Neues aus der Wissenschaft

Flächensparendes Wohnen for Future

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Eine Ergänzung zur 1,5°-Studie des Wuppertal Instituts für Fridays for Future

Werden Nachhaltigkeitsaspekte des Wohnens verhandelt, stehen sowohl in der Wahrnehmung der breiten Öffentlichkeit als auch in der Wissenschaft die zentralen Themen Energieeffizienz, Altbausanierung und Nutzung erneuerbarer Energien zumeist im Vordergrund. Auch die aktuelle Studie des Wuppertal Instituts für Fridays for Future zeigt die Relevanz von Energieeffizienz, um das 1,5°-Ziel bis 2035 zu erreichen. Die Autor*innen der Studie fordern die konsequente Sanierung von Altbauten und strenge Standards für Neubauten, weisen aber zugleich deutlich darauf hin, dass das nicht ausreicht und fordern explizit Maßnahmen für flächensparendes Wohnen.

Potentiale suffizienter Flächennutzung

Dem Thema Wohnfläche gebührt besondere Aufmerksamkeit, denn sie macht knapp drei Viertel der beheizten Gebäudefläche in Deutschland aus (vgl. dena 2018, 17) und steigt seit Jahrzehnten trotz etwa konstanter Bevölkerungszahl kontinuierlich an. Es handelt sich also in erster Linie um einen Anstieg der durchschnittlichen Wohnfläche pro Kopf – sie kletterte allein zwischen den Jahren 2000 und 2019 von 39,5 auf 47,0 m2 (vgl. Destatis 2017, 2019). Dieser Zuwachs macht den Bau neuen Wohnraums in der aktuell diskutierten und politisch geförderten Dimension erst erforderlich. Der wiederum sorgt dafür, dass sich stetig verbesserte Dämmstandards und Effizienzsteigerungen bei haustechnischen Anlagen kaum positiv auf den absoluten Energieverbrauch des Gebäudesektors auswirken, da der Raumwärmebedarf proportional zur Wohnfläche steigt (vgl. BMWi 2011, 30).

Was es daher braucht sind Instrumente für flächen­sparendes Wohnen. Hier liegen enorme Potentiale zur Minderung von CO2-Emissionen, Flächen- und Materialverbrauch. Vorschläge dazu haben nun Wissenschaftler/innen aus verschiedenen Institutionen im Rahmen eines 10-Punkte-Plans erarbeitet, der als Ergänzung der 1,5°-Studie zu lesen ist.

Die Ansatzpunkte hierfür liefert die Forschung der Autor*innen zur Flächensuffizienz. Sie stützt sich unter anderem auf die Analyse punktuell bereits existierender guter Beispiele für flächensparendes Wohnen in Kommunen und Wohnungsgesellschaften. Soziale Projekte des Zusammenwohnens und der Wohnraumvermittlung führen häufig – quasi als Nebeneffekt – auch zu einer besseren Nutzung vorhandener Wohnflächen. Daran lässt sich strategisch anknüpfen. Eine großflächige Erprobung dieser Instrumente steht noch aus, erscheint vor diesem Hintergrund aber umso drängender.

Vier Werkzeuge für flächensparendes Wohnen (mit freundlicher Genehmigung von Daniel Fuhrhop).

