirtschaft, Verkehr und Landwirtschaft in Hamburg, sowie ehemaliges Vorstandsmitglied der Verbraucherzentrale Baden-Württemberg und späterer Beirat der Verbraucherzentrale NRW wurde er oftmals auch als „Papst der deutschen Konsumforschung“ eingeführt, die er entscheidend prägte. Gerhard Scherhorn ging es hierbei immer um den Menschen und das rechte Maß. „Suffizienz bedeutet Maßhalten, von nichts zuviel wollen, damit für anderes, das man ebenfalls braucht, noch Platz bleibt.“ (Scherhorn 2003. Die Logik der Suffizienz. Wuppertal Paper Nr. 125.). Dieses war auch einer seiner Zugänge zu Nachhaltigkeit, nämlich das Bild eines Menschen, dessen intrinsische Motivation zu Freiheit und Empathie, zu Gemeinsinn und schöpferischer Entfaltung Förderung und Unterstützung braucht, und somit vom extrinsischen Streben nach mehr materiellem Güterwohlstand befreit werden kann. „Unersättlich sind die menschlichen Bedürfnisse nicht von Natur. Zwar wird diese Eigenschaft häufig dem Streben nach Ansehen und Macht zugeschrieben; so wird in der Ökonomie […] unterstellt, das Verhalten der Menschen sei unabänderlich von dem niemals endenden Wunsch nach Verbesserung ihrer relativen Position angetrieben und folglich auf permanentes Wirtschaftswachstum gerichtet. Doch die stichhaltigere Erklärung für die Unersättlichkeit des Status- und Machtstrebens liegt in der Regression, d.h. der erlernten Unfähigkeit, im umfassenden Gebrauch der Gesamtheit der eigenen Anlagen Sinn und Erfüllung zu finden, und der daraus resultierenden Verführbarkeit durch die attraktiven Eigenschaften der Macht.“ (Scherhorn 2000. Bedarf, Bedürfnis. In: M. Honecker et al. (Hrsg.), Evangelisches Soziallexikon.). So ging es also immer auch darum, danach zu suchen, was die Bedingungen des Wirtschaftens gestaltet, welche Hintergründe und Prinzipien den Spielraum und die Regeln bestimmen, in denen Menschen sich entfalten können – oder eben nicht.

Als Gerhard Scherhorn 1998 nach seiner Emeritierung seine Arbeit am Wuppertal Institut für Klima, Umwelt, Energie weiterführte – dank der Überzeugungskraft Ernst-Ulrich von Weizsäckers – und die Leitung der Arbeitsgruppe „Neue Wohlstandsmodelle“ und später der Forschungsgruppe „Nachhaltiges Produzieren und Konsumieren“ übernahm, fokussierte er sein wissenschaftliches Interesse zunehmend auf das Themenspektrum Nachhaltigkeit. Hier analysierte er zunächst die Verhältnisse von Arbeit zur Umwelt bzw. von Erwerbsarbeitsgesellschaft zum Verbrauch von Ressourcen; beide wurden als Produktionsfaktoren dem Finanzkapital untergeordnet. Die Natur um uns, so Scherhorn, wird durch die Fokussierung auf materielle Güterproduktion und Erwerbseinkommen ebenso beschädigt und sogar vernichtet, wie die Natur des Menschen. Damit wird auch die Gemeinschaftsarbeit, die Produktion immaterieller Güter und von Gemeinschaftsgütern (= Commons) geschwächt und auf diese Weise sozialer Wohlstand vermindert und zerstört. Entsprechend formulierte er im Jahr 2000: „Externalisierung der Umweltkosten und Vernachlässigung der immateriellen und Gemeinschaftsgüter sind gesellschaftlich bedingt, denn es ist der für die Konsumgesellschaft konstitutive Vorrang der privaten materiellen Güter, der die Umwelt zerstört und die Wünsche produziert, zu deren Erfüllung die Güter bestimmt sind; so bringt diese Gesellschaft zwar Reichtum an privaten materiellen Gütern, aber Armut an Gemeinschafts- und immateriellen Gütern hervor. […] in der Erkenntnis, daß die Gesamtheit der Bedürfnisse in uns angelegt ist, liegt eine subversive Kraft. Mit fortschreitender Befriedigung der elementaren Bedürfnisse verlangen die immateriellen und sozialen ihr Recht und bewirken einen Wandel der Werte, in dem das Potential zu innerem Wachstum zum Ausdruck kommt. Wieweit der Wertewandel sich gegen die Beharrungskraft der Institutionen durchsetzen kann, ist freilich eine offene Frage.“ (ebenda).

