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Finanzmärkte und Wachstum – Kommentar zu Markus Henn

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Markus Henns zunächst aufgestellte These, dass die aufgeblähten Finanzmärkte das Wachstum hemmen, hat zunächst etwas für sich: Im Gefolge der großen Finanzmarktkrise führten die Einbrüche in der Realwirtschaft dazu, dass der globale CO2-Ausstoss zum ersten Mal seit 50 Jahren für zwei Jahre absolut sank.

Allerdings können sich Gesellschaften nicht alle paar Jahre einen solchen Potlatch leisten, zumal, wie von Henn zurecht erwähnt, die Verteilungswirkungen im momentanen System, in dem die Spieler (Investment– und Schattenbanken) immer mit dem Zusammenbruch des allgemeinen Zahlungsverkehrs drohen können, zu Lasten der sowieso schon nicht auf der Sonnenseite Stehenden führen. Was wäre aber, wenn man die spekulative Spielwiese vom Aktivitätsbereich der Geschäftsbanken trennen würde? Könnten dann nicht die Einen einen sicheren Zahlungsverkehr und die anderen ihre Spielwiese haben, auf dem auch mal Blumen ohne Systemrelevanz eingehen können?

Einfluss der Regulierung der Finanzmärkte auf Wachstum unklar

Das Problem ist natürlich, dass die Finanz-und die Realsphäre letztlich doch zusammenhängen: Wenn die Aktienkurse über alle Maßen hochschießen, werden sich irgendwann die Anleger fragen, ob die nicht folgen könnende Dividende als Ergebnis aus der Realsphäre dies rechtfertigt, und schon ist der Rückwärtsgang eingelegt. Die Folgen lässiger oder mehr regulierter Finanzmärkte auf das Wachstum ist insgesamt unklar, da ja z.B. der allgemeine Optimismus bei Aufschwüngen auch zur Gründung neuer Firmen anregen kann oder Investmentbanker Fusionen oder Zerschlagungen aushecken, und die neuen Unternehmen dann eventuell die ansonsten nicht erfolgten Megainnovationen austüfteln, 1000 Unternehmen gehen in der Boomphase ein, die Innovation überlebt. Vielleicht wird die neue Innovation (trotz Rebound- und höherer Nachfrage, wenn mit einer Preissenkung verbunden?) sogar zur Ressourcenschonung beitragen, aber die Teppiche, Kataloge usw. der 1000 verblichenen Unternehmen landen auf dem Müll. Man sollte also nicht nihilistisch auf das Werk der Finanzmärkte hoffen, die oft das Gute zu wollen meinen, das Böse tun und dennoch durch die List ihrer zerstörerischen Wirkungen Schlimmeres verhindern.

Grüne Aktien oder Volksaktien als Ausweg?

Dem heutigen Anleger ist es praktisch nicht möglich, unter Berücksichtigung des Diversifikationsaspektes (breite Streuung) sein Geld ökologisch z.B. in einem Exchange Traded Fund anzulegen, da es wirkliche Ökologieindices nicht gibt. Neben der allgemeinen Notwendigkeit der bisher kaum erfolgten Reregulierung der Finanzmärkte unter Einschluss von Ratings nach echt ökologischen Kriterien könnte man über die Einführung von „Volksaktien“ auch zur (Teil)Lösung der europäischen Staatsschuldenkrise und der momentanen kalten Enteignung des (Klein)Sparers (Inflationsrate plus Abgeltungssteuer liegen höher als die Verzinsung halbwegs risikoloser Festgeld- oder Tagesgeldkonten) nachdenken. Die Volksaktie ist inflationsgesichert bzw. indexiert, dazu gibt es 1,0-1,5% Verzinsung. Gekauft werden dürfen die Staatsanleihen nur von Inländern, also Italiener dürfen nur italienische Anleihen kaufen (auch die italienische Inflationsrate wird zugrunde gelegt), die Käufer sind namentlich zu notieren, sie müssen die Anleihen mindestens für z.B. 5 Jahre halten. Die Rückzahlung in Euro wird über den bisherigen Bankenalimentierungsfonds namens EFSF oder ESM garantiert. Es würde ein Run auf die europäischen Staatsanleihen einsetzen, ohne Bankengewinne, Ratingspielchen usw., da dem heute verzweifelten Anleger ein sicherer Hafen angeboten wird (die wenigen inflationsindexierten Bundesanleihen haben seit längerem eine negative Verzinsung, die zwar kurzfristig den Bundeshaushalt entlastet, aber an sich ein ungesundes Phänomen darstellt). Die Länder werden ohne größere Eurobürokratie versuchen, ihre Inflationsraten möglichst niedrig zu halten, da ansonsten automatisch der Inflationsausgleich zu Buche schlägt. So würden die Spargelder der Bevölkerung nicht in windige „Garantiezertifikate“ (für den Anleger renditeschädliche Derivate) wandern, sondern könnten zu Investitionen in Bildung, Soziales usw., d.h. zur sinnvollen Ressourcenverwendung, verwandt werden, anstatt in kindischen Statuskonsum oder in die Spekulation zu wandern. Die Voraussetzung ist natürlich, dass die Bevölkerungen Europas sich dazu aufraffen, das notwendige Minimum an staatsbürgerlichem Interesse aufzubringen und Schaumschlägern, Lobbykraten und Politegoisten keine Chance geben. Die verwirrenden, momentanen Winkelzüge der Europolitikdarsteller, die unter dem Strich in erster Linie der Finanzoligarchie dienen, sind nicht dazu angetan, dieses Interesse zu wecken, sie belegen aber gleichzeitig seine Notwendigkeit.

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