10-Punkte-Plan für flächensparendes Wohnen

  1. Kommunale Aktionsstellen zur effizienten Wohnraumnutzung mit Beratung für Eigentümerinnen, um vorhandenen Wohnraum besser zu nutzen. Diese Stellen arbeiten ähnlich wie bestehende Energie- und Klimaschutzagenturen und können diese ergänzen oder mit ihnen zusammenarbeiten.
  2. Bauliche Teilung von Ein- und Zweifamilienhäusern zur Abtrennung einer abgeschlossenen Wohnung oder Einliegerwohnung. Dabei Einführung eines „Bestandsschutzes für Altbau“, so dass nur für neue Bauteile neue Auflagen gelten. Ausbau der Förderung für solche Maßnahmen; offensive Bewerbung der bestehenden Fördermöglichkeiten durch die KfW.
  3. Soziale Wohnraumvermittlung (bei sozialen Wohnraumagenturen, kirchlichen und kommunalen Trägern und der freien Wohlfahrt). Sie mobilisiert leerstehenden Wohnraum und vermittelt ihn an Menschen mit besonderem sozialem Bedarf. Dafür begleitet sie vermietungswillige Eigentümerinnen mit Mietgarantien und Renovierungszuschüssen (etwa nach dem Vorbild von „Wohnraum durch Akquise“ in Karlsruhe und dem „Raumteiler Baden-Württemberg“).
  4. Professionelle Vermittlungsstellen von „Untermietern ohne Untermiete“ nach dem Modell „Wohnen für Hilfe“ (etwa nach dem Vorbild vonHomeshare UK sowie dem belgischen 1toit2ages).
  5. Alternative Wohn- und Nutzungskonzepte, beispielsweise Mehrgenerationen-Wohnungen und gemeinschaftliche Wohnprojekte, abhängig von der Wohnfläche pro Kopf und von der Erstellung eines Konzepts für die dauerhaft flexible Wohnraumnutzung.
  6. Förderung flexibler Wohnformen wie Clusterwohnungen, Schalträume und Jokerzimmer, teilbare Wohnungen; insbesondere deren Berücksichtigung in den Landesförderprogrammen für Wohnraum.
  7. Ganzheitliches Umzugsmanagement, insbesondere in und zwischen kommunalen Wohnungs­gesellschaften sowie Wohnungsgenossen­schaften (bei beiden auch mit Belegungsvorgaben bei Neueinzug), mit Umzugsberatung, Zuschüssen und Prämien, Tauschprogrammen mit Wohnraumbörse, Garantie bisheriger Quadratmetermiete bei Verkleinerung sowie Alternativangeboten für Umzug in direkter Nachbarschaft.
  8. Förderung aller an den oben genannten Instrumenten beteiligten Beratungs- und Vermittlungs-Akteure für den in Altbauten geschaffenen Wohnraum durch einen Zuschuss, abhängig von der mit Wohnraum versorgten Personenzahl oder den genutzten Quadratmetern.
  9. Leerstand von Wohnraum erfassen und beseitigen, insbesondere spekulativen Leerstand. Hierzu braucht es ständig aktualisierte Leerstandskataster, die auch Teilleerstände und Barrierefreiheit mit erfassen sowie die Möglichkeit, Leerstände ggf. mit hohen Geldbußen zu belegen.
  10. Wiederbelebung leerstehender Wohnräume nach dem Modell „Jung kauft Alt“ durch Unterstützung Jüngerer beim Kauf einer alten Immobilie (nach dem Vorbild von Hiddenhausen und anderen).

Die Instrumente für flächensparendes Wohnen sollten zu einem ganzheitlichen Programm kombiniert werden, das operativ vor allem in den kommunalen Aktionsstellen durchgeführt wird. Dafür braucht es Forschung, Förderung und Öffentlichkeits­arbeit. Der 10-Punkte-Plan bietet als Zusatzeffekt erhebliche soziale, städtebauliche und ökonomische Vorteile.

 

Autor*innen 
Daniel Fuhrhop (Initiator) – Carl von Ossietzky Universität Oldenburg

Tanja Kenkmann und Corinna Fischer – Öko-Institut e.V.

Julia Siedle – Bergische Universität Wuppertal

Anja Bierwirth – Wuppertal Institut für Klima, Umwelt, Energie

Lars-Arvid Brischke und Angelika Paar – ifeu Institut für Energie- und Umweltforschung Heidelberg gGmbH

Immanuel Stieß – ISOE Institut für sozial-ökologische Forschung

 

Quellen

BMWi. 2011. Forschung für eine umweltschonende, zuverlässige und bezahlbare Energieversorgung. Berlin.

dena. 2018. dena-Gebäudereport Kompakt 2018: Statistiken Und Analysen Zur Energieeffizienz Im Gebäudebestand. Berlin.

Destatis. 2017. Wohnungsbestand Ende 2016. 2017. https://www.destatis.de/DE/Presse/Pressemitteilungen/2017/07/PD17_256_31231.html. (19.11.2020)

Destatis. 2019. Wohnungsbestand nach Anzahl und Quadratmeter Wohnfläche. 2019. https://www.destatis.de/DE/Themen/Branchen-Unternehmen/Bauen/Tabellen/wohnungsbestand-deutschland.html. (19.11.2020)

Kobiela, Georg, Sascha Samadi, Jenny Kurwan, Annika Tönjes, Manfred Fischedick, Thorsten Kostka, Stefan Lechtenböhmer, Steven März, Dietmar Schüwer. 2020. CO2-neutral bis 2035: Eckpunkte eines deutschen Beitrags zur Einhaltung der 1,5°C-Grenze.” Wuppertal. https://wupperinst.org/fa/redaktion/downloads/projects/CO2-neutral_2035.pdf. (19.11.2020)

 

3 Kommentare

  1. Danke für den übersichtlichen Artikel zu einem viel zu wenig beachteten Thema! Die Schlagzeilen drehen sich meist um Miet- und Kaufpreissteigerungen. Das Thema Wohnraum-Suffizienz wird aber praktisch nie erwähnt, obwohl sich damit viele Probleme auf einmal lösen ließen.

  2. Mathias Effenberger sagt am 30. Januar 2021

    Ja, dieses Thema auf die politische Tagesordnung zu bringen, ist sehr wichtig! Auch wenn es im Kern um Wohnraum-Suffizienz geht, ist es klug, in dem 10 (oder 11)-Punkte-Plan den Begriff „Suffizienz“ nicht in den Vordergrund zu stellen, da dieser in den Regierungen zu reflexartigen Abwehrreaktionen führen würde und vermutlich immer noch von den wenigsten Politikern/-innen überhaupt verstanden wird – leider!

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