Vor allem die letzten Jahre seines Wirkens prägte der Zusammenhang zwischen Wirtschaftswachstum, das auf beständige Abwälzung (= Externalisierung) von ökologischen und sozialen Folgekosten angewiesen ist, in deren Folge die natürlichen und sozialen Gemeinschaftsgüter, die gesetzlich und regulatorisch gegenüber partikularen, privaten Interessen ungeschützt sind, aufgezehrt und zerstört werden. In dieser Thematik zeigte Gerhard Scherhorn wieder auf besondere Weise, was ihn von vielen anderen in der Wissenschaft, Politik und auch der Zivilgesellschaft immer unterschied. Er arbeitete präzise, schaute voller Neugier ganz genau hin, analysierte Beziehungen und Zusammenhänge, erschloss so gemeinsame Ursachen unterschiedlicher Symptome, um wiederum zu verbindenden Antworten zu kommen. Ein Schlüssel zu einer nachhaltigen Wirtschaftsweise, der ihm bis zum Ende seiner wissenschaftlichen Arbeit zentral wichtig erschien, lag in der Logik der Wettbewerbsordnung. Solange wirtschaftlicher Erfolg auf der Ausnutzung und Beschädigung der gesellschaftlichen und natürlichen Gemeinschaftsgüter beruht, indem die Abwälzung von Kosten sich als größerer Profit- und Wettbewerbsvorteil beim Verursacher äußert, wird es schwer, sogar unmöglich, nachhaltiges Wirtschaften durchzusetzen. Stattdessen müssten die Commons über den wirtschaftspolitischen Rahmen geschützt werden und dies auch justiziabel sein; und umgekehrt müssten sich der Erhalt und die Stärkung der Gemeinschaftsgüter lohnen.

Gerhard Scherhorns Werk ist reich. Vieles davon sind Gedanken, die bis heute visionär sind und uns viel an Argumentation und Orientierung anbieten, wenn es darum geht, den Wirtschaftswissenschaften und der Wirtschaftspraxis Alternativen aufzuzeigen, wie zukunftsorientiertes Haushalten auf einem begrenzten Planeten mit vielen unterschiedlichen Menschen und Gemeinschaften gehen kann. „Das Sein [hängt] vom Bewusstsein ab [...] – durch die Verengung des Blickwinkels, aus dem wir die Realität wahrnehmen, und durch die Denkmuster, die Schablonen, mit denen wir sie interpretieren. [...] Rückblickend [ist] zu erkennen, wie sehr es für den Übergang zu einer zukünftigen Lebensweise darauf [ankommt], die zentralen Konzepte zu ändern, die unser Denken und Handeln [bestimmen].“ Gerhard Scherhorn, 2002.

von

J. Daniel Dahm und Gerhard Scherhorn waren persönliche Freunde und arbeiteten von 1998 bis 2013 eng zusammen. Daniel Dahm ist Stellv. Direktor des European Center for Sustainability Research ECS der Zeppelin Universität sowie Fellow des Institute for Advanced Sustainability Studies IASS. U.a. ist er Senior Advisor des World Future Councils und Mitglied der German Association Club of Rome.

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